Studie aus Graz: Spitalspatienten erhalten meist Medikamente gegen Schmerzen – andere Methoden selten
Graz, 18 Juni 2026
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Kurzfassung
Eine Studie unter Beteiligung des Instituts für Pflegewissenschaften der Medizinischen Universität Graz zeigt, dass Schmerztherapie in österreichischen Spitälern überwiegend mit Medikamenten erfolgt. Physiotherapie kam in rund 40 Prozent der Fälle zum Einsatz, alle weiteren nicht-medikamentösen Maßnahmen blieben unter zehn Prozent.
Graz, 18 Juni 2026
Eine Studie, die unter maßgeblicher Beteiligung des Instituts für Pflegewissenschaften der Medizinischen Universität Graz entstand, dokumentiert für österreichische Spitäler eine überwiegend medikamentöse Schmerztherapie bei stationären Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen.
Die Untersuchung wurde in der Fachzeitschrift „Pain Management Nursing" unter dem Digital Object Identifier 10.1016/j.pmn.2026.05.002 veröffentlicht und wertete Daten aus drei jährlichen Erhebungen des österreichischen Pflegequalitätsmesssystems zwischen 2021 und 2023 aus. Insgesamt flossen Informationen zu 2118 Patientinnen und Patienten mit akuten Schmerzen sowie zu 955 Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen ein. Geschulte Pflegekräfte hatten demografische Daten, medizinische Diagnosen, Pflegebedürftigkeit und die zum Zeitpunkt der Erhebung durchgeführten Schmerzinterventionen erhoben.
„Empirische Daten zu den wirklich angewendeten Verfahren zum Schmerzmanagement bei Patienten mit akuten oder chronischen Schmerzen sind jedoch weiterhin begrenzt", schreiben die Autorinnen und Autoren in der Studie. Vor diesem Hintergrund verfolgten sie das Ziel, die tatsächliche Praxis in österreichischen Krankenhäusern abzubilden und Vergleichswerte für künftige Qualitätsinitiativen bereitzustellen.
Datengrundlage aus Österreich
Die zentrale Beobachtung: Medikamentöse Behandlungen dominierten in beiden Gruppen. In 90 Prozent der Fälle mit akuten Schmerzen und in 86 Prozent der Fälle mit chronischen Schmerzen kamen Analgetika zum Einsatz. Akute Schmerzen wurden dabei häufiger mit nicht-steroidalen Antirheumatika behandelt, während bei chronischen Schmerzen häufiger Opioide zum Einsatz kamen.
Unter den nicht-medikamentösen Verfahren erreichte allein die Physiotherapie eine nennenswerte Häufigkeit: Sie wurde in beiden Gruppen – akut wie chronisch – in rund 40 Prozent der Fälle angewendet. Alle weiteren nicht-pharmakologischen Interventionen blieben laut den Autorinnen und Autoren unter einer Schwelle von zehn Prozent.
Medikamente dominieren – Physiotherapie als Ausnahme
Die Autorinnen und Autoren formulieren als Schlussfolgerung: „Diese deskriptive Studie dokumentiert die aktuelle Schmerztherapiepraxis in österreichischen Krankenhäusern und zeigt eine überwiegende Abhängigkeit von Medikamenten bei gleichzeitig geringer Integration nicht-pharmakologischer Optionen sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen." Die Ergebnisse könnten aus ihrer Sicht die Grundlage für Qualitätsverbesserungsinitiativen bilden.
Die Autorinnen und Autoren empfehlen zugleich ein Umsteuern: „Das Schmerzmanagement bei stationären Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen sollte multimodale analgetische und nicht-pharmakologische Interventionen umfassen." Damit sprechen sie sich für eine Kombination aus verschiedenen medikamentösen und nicht-medikamentösen Ansätzen aus.
Unterschiede zwischen akuten und chronischen Schmerzen
Die untersuchten Patientengruppen unterschieden sich in mehreren Merkmalen. Personen mit chronischen Schmerzen waren im Durchschnitt 73 Jahre alt und damit älter als jene mit akuten Schmerzen, deren Durchschnittsalter bei 66 Jahren lag. Zudem waren chronische Schmerzpatientinnen und -patienten pflegeabhängiger und litten häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen: 46 Prozent von ihnen wiesen solche Diagnosen auf, gegenüber 33 Prozent in der Gruppe mit akuten Schmerzen.
Die Studienautorinnen und -autoren ordnen ihre Befunde ausdrücklich als deskriptiv ein. Sie liefern keine Aussagen darüber, welche Therapieform wirksamer oder sicherer ist, sondern halten fest, welche Verfahren in der österreichischen Spitalsrealität tatsächlich zur Anwendung kommen. Eine kausale Verknüpfung zwischen Behandlungsform und Behandlungsergebnis war nicht Gegenstand der Auswertung.
