ORF vor Umbruch: Bewerbungen, Anfechtungen und ein angekündigtes Zukunftsforum
Wien, 10. Juli 2026
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Kurzfassung
Nach der ORF-Generaldirektorenwahl beginnt die Suche nach vier zentralen Direktorinnen und Direktoren, während ein FPÖ-Stiftungsrat die Wahl anficht. Andreas Babler kündigt ein ORF-Zukunftsforum für eine umfassende ORF-Gesetzreform an.
Nach der über fünfzehnstündigen Stiftungsratssitzung zur ORF-Generaldirektorenwahl laufen nun die Bewerbungen für vier zentrale Direktionsposten, gleichzeitig bereitet die FPÖ eine Popularbeschwerde gegen die Wahl vor und Andreas Babler plant ein ORF-Zukunftsforum.
Die Weichen beim Österreichischen Rundfunk sind neu gestellt – und zugleich umkämpft. Nach der mehr als fünfzehnstündigen Stiftungsratssitzung, in der die designierte Generaldirektion bestimmt wurde, beginnt für den ORF die Phase der personellen Neuaufstellung. Bewerbungen für die vier zentralen Direktionsbereiche werden bis zum 14. Juli um 24:00 Uhr entgegengenommen, die ursprünglich für den 21. Juli geplante Ernennung wurde auf den 11. August verschoben.
Vier Schlüsselposten und ein verschobener Termin
Im Zentrum des Interesses stehen die Posten "Programm und Brands", "Audience und Plattformen", "Finanzen und Verwaltung" sowie "Technologie und Innovation". Die ORF-Direktorin Stefanie Groiss-Horowitz hat ihre Bewerbungen für die Bereiche "Programm und Brands" sowie "Audience und Plattformen" über soziale Medien öffentlich gemacht. Auch die frühere ORF-Journalistin Sonja Sagmeister bewirbt sich nach eigenen Angaben für den Bereich "Audience und Plattformen". Für die Finanzdirektion hat Kathrin Zierhut-Kunz, kaufmännische Geschäftsführerin von ORF III, im Gespräch mit der "Presse" angekündigt, sich ernsthaft zu bewerben. Die Finanzdirektorin Eva Schindlauer und der Technologie-Direktor Harald Kräuter haben sich öffentlich noch nicht festgelegt.
Bewerberinnen und Bewerber im Überblick
Die designierte Generaldirektion will alle Bewerbungsunterlagen gemeinsam mit zwei externen Personalberatern aus Deutschland und der Schweiz sichten, um eine "maximal equidistante" Bewertung zu erhalten. Damit reagiert sie auf den Vorwurf mangelnder Transparenz, der die gesamte Bestellungsrunde begleitet. Auch die Kritik des Kandidaten Johannes Larcher wiegt schwer: Der frühere HBO-Manager war im ersten Wahlgang auf sechs von 35 Stimmen gekommen und hatte in einem Gastkommentar in "profil" geschildert, ihm sei "unverblümt" gesagt worden, er sei qualifiziert, aber "nicht ausreichend anschlussfähig" und "not controllable enough". Larcher sprach in diesem Zusammenhang von einem "byzantinisch anmutenden Weg durch den Wiener Bestellungsreigen", den Top-Talente von außen abschrecke.
Externe Personalberater gegen den Vorwurf der Intransparenz
Politisch sorgt vor allem das Vorgehen der FPÖ für Unruhe. Das von der FPÖ in den Stiftungsrat entsandte Mitglied Peter Westenthaler hat noch am Tag der Generaldirektorenwahl eine Anfechtung angekündigt. Die Wahl sei eine "Farce" und eine "Postenbesetzung von Rot und Schwarz". Die Anfechtung soll als Popularbeschwerde eingebracht werden, wofür mindestens 120 ORF-Gebührenzahlerinnen und -zahler als Unterstützer benötigt werden. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer zeigte sich unbeeindruckt und verwies darauf, die Bestellung sei "rechtlich abgesichert", Beschwerden würden voraussichtlich scheitern.
FPÖ kündigt Popularbeschwerde an
Zugleich steht der Stiftungsrat selbst unter Druck. Der Journalist und Autor Harald Raffer hat bei der Wiener Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen Lederer und den Vize-Vorsitzenden Gregor Schütze wegen des Verdachts der Untreue eingebracht. Raffer begründet diesen Schritt mit möglichen Interessenkonflikten, die sich aus der Tätigkeit der beiden als Kommunikationsberater ergäben. Lederer hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen und sich auf ein internes ORF-Gutachten berufen, das seine Position stütze.
