US-Regierung setzt Anthropic unter Zugangsverbot: Fortschrittlichste KI-Modelle weltweit abgeschaltet
Washington, 13. Juni 2026
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Kurzfassung
Das US-Handelsministerium hat den KI-Entwickler Anthropic angewiesen, den Zugang zu den Modellen Fable 5 und Mythos 5 für ausländische Nutzer zu sperren. Das Unternehmen kam der Anordnung nach und nahm beide Systeme weltweit vollständig vom Netz, obwohl es die Sicherheitsbedenken als unbegründet zurückweist.
Das US-Handelsministerium hat den KI-Entwickler Anthropic unter Verweis auf die nationale Sicherheit angewiesen, ausländischen Staatsbürgern – auch solchen in den USA – den Zugriff auf die Modelle Fable 5 und Mythos 5 zu verwehren; das Unternehmen deaktivierte daraufhin beide Systeme weltweit.
Auslöser: Anordnung aus Washington
Die Anordnung aus Washington trifft den US-Konzern Anthropic in einer ohnehin angespannten Phase. Das Handelsministerium habe aus Gründen der nationalen Sicherheit untersagt, ausländischen Staatsbürgern – auch denen in den USA – Zugriff auf die neuen Modelle "Fable 5" und "Mythos 5" zu gewähren, teilte das Unternehmen am Freitagabend mit. Um diese Vorgabe zu erfüllen, bleibe nichts anderes übrig, als die Systeme komplett vom Netz zu nehmen.
Die Reichweite der Anordnung ist weitreichend. Betroffen von dem Verbot seien auch Ausländer, die sich in den USA aufhalten – und selbst die, die bei Anthropic arbeiten. Nach Darstellung des Unternehmens, so berichten US-Medien wie Reuters, zielt die Order nicht nur auf Nutzer außerhalb der Vereinigten Staaten, sondern ausdrücklich auch auf ausländische Staatsangehörige im Land selbst. Eine Sperrung, die differenziert zwischen in- und ausländischen Kunden innerhalb der USA unterscheidet, ist nach Einschätzung von Experten technisch und logistisch kaum umsetzbar.
Die Modelle hinter dem Konflikt
Hintergrund des Konflikts ist die außergewöhnliche Leistungsfähigkeit der Modelle. Die Künstliche Intelligenz hinter Anthropics KI-Modell "Mythos" ist besonders gut darin, zum Teil auch über Jahrzehnte unentdeckt gebliebene Software-Schwachstellen aufzuspüren. Mythos 5 gilt als besonders fähig bei Programmieraufgaben, Sicherheitsanalysen und dem Auffinden bislang unbekannter Sicherheitslücken. Das erst diese Woche veröffentlichte Modell Fable 5 basiert auf der Mythos-Technologie – bei ihm werden aber die Cybersicherheits- und Biotechnologie-Fähigkeiten blockiert.
Diese Fähigkeit wurde bisher von US-Behörden und ausgewählten Unternehmen eingesetzt, um die Sicherheitslücken zu stopfen. Eine Sorge war jedoch von Anfang an, dass eine solche KI auch als eine Cyberwaffe eingesetzt werden könnte. Die Modelle könnten demnach genutzt werden, um Cyberangriffe schneller und wirksamer vorzubereiten oder um Sicherheitslücken automatisiert auszunutzen. Diese Fähigkeiten hatten bei US-Behörden Bedenken ausgelöst.
Im Weißen Haus hatte es Bedenken über einen möglichen Jailbreak gegeben – also einen Trick, der hilft, die gefährlichen Kräfte von Fable 5 zu entfesseln, indem er die eingebauten Schutzmechanismen umgeht. Der Firma zufolge glaubt die Regierung, Kenntnis von einer Methode erlangt zu haben, Beschränkungen in der Software aufzuheben. Die Firma habe einen Bericht geprüft, der nach Einschätzung des Unternehmens der Auslöser der Anordnung gewesen sein dürfte.
