Rund 1,5 Millionen Menschen feiern CSD in Köln – Politiker warnen vor wachsender Queerfeindlichkeit
Köln, 05 Juli 2026
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Kurzfassung
Beim Christopher Street Day in Köln haben nach Angaben der Veranstalter rund 1,5 Millionen Menschen für die Rechte queerer Menschen demonstriert. NRW-Innenminister Herbert Reul nahm erstmals an der Parade teil und warnte vor wachsender Queerfeindlichkeit.
Köln, 05 Juli 2026
Beim Christopher Street Day in Köln haben am Sonntag nach Veranstalterangaben rund 1,5 Millionen Menschen für die Rechte und Anliegen der queeren Gemeinschaft demonstriert, während prominente Politiker vor wachsender Queerfeindlichkeit warnten.
Die CSD-Parade startete am Sonntag um 11:00 Uhr an der Deutzer Brücke und schlängelte sich über rund sechs Kilometer durch die Kölner Innenstadt. Etwa 60.000 angemeldete Teilnehmende zogen in rund 250 Gruppen und mit rund hundert Festwagen durch das Stadtgebiet. Laut den Veranstaltern war die Stadt zur Demonstration in diesem Jahr noch nie so voll wie in diesem Jahr. Nach Angaben der Polizei gab es bis zum Sonntagnachmittag keine Zwischenfälle.
Die Parade stand in diesem Jahr unter dem Motto „Für Queerrechte - Viele. Gemeinsam. Stark!“. Der Veranstalter, der Verein Cologne Pride, erklärte, alle Teilnehmenden demonstrierten „friedlich, aber laut für die Rechte und Anliegen der queeren Community“. Begleitet wurde die Demonstration von einem mehrtägigen Straßenfest in der Kölner Innenstadt, das bereits am Freitag begonnen hatte. An bekannten Plätzen wie dem Heumarkt und dem Neumarkt feierten die Menschen ausgelassen Vielfalt, Diversität und Toleranz, viele davon mit CSD-Symbolen, Regenbogenflaggen oder bunten Accessoires.
Politikprominenz an der Spitze
Unter den Rednerinnen und Rednern war auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU), der erstmals an einem CSD teilnahm. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte der 73-Jährige: „Zugegebenermaßen bin ich das erste Mal dabei“. Er nehme am CSD teil, weil ihm die Anfeindungen zunehmend Sorgen bereiteten, erklärte Reul weiter. „Ich bin dabei, weil ich mir zunehmend Sorgen mache. Wir haben zunehmend Menschen, die den Anspruch erheben, zu bestimmen, wie man leben muss. Und das ist ein Irrtum.“ Zudem sagte der Minister: „Der Teil des Staates, für den ich stehe, die Polizei, der schützt alle.“ Er finde es beeindruckend, wie kreativ und freudig die Menschen feierten, und eine Million Menschen, die an den Straßenrändern stehen und damit ein Statement abgeben, sei „auch nicht schlecht“.
Roth und Lauterbach mit Blick auf Erfurt
An der Spitze der Parade liefen neben Reul auch weitere Politikerinnen und Politiker, darunter die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Mona Neubauer und der Kölner Oberbürgermeister Thorsten Burmester. Damit war der CSD in Köln auch ein Aufmarsch politischer Prominenz aus mehreren Bund und Land.
Claudia Roth sagte bei der Demonstration: „Wir sind heute auch hier in Köln als die größte Demonstration für die Demokratie in unserem Land, und dieses Signal schicken wir nach Erfurt zu den Demokratiefeinden“. Sie spielte damit auf den parallel stattfindenden Bundesparteitag der AfD in Erfurt an. Roth bezeichnete die Kölner Demonstration als eine der größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland und Europa.