Strafanzeige gegen Stiftungsratsspitze
Auch personelle Konsequenzen innerhalb des ORF-Konzerns werden sichtbar. ORF-Chair Ingrid Thurnher kündigte an, den Stiftungsrat über die Entlassung von ORF-Enterprise-Chef Oliver Böhm nach einer Compliance-Untersuchung zu informieren. Dieser Vorgang verdeutlicht, dass die laufende Reformdebatte über die Generaldirektorenwahl hinausgeht und den gesamten Sender betrifft.
Compliance-Vorgänge rund um ORF Enterprise
Andreas Babler (SPÖ) sieht in der laufenden Personalrochade den Auftakt für eine umfassendere Reform. In einem "Falter"-Interview stellte er klar: "Dazu gibt es keinen Sideletter. Punkt." Damit wies er Spekulationen zurück, wonach es geheime Nebenabsprachen über die Generaldirektorenwahl oder die Direktionsstruktur gebe. Babler nannte als Prioritäten die weitere Digitalisierung des ORF, den Kampf gegen Machtmissbrauch sowie die Reform der Aufsichtsgremien. Er kündigte an, dass rund einen Monat nach der Bestellung des Direktionsteams für die Amtsperiode 2027 bis 2031 ein "ORF-Zukunftsforum" starten solle, in dem fünf Gruppen über die Zukunft des ORF-Gesetzes beraten sollen.
Babler kündigt ORF-Zukunftsforum an
In dem Forum sollen nach den Vorstellungen des Ministers konkrete Ergebnisse erarbeitet werden. Babler sagte, er wolle, dass der ORF zu "einer dieser Apps ist, die man aufmacht, wenn man wissen will, was los ist und was wirklich stimmt". Das Forum solle ein "echten Arbeitsforum mit fünf Gruppen" sein, das lieferfähige Ergebnisse produziere. Damit verknüpft der Minister die laufende Personalentscheidung direkt mit einer breiteren strukturellen Debatte über Auftrag, Aufsicht und Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich.
Beobachter werten das Zusammenfallen von Anfechtung, Strafanzeige und Reformankündigung als Zeichen einer ohnehin überfälligen Neuordnung. Die Verschiebung der ursprünglich für den 21. Juli geplanten Ernennung der vier Zentraldirektorinnen und -direktoren sowie der neun Landesdirektorinnen und -direktoren auf den 11. August verschafft dem designierten Führungsteam zusätzliche Zeit, die laufenden Bewerbungen sorgfältig zu prüfen. Zugleich erhöht sich der Druck, die Besetzungen transparent und gerichtsfest abzuschließen, da sowohl die Popularbeschwerde als auch die strafrechtliche Anzeige das Ergebnis der Wahl nachträglich in Frage stellen könnten.
Unabhängig vom Ausgang der juristischen Auseinandersetzungen ist die Stiftungsratssitzung vom Juli 2026 ein Wendepunkt: Erstmals seit langem werden Direktion und Aufsichtsgremien nicht nur personell, sondern auch programmatisch-neu vermessen. Sollte das ORF-Zukunftsforum wie geplant im Herbst 2026 starten, könnte es den Auftakt zu einer ORF-Gesetzreform bilden, die noch in dieser Legislaturperiode über die Bühne gehen soll.
Die kommenden Wochen bis zum 11. August gelten daher als entscheidende Phase: Bis dahin müssen die Bewerbungen für vier zentrale Direktionsposten gesichtet, Hearings organisiert und die designierte Generaldirektion in der Stiftungsratssitzung bestätigt werden. Parallel dazu sammelt Westenthaler Unterstützung für die Popularbeschwerde, und die Staatsanwaltschaft Wien prüft die Anzeige Raaffers. Die designierte ORF-Spitze steht damit vor einer doppelten Aufgabe – personelle Erneuerung und strukturelle Reform unter öffentlicher Beobachtung.
Fragen & Antworten
Was ist das ORF-Zukunftsforum und welche Rolle spielt Andreas Babler dabei?
Andreas Babler (SPÖ) hat angekündigt, dass rund einen Monat nach der Bestellung des Direktionsteams für 2027 bis 2031 ein ORF-Zukunftsforum starten soll. In fünf Gruppen sollen dort lieferfähige Ergebnisse für eine ORF-Gesetzreform erarbeitet werden, mit Schwerpunkten auf Digitalisierung, Kampf gegen Machtmissbrauch und Reform der Aufsichtsgremien.