Russischer Drohnenangriff trifft Lager für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone von Tschernobyl
Kiew/London, 07. Juni 2026
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Kurzfassung
Bei einem russischen Drohnenangriff ist in der Nacht ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl getroffen worden. IAEA-Chef Rafael Grossi sprach von einem äusserst besorgniserregenden Vorfall und kündigte eine Inspektion an.
Kiew/London, 07. Juni 2026
Bei einem russischen Drohnenangriff in der Nacht ist nach ukrainischen Angaben ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl getroffen und teilweise zerstört worden.
Schaden am Gebäude und Entwarnung bei der Strahlung
Der ukrainische Staatskonzern Energoatom teilte mit, dass das Gebäude für die Annahme von Behältern bei dem Angriff in der Nacht teilweise zerstört worden sei. «Das Gebäude für die Annahme von Behältern sei bei dem Angriff in der Nacht teilweise zerstört worden», teilte das Unternehmen mit. Verletzte gab es nach Angaben des ukrainischen Generalstabs und der staatlichen Atomaufsicht zunächst nicht.
Nach Angaben von Energoatom war in dem getroffenen Gebäude zum Zeitpunkt des Angriffs kein abgebrannter Atombrennstoff gelagert. «Es sei dort kein abgebrannter Atombrennstoff gelagert worden», erklärte der Staatskonzern. Allerdings lagerten sich nur wenige Meter entfernt grosse Mengen nuklearen Materials in der Anlage, wie IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi betonte.
Ein ausgebrochenes Feuer breitete sich laut Energoatom über eine Fläche von etwa 40 Quadratmetern aus, konnte jedoch gelöscht werden. Sowohl Energoatom als auch die ukrainische Atomaufsicht erklärten, die Strahlenwerte lägen innerhalb der festgelegten Grenzwerte. «Die Strahlungswerte seien stabil geblieben und es gebe keine Berichte über Verletzte», hiess es aus Kiew.
IAEA kündigt Inspektionsteam an
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, dass sie von ukrainischer Seite über die «erheblichen Schäden» an dem Gebäude informiert worden sei. Betroffen seien demnach die Fassade, die Fenster und Türen. Auch benachbarte Gebäude seien durch die Druckwelle in Mitleidenschaft gezogen worden. «Ein IAEA-Team werde die Anlage in Kürze besuchen, um die Auswirkungen zu begutachten», teilte die Behörde mit.
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärte auf der Plattform X, der Vorfall sei äusserst besorgniserregend, da er sich in einer Liegenschaft ereignet habe, wo grosse Mengen an Atommaterial gelagert seien – nur wenige Meter vom angegriffenen Gebäude entfernt. Zudem bezeichnete die IAEA den Vorfall als «zutiefst beunruhigend».
Grossi sagte weiter, Angriffe auf atomtechnische Anlagen seien völlig inakzeptabel und verstiessen direkt gegen zentrale Grundsätze der nuklearen Sicherheit während eines militärischen Konflikts. In einer früheren Stellungnahme hatte er zudem gewarnt: «Angriffe auf Atomanlagen seien wie ein Spiel mit dem Feuer». Die IAEA kündigte an, ein Experten-Team zu entsenden, um die Schäden zu inspizieren.
Hintergrund: Das Lager in der Sperrzone
Das zentrale Zwischenlager in der Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl dient der langfristigen Aufbewahrung von abgebrannten Brennelementen aus anderen ukrainischen Atomkraftwerken. Bereits im vorigen Jahr war der neue Sarkophag des Unglücksreaktors von Tschernobyl, der den 1986 havarierten Reaktor sichert, von einer russischen Drohne getroffen und nachhaltig beschädigt worden.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte auf X, dass eines der Gebäude der zentralen Zwischenlageranlage für abgebrannte Brennelemente von einer Drohne getroffen worden sei. Russland habe eine Anlage der «kritischen Infrastruktur» gezielt angegriffen, sagte er. Selenskyj sprach von einem «ausserordentlich hinterhältigen russischen Angriff» und kritisierte Russland scharf: Selenskyj sprach von einer «Überschreitung der ohnehin schon himmelhohen Unverschämtheit». Der Angriff sei ein Beleg für die «Dreistigkeit» Russlands.
Der ukrainische Aussenminister Andrij Sybiha erklärte auf X, es sei «nicht das erste Mal, dass russische Streitkräfte die ukrainischen Atomanlagen in Gefahr bringen». Das russische Verteidigungsministerium erklärte lediglich, es seien Angriffe auf Ziele ausgeführt worden, die im Zusammenhang mit der ukrainischen Armee stünden. Eine Stellungnahme zum konkreten Treffer in Tschernobyl blieb aus.
Reaktionen aus Kiew und Moskau
Die Tschernobyl-Anlage war am 26. April 1986 Schauplatz des bislang schwersten nuklearen Unfalls (INES-Stufe 7). Damals war in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine ein Test im AKW Tschernobyl ausser Kontrolle geraten. Radioaktive Wolken breiteten sich abgeschwächt bis nach Nord- und Westeuropa aus. Das Unglück jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal.
Londoner Treffen der Staats- und Regierungschefs
Parallel zum Drohnenangriff auf das Brennelemente-Lager wurde in London ein Treffen vorbereitet, an dem am Abend der britische Premier Keir Starmer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzler Friedrich Merz und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilnehmen wollten. Bei dem Treffen sollte es nach Angaben aus Paris unter anderem auch um den verstärkten Druck auf Russland gehen. Im Falle von Verhandlungen über einen Waffenstillstand wollen die Europäer mit am Tisch sitzen. Das Treffen in London soll auch dazu dienen, sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten, hiess es.
