US-WM-Beauftragter Giuliani legt nach: Schiedsrichter Claus steht nach Balogun-Affäre weiter unter Druck
9.7.2026
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Kurzfassung
Nach der umstrittenen Aufhebung der Sperre von Folarin Balogun hat der US-WM-Beauftragte Andrew Giuliani seine Kritik am brasilianischen Schiedsrichter Raphael Claus verschärft und das Eingreifen der US-Regierung als Akt des Fair Play verteidigt. Die FIFA wies die Vorwürfe zurück und stellte Claus' Integrität ausdrücklich heraus.
Nach der umstrittenen Aussetzung der Rot-Sperre gegen den US-Stürmer Folarin Balogun hat der US-WM-Beauftragte Andrew Giuliani seine Kritik am brasilianischen Schiedsrichter Raphael Claus verschärft und das Vorgehen der US-Regierung als Frage des Fair Play gerechtfertigt.
Die Diskussion um den Platzverweis im WM-Sechzehntelfinale der USA gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) geht in die nächste Runde. Vor Journalisten in Washington erklärte Andrew Giuliani, der das Amt des WM-Beauftragten der US-Regierung innehat, die Situation sei „höchst verdächtig“ gewesen. Er verwies darauf, dass der brasilianische Unparteiische Raphael Claus bereits im Jahr 2024 im Zusammenhang mit Ermittlungen zu Spielmanipulationen und „unrechtmäßig ausgesprochenen Roten Karten“ gestanden habe. „Wir fanden es äußerst verdächtig, dass ein Schiedsrichter im Einsatz war, der zuvor im Zusammenhang mit einer Untersuchung zu Spielmanipulationen genannt worden war – und zwar speziell im Zusammenhang mit unrechtmäßig ausgesprochenen Roten Karten“, sagte Giuliani laut dem „Guardian“.
Dabei räumte Giuliani zugleich ein, dass Claus in den damaligen Ermittlungen lediglich als Zeuge und nicht als Beschuldigter geführt wurde. Auf den Einwand eines brasilianischen Reporters, der diesen Umstand klarstellte, sagte Giuliani: „Er wurde keiner Straftat beschuldigt. Ich sage lediglich, dass er mit einer Untersuchung zu Spielmanipulationen in Brasilien vor einigen Jahren in Verbindung stand, bei der es – ich zitiere – um ‚unrechtmäßige Rote Karten‘ ging.“ Die Behauptung, Claus sei selbst beschuldigt gewesen, wies Giuliani damit indirekt zurück – beharrte aber dennoch auf seiner Darstellung.
Hintergrund: Die Rote Karte gegen Balogun
Bereits zuvor hatte US-Präsident Donald Trump den Schiedsrichter öffentlich angegriffen. Trump hatte den Brasilianer als „etwas verdächtig“ bezeichnet, „wenn man sich seine Vergangenheit ansieht“. Giuliani baute diese Kritik nun aus und griff zugleich die Arbeit des Video-Assistenten an. Er sprach davon, dass beim VAR-Einsatz in der Szene gegen die Regeln verstoßen worden sei: „Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass der VAR-Prozess falsch angewendet wurde: Bei Kontaktfouls darf man in der VAR-Überprüfung eigentlich keine Zeitlupenbilder verwenden – und genau das wurde getan. Das sind die Fakten.“
Auslöser der Affäre war die Partie der USA gegen Bosnien-Herzegowina am 1. Juli. Claus hatte Folarin Balogun in diesem Spiel mit der Roten Karte des Feldes verwiesen. Der Angreifer wäre damit für das Achtelfinale gegen Belgien automatisch gesperrt gewesen. Die US-Regierung schaltete sich daraufhin ein, das Achtelfinale wurde vorab zum Politikum. Drei Tage nach dem Platzverweis entschied die unabhängige Disziplinarkommission jedoch, die automatische Ein-Spiel-Sperre zwar auszusprechen, ihre Vollstreckung nach Artikel 27 des FIFA-Disziplinarcodes jedoch für ein Jahr zur Bewährung auszusetzen.
Giuliani wertete diese Entscheidung als Erfolg: „Das richtige Ergebnis“ sei erreicht worden, sagte er. Die US-Regierung habe den Fall als Frage des „Fair Play“ betrachtet. „Wir wollten sicherstellen, dass auf dem Spielfeld fair entschieden wird. Das haben wir erreicht.“ Man stehe zu den Maßnahmen, die ergriffen worden seien. Giuliani zufolge habe der US-Verband erfolgreich „Einspruch“ eingelegt. Die FIFA allerdings schreibt in ihrer offiziellen Darstellung vom 6. Juli ausdrücklich nicht von einem „Einspruch“ und weist sämtliche Zweifel an Claus' Integrität entschieden zurück.
FIFA und Collina weisen Vorwürfe zurück
Die FIFA und der für die Schiedsrichter zuständige Pierluigi Collina stellten sich hinter den Unparteiischen. Collina erklärte, der Brasilianer habe während seiner gesamten Laufbahn „stets höchste Professionalität und Integrität bewiesen“. Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino geriet zwischen die Fronten, nachdem Trump persönlich bei ihm angerufen hatte, um sich für Balogun einzusetzen. „Aufgrund der ‚Causa Balogun‘ wurde die Partie der USA gegen Belgien schon im Vorfeld zum Politikum“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“.
Die sportliche Wirkung der Entscheidung blieb für die USA allerdings begrenzt. Balogun stand nach dem Disziplinarbescheid zwar im Kader für die Partie gegen Belgien, das Spiel ging am Ende jedoch deutlich mit 1:4 verloren. Damit schieden die USA, die als Co-Gastgeber der WM in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko auftreten, aus dem Turnier aus. Die belgische Mannschaft wiederum trifft im Viertelfinale auf Spanien und geht nach dem Last-Minute-Drama gegen Senegal mit breiter Brust in die K.o.-Runde.
