Sipri-Jahrbuch: Zahl einsatzbereiter Atomwaffen steigt – China rüstet am schnellsten auf
●Aktualisiert · 204 neue Entwicklungen seit 07.06.2026
Stockholm, 08 Juni 2026
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Kurzfassung
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt in seinem neuen Jahrbuch vor einem neuen nuklearen Wettrüsten. Die Zahl der militärisch nutzbaren Atomsprengköpfe ist leicht gestiegen, während China sein Arsenal schneller ausbaut als jeder andere Atomwaffenstaat.
Stockholm, 08 Juni 2026
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt in seinem neuen Jahrbuch vor einer wachsenden Rolle von Atomwaffen in der internationalen Sicherheitspolitik und einem Anstieg der militärisch nutzbaren Nuklearwaffen weltweit.
Update vom 8. Juni 2026: Der Sipri-Jahresbericht 2026 beziffert die Zahl der weltweit einsatzbereiten Atomsprengköpfe auf 9.745 – nach 9.614 im Vorjahr. Die Friedensforscher sehen den Anstieg als Beleg für ein neues nukleares Wettrüsten, an dem sich alle neun Atommächte beteiligen.
Insgesamt schätzt Sipri den weltweiten Bestand an Atomsprengköpfen Anfang 2026 auf 12.187, nach 12.241 Anfang 2025. Rund 4.012 Sprengköpfe sind demnach bereits auf Raketen oder Flugzeugen stationiert, zwischen 2.100 und 2.200 befinden sich in höchster Alarmbereitschaft auf ballistischen Raketen – fast alle davon im Besitz der USA und Russlands, in geringerem Maße Großbritanniens und Frankreichs.
Was ist neu seit dem 7. Juni 2026
Was ist neu seit dem 7. Juni 2026
Im aktuellen Bericht hebt Sipri hervor, dass die Demontage ausgemusterter Sprengköpfe durch Russland und die USA erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges geringer ausfällt als die Stationierung neuer Atomwaffen. Zudem beziffert das Institut Chinas Arsenal auf rund 620 Sprengköpfe und stuft es als das am schnellsten wachsende Arsenal unter den Nuklearmächten ein. Diese neuen Zahlen ergänzen das Bild, das bereits in der gestrigen Berichterstattung gezeichnet wurde, und verschärfen die Warnung der Forscher.
Die neun Nuklearmächte sind nach Angaben von Sipri die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Russland besitzt demnach 5.420 Sprengköpfe, die USA 5.042 – zusammen etwa 83 Prozent des weltweiten Bestands. China verfügte Anfang 2025 über schätzungsweise 500 Sprengköpfe, das Land präsentierte bei seiner Militärparade 2025 mehrere neue Nuklearsysteme.
Sipri-Direktor Karim Haggag sagte, einflussreiche Stimmen, darunter einige Staats- und Regierungschefs, propagierten Atomwaffen als Garantie gegen Angriffe feindlicher Staaten. "Eine stärkere Abhängigkeit nationaler Verteidigungs- und Sicherheitsstrategien von Atomwaffen könnte die nuklearen Risiken jedoch erheblich erhöhen", erklärte Haggag. Die Friedensforscher kritisierten, die Staaten setzten Atomwaffen zunehmend als Instrumente nationaler Machtpolitik ein und machten damit jahrzehntelange Bemühungen um eine Verringerung rückgängig.
Sipri-Experte Matt Korda sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir stecken bereits mitten in einem neuen nuklearen Wettrüsten." Jeder Nuklearstaat baue sein Arsenal entweder quantitativ oder qualitativ aus – und manche täten beides. Die Modernisierung löse eine Kettenreaktion aus, in der die Maßnahmen eines Landes zu ähnlichen Schritten in anderen Nuklearstaaten führten. "Dieser Kreislauf ist extrem schwer zu durchbrechen", sagte Korda.
Wegfall zentraler Rüstungskontrollverträge
Wegfall zentraler Rüstungskontrollverträge
Anfang Februar 2026 lief das "New-Start"-Abkommen zwischen den USA und Russland aus. Damit endete nach Sipri-Angaben ein über 50-jähriges Abkommen zwischen den beiden Atommächten, das eine gegenseitige Rüstungskontrolle vorsah. Die USA und Russland unterliegen derzeit keinerlei gegenseitigen Beschränkungen oder Kontrollen ihrer nuklearen Streitkräfte. Sipri-Forscher Hans Kristensen erklärte, die Atommächte ließen ihre Abrüstungsverpflichtungen zunehmend außer Acht und ließen stattdessen "ihre nuklearen Muskeln spielen".
China baut sein Arsenal am schnellsten aus
Haggag sagte: "Wir erleben gerade den Zusammenbruch der nuklearen Rüstungskontrolle." Im Kalten Krieg seien Atomwaffen ein zentraler Bestandteil gewesen, um das Gleichgewicht zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion zu sichern – gestützt nicht nur auf militärische Fähigkeiten, sondern auch auf ein ausgefeiltes System der Rüstungskontrolle. Heute gerate genau dieses System ins Wanken.
China baut sein Arsenal am schnellsten aus
Russlands nukleare Drohgebärden
China baut sein Arsenal nach Sipri-Schätzungen schneller aus als jedes andere Land und verfügte Anfang 2026 über rund 620 Sprengköpfe. Nach Einschätzung des Instituts könnte China bis Ende des Jahrzehnts über ebenso viele landgestützte Interkontinentalraketen verfügen wie Russland oder die USA. Selbst bei einem Bestand von mehr als 1.000 Sprengköpfen würde China jedoch nur etwa ein Viertel der derzeitigen russischen oder amerikanischen Bestände erreichen.
