Siedlergewalt im Westjordanland: Moscheen in Brand gestellt, vier Palästinenser und zwei Israelis getötet
Haifa, 26. Juli 2026
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Kurzfassung
Nach einem Schusswechsel mit vier getöteten Palästinensern und zwei getöteten israelischen Soldaten haben bewaffnete Siedler im Westjordanland Moscheen, Häuser und Fahrzeuge in Brand gesteckt. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu kündigte eine Verstärkung der Truppen und neue Siedlungen an.
Bewaffnete israelische Siedler haben am Freitag im nördlichen Westjordanland zwei Moscheen, ein Haus und Fahrzeuge angezündet und mit hebräischen Graffiti-Schmierereien versehen, während bei einem Schusswechsel nahe dem Dorf Tal vier Palästinenser und zwei israelische Soldaten getötet wurden.
Lage am Boden: Brandstiftung und Schusswechsel
Bei den Vorfällen, die sich am Freitag im Raum Nablus und Tulkarm ereigneten, handelt es sich nach Angaben palästinensischer und israelischer Quellen um eine koordinierte Vergeltungswelle radikaler Siedler. Laut palästinensischen Medien setzten radikale Siedler zudem zwei Moscheen, ein Haus sowie Fahrzeuge im Westjordanland in Brand. In dem Dorf Kusra südöstlich von Nablus legten Angreifer nach Angaben des Dorfratsvorsitzenden Abdel Asim Wadi eine neu errichtete Moschee in Schutt und Asche. Auch im Dorf Kur südöstlich von Tulkarm versuchten drei Siedler im Morgengrauen, eine Moschee anzuzünden, wie das Ratsmitglied Farid Dschijusi berichtete.
An den Wänden der zerstörten oder beschädigten Gotteshäuser sprayten die Täter hebräische Parolen, darunter die Aufschrift "Jüdisches Blut ist nicht gratis", das Wort "Anarchie" sowie den Schriftzug "Benayahus Rache". Letzterer nimmt Bezug auf Benayahu Mellet, eines der beiden israelischen Opfer des Schusswechsels vom Freitag im Dorf Tal. In beiden Moscheen wurde zudem hebräische Schmierereien angebracht, die palästinensische Anwohner dokumentierten.
Hintergründe der Gewalt
Der Schusswechsel selbst hatte sich am Freitag ereignet, als nach Augenzeugenberichten rund 20 bewaffnete israelische Siedler in das Gebiet des palästinensischen Dorfes Tel südwestlich von Nablus eindrangen. Bei dem folgenden Gefecht wurden vier Palästinenser und zwei israelische Soldaten getötet. Das israelische Militär hatte zunächst erklärt, bei der Siedlergruppe habe es sich um Wanderer gehandelt, die beschossen worden seien; später räumte es ein, dass einige der Israelis bewaffnet gewesen seien.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ordnete daraufhin eine Verstärkung der Truppen im Westjordanland an. "Das Militär verlegte eigenen Angaben zufolge zudem weitere Soldaten in das besetzte Palästinensergebiet", hieß es aus dem Militär. Die Armee sperrte nach Augenzeugenberichten sämtliche Zugänge zur Stadt Nablus, was die medizinische Versorgung der Bevölkerung schwerwiegend behinderte.
Reaktion der israelischen Regierung
Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din wirft der Armee vor, bei solchen Angriffen nicht entschlossen genug einzugreifen. Sprecherin Hagit Ofran sagte: "Das ermutige die gewaltbereiten Banden nur, sich zu weiteren Übergriffen zu verabreden". Die Organisation dokumentiert zudem, dass für die Täter kaum strafrechtliche Konsequenzen drohen. "Es gibt kaum Berichte darüber, dass Siedler nach Attacken zur Rechenschaft gezogen werden", kritisierte Yesh Din.
Der frühere israelische Generalmajor Giora Eiland bezeichnete die Lage im Westjordanland als "Anarchie". Auch innerhalb der Armee wachse die Klage, dass die im Westjordanland stationierten Einheiten mit der Fülle der Gewaltvorfälle überfordert seien. Der Armee wird immer wieder vorgeworfen, sie gehe nicht entschlossen genug gegen radikale Siedler vor, die Palästinenser und deren Besitz angreifen.
Vorwürfe gegen die Armee
Netanyahu, der im Oktober eine Parlamentswahl anstrebt, kündigte parallel zur Truppenverstärkung die Genehmigung weiterer israelischer Siedlungen im Westjordanland an, um die Sicherheit zu erhöhen. Auch neue landwirtschaftliche Außenposten sollten geschaffen und bestehende rasch legalisiert werden, erklärte der Regierungschef. Israelischer Finanzminister Bezalel Smotrich gilt als Hardliner, der eine beschleunigte Annexion des Westjordanlands durch Israel fordert.
Die Armee kündigte an, mit Zeugen sprechen und Beweismittel für Ermittlungen sichern zu wollen. "Israels Sicherheitskräfte wollen den Angaben zufolge mit Zeugen sprechen und Beweismittel für Ermittlungen sichern", berichtete das Militär. In einer Erklärung hieß es: "Die Sicherheitskräfte verurteilen Vorfälle dieser Art, einschließlich der Beschädigung religiöser Stätten, aufs Schärfste und werden weiterhin entschlossen handeln, um die Sicherheit und die öffentliche Ordnung in dem Gebiet aufrechtzuerhalten".