Geschichte und Motto des CSD
Karl Lauterbach (SPD) sagte der Deutschen Presse-Agentur, der CSD sei so wichtig wie derzeit nie, „weil die Rechte queerer Menschen zunehmend unter Druck stünden“. Auch er verwies auf den AfD-Parteitag. Köln zeige, dass die Demokratie wehrhaft und bunt sei, sagte Lauterbach.
Stimmen aus der Community
Hintergrund des CSD sind Ereignisse aus dem Jahr 1969 in New York. Damals stürmten Polizisten die Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street und beendeten einen mehrtägigen Aufstand von Schwulen, Lesben und Trans-Personen. Seitdem erinnern CSD-Veranstaltungen weltweit an diese Ereignisse. Die englische Abkürzung LGBTQ+ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.
Auch einzelne Besucherinnen und Besucher schilderten ihre persönlichen Erfahrungen. „Wir werden auf der Straße angespuckt, geschlagen, nur weil wir mit dem Freund Händchen haltend durch die Straße gehen“, sagte Jens Pielhau vom Verein Cologne Pride, der den CSD mit organisierte. Pielhau wies zudem darauf hin, dass queere Menschen weltweit verfolgt würden und Homosexualität in vielen Staaten unter Strafe stehe, in einigen sogar mit der Todesstrafe. In Deutschland gelte: Zwei Mütter, die ein Kind bekämen, seien nicht gleichzeitig Mutter nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch, kritisierte der Organisator.
Die Sicherheitslage beschrieb Martin Hommel zurückhaltend. Der Sicherheitsverantwortliche, der seit mehr als 20 Jahren den CSD in Köln betreut und mit einem Fachverband für Veranstaltungssicherheit arbeitet, sagte: „Die Herausforderungen werden größer von Jahr zu Jahr. Nicht nur die Herausforderung an die Infrastruktur etc., sondern auch die Herausforderungen an potenzielle Störungen. Die werden immer vielfältiger.“ Er nutze unter anderem einen Wetterbeobachter, um vor möglichen Unwettern zu warnen. Die Polizei war nach eigenen Angaben mit mehreren hundert Beamtinnen und Beamten im Einsatz.
Drag, Protest und persönliche Geschichten
Unter den Teilnehmenden waren auch Einzelne, die persönliche Geschichten mitbrachten. Der 35-jährige Martin aus Gießen, der sich „Flirty Flamingo“ nennt und regelmäßig in Regenbogenfarben unterwegs ist, berichtete: „Da halten die Autos an, es wird irgendwas gerufen. Schimpfwörter. Gesten. Ich werde bespuckt. Im Zug setzen sich die Leute nicht neben mich.“ Er plane, in diesem Jahr rund 20 CSD-Veranstaltungen zu besuchen. Sein Coming-out hatte er mit Anfang 20. „Ich habe meine Eltern angerufen und gesagt: ‚Ich muss euch etwas sagen‘“, erzählte er. Er fürchte, dass hart erkämpfte Rechte wie das Transsexuellengesetz oder die Ehe für alle in Deutschland in den kommenden Jahren wieder zurückgenommen werden könnten.
Eine 36-jährige Transrechtsanwältin namens Shanann, gebürtig aus Zürich, sagte: „Ich bin in Deutschland die einzige Rechtsanwältin mit Spezialfach Transrecht.“ Sie wolle mit ihrer Arbeit erreichen, dass trans Personen gleiche Rechte bekämen wie alle anderen. Sie kritisierte zugleich die unzureichende juristische Absicherung vieler trans Menschen in der Bundesrepublik.
Cologne Pride zieht Bilanz
Bunte Akzente setzten die Künstlerinnen und Künstler, die das Bild der Parade mitprägten. Drag Queen Meryl Deep sagte: „Der Wind weht rau, und vor allem gegen die queere Community.“ Auch die Kölner Drag Queen „The Only Naomy“ betonte ihre politische Rolle: „Wir sind das Sprachrohr, weil wir Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Damit geht auch eine große Verantwortung einher, diese Aufmerksamkeit zu nutzen, um über die Anliegen der queeren Community zu sprechen. Viele von uns sind aktivistisch unterwegs. Wir sind nicht nur schön anzusehen.“ Drag Queens und Trans-Personen seien „schon immer so ein bisschen die treibende Kraft der Paraden“, sagte sie weiter. Sie habe oft das Gefühl, dass Drag Queens „einfach nur als medialer Aufhänger gesehen“ würden, „aber dahinter steckt viel mehr als schillernde Outfits“.
