Venezuela ruft 346 Millionen Dollar beim IWF für den Wiederaufbau nach Erdbeben ab
Caracas, 18. Juli 2026
Presidency of Venezuela / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Nach dem verheerenden Doppelbeben vom 24. Juni hat Venezuela 346 Millionen US-Dollar aus eigenen Reserven beim Internationalen Währungsfonds abgerufen. Die Interimsregierung unter Delcy Rodríguez will das Geld für den Wiederaufbau und die Unterstützung der betroffenen Familien einsetzen, während die offizielle Opferzahl auf mehr als 5.000 Tote gestiegen ist.
Nach dem schweren Doppelbeben vom 24. Juni hat Venezuela 346 Millionen US-Dollar aus eigenen Reserven beim Internationalen Währungsfonds (IWF) abgerufen, um den Wiederaufbau und die Versorgung der betroffenen Familien zu finanzieren.
Politische Einordnung
Delcy Rodríguez erklärte über den Onlinedienst Telegram, das Geld solle zum Wiederaufbau und zur Unterstützung der betroffenen Familien verwendet werden. „Die Mittel stammten aus Venezuelas eigenen Reserven beim Fonds und seien für dringende humanitäre Bedürfnisse abgerufen worden“, erklärte Kristalina Georgiewa.
Der Internationale Währungsfonds mit Sitz in Washington bestätigte die Freigabe der Mittel. Damit kann das ölreiche, aber von einer jahrelangen Wirtschafts- und Staatskrise hart getroffene Land erstmals seit Jahren wieder direkt auf seine Reserven beim IWF zugreifen.
Anlass für die Finanzspritze ist eine Naturkatastrophe bislang unbekannten Ausmaßes: Am 24. Juni erschütterten zwei schwere Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 Venezuela im Abstand von nur 39 Sekunden. Die Erdstöße richteten vor allem im Norden des Landes verheerende Schäden an.
Ausmaß der Katastrophe
Am schwersten betroffen war der nördlich der Hauptstadt Caracas gelegene Bundesstaat La Guaira mit der gleichnamigen Hafenstadt. Hunderte Gebäude wurden beschädigt oder komplett zerstört. Zehntausende Einsatzkräfte aus dem Inland und Tausende ausländische Helfer wurden mobilisiert, um in den Trümmern nach Überlebenden zu suchen und die Bevölkerung zu versorgen.
Jorge Rodríguez erklärte am Freitag über Telegram, seit der Katastrophe am 24. Juni seien 5.069 Tote gezählt worden. Damit liegt die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer inzwischen bei mehr als 5000. Die US-Erdbebenwarte USGS hatte zuvor geschätzt, dass bei der Naturkatastrophe bis zu 10.000 Menschen gestorben sein könnten.
Verletzt wurden nach offiziellen Angaben 16.740 Menschen, knapp 18.000 Menschen sollen bei der Katastrophe ihr Zuhause verloren haben. Nach Regierungsangaben leben wegen der Erdbeben-Schäden rund 20.000 Menschen in behelfsmäßigen Lagern.
Zur Zahl der Vermissten machen die venezolanischen Behörden weiterhin keine Angaben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte sie aber bei bis zu 50.000 liegen.
Internationale Hilfe
Seit dem Erdbeben sind außerdem 80 Tonnen Hilfsgüter über eine Luftbrücke nach Venezuela gebracht worden. Auch die Europäische Union stellte 20 Millionen Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung.
Die Freigabe der IWF-Mittel markiert einen politischen Wendepunkt. Venezuela und der Internationale Währungsfonds hatten ihre Beziehungen im April nach siebenjähriger Pause wieder offiziell aufgenommen. Zuvor waren die Verbindungen auf Eis gelegt, nachdem der IWF 2019 – im Gefolge der USA, der EU- und anderer Länder – nach einer weder freien noch fairen Wahl die Oppositionsregierung unter Juan Guaidó als legitime Regierung Venezuelas anerkannt hatte.
Wirtschaftliche Lage
Rodríguez dankte Kristalina Georgiewa für ihre Unterstützung sowie allen Institutionen, die diesen Schritt ermöglicht hätten. Die Annäherung an den IWF folgte auf den politischen Umbruch im Land: Nicolás Maduro wurde nach fast 13 Jahren an der Macht im Jänner durch einen Kommandoeinsatz des US-Militärs gestürzt und in die USA gebracht.
Danach anerkannten die USA und andere Staaten die Interimsregierung unter Rodríguez und auch eine Wiederannäherung an den IWF folgte. Trotzdem verkündete die venezolanische Regierung danach, dass sie vorerst keine IWF-Kredite in Anspruch nehmen wolle. Erst die Erdbebenkatastrophe machte den jetzigen Mittelabruf politisch möglich.
In den Vereinigten Staaten soll Maduro unterdessen der Prozess wegen seiner Politik in Sachen Drogenschmuggel gemacht werden, durch die sich Washington geschädigt sieht. Die politische Neuordnung des Landes und der wirtschaftliche Wiederaufbau greifen daher eng ineinander.
Hintergrund: Schuldenkrise und Annäherung an den IWF
Die Freigabe der 346 Millionen US-Dollar (umgerechnet 302,58 Millionen Euro) ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie aus Venezuelas eigenen Reserven beim Fonds stammt und nicht als klassischer IWF-Kredit vergeben wird. Venezuela kann also auf eigenes, beim IWF hinterlegtes Vermögen zurückgreifen.
Gleichzeitig bleibt die finanzielle Lage des Landes prekär: Der seit 2017 zahlungsunfähige venezolanische Staat ist im Ausland mit rund 170 Milliarden US-Dollar verschuldet, was aktuell rund 145 Milliarden Euro entspricht. Die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes lag einer IWF-Schätzung zufolge zuletzt bei rund 110 Milliarden US-Dollar.
Erst Mitte Mai – noch vor den Erdbeben – kündigte Venezuela einen umfassenden Prozess zur Umstrukturierung seiner Auslandsschulden an. Der jetzige Mittelabruf gilt als erstes konkretes Signal an internationale Geldgeber, dass Caracas wieder handlungsfähig ist.
Während die internationale Gemeinschaft weitere Hilfen prüft, läuft die Suche nach Vermissten und der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur in La Guaira und anderen betroffenen Regionen auf Hochtouren. Ob die 346 Millionen Dollar ausreichen, um die dringendsten Bedürfnisse zu decken, ist offen.
Beobachter werten den Schritt als Vertrauenssignal an internationale Partner, sehen in der engen Verknüpfung von politischer Neuordnung und humanitärer Hilfe aber auch Risiken. Für die Menschen in den Lagern zählt am Ende vor allem, wie schnell das Geld tatsächlich bei den Familien ankommt.
Der IWF hält sich mit einer politischen Bewertung der Lage in Venezuela offiziell zurück und verweist auf sein Mandat zur Stabilisierung der Finanzsysteme. Mit der Freigabe der Mittel aus den venezolanischen Eigenreserven bewegt sich der Fonds aber auf einem schmalen Grat zwischen humanitärer Hilfe und politischer Signalwirkung.
Fragen & Antworten
Wie hoch ist die offizielle Opferzahl der Erdbeben in Venezuela?
Jorge Rodríguez erklärte, seit der Katastrophe seien 5.069 Tote gezählt worden; die US-Erdbebenwarte USGS schätzt die Zahl der Toten auf bis zu 10.000, die Vereinten Nationen gehen von bis zu 50.000 Vermissten aus.
Venezuela: 346 Mio. Dollar IWF-Hilfe nach Erdbeben | nachrichten360