Die Armee fahndete nach eigenen Angaben in mehreren Orten nach flüchtigen Verdächtigen, die eine Moschee sowie Fahrzeuge angezündet hätten. "Das Militär habe zudem mit Verzögerung eine Meldung über eine weitere in Brand gesetzte Moschee erhalten." Israels Armee verurteile "solche Vorfälle, einschließlich der Beschädigung religiöser Stätten, aufs Schärfste".
Festnahmen und Folgen
Israels Armee nahm eigenen Angaben zufolge anschließend Dutzende "gesuchte Verdächtige" fest. Darunter sollen Mitglieder der Hamas sein. Bei den Verhaftungen handelt es sich laut Armee um Verdächtige aus den Reihen radikaler palästinensischer Gruppen, die für Anschläge verantwortlich gemacht werden. Die israelische Armee sagte auf Anfrage, dass bei den Vorfällen keine Verletzten gemeldet worden seien – diese Angabe steht im Widerspruch zu Berichten über Verletzte.
Die Folgen der Gewalt beschränken sich nicht auf die direkten Angriffe. Die Organisation Physicians for Human Rights (PHRI) erklärte, der Rettungsdienst im Distrikt Nablus sei durch die Sperrungen praktisch zum Erliegen gekommen. "Two women had to give birth in ambulances because they were stuck at military checkpoints", berichtete PHRI. Dialysepatienten seien an Kontrollpunkten auf dem Weg zur Behandlung stecken geblieben.
Medizinische Versorgung und humanitäre Folgen
Die Palästinensische Nachrichtenagentur WAFA meldete heute mehrere verletzte palästinensische Arbeiter nach einem Angriff radikaler israelischer Siedler in der Nähe der Stadt Ramallah in der Nacht. Auch in dem Dorf Kur hatten die Gläubigen eigenen Angaben zufolge die Flammen noch vor dem Erreichen des Hauptschiffs löschen können – ein seltenes Beispiel gelungener Selbsthilfe.
Internationaler Kontext
Der Hintergrund der Gewalt reicht weit zurück. Das Westjordanland wurde 1967 im Sechstagekrieg von Israel besetzt. Die meisten UN-Mitgliedstaaten teilen die Einschätzung, dass die israelischen Siedlungen gegen das Völkerrecht verstoßen. Auch die Vereinten Nationen bewerten die Siedlungen als rechtswidrig – eine Position, die von der großen Mehrheit der Staaten weltweit geteilt wird. Israelische Siedlungen im Westjordanland sind international nicht anerkannt. Solche Außenposten sind nach israelischem Recht illegal.
Angriffe von Siedlern auf Palästinenser haben sich nach Beginn des Krieges gegen die Hamas im Gazastreifen im Oktober 2023 deutlich verschärft. Seit Jahresbeginn wurden nach Angaben des Berichts 21 Palästinenser bei solchen Siedlerangriffen getötet. Den UN und der Palästinensischen Autonomiebehörde zufolge wurden in diesem Jahr Dutzende Palästinenser bei Siedlerzusammenstößen getötet und Hunderte verletzt. In dem Konflikt im Gazastreifen, dem ein Hamas-Angriff auf Ziele in Israel mit 1.200 Toten nach israelischen Angaben vorausging, wurden nach palästinensischen Angaben mehr als 73.000 Menschen durch israelische Angriffe getötet.
Die Bewohner der betroffenen Dörfer schildern eine Zunahme der Angriffe. Dorfratsvorsitzender Wadi sagte: "Das Dorf ist seit 2011 wiederholt angegriffen worden" und fügte hinzu: "Diese Angriffe haben seit dem Krieg zugenommen". Farid Dschijusi aus Kur betonte: "Dies ist der erste Angriff, den unser Dorf erlebt hat". Palästinenser streben einen unabhängigen Staat im Gazastreifen, im Westjordanland und in Ost-Jerusalem an – ein Ziel, das durch die jüngste Gewalt weiter in die Ferne rückt. Der Bericht wurde am 26. Juli 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt und von Maria Sterkl aus Haifa verfasst.
Fragen & Antworten
Was ist in Kusra und Kur im Westjordanland passiert?
In Kusra südöstlich von Nablus setzten Siedler nach Angaben des Dorfratsvorsitzenden Abdel Asim Wadi eine neu errichtete Moschee in Brand. Im Dorf Kur südöstlich von Tulkarm versuchten drei Siedler im Morgengrauen, eine weitere Moschee anzuzünden; Gläubige konnten die Flammen jedoch löschen.
Wie reagiert die israelische Regierung auf die Angriffe?
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ordnete eine Truppenverstärkung im Westjordanland an und kündigte die Genehmigung weiterer Siedlungen sowie neuer landwirtschaftlicher Außenposten an. Die Armee sperrte zudem alle Zugänge zur Stadt Nablus.
Welche Rolle spielt Finanzminister Bezalel Smotrich in dem Konflikt?
Bezalel Smotrich wird als Hardliner beschrieben, der eine beschleunigte Annexion des Westjordanlands durch Israel fordert. Er gehört zu den Stimmen innerhalb der Regierung, die eine Ausweitung der israelischen Kontrolle über das Gebiet vorantreiben.