George Russell hat den spannenden Formel-1-Sprint in Montreal gewonnen und sich im packenden Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen Kimi Antonelli durchgesetzt.
Der Brite verwies Antonelli auf Platz zwei, nachdem der 19-jährige Italiener mehrfach attackiert hatte und dabei zweimal von der Strecke abkam. Lando Norris (McLaren) profitierte von den Zweikämpfen der Silberpfeile und wurde Dritter vor Oscar Piastri, Charles Leclerc und Lewis Hamilton.
Mercedes hatte für das Rennwochenende auf dem Circuit Gilles-Villeneuve umfangreiche technische Upgrades mitgebracht. Der Kurs in Montreal sollte zudem dem Fahrstil von Russell mehr entgegenkommen als zuletzt der in Miami, wo Antonelli seinen dritten Saisonsieg in Folge gefeiert hatte.
Schon in der sechsten der 23 Runden krachten die beiden Stallrivalen beinahe zusammen. Antonelli versuchte ein Überholmanöver gegen den hart, aber regelkonform verteidigenden Russell, musste dabei jedoch auf die Grünfläche ausweichen und verlor eine Position an Norris.
Das Sprint-Duell: Rad-an-Rad in Montreal
"Das muss eine Strafe geben, er hat mich rausgedrückt!", schimpfte der WM-Führende sofort über den Funk – bis ihn Teamchef Toto Wolff schließlich zurechtwies: "Kimi, konzentriere dich auf das Autofahren und höre mit dem Jammern am Funk auf!"
Doch damit nicht genug: Wenige Runden vor dem Ziel versuchte Antonelli erneut, Rang zwei von Norris zurückzuerobern, und musste wiederum die Strecke verlassen. Sein Frust entlud sich erneut am Funk: "Wenn wir so Rennen fahren, wird das nichts ..."
"Wir besprechen das nachher – und sicher nicht am Funk", unterbrach Wolff ein weiteres Mal, sichtlich bemüht, die angespannte Situation nicht öffentlich weiter anzuheizen. Später erklärte der Österreicher: "Das Rennen war eine sehr gute Lerngeschichte, wie wir es machen wollen und wie nicht."
Gegenüber Sky ergänzte Wolff mit Blick auf den ehrgeizigen jungen Italiener: "Du kannst nicht erwarten, einen Löwen im Auto zu haben und einen Welpen außerhalb." Er spielte damit auf die Doppelrolle an, die ein Fahrer im Team einnehmen müsse – aggressiv auf der Strecke, aber kontrolliert und teamorientiert abseits.
Funksprüche: Teamchef Wolff greift ein
Die hitzigen Funksprüche weckten bei vielen Beobachtern Erinnerungen an die legendäre Stallrivalität zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg, die bei Mercedes einst für zahlreiche Kollisionen gesorgt hatte. Wolff selbst sagte: "Mein Learning ist, dass wir es früher einbremsen müssen und wir uns nicht öffentlich darüber beschweren."
Bei der Pressekonferenz nach dem Rennen und kurz vor dem Qualifying für den Grand Prix zeigten sich Russell und Antonelli jedoch versöhnlich und gaben sich betont diplomatisch. Russell erklärte: "Es war ein guter, harter Kampf. Respekt an Kimi, dass er es probiert hat."
Der 28-jährige Brite, der seinen zweiten Sprint-Sieg der Saison feierte, betonte zudem: "Ich glaube nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Es gab auch keine Untersuchungen, das sagt genug." Antonelli wiederum räumte ein, dass er sich die TV-Bilder noch einmal ansehen müsse, "aber zugegeben: bei meinem zweiten Versuch war ich zu optimistisch".
Versöhnliche Töne nach dem Rennen
Gleichwohl stellte der Italiener klar: "Es war hartes Racing und wir hatten beide Glück, dass wir nicht kollidiert sind. Wir werden das klären und dann wird alles gut sein." Von bösem Blut war nach dem Rennen nur noch wenig zu spüren.
In der WM-Wertung liegt Antonelli mit nun 18 Punkten Vorsprung vor Russell. Der Brite hatte den Saisonauftakt gewonnen, doch der 19-Jährige fuhr anschließend drei Siege in Serie ein und brachte seinen Teamkollegen damit massiv unter Druck.
Der Stadtkurs auf der Île Notre-Dame gilt als Strecke, die Russells Fahrstil mehr entgegenkommt als jener in Miami. Antonelli hatte diese Einschätzung vor dem Wochenende geteilt: "George wird in Kanada sicher wie immer super-stark sein, er wird ganz sicher auf den Sieg losgehen. Ich fühle, dass ich noch mehr Kontrolle über den Wagen habe."
Druck und WM-Stand: Russell muss aufholen
Diese Zuversicht schöpfte er auch aus den Upgrades, die Mercedes nach Montreal mitgebracht hatte. Sie umfassten unter anderem Verbesserungen an der Aerodynamik und im Bereich der Energierückgewinnung.
Das Wochenende selbst war zudem eine Premiere: Erstmals wurde ein Sprint in Kanada ausgetragen. ServusTV-Experte Christian Klien sah in den neuen Rahmenbedingungen Vorteile: "Die Fahrer konnten mehr am Limit fahren, mit weniger Lift and Coast und geringeren Geschwindigkeitsunterschieden – definitiv ein Schritt in die richtige Richtung."
Technik und Neuerungen: Upgrades und das Sprintformat
Klien wies jedoch auch auf zukünftige Herausforderungen hin: "In diesem Jahr kommen aber noch Strecken, die das Thema Rekuperation wieder in den Vordergrund rücken werden."
Abseits des aktuellen Renngeschehens wurde auch über die Motorenzukunft der Königsklasse gesprochen. Ein Sprecher aus Dubai hatte kürzlich erklärt, der V8-Motor sei "der populärste und am einfachsten umzusetzende Weg", und versichert: "Es wird passieren." Ein konkreter Zeitplan stehe jedoch noch aus.
Nun richtet sich der Blick auf den Grand Prix von Kanada am Sonntag (22 Uhr MESZ, live ServusTV, Sky). Das Qualifying dafür findet am späten Samstagabend statt. Mercedes möchte aus dem Sprint lernen und teaminterne Streitigkeiten künftig früher im Keim ersticken.
Ausblick: Grand Prix und die Lehren des Sprints
Dass es zu keinen weiteren Eskapaden kommt, daran wird vor allem Toto Wolff gelegen sein. Sein Machtwort am Funk war deutlich: Interne Dinge bespricht man intern – und nicht vor einem Millionenpublikum.