Auch religiöse Akzente waren sichtbar. „Wir haben bei uns in Gießen jetzt eine queere Gruppe, evangelisch. Wir treffen uns einmal im Monat zu gemeinsamen Aktionen“, sagte Martin. Hanni, die sich selbst als non-binär bezeichnet, sagte schlicht: „Ich bin non-binär.“ Der 64-jährige Ralf aus Dortmund fiel mit einem orangenen Plüschkostüm auf und war ein gefragter Selfie-Partner auf der Veranstaltung. Der 58-jährige Thomas beobachtete, dass CSD-Umzüge inzwischen auch in kleinen Orten stattfänden, „gerade auch dort, wo die AfD stark sei“.
Die Veranstalter erwarteten insgesamt mehr als eine Million Besucherinnen und Besucher über das gesamte CSD-Wochenende. Uwe Weiler, Geschäftsführer des Vereins ColognePride, sagte: „Wir sind heute hier, weil wir für Diversität stehen, in der Sache gleich sind und dafür demonstrieren.“ Mit Blick auf die politische Lage in Deutschland mache er seinen Job „nochmal um ein Vielfaches lieber“, sagte Weiler, der seit 22 Jahren für ColognePride aktiv ist und den Verein seit 2019 als Geschäftsführer führt. Weiler wandte sich auch gegen das Argument, queere Menschen würden anderen etwas wegnehmen, etwa mit Blick auf die Ehe für alle: „Das ist allerdings völliger Unsinn. Das muss einfach in die Köpfe der Menschen.“ Für die Zukunft forderte er mehr rechtliche Gleichstellung.
Kölns Oberbürgermeister Thorsten Burmester dankte den Ehrenamtlichen: „Mein Dank gilt allen, die sich nicht nur heute, sondern das ganze Jahr ehrenamtlich für den CSD in Köln einsetzen. Happy Pride!
Die Veranstalter zeigten sich am Abend zufrieden mit dem Verlauf. Wegen der Größenordnung war die Demonstration am Nachmittag noch nicht beendet, doch der Zug war bereits weit fortgeschritten. Die Veranstalter kündigten an, im kommenden Jahr erneut für die Rechte queerer Menschen auf die Straße zu gehen – und erneut mit einem politischen Motto gegen wachsende Queerfeindlichkeit.
Fragen & Antworten
Wer hat den CSD in Köln 2026 organisiert?
Den CSD in Köln hat nach Angaben des Veranstalters der Verein Cologne Pride organisiert, der die Demonstration, ein zweiwöchiges Rahmenprogramm und das Straßenfest verantwortet. Geschäftsführer des Vereins ist Uwe Weiler, der den Posten seit 2019 innehat.
Was war das Motto des diesjährigen Kölner CSD?
Die Demonstration stand in diesem Jahr unter dem Motto „Für Queerrechte - Viele. Gemeinsam. Stark!“. Damit sollte nach Angaben der Veranstalter auf die Rechte und Anliegen der queeren Community aufmerksam gemacht werden.
Warum nahm Innenminister Herbert Reul erstmals am CSD teil?
Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) nahm nach eigenen Worten erstmals am CSD teil, weil ihm die Anfeindungen gegen queere Menschen zunehmend Sorgen bereiteten. Er wolle zudem zeigen, dass die Polizei als Teil des Staates alle Menschen schütze.
CSD Köln 2026: 1,5 Mio. Teilnehmer – Reul erstmals dabei | nachrichten360