Anthropics Widerspruch
Anthropic widerspricht dieser Einschätzung deutlich. Anthropic betonte, man habe bisher nur teilweise Informationen von der Regierung erhalten. Die Anthropic-Experten seien zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um eine eingeschränkte Möglichkeit handele, die KI spezifische Programmcodes prüfen und Fehler korrigieren zu lassen. Diese Fähigkeit hätten auch Modelle anderer Anbieter wie etwa GPT-5.5 des Rivalen OpenAI. "The net effect of this order is that we must abruptly disable Fable 5 and Mythos 5 for all our customers to ensure compliance", erklärte das Unternehmen.
Die Firma betont, dass die Sicherheitsvorkehrungen bei Fable 5 ausgiebig getestet worden seien. Anthropic betont aber, dass dies auf Basis transparenter und klarer Verfahren sowie technischer Fakten geschehen müsse. Das sei jetzt nicht der Fall. Die jetzigen Maßnahmen der Regierung entsprächen jedoch nicht den Grundsätzen einer fairen und faktenbasierten Regulierung, erklärte das Unternehmen nun. Die US-Regierung habe ihre Sicherheitsbedenken nicht näher ausgeführt, erklärte Anthropic und sprach von einem Missverständnis.
Die Ironie der Lage ist bemerkenswert. Noch am Mittwoch hatte Anthropic selbst eine stärkere Aufsicht über KI gefordert, einschließlich der Möglichkeit, Modelle mit inakzeptablen Risiken zu sperren. Anthropic-Chef Dario Amodei sich erst vor wenigen Tagen dafür ausgesprochen hatte, die Regierung potenziell gefährliche KI-Software blockieren zu lassen. Nun ist ausgerechnet das eigene Unternehmen von einer solchen Blockade betroffen – und kritisiert die Umstände scharf.
Vom Befürworter zum Betroffenen
Anthropic ist nicht einverstanden damit, dass deswegen Software für Hunderte Millionen Nutzer blockiert werde. Die Anordnung werfe grundsätzliche Fragen auf, so das Unternehmen. Mit diesem Fall rücken KI-Modelle selbst erstmals in den Fokus staatlicher Kontrolle. Bisher hatten sich US-Exportbeschränkungen vor allem auf leistungsfähige KI-Chips und Rechenzentren konzentriert. Washington behandelt moderne KI-Systeme zunehmend als strategische Technologie, deren Verbreitung so streng überwacht werden sollte wie andere sicherheitsrelevante Hochtechnologien.
Der Fall ist eingebettet in einen längeren Konflikt zwischen Anthropic und der US-Regierung. Die Firma riskierte einen Konflikt mit der US-Regierung, da sie trotz Drucks darauf bestand, dass ihre KI-Modelle nicht in autonomen Waffensystemen und zur Massenüberwachung in den USA verwendet werden dürfen. Der KI-Hersteller verbietet die Nutzung seiner Modelle für autonome Waffensysteme des US-Militärs, dafür gab es Sanktionen. Das Pentagon erklärte Anthropic daraufhin zu einem Lieferketten-Risiko, was den Einsatz von Software des Unternehmens in Regierungsbehörden schwer beeinträchtigen kann. Die Firma klagt dagegen.
Diese Vorkommnisse fallen in eine Phase, in der OpenAI und Anthropic an die Börse wollen. Der Markt reagiert sensibel auf Signale wie das jetzige. KI-Experte Kevin Bauer sagt bei ZDFheute live: Man müsse verstehen, dass es bei Aktienbewertungen nicht nur um die aktuellen Leistungen der Unternehmen geht. Die Art und Weise, wie ein Unternehmen mit regulatorischen Eingriffen umgehe, beeinflusse die Bewertung erheblich.
Börsengang im Schatten der Regulierung
Die unmittelbaren Folgen für Nutzer sind konkret. Fable 5 war vor wenigen Tagen im Pro-Tarif von Anthropic verfügbar geworden. Fable 5 schaltete sich regelmäßig im Hintergrund auf das nächst schwächere Anthropic-Modell Claude Opus 4.8 um. Ohne, dass dies für Anwender erkennbar war. Anthropic hat zwar jüngst noch angekündigt, hier transparent zu werden. Auch das Videomagazin c't 3003 von Heise berichtet, dass dieser automatische Wechsel wohl recht häufig passierte.
