Salzgitter übernimmt HKM vollständig – rund 2000 Stellen sollen bis Ende 2028 wegfallen
Duisburg, 10 Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Die Salzgitter AG übernimmt das Duisburger Stahlwerk HKM vollständig von Thyssenkrupp Steel Europe und Vallourec. Dabei sollen die rund 3000 Arbeitsplätze bis Ende 2028 auf etwa 1000 reduziert werden; als Alternative wäre laut Unternehmen nur eine komplette Schließung geblieben.
Duisburg, 10 Juli 2026
Die Salzgitter AG übernimmt die Duisburger Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) vollständig und will die Belegschaft des Stahlwerks von derzeit rund 3000 Beschäftigten bis Ende 2028 auf etwa 1000 Stellen reduzieren.
Die Ankündigung markiert das Ende eines mehrmonatigen Verhandlungsmarathons. Wie Salzgitter am Donnerstag mitteilte, hat sich das Unternehmen mit den bisherigen Miteigentümern Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) und dem französischen Rohrhersteller Vallourec auf den vollständigen Erwerb des Gemeinschaftswerks geeinigt. „Wir sind froh, dass wir nun für alle Beteiligten eine zufriedenstellende Lösung gefunden haben“, erklärte Salzgitter-Chef Gunnar Groebler. Der Konzern aus Niedersachsen werde damit „die volle Verantwortung bei HKM“ übernehmen, teilte das Unternehmen weiter mit.
Hintergrund: Vom Gemeinschaftswerk zur Salzgitter-Tochter
Im Kern geht es um einen tiefgreifenden Umbau des traditionsreichen Hüttenwerks im Duisburger Süden. Salzgitter plant den Bau eines Elektrolichtbogenofens, der mit Strom und nicht mehr mit Kohle betrieben wird und damit deutlich weniger CO2 ausstößt. Die Umstellung ist Teil des erklärten Ziels des Konzerns, die CO2-Emissionen der Stahlproduktion „langfristig um 90 Prozent zu senken“. Der Standort soll, so Groebler, „mit einem klaren Plan und voller Ausrichtung auf die grüne Transformation fit für die bevorstehenden Herausforderungen gemacht werden“.
Doch der ökologische Neuanfang hat einen hohen sozialen Preis. Nach den Plänen des neuen Eigentümers wird die Belegschaft von aktuell rund 3000 Beschäftigten auf etwa 1000 Stellen Ende 2028 zusammengestrichen. Das entspricht einem Abbau von rund zwei Dritteln der Arbeitsplätze innerhalb von nur zweieinhalb Jahren. Die Salzgitter-Personalvorständin Birgit Dietze sprach von einem „schweren, aber notwendigen Schritt“ und erklärte zugleich, der Umbau solle „grundsätzlich sozialverträglich“ gestaltet werden. Konkrete Zahlen zu Sozialplänen oder Abfindungen wurden nicht genannt.
Belegschaft: Tausende Jobs stehen auf der Kippe
Die Vertragsparteien haben zudem Stillschweigen über die Details der Einigung vereinbart. So wurde weder der Kaufpreis für die restlichen 70 Prozent der Anteile – bislang hielt TKSE 50 Prozent, Salzgitter 30 Prozent und Vallourec 20 Prozent – öffentlich gemacht, noch wurden Angaben zu Umstrukturierungskosten veröffentlicht. Salzgitter begründet die Zurückhaltung mit dem Wunsch, den laufenden Prozess nicht zu belasten.
Die Chefseite bei Thyssenkrupp Stahl sieht den Deal vor allem als Befreiungsschlag. Marie Jaroni, Chefin der Thyssenkrupp-Stahlsparte TKSE, bezeichnete die Einigung als „wichtigen Meilenstein für alle Beteiligten“. TKSE könne sich nun auf den eigenen Standort im Duisburger Norden konzentrieren und dort „die Auslastung, Effizienz und Wirtschaftlichkeit nachhaltig steigern“. Die Belieferung durch HKM war ursprünglich bis 2032 vorgesehen und wird nun nur noch bis Ende 2028 fortgeführt.
Die Gewerkschaft IG Metall bewertete den geplanten Jobabbau als „bitter“, zeigte sich aber gleichzeitig erleichtert, dass der Standort insgesamt erhalten bleibt. Ein Sprecher erklärte, immerhin 1000 „gut abgesicherte industrielle Arbeitsplätze in NRW“ würden fortbestehen. Die Alternative wäre nach Darstellung des Unternehmens eine „komplette Schließung des Duisburger Hüttenwerks“ gewesen.
