Parlamentswahl im Kosovo: Kurtis Partei liegt vorn, Koalitionsverhandlungen stehen bevor
Prishtina, 07 Juni 2026
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Kurzfassung
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo hat die Partei von Ministerpräsident Albin Kurti erneut die meisten Stimmen erhalten. Nach Teilergebnissen zeichnet sich ein klarer Sieg der Vetevendosje ab, die allerdings auf Koalitionspartner angewiesen bleibt, um eine Regierung zu bilden.
Prishtina, 07 Juni 2026
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo hat die Partei von Ministerpräsident Albin Kurti mit Abstand die meisten Stimmen erhalten; nach Teilergebnissen liegt die Vetevendosje bei rund 40 Prozent und wird voraussichtlich Koalitionspartner benötigen.
Dritte Wahl in 16 Monaten
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo hat die Partei von Ministerpräsident Albin Kurti erneut mit Abstand die meisten Stimmen erhalten. Die heutige Wahl war bereits die dritte Parlamentswahl in nur 16 Monaten in dem Balkanstaat. Es deutet sich ein klarer Sieg der Partei von Ministerpräsident Kurti an. Die sogenannte Selbstbestimmungs-Partei liegt derzeit bei etwa 40 Prozent der Stimmen.
Nach der Auszählung von etwa einem Drittel der Stimmzettel wurde der Stimmenanteil der Vetevendosje (VV) mit fast 44 Prozent angegeben, nach Teilergebnissen vom Sonntagabend, die drei Viertel der abgegebenen Stimmen umfassten, mit 43 Prozent. Bei der vorherigen Wahl im Dezember hatte Kurtis Partei noch mehr als 51 Prozent der Stimmen erhalten. Mit dem Ergebnis könnte die VV, die bei der vorherigen Wahl im Dezember noch mehr als 51 Prozent der Stimmen erhalten hatte, nicht allein die Regierung bilden. Es werden schwierige Koalitionsverhandlungen erwartet.
Auf dem zweiten Platz landete nach den Teilergebnissen die Demokratische Partei des Kosovo (PDK) mit 22 Prozent, gefolgt von der Mitte-Rechts-Partei Demokratische Liga des Kosovo (LDK) mit 18 Prozent. Eine Umfrage von TV7 und Albanian Post sah die konservative Allianz für die Zukunft (AAK) bei 7 Prozent. Das bedeutet allerdings, dass wahrscheinlich eine Koalition gebildet werden muss.
Sinkende Wahlbeteiligung
Insgesamt waren zwei Millionen Wählerinnen und Wähler aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Die Wahlbeteiligung lag offiziellen Zahlen zufolge bei 37 Prozent; nach Angaben der Wahlkommission fiel sie auf 36 Prozent. Bei der letzten Wahl im Dezember hatte die Wahlbeteiligung noch 45 Prozent betragen. Die Anzahl der Befragten wurde zunächst nicht angegeben. Aussagekräftige Teilergebnisse der Wahlkommission werden im Laufe des Abends erwartet.
Anlass für die Neuwahl war, dass das vorangegangene Parlament nicht fristgerecht ein neues Staatsoberhaupt wählen konnte. Dafür mangelte es am verfassungsmäßig vorgeschriebenen Quorum. Im April war das Parlament aufgelöst worden, nachdem sich die Parteien nicht auf einen Kandidaten für das weitgehend repräsentative Amt des Präsidenten hatten einigen können. Die Präsidentenwahl bleibt auch Aufgabe des neuen Parlaments.
Hürde bei der Präsidentenwahl
Eine verfassungsrechtliche Besonderheit erschwert die Regierungsbildung: Für die Wahl eines neuen Präsidenten ist die Anwesenheit von 80 der 120 Abgeordneten erforderlich. Außer Reichweite dürfte aber für sie weiterhin die Super-Mehrheit von 80 von 120 Abgeordneten liegen. Diese Zahl von Volksvertretern muss im Parlament anwesend sein, damit dieses einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die vormalige Staatspräsidentin Vjosa Osmani wählen kann. Ihr Mandat war am 4. April abgelaufen. Das von der Verfassung vorgeschriebene Quorum zwingt das Regierungslager zu einem gewissen Konsens mit der Opposition.
Noch ist nicht klar, ob Vetevendosje wie schon bei der vergangenen Wahl im Dezember 2025 zusammen mit Abgeordneten von ethnischen Parteien eine Regierungsmehrheit erringen wird. Damals hatte Kurtis Partei am Ende deutlich mehr Stimmen und Mandate, als die Wahltagsumfragen nahlegten. In den beiden vorangegangenen Wahlen war die links-nationalistische Selbstbestimmungs-Partei VV bereits stärkste Kraft gewesen.
Bei der Wahl im Februar 2025 hatte VV 42 Prozent erreicht. Nach seiner ersten Wiederwahl im Februar des Vorjahres war es Kurti zunächst nicht gelungen, eine funktionsfähige Regierung zu bilden. Im Dezember setzte sich die VV bei vorgezogenen Neuwahlen erneut als stärkste Kraft durch und bildete mit Hilfe von ethnischen Minderheitenparteien eine Regierung.