Empfehlung für multimodale Versorgung
Mit der Veröffentlichung erhalten Kliniken, Pflegequalitätsbeauftragte und Gesundheitspolitik erstmals eine breite, datengestützte Beschreibung der Schmerztherapiepraxis in österreichischen Spitälern auf Basis von mehr als 3000 dokumentierten Fällen. Die Daten stammen aus dem etablierten österreichischen Pflegequalitätsmesssystem und wurden von geschulten Pflegekräften direkt am Patientenbett erfasst.
Die Autorinnen und Autoren benennen in der Studie mehrere Ansatzpunkte für künftige Qualitätsinitiativen. Dazu zählt insbesondere die stärkere Verankerung nicht-pharmakologischer Maßnahmen in Behandlungsstandards sowie eine systematischere Erfassung, welche Verfahren tatsächlich zur Linderung beitragen. Auch die Unterschiede zwischen akuten und chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten – etwa hinsichtlich Alter und Pflegebedarf – sehen sie als relevant für gezielte Angebote.
Beteiligung der Pflegewissenschaft aus Graz
Die hohe Quote analgetischer Therapien wird in der Studie nicht grundsätzlich kritisiert. Die Forscherinnen und Forscher betonen aber, dass eine rein medikamentöse Versorgung dem eigenen Anspruch eines „multimodalen" Managements nicht genügt. Dies gelte besonders für chronische Schmerzen, bei denen Opioide häufiger zum Einsatz kommen und bei denen Risiken wie Abhängigkeit und Nebenwirkungen verstärkt zu beachten sind.
Beteiligt an der Studie waren maßgeblich Expertinnen und Experten des Instituts für Pflegewissenschaften der Medizinischen Universität Graz. Die enge Einbindung der Pflegewissenschaft spiegelt sich auch in der Datenerhebung wider: Die Befunde beruhen auf Beobachtungen geschulter Pflegekräfte im Stationsalltag und nicht auf administrativen Abrechnungsdaten.
Die Autorinnen und Autoren weisen zudem darauf hin, dass die Erhebungen zwischen 2021 und 2023 stattfanden und damit einen Zeitraum abdecken, in dem Spitäler in Österreich unter den Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie standen. Sie ziehen daraus jedoch keinen direkten Vergleich zu Phasen außerhalb dieses Zeitfensters.
Blick auf künftige Qualitätsinitiativen
Insgesamt liefert die Studie eine nüchterne Bestandsaufnahme: Schmerztherapie im Spital ist in Österreich derzeit überwiegend eine medikamentöse Therapie, ergänzt durch Physiotherapie. Andere nicht-pharmakologische Angebote wie etwa Entspannungsverfahren, Kälte- oder Wärmeanwendungen oder psychologische Begleitung spielen im Stationsalltag bislang eine untergeordnete Rolle.
Die Forscherinnen und Forscher verbinden mit der Veröffentlichung die Erwartung, dass Spitäler, Fachgesellschaften und Gesundheitspolitik die dokumentierte Praxis zum Anlass nehmen, bestehende Leitlinien zu überprüfen und nicht-medikamentöse Verfahren stärker in den Versorgungsalltag zu integrieren. Ob dies gelingt, werden künftige Erhebungen des österreichischen Pflegequalitätsmesssystems zeigen können.
Mit der Publikation steht zugleich ein Referenzwert zur Verfügung, an dem spätere Auswertungen ansetzen können. Sollten sich Anteile nicht-pharmakologischer Interventionen in den nächsten Jahren erhöhen, ließen sich Veränderungen sichtbar machen. Bleiben sie niedrig, wäre dies ein Signal dafür, dass bisherige Empfehlungen im Versorgungsalltag noch nicht ausreichend ankommen.
Fragen & Antworten
Was hat die Studie im Fachjournal „Pain Management Nursing" untersucht?
Die Studie wertete Daten aus drei jährlichen Erhebungen des österreichischen Pflegequalitätsmesssystems zwischen 2021 und 2023 aus und bezog 2118 Patienten mit akuten sowie 955 Patienten mit chronischen Schmerzen ein.
Welche Rolle spielen Medikamente in der Schmerztherapie österreichischer Spitäler?
Laut Studie kamen medikamentöse Behandlungen bei 90 Prozent der Patienten mit akuten und bei 86 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen zum Einsatz; bei chronischen Schmerzen wurden häufiger Opioide verwendet.
Wie häufig sind nicht-medikamentöse Verfahren wie Physiotherapie?
Physiotherapie wurde in beiden Gruppen in rund 40 Prozent der Fälle eingesetzt; alle weiteren nicht-pharmakologischen Interventionen kamen in weniger als zehn Prozent der Fälle zur Anwendung.
Schmerztherapie Spital: Studie Graz zeigt Medikamenten-Fokus | nachrichten360