Studie dokumentiert: Orcas zerreißen Mondfische im Golf von Kalifornien mit koordinierten Rammstößen
Berlin, 23 Juli 2026
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Kurzfassung
Eine neue Studie dokumentiert, wie Orcas im Golf von Kalifornien tote Mondfische gezielt mit hoher Geschwindigkeit rammen und in tausende Teile zerfetzen. Ein erwachsenes Weibchen hält den Fisch am Schwanz, ein Männchen rast wie ein Torpedo heran. Die Forschenden sehen darin vermutlich Spielverhalten oder das Training Jungtiere.
Berlin, 23 Juli 2026
Eine im Fachjournal Frontiers in Ethology veröffentlichte Studie dokumentiert, wie Orcas im Golf von Kalifornien tote Mondfische (Masturus lanceolatus) durch koordinierte Rammstöße in tausende Teile zerreißen – möglicherweise, um Jungtieren die Nahrungsaufnahme zu erleichtern oder aus sozialem Spiel.
So läuft das Rammmanöver ab
Im Golf von Kalifornien haben Meeresbiologinnen und Meeresbiologen ein bisher selten dokumentiertes Jagd- beziehungsweise Fressverhalten von Orcas gefilmt. Wie das internationale Forschungsteam um die Autorin Kathryn Ayres von der Meeresschutz-Organisation Beneath The Waves berichtet, halten erwachsene Schwertwale bereits tote Mondfische an der großen Schwanzflosse fest, während ein anderes Tier – in beiden beobachteten Fällen ein Männchen – aus einiger Distanz mit hoher Geschwindigkeit heranschwimmt und den Fisch unmittelbar vor dessen Freigabe torpedogleich rammt. Durch den Aufprall zerbricht das Gewebe des Fisches in tausende kleine Fragmente, die sich als Wolke im Wasser verteilen.
Die Studie ist am Donnerstag in der Fachzeitschrift Frontiers in Ethology erschienen. Im Begleittext wird das Verhalten mit einer Formulierung beschrieben, die an einen Filmeffekt erinnert: Der Rammstoß habe die Körper der Fische regelrecht zur Explosion gebracht. In den Videos sei zu sehen, wie adulte Orcas nach dem Aufprall die größeren Reste des Kadavers verzehrten, während ein juveniles Tier unmittelbar begann, die kleineren Fleischstücke einzusammeln. Die feinsten Fragmente trieben dagegen unangetastet davon.
Tote Beute, bekannte Art
Bei den Beutefischen handelt es sich in beiden dokumentierten Fällen um Spitzschwanz-Mondfische (Masturus lanceolatus). Diese Art zählt zu den schwersten Knochenfischen der Erde; manche Exemplare erreichen laut Statistik mehr als drei Meter Länge und bis zu zwei Tonnen Gewicht. Für die im Golf von Kalifornien lebenden Orca-Populationen sind Mondfische den Forschenden zufolge ein häufiges Beutetier. Die Tiere bewegen sich durch unterschiedliche Wassertiefen und kommen auch an die Oberfläche, wodurch sie für Orcas erreichbar werden.
Bemerkenswert ist der Umstand, dass die Mondfische in den dokumentierten Szenen bereits tot waren, bevor das Rammmanöver begann. Wie Ayres und ihre Kolleginnen und Kollegen schreiben, trugen die gerammten Fische Wunden, die darauf hindeuteten, dass ihnen zuvor bereits die inneren Organe entnommen worden waren. Die Forschungsgruppe schließt aus diesem Befund aus, dass es sich um eine Tötungsstrategie handelt. Orcas im Golf von Kalifornien ist es demnach bereits bekannt, dass sie Mondfischen fettreiche innere Organe über gezielte Wunden entnehmen.