Während die FIFA die Unabhängigkeit ihrer Gremien betont, wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf: Darf sich eine Regierung in laufende sportrechtliche Verfahren eines Weltverbands einmischen, wenn sie selbst zugleich Gastgeber des Turniers ist? Giuliani sieht das anders. Er bekräftigte, die US-Regierung habe den Platzverweis von Beginn an „für höchst fragwürdig“ gehalten, und sprach von einer „regelwidrigen“ Anwendung des VAR.
Eingriff einer Regierung: Politische Dimension des Falls
Beobachter werten den Vorgang als beispiellosen Eingriff einer Regierung in die Sportjustiz. Die Causa Balogun hat damit über die sportliche Dimension hinaus eine politische Komponente erhalten, die das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Washington und dem internationalen Fußballverband weiter belasten könnte. FIFA-Präsident Gianni Infantino war in der Vergangenheit wiederholt als Trump-nah wahrgenommen worden; mit der Causa Balogun zeigt sich nun, wie dünn das Eis ist, auf dem er sich bewegt.
Auch Giulianis Darstellung der zeitlichen Abläufe sorgt für Irritation. Er erklärte, die US-Regierung habe den Platzverweis von Beginn an für höchst fragwürdig gehalten und entsprechend Druck gemacht. Doch zwischen der Roten Karte am 1. Juli und der Entscheidung der Disziplinarkommission am 4. Juli lagen nur wenige Tage – zu kurz für ein reguläres Berufungsverfahren im klassischen Sinne. Die FIFA pocht darauf, dass ihre Disziplinarorgane unabhängig und nach eigenem Recht entschieden hätten.
Während die einen den Vorfall als Sieg für den Fair-Play-Gedanken feiern, sehen Kritiker einen gefährlichen Präzedenzfall: Wenn Regierungen künftig bei Roten Karten anrufen, weil ihnen ein Schiedsrichter „verdächtig“ erscheint, gerät die Unabhängigkeit der Sportjustiz unter Druck. Die FIFA, die sich bereits in der Vergangenheit gegen politische Einflussnahme gewehrt hat, dürfte sich diesen Eingriff langfristig nicht gefallen lassen.
Auswirkungen auf das Turnier und weitere WM-Ergebnisse
Am Rande der Affäre sorgten weitere Meldungen für Aufsehen: Medienberichten zufolge erlitt Balogun, 25 Jahre alt, nur eine leichte Muskelzerrung und hofft auf ein schnelles Comeback. Zudem erhielt der 17-jährige mexikanische Nationalspieler Gilberto Mora, der mit Co-Gastgeber Mexiko im Achtelfinale ausgeschieden war, sein Abschlusszeugnis an einer deutsch-mexikanischen Schule.
Die FIFA verwies in ihrem Statement zudem auf laufende WM-Spiele. So setzten sich Belgien mit einem dramatischen 3:2 gegen Senegal nach 0:2-Rückstand durch, Frankreich mühte sich gegen Paraguay, und Marokko zog mit einem 3:0 gegen Mitgastgeber Kanada ins Viertelfinale ein. Auch wenn diese Ergebnisse mit der Causa Balogun nur mittelbar zu tun haben, verdeutlichen sie den sportlichen Kontext, in den der politische Eingriff aus Washington fiel.
Offene Fragen und Ausblick
Unklar bleibt, wie die FIFA künftig mit ähnlichen Fällen umgehen wird. Der Verband hat angekündigt, sich zur Rolle der US-Regierung nicht weiter zu äußern. Die Disziplinarkommission begründete ihre Entscheidung am 4. Juli allein mit Artikel 27 des Disziplinarcodes, der eine Bewährung der Sperre ermöglicht. Dass die FIFA in dieser offiziellen Darstellung ausdrücklich nicht von einem „Einspruch“ des US-Verbandes spricht, lässt darauf schließen, dass der Weltverband den politischen Charakter des Verfahrens bewusst kleinhalten will.
Unterdessen bereiten sich die verbliebenen Mannschaft auf die Viertelfinalpartien vor. Belgien trifft auf Spanien, Marokko auf Frankreich. Die USA hingegen sind bereits ausgeschieden – die Frage, ob Balogun im Achtelfalle hätte spielen können, ist damit sportlich beantwortet, politisch aber weiter offen.
Fragen & Antworten
Wer ist Andrew Giuliani und welche Rolle spielt er bei der WM 2026?
Andrew Giuliani ist der WM-Beauftragte der US-Regierung und fungiert als Bindeglied zwischen Washington und dem Fußballverband. Er hat die Kritik am Schiedsrichter Raphael Claus maßgeblich vorgebracht und das Eingreifen der US-Regierung in den Fall Balogun öffentlich verteidigt.
Warum wurde die Sperre gegen Folarin Balogun ausgesetzt?
Die unabhängige Disziplinarkommission der FIFA entschied drei Tage nach dem Platzverweis, die automatische Ein-Spiel-Sperre zwar auszusprechen, ihre Vollstreckung nach Artikel 27 des FIFA-Disziplinarcodes jedoch für ein Jahr zur Bewährung auszusetzen.
Wie reagiert die FIFA auf die Vorwürfe aus den USA?
Die FIFA wies sämtliche Zweifel an der Integrität von Schiedsrichter Raphael Claus entschieden zurück. Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina erklärte, Claus habe während seiner gesamten Laufbahn stets höchste Professionalität und Integrität bewiesen.
Balogun-Sperre: Giuliani attackiert Schiri Claus erneut | nachrichten360