US-Firmen werben in offenem Brief für freie KI-Modelle – während Konkurrenz aus China Druck macht
Washington, 27. Juli 2026
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Kurzfassung
Ein Bündnis aus 25 US-Unternehmen hat die Regierung aufgefordert, offene KI-Modelle nicht vorschnell zu regulieren. Wenige Tage zuvor hatte das chinesische Unternehmen Moonshot AI mit Kimi K3 das bislang größte frei verfügbare Modell vorgestellt.
Am 24. Juli 2026 haben 25 US-Unternehmen in einem offenen Brief an die US-Regierung appelliert, offene KI-Modelle nicht vorschnell zu beschränken; bis zum Wochenende verdoppelte sich die Zahl der Unterzeichner auf rund 50.
Breite Unterstützung aus der Industrie
Die Initiative wurde von Nvidia und Microsoft angeführt und unterzeichnet unter anderem von Meta, IBM, Dell, Palantir, ServiceNow, CrowdStrike, Perplexity, Replit, Mistral, Hugging Face, Mozilla, Andreessen Horowitz, Y Combinator und der Linux Foundation. Später stießen laut den vorliegenden Berichten OpenAI, Google, AMD, Cisco, Cloudflare, GitHub, Block und Cohere hinzu. Nicht unterzeichnet haben zum Zeitpunkt der Berichterstattung Anthropic und Amazon.
Offener Brief: US-KI-Firmen gegen Beschränkungen | Kimi K3 | nachrichten360
Der Brief argumentiert, die technologische Führungsrolle der USA solle nicht von einem einzigen Frontier-Modell abhängen. Gefordert wird stattdessen ein breites, offenes Ökosystem, das Start-ups, Schulen, Kliniken und Behörden zugutekommt. Microsoft-CEO Satya Nadella teilte das Schreiben und erklärte: "Open models are an important building block for a healthy AI ecosystem and US competitiveness."
Auslöser: Kimi K3 aus China
Nvidia-CEO Jensen Huang verbreitete den Brief in seinem ersten Beitrag auf einem neuen persönlichen X-Konto. Unter den weiteren öffentlichen Unterstützern werden Mark Zuckerberg, Sundar Pichai, Sam Altman und Elon Musk genannt. Auch Mozilla-CTO Raffi Krikorian äußerte sich und sagte gegenüber Axios, der Einsatz von Frontier-Modellen für Alltagsaufgaben sei wie "using frontier models for everyday work is like driving a Ferrari to the grocery store".
Auslöser der Debatte war die Veröffentlichung des chinesischen Modells Kimi K3 durch Moonshot AI am 16. Juli. Das Modell verfügt laut Statistik über 2,8 Billionen Parameter und ist damit das bislang größte frei verfügbare Modell. Die Gewichte sollen nach Angaben des Unternehmens bis zum 27. Juli vollständig veröffentlicht werden. Der API-Preis liegt bei 3 US-Dollar pro Million Eingabe-Tokens und 15 US-Dollar pro Million Ausgabe-Tokens – etwa drei- bis viermal so hoch wie beim Vorgängermodell K2.6, aber weniger als ein Drittel des Preises von Claude Fable 5.
Unabhängige Bewertungen und Marktreaktion
In unabhängigen Auswertungen schnitt Kimi K3 stark ab: Dritter Platz auf dem Artificial Analysis Intelligence Index, Zweiter auf Vals AI und Erster im Frontend Code Arena. Die Analysefirma Artificial Analysis bestätigt eigenen Angaben zufolge, dass Kimi K3 im Wesentlichen auf Augenhöhe mit den beiden führenden US-Modellen liegt und deutlich vor Claude Opus 4.8 und GPT-5.5 rangiert. Moonshot AI gibt zudem an, dass das Modell alle Konkurrenten mit Ausnahme von Anthropics Fable und OpenAIs GPT-5.6 Sol übertreffe.