Drei mögliche Erklärungen
Wie Kathryn Ayres zusammenfasst, hat das Team zwei voneinander unabhängige Ereignisse dokumentiert: Das erste beobachtete sie im Juli 2024 vor der Südküste des mexikanischen Bundesstaates Baja California Sur, das zweite wurde im Jahr 2025 nahe der Insel Isla Cerralvo im Golf von Kalifornien gefilmt. „Wir haben dokumentiert, wie ein Orca einen Mondfisch festhält und ihn loslässt, kurz bevor ihn ein anderer Orca mit hoher Geschwindigkeit rammt, wodurch das Gewebe in Tausende von Stücken zerbricht“, sagt Ayres.
Die Interpretation des Verhaltens ist aus Sicht des Teams nicht eindeutig. Die Forschenden bieten mehrere Erklärungen an. Erstens könnte das gemeinsame Zerlegen eine Form der Fürsorge gegenüber Jungtieren sein, die es jüngeren Orcas erleichtert, an Nahrung zu gelangen. Zweitens könnte es sich um eine Spielform mit sozialer Funktion innerhalb der Gruppe handeln. Drittens könnte das Verhalten dem Training der Jungtiere dienen, die dadurch Jagdtechniken erlernen. „Wir vermuten, dass dies jüngeren Orcas die Nahrungsaufnahme erleichtert oder einfach nur dem Spiel dient. Orcas sind dafür bekannt, mit ihrer Beute zu spielen“, schreibt Ayres.
Spiel, Training und Tradition
Die Beobachtung reiht sich in eine Reihe bekannter kooperativer Jagdtechniken von Schwertwalen ein. Schon zuvor war dokumentiert worden, dass Orcas gemeinsam Beute erlegen, die größer ist als sie selbst, etwa indem sie mehrere Tiere einen Walhai festhalten lassen, während ein anderes Tier ihn rammt. Auch blockieren Orcas Fluchtwege von Weißen Haien und erzeugen in Gruppen koordinierte Wellen, um Robben und Pinguine von treibenden Eisschollen zu spülen. Verschiedene Orca-Populationen entwickeln den Forschenden zufolge ausgeprägte kulturelle Jagdtechniken, die über Generationen weitergegeben werden – darunter das gezielte Stranden an Stränden, um Robten zu fangen, oder die gezielte Entnahme der energiereichen Leber von Haien.
Auch Spielverhalten mit Beute ist bei Orcas bereits mehrfach beschrieben worden. Die Tiere werfen demnach wiederholt Robben in die Luft, „spielen“ mit erlegter Beute und bearbeiten gemeinsam Gegenstände über längere Zeiträume. Das Verhalten gegenüber den Mondfischen passt nach Einschätzung von Ayres und Kolleginnen und Kollegen in dieses Bild. Die spektakuläre Zerlegung könnte demnach zumindest teilweise sozialen oder spielerischen Zwecken dienen.
Beide dokumentierten Fälle betrafen den Spitzschwanz-Mondfisch, der im Vergleich zu verwandten Arten wie dem Gewöhnlichen Mondfisch (Mola mola) etwas flacher und weniger ausgeprägt scheibenförmig ist. Die gallertartige Haut dieser Mondfische beherbergt nach Angaben des Forschungsteams eine charakteristische Gemeinschaft von Mikroorganismen, die für künftige Studien relevant sein könnte. Hinweise, dass das Rammverhalten auch bei anderen Mondfischarten auftritt, liegen bislang nicht vor. Die Forschenden halten es allerdings für möglich, dass ähnliche Verhaltensweisen bei künftigen Beobachtungen auch bei weiteren Arten dokumentiert werden.
Bislang nur Spitzschwanz-Mondfische betroffen
Berichtet wird der Vorgang unter anderem von einem Naturbeobachter mit Namen Héctor Franz, der die zweite Sequenz mehr als ein Jahr nach der ersten Beobachtung filmte. Die Arbeit wurde in der Donnerstagsausgabe von Frontiers in Ethology publiziert und enthält zusätzliche Videoaufnahmen, auf die das Forschungsteam seine Analysen stützt. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren handelt es sich um die bislang wohl umfangreichste dokumentierte Beschreibung eines koordinierten Zerteilungsmanövers von Orcas an toten Mondfischen.