Strategie: Grüner Stahl aus Duisburg
Salzgitter hatte den Einstieg bereits zu Beginn des Jahres angekündigt; nun ist die Einigung „endgültig“, wie es aus dem Unternehmen heißt. Mit dem Vollzug der Transaktion wird HKM vollständige Tochter des niedersächsischen Konzerns. Der schwächelnde Stahlkocher, der seit Jahren unter hohen Energiekosten und einem schwierigen Marktumfeld leidet, soll unter neuer Regie Schritt für Schritt transformiert werden.
Analysten reagierten verhalten. Cole Hathorn von Jefferies bestätigte sein Kursziel von 55 Euro und beließ das Rating auf „Hold“; er rechne mit weiteren Aussagen zur Veröffentlichung der Quartalszahlen am 11. August. Die Deutsche Bank hatte Salzgitter bereits am 28. Mai 2026 auf „Buy“ eingestuft, die DZ Bank am 19. Mai auf „Halten“. Die Aktie notierte am Donnerstag im Verlauf deutlich im Minus, nachdem die Dimension des Stellenabbaus bekannt geworden war; sie erholte sich im weiteren Verlauf teilweise.
Marktreaktion: Analysten bleiben vorsichtig
Mit dem Verkauf verabschiedet sich Thyssenkrupp nun auch formal aus einem weiteren Stück seiner Stahlvergangenheit. Die Gesellschaft war über Jahrzehnte eng mit dem Namen HKM – Hüttenwerke Krupp Mannesmann – verbunden. Der Ausstieg ist Teil eines umfassenden strategischen Kurswechsels des Gesamtkonzerns, der sich aus dem Stahlgeschäft zurückzieht. Die Zukunft von HKM liegt künftig in Salzgitters Hand – und damit auch in der Verantwortung, den Spagat zwischen Klimazielen, Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Verantwortung in der Region auszubalancieren.
Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Betriebsrat und Gewerkschaft müssen nun mit dem neuen Eigentümer über die konkrete Ausgestaltung des Stellenabbaus verhandeln. Auch die Frage, wie viele Beschäftigte am Ende tatsächlich übernommen werden und welche Tätigkeiten am Standort Duisburg-Süd nach 2028 noch verbleiben, ist noch nicht abschließend beantwortet. Beobachter warten vor allem auf die Quartalsbilanz im August, in der Salzgitter weitere Details zur Übernahme und zum geplanten Investitionsprogramm erwarten lässt.
Die Sorge vor Ort ist groß. In Duisburg ist die Stahlindustrie seit mehr als einem Jahrhundert ein prägender Wirtschaftsfaktor; jeder wegfallende Arbeitsplatz wiegt in der Region schwer. Die Beschäftigten, die ihren Job verlieren, sollen nach Salzgitters Worten zumindest nicht ohne Perspektive dastehen. Was das in der Praxis heißt, werde, so die Beteiligten, in den kommenden Verhandlungen geklärt.
Ausblick: Verhandlungen über Sozialplan beginnen
Fest steht bereits jetzt: Mit dem 1. Januar 2029 wird HKM nur noch ein Drittel seiner heutigen Belegschaft haben. Der Standort bleibt – aber er wird ein anderer sein.
Was bleibt, ist ein Zwiespalt: Einerseits wird ein Werk gerettet, das andernfalls vor dem Aus gestanden hätte. Andererseits verschwindet ein erheblicher Teil der industriellen Beschäftigung in einer Region, die ohnehin mit dem Strukturwandel kämpft. Beide Seiten, Konzern und Gewerkschaft, betonen, dass es keine bessere Alternative gegeben habe. Für die betroffenen Beschäftigten ist dieser Befund ein schwacher Trost.
Fragen & Antworten
Wer erwirbt das Stahlwerk HKM in Duisburg?
Die Salzgitter AG übernimmt die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) vollständig von den bisherigen Miteigentümern Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) und dem französischen Rohrhersteller Vallourec und wird damit Alleineigentümerin.
Wie viele Arbeitsplätze sind bei HKM vom Abbau betroffen?
Nach den Plänen des neuen Eigentümers soll die Belegschaft von derzeit rund 3000 Beschäftigten bis Ende 2028 auf etwa 1000 Stellen reduziert werden – rund 2000 Arbeitsplätze fallen damit weg.
Warum kommt es überhaupt zu dem Stellenabbau?
Salzgitter erklärte, die alleinige Übernahme ohne den schmerzhaften Stellenabbau nicht vollziehen zu können; die Alternative wäre laut Unternehmen eine komplette Schließung des Duisburger Hüttenwerks gewesen.
Salzgitter übernimmt HKM – 2000 Jobs fallen weg | nachrichten360