Vorwürfe aus Washington
Im chinesisch-amerikanischen Wettlauf hat das so genannte DeepSeek-Moment im Jahr 2025 den Aufstieg offener Modelle aus China eingeleitet. Auf dem OpenRouter-Marktplatz halten chinesische Open-Weight-Modelle von Tencent, Xiaomi, DeepSeek, MiniMax und Z.ai nach wöchentlichem Token-Verbrauch die ersten fünf Plätze. Chinesische Modelle machten nach Statistik im vergangenen Jahr 41 Prozent aller Modell-Downloads auf Hugging Face aus. Auf der CES 2026 erklärte Jensen Huang, jeder vierte heute erzeugte Token stamme aus einem offenen Modell.
Die US-Regierung reagierte mit scharfer Kritik. Weißes-Haus-Berater Michael Kratsios warf Moonshot AI vor, zur Entwicklung von Kimi K3 in großem Stil Anthropics Modell Fable per Destillation verwendet zu haben – einer Technik, bei der ein Modell durch gezielte Anfragen an ein anderes trainiert wird. Belege für diese Behauptung legte Kratsios nicht vor. Moonshot AI wies die Vorwürfe zurück und erklärte, das Unternehmen habe in nur 15 Tagen ein vollständig neues Frontier-Modell trainiert. Braden Hancock von der Laude Institute wies darauf hin, dass Fable zum Zeitpunkt der Kimi-K3-Veröffentlichung erst etwa zwei Wochen öffentlich verfügbar gewesen sei – ein zu kurzer Zeitraum für eine bloße Kopie. Hancock warnte zugleich, die Fähigkeiten der chinesischen Teams nicht zu unterschätzen.
Streit um den Begriff der Offenheit
Der Brief warnt ausdrücklich davor, übliche Trainingsmethoden wie Destillation mit Diebstahl gleichzusetzen, und fordert stattdessen die strafrechtliche Verfolgung einzelner Missbrauchsfälle. US-Finanzminister Scott Bessent schrieb auf X: "Open source is not open season on American IP." Er stellte zugleich Sanktionen gegen chinesische Anbieter in Aussicht, falls sich der Verdacht des Technologiediebstahls bestätige. Die Trump-Administration erwägt laut Axios Beschränkungen bis hin zu einem Verbot chinesischer Open-Weight-Modelle.
Anthropic, das wie Amazon den Brief nicht unterzeichnete, hat in Washington nach den vorliegenden Berichten aktiv für schärfere Chip-Exportkontrollen nach China geworben. CEO Dario Amodei hat zudem argumentiert, dass veröffentlichte Modellgewichte später nicht wieder zurückgerufen werden könnten. Investor Bill Gurley hielt dem entgegen, dass Anthropics Bedenken gegen offene Modelle mit dessen kommerziellen Interessen zusammenfielen. Julian Schrittwieser, technischer Mitarbeiter bei Anthropic und zuvor bei Google DeepMind, kommentierte Huangs Beitrag zur Offenheit mit einem Seitenhieb: "he was delighted that Jensen Huang now believed in open source, and was looking forward to the 'CUDA and GPU driver open source release.'"
Die Reaktion an den Märkten fiel verhalten aus. Halbleiteraktien gaben weltweit nach; der Philadelphia Semiconductor Index fiel zeitweise mehr als 20 Prozent unter sein Rekordhoch von Ende Juni. Bernstein-Analyst Robin Zhu beschrieb die Marktreaktion als erwartet und wertete sie als Bestätigung eines bekannten Trends.