Im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, der seit mehr als vier Jahren andauert, ist besonders das AKW Saporischschja im Süden betroffen. Nach einem 15-stündigen Stromausfall war die externe Versorgung von Europas grösstem Kernkraftwerk nach Angaben der IAEA wiederhergestellt worden. Während des Stromausfalls musste die Anlage laut IAEA zur Kühlung ihrer sechs abgeschalteten Reaktoren auf Notstromdieselgeneratoren zurückgreifen.
In derselben Nacht wurden bei erneuten russischen Angriffen auf die Ukraine mindestens zwei Menschen getötet. Wie der Regionalgouverneur der Region Dnipropetrowsk, Oleksandr Hanscha, mitteilte, wurde ein 59-jähriger Mann bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen getötet. Ausserdem sei ein 35-jähriger Mann verletzt und Infrastruktur beschädigt worden. In der südlichen Region Saporischschja wurde zudem ein 56-jähriger Minibusfahrer bei einem Drohnenangriff getötet, wie der staatliche Notdienst berichtete. Bei russischen Angriffen auf ein Dorf in der Region Saporischschja im Süden der Ukraine wurden in der Nacht zum Sonntag mindestens zwei Menschen getötet; drei weitere Menschen seien nahe einer Haltestelle des Nahverkehrs verletzt worden.
Weitere Opfer und Angriffe in der Nacht
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland in der Nacht zum Sonntag 236 Drohnen ein, von denen 215 abgefangen worden seien. Die ukrainische Luftwaffe erklärte zudem, Russland habe in der Nacht mit einer Rakete, sechs Marschflugkörpern und 290 Drohnen angegriffen, von denen 284 abgefangen worden seien; an sieben Orten habe es neun Treffer gegeben, an zehn Orten seien Trümmer niedergegangen. Selenskyj hatte zuvor vor einem möglichen massiven russischen Luftangriff gewarnt: «Die Information des Geheimdienstes über einen möglichen massiven Angriff bleibt aktuell», schrieb er. Er rief die Bevölkerung auf, Luftalarme nicht zu ignorieren.
Selenskyj hatte zudem betont, dass die zuständigen Ministerien und Dienste Kiews Partner über den Vorfall informiert hätten. Bundesauussenminister Johann Wadephul hat der Ukraine nach der Ablehnung eines direkten Treffens durch Russlands Präsidenten Wladimir Putin weitere Unterstützung zugesichert. Deutschlands Hilfe für die Ukraine bleibe unerschütterlich, sagte Wadephul bei einem Besuch in Mexiko-Stadt. Zugleich forderte er Putin erneut auf, Verhandlungen über ein Ende des Krieges aufzunehmen.
Kreml-Chef Putin hatte am Freitag ein von Selenskyj vorgeschlagenes Gipfeltreffen abgelehnt. Der ukrainische Präsident warf Putin daraufhin vor, er wolle den Krieg «einfach nicht beenden». Moskau entscheide sich erneut für den Krieg, sagte Selenskyj und forderte zugleich stärkeren internationalen Druck auf Russland. Zuvor hatte Selenskyj Putin direkte Verhandlungen in einem Drittstaat angeboten.
Putin empfing derweil Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) im Kreml. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax sagte Präsidentenberater Juri Uschakow am Freitagabend, es sei «ein gutes Gespräch» gewesen. Putin hatte Schröder zuletzt als möglichen Vermittler für Gespräche zwischen Russland und Europa ins Spiel gebracht. Der SPD-Aussenpolitiker Ralf Stegner verteidigte das Treffen in der «Tagesspiegel» als «Chance»: «Egal, was man von Gerhard Schröder hält, muss doch jeder anerkennen: Es ist eher eine Chance als ein Risiko, wenn der frühere Bundeskanzler Schröder mit Präsident Putin redet.» Zudem sagte Stegner: «Was bitte soll ein solches Vier-Augen-Gespräch schaden? Ob es am Ende nützen wird, lässt sich heute kaum abschätzen.»
Die gegenseitigen Angriffe hatten sich in den vergangenen Monaten deutlich intensiviert. Bemühungen um eine Beendigung des mehr als vier Jahre andauernden Kriegs unter Vermittlung der USA stocken. Selenskyj hatte am Tag zuvor vor einem neuen massiven russischen Luftangriff gewarnt und eingeräumt, dass es bei der Versorgung mit westlichen Systemen zur Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern Probleme gebe.
Fragen & Antworten
Was genau wurde in der Sperrzone von Tschernobyl getroffen?
Nach Angaben des ukrainischen Staatskonzerns Energoatom wurde bei einem russischen Drohnenangriff in der Nacht ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente getroffen, das zur Annahme von Behältern dient. In dem Gebäude war zum Zeitpunkt des Angriffs kein abgebrannter Atombrennstoff gelagert.
Wie reagiert die Internationale Atomenergiebehörde IAEA?
Die IAEA sprach von einem «zutiefst beunruhigenden» Vorfall und kündigte an, ein Experten-Team zu entsenden, um die Schäden an der Anlage zu inspizieren. Generaldirektor Rafael Grossi erklärte, Angriffe auf Atomanlagen seien völlig inakzeptabel und verstiessen gegen Grundsätze der nuklearen Sicherheit.
Welche Folgen hat der Angriff für die laufenden diplomatischen Bemühungen?
Der Vorfall dürfte beim für den Abend in London geplanten Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz, dem britischen Premier Keir Starmer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zur Sprache kommen; nach Angaben aus Paris soll es dort auch um verstärkten Druck auf Russland gehen.
Tschernobyl: Drohnenangriff auf Atommülllager – IAEA besorgt | nachrichten360