Die automatische Umschaltung hatte durchaus eine Funktion. Als Begründung nennt Anthropic eine Schutzmaßnahme gegen Wissensdestillation, also das Training eines KI-Modells mit einem anderen. Fable 5 soll eigenständig erkennen, wann es für solches Training eingesetzt wird und dann zu Opus 4.8 wechseln. Fable 5 weigert sich, Prompts aus den Bereichen Biologie, Chemie, Cybersicherheit und Wissensdestillation zu beantworten. In Anthropics Benchmark-Vergleich ist Fable 5 deutlich stärker als etwa Opus 4.8 oder ChatGPT 5.5.
Folgen für Nutzer und Markt
Die Robustheit dieser Schutzmaßnahmen steht jedoch grundsätzlich infrage. Denn für jedes Modell lassen sich theoretisch Wege finden, dessen Safeguards zu umgehen, auch bei Heise haben wir das schon erfolgreich getestet. Nach der Darstellung von Anthropic sei aber kein Weg bekannt, das Modell zu etwas zu bringen, das nicht auch mit anderen Modellen machbar sei, etwa ChatGPT 5.5. Das Unternehmen kündigte an, den Zugang so bald wie möglich wieder herzustellen. Auch wenn Anthropic versprach, Fable 5 irgendwann ins Abo zurückzubringen.
Der Kommentar von Niklas Engelking ordnet die Vorgänge ein: "Überschaubarer Schaden mit großem Signal". Der Fall könnte nach Einschätzung von Experten den Beginn einer stärkeren Abschottung des globalen KI-Marktes markieren. Wer seine Modelle mit welchen Nutzern teilen darf, wird zur politischen Frage. Dass ausgerechnet ein US-Unternehmen, das auf Freiheit und Offenheit im Technologiesektor pocht, nun mit Verweis auf nationale Sicherheit zum globalen Schweigen gebracht wird, illustriert das neue Spannungsfeld zwischen kommerzieller KI-Entwicklung und geopolitischer Kontrolle. Zum einen sollte Fable 5 nur bis zum 22. Juni in dem Abo enthalten sein, bevor das Modell nur noch per API und mit tokengebundener Abrechnung – und damit deutlich teurer – verfügbar sein sollte. Als Grund nennt Anthropic fehlende Kapazität, die erst durch neue Rechenzentren aufgebaut werden müsse. Angesichts der jetzigen Entwicklung ist die Markteinführung jedoch ohnehin vorerst gestoppt.
Fragen & Antworten
Warum hat die US-Regierung den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 blockiert?
Das US-Handelsministerium beruft sich auf die nationale Sicherheit und befürchtet, dass die Modelle als Cyberwaffe eingesetzt werden könnten. Konkret geht es um mögliche Jailbreaks, also Methoden, die eingebauten Schutzmechanismen der Software zu umgehen.
Was ist der Unterschied zwischen Fable 5 und Mythos 5?
Fable 5 ist eine öffentlich zugängliche Variante des Modells, bei der Cybersicherheits- und Biotechnologie-Fähigkeiten blockiert sind. Mythos 5 ist die nicht-öffentliche volle Version, die weiterhin nur von Behörden und ausgewählten Unternehmenspartnern zur Härtung ihrer Systeme eingesetzt werden sollte.
Wie reagiert Anthropic auf die Regierungsanordnung?
Anthropic kritisiert die Maßnahme als intransparent und nicht faktenbasiert und kündigte an, den Zugang so bald wie möglich wiederherzustellen. Das Unternehmen weist zudem darauf hin, dass die fraglichen Fähigkeiten auch bei Konkurrenzmodellen wie GPT-5.5 vorhanden seien.
Anthropic Fable 5 Mythos 5: US-Zugangsverbot für KI-Modelle | nachrichten360