Türkei verweigert LGBTQ-Kreuzfahrtschiff „Scarlet Lady“ das Anlegen und beruft sich auf „moralische Werte“
Ankara, 04. Juli 2026
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Kurzfassung
Die türkischen Behörden haben dem von einem US-Unternehmen gecharterten LGBTQ-Kreuzfahrtschiff „Scarlet Lady“ die Genehmigung zum Anlegen in Kuşadası und Istanbul verweigert. Die Provinzregierung von Aydın begründete den Schritt mit angeblich unvereinbaren moralischen Werten, während die Reiseroute kurzfristig geändert wurde.
Türkische Behörden haben dem von dem US-Reiseveranstalter Atlantis Events gecharterten Kreuzfahrtschiff „Scarlet Lady“ mit überwiegend LGBTQ-Passagieren das Anlegen im Hafen von Kuşadası sowie in Istanbul untersagt und die Entscheidung mit „moralischen Werten“ begründet.
Begründung der Provinzregierung von Aydın
Die türkische Provinzregierung von Aydın teilte am Samstag über die Plattform X mit, dass es „absolut nicht infrage“ komme, dass das Schiff „Scarlet Lady“ im Hafen von Kuşadası anlege. Die Behörde erklärte, das Schiff sei von Gruppen gechartert, „die für Verhaltensweisen bekannt sind, die mit dem Gefüge unserer Gesellschaft und unseren moralischen Werten unvereinbar sind“. Das Gouverneursamt betonte zugleich, dass die Entscheidung ausschließlich den geplanten Anlauf am 7. Juli betreffe und der übrige Kreuzfahrtverkehr nicht beeinträchtigt sei.
Der US-Reiseveranstalter Atlantis Events bestätigte gegenüber mehreren Medien, dass die türkischen Behörden dem Schiff das Anlegen verweigert hätten und die Reiseroute deshalb kurzfristig geändert worden sei. Präsident und CEO Rich Campbell sagte dem Sender CNN, es handele sich um den ersten derartigen Vorfall in der 36-jährigen Unternehmensgeschichte. Atlantis Events teilte zudem auf der eigenen Website mit, dass das Schiff nun statt Kuşadası die Häfen von Kairo und der griechischen Insel Kreta anlaufen werde.
Atlantis Events bestätigt Anlegeverbot
Campbell erklärte CNN, dass sein Unternehmen noch nie zuvor aufgrund der Identität seiner Passagiere die Anlegeerlaubnis verweigert worden sei. Die Reederei bedauerte die kurzfristige Umstellung und verwies auf die langjährige Geschäftstätigkeit mit Kreuzfahrten für LGBTQ-Reisende.
Neben dem Hafen in Kuşadası verweigerten die Behörden dem Schiff nach Angaben von Atlantis Events auch das Anlegen in Istanbul. Darüber hinaus wurde in Istanbul eine Bar im Stadtteil Beyoğlu geschlossen, die in regierungsnahen Medien als lokale Organisatorin der geplanten Veranstaltung bezeichnet worden war. Das Gouverneursamt von Istanbul erklärte, die Bar im Stadtteil Beyoğlu sei wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Vorschriften geschlossen worden.
Hintergrund: Einschränkungen für die LGBTQ-Gemeinschaft
Die Weigerung der Türkei, das Schiff einlaufen zu lassen, reiht sich in eine Serie von Einschränkungen für die LGBTQ-Gemeinschaft in dem Land ein. Pride-Wochen-Veranstaltungen und Pride-Märsche werden in der Türkei seit fast jedem Jahr ab 2015 von den Behörden verboten oder von der Polizei aufgelöst. Die Behörden begründen solche Verbote regelmäßig mit Sicherheitsbedenken und der öffentlichen Ordnung.
Verfassungsrechtlich verbietet die säkulare türkische Verfassung LGBTQ-Identitäten nicht ausdrücklich. Gleichzeitig hat die Regierung des islamisch-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ihre anti-LGBTQ-Rhetorik in jüngster Zeit deutlich verschärft. Provinzgouverneure werden in der Türkei direkt vom Büro des Präsidenten ernannt, wodurch politische Weisungen aus Ankara unmittelbar auf regionale Entscheidungen durchschlagen.