Geopolitische Dimension
Auch die Frage, was unter "offen" zu verstehen ist, sorgt für Diskussion. Nach Definition der Open Source Initiative erfüllen die meisten Open-Weight-Modelle nicht die Kriterien echter Open-Source-Software, da Trainingsdaten und Trainingspipeline nicht veröffentlicht würden. Die Lizenz von Metas Llama enthält Nutzungsbeschränkungen und genügt laut rechtlicher Analyse der Beratungsgruppe des EU-KI-Amtes nicht dem Open-Source-Standard der EU-Verordnung. Z.ai wiederum veröffentlichte GLM-5.2 unter MIT-Lizenz und gibt 62,1 Prozent auf SWE-bench Pro an, verglichen mit 58,6 Prozent für GPT-5.5 (vendor-reported). OpenAI hat mit gpt-oss eigene offene Modelle ausgeliefert. Die vorliegenden Berichte schätzen, dass Unternehmen 90 bis 95 Prozent ihrer Anfragen mit einem selbst gehosteten Modell zu einem Bruchteil der Premium-API-Kosten abwickeln könnten.
Geopolitisch hat Chinas Staatschef Xi Jinping laut den Berichten das Land in einer Rede im Juli explizit als Verfechter offener KI als globales öffentliches Gut positioniert. Anfang Juli war es zudem zu einem Hack bei Hugging Face gekommen; Anthropics Fable 5 konnte daraufhin Angriffscode wegen seiner Sicherheitsmechanismen nicht analysieren, woraufhin Hugging Face auf GLM-5.2 auf eigener Hardware umstieg.
Insgesamt zeigt die Debatte das Spannungsfeld zwischen kommerziellen Interessen, nationaler Sicherheit und dem Ruf nach offenen Standards. Der Brief bringt die Position einer breiten Branchenkoalition zum Ausdruck, offene Modelle als strategischen Vorteil zu begreifen – während Kritiker wie Anthropic und Teile der US-Regierung die Risiken betonen und schärfere Regulierung oder Sanktionen ins Spiel bringen.
Die Unterzeichnerliste, die sich binnen eines Tages nahezu verdoppelte, verdeutlicht den wirtschaftlichen Stellenwert des Themas. Mit Nvidia und Microsoft an der Spitze, dem späteren Beitritt von OpenAI und Google sowie der ausdrücklichen Unterstützung durch führende CEOs positioniert sich die US-Industrie gegen einen regulatorischen Alleingang – und gegen die Versuchung, chinesische Anbieter durch Exportkontrollen oder Verbote aus dem Markt zu drängen.
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob Washington den Forderungen des Briefes folgt oder den Weg über Sanktionen und Exportbeschränkungen weiterverfolgt. Moonshot AI hat angekündigt, die vollständigen Gewichte bis zum 27. Juli zu veröffentlichen – ein Datum, das mit der Veröffentlichung dieses Berichts zusammenfällt und die Debatte weiter verschärfen dürfte.
Fragen & Antworten
Welche Unternehmen haben den offenen Brief unterzeichnet?
Den Brief haben anfangs 25 Unternehmen und Organisationen unterzeichnet, darunter Nvidia, Microsoft, Meta, IBM, Dell, Palantir, ServiceNow, CrowdStrike, Perplexity, Replit, Mistral, Hugging Face, Mozilla, Andreessen Horowitz, Y Combinator und die Linux Foundation. Später kamen OpenAI, Google, AMD, Cisco, Cloudflare, GitHub, Block und Cohere hinzu; bis zum Wochenende verdoppelte sich die Zahl auf rund 50.
Was wirft die US-Regierung Moonshot AI vor?
Weißes-Haus-Berater Michael Kratsios hat Moonshot AI beschuldigt, zur Entwicklung von Kimi K3 in großem Stil Anthropics Modell Fable per Destillation verwendet zu haben. Belege legte er nicht vor; Moonshot AI wies die Vorwürfe zurück.
Wie schneidet Kimi K3 im Vergleich zu US-Modellen ab?
Kimi K3 verfügt über 2,8 Billionen Parameter und wird im Artificial Analysis Intelligence Index als drittbestes Modell geführt, dicht hinter den führenden US-Modellen und vor Claude Opus 4.8 und GPT-5.5.