Das US-Programm zur Modernisierung von Nuklearwaffen kam 2025 nach Sipri-Angaben zwar voran, blieb jedoch von Planungs- und Finanzierungsproblemen geprägt. Zusätzlichen Kostendruck erzeuge das von US-Präsident Donald Trump geplante Raketenabwehrsystem "Golden Dome", dessen Kosten auf rund 1,2 Billionen US-Dollar in den kommenden 20 Jahren geschätzt werden.
Weitere Atommächte und regionale Dynamik
Russlands nukleare Drohgebärden
Europa unter Druck
Russlands Präsident Wladimir Putin sagte: "Der Einsatz von Atomwaffen ist eine extreme, außergewöhnliche Maßnahme." Zugleich schreckte der Kreml nicht vor Drohungen zurück: "Wir haben ihn hart getroffen, vielleicht müssen wir noch härter zuschlagen." US-Präsident Donald Trump erklärte: "Wir werden nicht zulassen, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt."
Russland stationierte im vergangenen Jahr die neueste nuklearfähige Hyperschallrakete Oreschnik in Belarus. Mitte Mai 2026 trainierten russische Soldaten gemeinsam mit belarussischen Soldaten den Einsatz von Atomwaffen. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sagte im März, sein Land wäre mit einem eigenen Nukleararsenal sicherer. In der Ukraine bedauern viele, ihre Atomwaffen 1996 an Russland übergeben zu haben.
Weitere Atommächte und regionale Dynamik
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron signalisierte, dass die französischen Atomwaffen künftig auch Norwegen, Litauen und Polen Schutz bieten könnten. Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif erklärte, Pakistan könne seine nuklearen Fähigkeiten dem Partnerstaat Saudi-Arabien "zur Verfügung stellen". In Südkorea fordern führende Politiker seit Jahren, eigene Atomwaffen in Erwägung zu ziehen.
Nordkorea hat nach Sipri-Schätzungen möglicherweise bereits rund 60 Sprengköpfe zusammengebaut und verfügt über ausreichend spaltbares Material für mindestens 30 weitere. Indien und Pakistan hätten ihre Atomprogramme ebenfalls weiterentwickelt, obwohl beide Staaten nach einem kurzen militärischen Konflikt im Mai 2025 Maßnahmen zur Vermeidung einer Eskalation ergriffen hätten.
Europa unter Druck
Haggag sagte, Europa sei "mit einem deutlich komplexeren Sicherheitsumfeld" konfrontiert. Die Beziehungen zwischen den USA und Europa veränderten sich: Europa müsse sich nun mit den Auswirkungen großmachtpolitischer Konkurrenz auseinandersetzen, die weitreichende Folgen für die europäische Sicherheit hätten. Sipri-Experte Korda sagte, im vergangenen Jahr seien die Anfänge einer Ausweitung der Partnerschaft zur Lastenteilung im Nuklearbereich beobachtet worden, an der Frankreich, Großbritannien und mehrere andere Länder, darunter Deutschland, beteiligt seien.
Angriffe der USA und Israels auf iranische Atomanlagen könnten nach Einschätzung von Sipri diejenigen im Iran stärken, die eine Atombombe bauen wollen. Die Anti-Atomwaffen-Kampagne Ican mit Sitz in Genf will am Tag nach der Veröffentlichung des Sipri-Berichts ihren eigenen Report vorstellen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Sipri vor einem "gefährlichen nuklearen Wettrüsten" gewarnt. Diese Nachricht wurde am 08.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Reaktionen und Ausblick
Sipri sieht die wachsenden nuklearen Gefahren "wegen Fortschritten in der Waffentechnologie, dem Zusammenbruch nuklearer Rüstungskontrolle und erhöhter geopolitischer Spannungen". "Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren umkehren, da sich das Tempo der Abrüstung verlangsamt, während die Stationierung neuer Atomwaffen zunimmt", berichtete das Institut. Die Friedensforscherinnen und -forscher mahnten, Atomwaffen seien keine verlässliche Sicherheitsgarantie, sondern erhöhten das Risiko eines nuklearen Konflikts.
Die Nachrichtenagentur dpa und der Deutschlandfunk hatten über den Bericht berichtet. Die Veröffentlichung des Jahrbuchs fällt in eine Phase wachsender Spannungen zwischen den Großmächten. Die Entwicklungen in den kommenden Monaten – insbesondere Verhandlungen über mögliche Nachfolgeabkommen für New START und die Stationierung neuer Waffensysteme – werden zeigen, ob die Trendwende in der nuklearen Rüstungskontrolle gestoppt werden kann.
Fragen & Antworten
Wie viele Atomwaffen gibt es laut Sipri weltweit?
Anfang 2026 schätzt das Sipri die Zahl der Atomsprengköpfe weltweit auf rund 12.187, davon etwa 9.745 in militärischen Beständen für einen möglichen Einsatz. Mehr als im Vorjahr sind etwa 4.012 Sprengköpfe auf Raketen oder Flugzeugen stationiert.
Welche Länder gelten als Atommächte?
Sipri benennt neun Nuklearmächte: die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Russland und die USA besitzen zusammen rund 83 Prozent aller Sprengköpfe.
Warum warnt Sipri vor einem neuen Wettrüsten?
Sipri kritisiert, dass Atomwaffenstaaten ihre Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigten und Atomwaffen als Instrumente der Machtpolitik einsetzten. Erstmals seit dem Kalten Krieg werde weniger altes nukleares Material demontiert als neue Waffen stationiert, heißt es im neuen Jahrbuch.
Sipri-Jahrbuch 2026: Atomwaffen weltweit auf dem Vormarsch | nachrichten360