Weg zur Neuwahl
Die scheidende Präsidentin Vjosa Osmani hatte das Parlament im März aufgelöst, nachdem die Abgeordneten nach Ablauf ihrer Amtszeit keinen Nachfolger gefunden hatten. Das Verfassungsgericht des Kosovo kassierte Osmanis Entscheidung und ordnete die Wahl eines neuen Staatsoberhaupts bis zum 28. April an. Die Frist vom 28. April zur Wahl eines neuen Präsidenten verstrich jedoch ergebnislos. Die amtierende Präsidentin Albulena Haxhiu setzte daraufhin Neuwahlen für den 7. Juni an.
Bei den Wählerinnen und Wählern stießen die erneuten Urnengänge überwiegend auf Unmut. Der pensionierte Lehrer Gezim Selimi sagte der Nachrichtenagentur AFP nach der Stimmabgabe in Prishtina: "Genug ist genug. Ich erwarte von den Parteien, dass sie sich endlich besinnen und für das Kosovo arbeiten, anstelle Zeit für Machtkämpfe zu verschwenden, indem sie eine Neuwahl nach der anderen ansetzen." Die IT-Spezialistin Miranda Fazliu bezeichnete es als "frustrierend, zu sehen, dass die Wahl das gleiche Ergebnis wie zuvor hervorbringen wird."
Reaktionen aus der Bevölkerung
Der Analyst Ardi Uka sagte der AFP: "Die Krise wird anhalten." Er verglich den Zyklus vorgezogener Neuwahlen im Kosovo mit der Lage in Belgien oder Bulgarien. Kosovo hat seit fast einem Jahr keine vollständig handlungsfähige Regierung. Die wiederholten Neuwahlen verzögerten diese Reformen sowie die Auszahlung von EU-Geldern.
Die Europäische Union hat die Politik im Kosovo wiederholt aufgefordert, stabile Institutionen zu schaffen, um die für eine Mitgliedschaft nötigen Reformen umzusetzen. Mitte Mai drohte die EU dem Kosovo mit dem Verlust von Millionen Euro an Fördermitteln wegen der anhaltenden politischen Instabilität. Die EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte bei einem Besuch in Prishtina, das Land brauche Stabilität, um an die Vorteile von EU-Hilfen in Höhe von 880 Millionen Euro zu gelangen.
EU-Beitritt und Reformstau
Die Europäische Kommission verweist auf politische Instabilität, Korruption und organisierte Kriminalität im Kosovo. Kosovo, das früher eine serbische Provinz war, erklärte im Jahr 2008, fast ein Jahrzehnt nach dem Kosovo-Krieg, seine Unabhängigkeit. Serbien, zu dem das Kosovo einst gehörte, erkennt dies nicht an und beansprucht das Gebiet weiterhin. Serbien hat die Unabhängigkeit des 1,6-Millionen-Einwohner-Landes nie anerkannt. Neben Serbien erkennen auch andere EU-Mitgliedstaaten die Unabhängigkeit des Kosovos aus Furcht vor Separatismus nicht an. Der Weg zur EU-Mitgliedschaft ist blockiert, weil diese die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten erfordert.
Die neuen Wahlen werden Schätzungen zufolge rund zehn Millionen Euro kosten. Die Inflation im Kosovo lag zu Jahresbeginn über fünf Prozent. Kosovo gehört zu den jüngsten und zu den ärmsten Ländern Europas. Diese Nachricht wurde am 07.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Die Nachrichtenagentur APA datierte die Meldung auf den 7. Juni 2026. Wie der Machtkampf im Kosovo in den kommenden Wochen gelöst werden soll, blieb zunächst offen. Klar ist, dass die Regierungsbildung die erste große Aufgabe des neu gewählten Parlaments sein wird.
Fragen & Antworten
Wer ist Albin Kurti und welche Partei führt er an?
Albin Kurti ist Ministerpräsident des Kosovo und führt die links-nationalistische Selbstbestimmungs-Partei Vetevendosje (VV), die bei der Wahl am 7. Juni 2026 erneut stärkste Kraft wurde.
Warum wurde im Kosovo eine vorgezogene Parlamentswahl nötig?
Das aufgelöste Parlament konnte binnen der verfassungsrechtlichen Frist keinen Nachfolger für die ausgeschiedene Präsidentin Vjosa Osmani wählen, weil die nötige Anwesenheit von 80 der 120 Abgeordneten nicht zustande kam.
Welche Hindernisse erwarten die Regierungsbildung nach der Wahl?
Mit etwa 40 Prozent der Stimmen wird Vetevendosje voraussichtlich Koalitionspartner benötigen, und für die künftige Präsidentenwahl bleibt die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Zwei-Drittel-Mehrheit von 80 Mandaten eine hohe Hürde.
Kosovo-Wahl 2026: Kurtis Vetevendosje vorn, Koalition nötig | nachrichten360