Das Verhalten fügt sich in ein wachsendes Bild der kulturellen Vielfalt bei Schwertwalen ein. Die Autorinnen und Autoren verweisen darauf, dass unterschiedliche Orca-Populationen ausgeprägte, teils generationenübergreifend tradierte Jagdtechniken entwickeln – etwa das Zusammentreiben von Fischen zu Bällen, das gezielte Stranden zum Fang von Robben oder die spezialisierte Jagd auf Haie zur Entnahme deren Leber. Die Beobachtungen vor Baja California Sur erweitern diese Bandbreite um eine weitere, bislang nicht eindeutig klassifizierte Verhaltensweise.
Die Forschenden betonen, dass Mondfische insgesamt zu den häufigeren Beutetieren der lokalen Orcas zählen. Dass ein bereits toter, ausgeweideter Fisch anschließend durch koordinierte Rammstöße weiter zerkleinert wird, stelle jedoch eine selten dokumentierte Variante kooperativen Verhaltens dar. Die Autorinnen und Autoren regen an, künftige Beobachtungen verstärkt darauf auszuwerten, ob das Verhalten regelmäßig auftritt und welche Funktionen es innerhalb der jeweiligen Orca-Gruppe erfüllt.
Forschungsstand und Quellen
Methodisch stützt sich die Arbeit auf Videoaufzeichnungen zweier Vorfälle sowie auf direkte Beobachtungen im Feld. Die Sequenzen ermöglichen nach Angaben des Teams eine präzise Rekonstruktion des Bewegungsablaufs: Das Weibchen hält den Kadaver stabil, während das Männchen aus der Distanz beschleunigt und unmittelbar vor dem Zusammenprall vom Weibchen losgelassen wird. Das Männchen prallt daraufhin mit hoher Geschwindigkeit auf den Fisch, sodass dessen Gewebe in zahlreiche Fragmente zerfetzt wird. Unmittelbar nach dem Aufprall beginnt ein Jungtier der Gruppe, die kleinen Stücke einzusammeln.
Insgesamt sehen die Forschenden das Verhalten als Hinweis darauf, dass Orcas über ein bemerkenswert breites Repertoire an kooperativen Techniken verfügen, die sie an unterschiedliche Beutetiere und Situationen anpassen. Auch wenn der Vorgang äußerlich roh wirkt, diene er aus Sicht des Teams vermutlich eher praktischen oder sozialen Zwecken innerhalb der Gruppe als einem gezielten Töten. Die Studie soll in der Fachwelt dazu anregen, kooperative Verhaltensweisen von Orcas künftig noch genauer und mit zusätzlichen Videoaufnahmen zu dokumentieren.
Berichtet wurde der Vorgang unter anderem von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in einem Beitrag von Klaus Taschwer, datiert auf den 23. Juli 2026. Die Originalstudie ist im Open-Access-Journal Frontiers in Ethology frei zugänglich und bildet die Grundlage der vorliegenden Berichterstattung.
Fragen & Antworten
Wer ist Kathryn Ayres?
Kathryn Ayres ist die Erstautorin der Studie und Meeresbiologin bei der Meeresschutz-Organisation Beneath The Waves. Sie hat den ersten Vorfall mit Orcas und Mondfischen im Juli 2024 vor Baja California Sur beobachtet.
Was genau haben die Orcas im Golf von Kalifornien getan?
Die dokumentierten Orcas hielten bereits tote Spitzschwanz-Mondfische an der Schwanzflosse fest und rammten sie aus Distanz mit hoher Geschwindigkeit, sodass das Gewebe in tausende Teile zerfetzt wurde. Anschließend fraßen adulte Tiere die größeren Reste, während ein Jungtier die kleineren Stücke einsammelte.
Warum rammen Orcas die Mondfische?
Das Forschungsteam hält das Verhalten nicht für eine Tötungsstrategie, da die Fische bereits tot und ausgeweidet waren. Als mögliche Erklärungen nennen die Autorinnen und Autoren elterliche Fürsorge, die Jungtieren die Nahrungsaufnahme erleichtert, soziales Spiel oder das Training der Jungtiere.
Orcas zerreißen Mondfische: Studie aus dem Golf von | nachrichten360