Mediale Stimmungsmache gegen den Besuch
Bereits vor der geplanten Reise hatten regierungsnahe türkische Medien sowie konservative Stimmen in sozialen Netzwerken gegen den Besuch mobilisiert und die Absage gefordert. Nach der Entscheidung würdigten das regierungsnahe Printmedium „Star“ und das Nachrichtenportal „A Haber“ den Schritt in diffamierender Wortwahl.
Das türkische Tourismusministerium war am Samstag zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch internationale Reaktionen auf das Anlegeverbot blieben zunächst aus. Die Betreiberfirma Atlantis Events kündigte an, die Reise trotz der Umplanung wie vorgesehen durchzuführen.
Die „Scarlet Lady“ gehört zur Flotte des US-Kreuzfahrtunternehmens Virgin Voyages und wird regelmäßig für Themenreisen gechartert. Die nun umgeplante Route führt das Schiff nach Kairo und auf die griechische Mittelmeerinsel Kreta, die für liberale Reisegruppen als vergleichsweise offenes Reiseziel gilt.
Reaktionen und internationale Einordnung
Menschenrechtsorganisationen sehen in der Entscheidung ein weiteres Signal für die schrumpfenden Freiheitsräume sexueller Minderheiten in der Türkei. Internationale Beobachter verweisen darauf, dass Reisebeschränkungen für bestimmte Personengruppen internationalen Standards für Diskriminierungsschutz widersprechen können.
Atlantis Events bezeichnete die Vorfälle als beispiellos in der Firmengeschichte und kündigte an, mit den Reisenden direkt zu kommunizieren. Auch die Passagiere zeigten sich in sozialen Medien überwiegend empört über die kurzfristige Umplanung und die Begründung der türkischen Behörden.
Ausblick auf künftige Pride-Veranstaltungen
Die türkische Regierung hat in den vergangenen Monaten mehrere Pride-Veranstaltungen in Großstädten wie Istanbul und Ankara unterbinden lassen. Kritiker werfen der Regierung vor, mit Verweis auf „moralische Werte“ gezielt Druck auf die LGBTQ-Gemeinschaft auszuüben.
Die Schließung der Bar in Beyoğlu markiert einen neuen Schritt: Erstmals wurde nach Angaben von Aktivisten ein privater Veranstalter direkt mit Verweis auf die geplante Kreuzfahrt sanktioniert. Die Bar galt zuvor als Szenetreffpunkt für die queere Community in Istanbul.
Beobachter erwarten, dass die Diskussion über den Umgang mit LGBTQ-Reisenden in der Türkei in den kommenden Wochen weiter an Fahrt gewinnt. Gleichzeitig ist unklar, ob die türkische Regierung ihre Linie beibehalten oder auf internationale Kritik reagieren wird.
Reiseveranstalter weltweit beobachten den Fall mit Sorge. Branchenkenner weisen darauf hin, dass gezielte Anlegeverbote für bestimmte Passagiergruppen das Image eines Landes als Tourismusstandort nachhaltig beschädigen können.
Auch innerhalb der Türkei sorgt die Entscheidung für Diskussionen. Während konservative Kommentatoren den Schritt feiern, äußern liberale Stimmen und Oppositionspolitiker scharfe Kritik an der Begründung der Behörden.
Die nächste größere Pride-Veranstaltung in der Türkei steht unterdessen weiter unter Vorbehalt. Aktivisten kündigten an, auch künftig für die Versammlungsfreiheit und die Rechte sexueller Minderheiten auf die Straße zu gehen.
Fragen & Antworten
Warum hat die Türkei dem Kreuzfahrtschiff „Scarlet Lady“ das Anlegen verweigert?
Das Gouverneursamt der Provinz Aydın erklärte, das Schiff sei von Gruppen gechartert, „die für Verhaltensweisen bekannt sind, die mit dem Gefüge unserer Gesellschaft und unseren moralischen Werten unvereinbar sind“. Die Entscheidung betraf laut Behörde ausschließlich den geplanten Anlauf am 7. Juli.
Wer hat die Reise des Schiffes organisiert?
Die Reise wurde von dem US-Reiseveranstalter Atlantis Events gechartert. Präsident und CEO Rich Campbell erklärte gegenüber CNN, es handele sich um den ersten derartigen Vorfall in der 36-jährigen Unternehmensgeschichte.
Welche Reiseroute nimmt das Schiff nun statt Kuşadası?
Atlantis Events teilte auf der eigenen Website mit, dass das Schiff nun die Häfen von Kairo und der griechischen Insel Kreta anlaufen wird.
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