ÖVP benennt Markus Gstöttner zum neuen Generalsekretär – Marchetti tritt Ende Juli ab
Wien, 08. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Österreichische Volkspartei hat am Mittwoch Markus Gstöttner als neuen Generalsekretär präsentiert. Sein Vorgänger Nico Marchetti legt sein Amt Ende Juli nieder und bleibt als Nationalratsabgeordneter und Bildungssprecher aktiv.
Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) hat am Mittwoch in Wien Markus Gstöttner als neuen Generalsekretär vorgestellt; er folgt auf Nico Marchetti, der Ende Juli aus dieser Funktion ausscheidet.
Die Präsentation erfolgte im Rahmen einer Pressekonferenz um 13:00 Uhr in der Parteizentrale in der Lichtenfelsgasse. Bundesparteiobmann und Bundeskanzler Christian Stocker bestätigte dort die Personalentscheidung und dankte zugleich dem scheidenden Generalsekretär Nico Marchetti, der sein Amt Ende Juli niederlegt. Marchetti hatte seinen Rückzug am Dienstagabend über die Aussendung „Personelle Veränderungen in der Österreichischen Volkspartei“ öffentlich gemacht.
Stocker würdigte Marchettis Arbeit in den knapp eineinhalb Jahren seit Februar 2025: „Insbesondere danke ich ihm für sein Engagement, seine Loyalität und dafür, dass er in einer mehr als herausfordernden Zeit voller Umbrüche und Veränderungen sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz gewidmet hat.“ Im Namen der Volkspartei sprach er „für seine umsichtige Tätigkeit als Generalsekretär in den letzten eineinhalb Jahren“ Dank aus.
Würdigung und Dank an den scheidenden Generalsekretär
Gstöttner wird die Funktion am 1. August 2026 übernehmen und soll künftig die organisatorischen und strategischen Agenden der Bundespartei verantworten. Er hatte erst zu Jahresbeginn, am 19. Januar 2026, die Leitung der Stabstelle „Reformpartnerschaft 2026“ im Bundeskanzleramt übernommen, mit der zentrale Reformvorhaben koordiniert werden. Stocker zeigte sich überzeugt, „dass er der richtige Mann für diese Aufgabe ist“.
Der designierte Generalsekretär ist 39 Jahre alt und stammt aus Wien. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics and Political Science und arbeitete danach bei McKinsey & Company in London, wo er später Associate Partner wurde und Projekte in Afrika, Asien, Europa, dem Nahen Osten und den USA verantwortete. Anschließend war er Research Associate am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL). Er ist ausgebildeter Ökonom und arbeitet seit Oktober 2022 wieder als Unternehmensberater in der Privatwirtschaft.
Wer ist Markus Gstöttner?
Seine politische Laufbahn begann im September 2017 als politischer Mitarbeiter in der ÖVP. Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz holte ihn im Dezember 2017 als wirtschaftspolitischen Berater ins Bundeskanzleramt; von Jänner bis Mai 2019 war er stellvertretender Kabinettschef und wirtschaftspolitischer Berater von Kurz. Auch in dessen zweiter Kanzlerschaft und unter interimistischem Bundeskanzler Alexander Schallenberg zwischen Oktober und Dezember 2021 bekleidete er diese Funktion.
2021 machte ihn der einstige ÖVP-Bundeskanzler Karl Nehammer zu seinem Kabinettschef. Zwischen November 2020 und Juni 2025 gehörte Gstöttner zudem als Gemeinderat und Landtagsabgeordneter dem Wiener Rathaus bzw. dem Wiener Landtag an; dort lernte er nach eigenem Bekunden auch „die Seite der Gesetzgebung“ kennen. Zudem engagierte er sich ehrenamtlich in einem Projekt im Libanon, das syrischen Flüchtlingskindern Bildung ermöglicht.
Überraschender Wechsel – „feinere Klinge“ im Ton
Zum Wechsel in die Bundesparteizentrale befragt, sagte Gstöttner am Mittwoch, die Anfrage sei auch für ihn eine „gewisse Überraschung“ gewesen. Gefragt worden sei er vom Parteichef „vor nicht allzu langer Zeit“. Den eigenen politischen Stil umriss er mit dem Bild: „Im Inhalt durchaus gerne der Bihänder, aber im Ton sicher die feinere Klinge.“ Damit setzte er sich bewusst von seinem Vorgänger ab, dem die „feine Klinge mehr als der Bihänder“ liege.
Über die inhaltlichen Schwerpunkte hielt sich Gstöttner am Mittwoch bedeckt. Aus dem Umfeld der Partei hieß es, er solle die Volkspartei „kampagnenfähig“ machen und die in den Umfragen auf rund 20 Prozent abgerutschte Bundespartei – bei der Nationalratswahl 2024 hatte die ÖVP noch 26,3 Prozent erreicht – auf kommende Wahlen hin besser aufstellen. Die Aussage, ein erfolgreicher Generalsekretär müsse „der richtige Mann für diese Aufgabe“ sein, hatte Stocker bereits im Vorfeld der Pressekonferenz als Programmatik ausgegeben.
Marchettis Begründung und interner Druck
Der scheidende Generalsekretär Marchetti begründete seinen Schritt mit dem Wunsch, sich „neben der Politik ein weiteres berufliches Standbein aufzubauen“. „Die letzten Jahre war ich allerdings ausschließlich Berufspolitiker und ich verspüre den großen Wunsch, mir ein zweites Standbein neben der Politik aufzubauen“, schrieb er. Der 36-jährige Wiener war zuvor auch als Mediensprecher der ÖVP tätig; diese Funktion wird nun vom neuen Generalsekretär übernommen.
Marchetti war im Februar 2025 – unmittelbar nachdem Stocker nach dem Rücktritt Karl Nehammers den Parteivorsitz übernommen hatte – zum Generalsekretär bestellt worden. Er folgte auf Alexander Pröll, der nach nur zwei Monaten als Staatssekretär in die Regierung gewechselt war. Marchettis Amtszeit war wiederholt von interner Kritik begleitet: Ihm wurden mangelnde Erfahrung, taktisch ungeschickte Medienauftritte sowie eine zu große Wiener Perspektive zulasten der „schwarzen“ Bundesländer vorgeworfen. Auch sein öffentliches Eintreten für den damaligen APA-Chefredakteur Clemens Pig als ORF-Generaldirektor sorgte parteiintern für Verstimmung.
Innenpolitisch beobachter wiesen darauf hin, dass Marchetti in einer Phase der „Mängelverwaltung“ agierte, wie es der Politikwissenschafter Peter Filzmaier im Ö1-Morgenjournal formulierte. Filzmaier bezeichnete den Posten als „undankbaren Job“ und verwies auf die nach den Wahlniederlagen geschrumpften finanziellen Spielräume der Partei. Auch Marchettis Co-Vorhaben, eine „Städtestrategie“ zu entwickeln, um die ÖVP in urbanen Gebieten wieder wettbewerbsfähig zu machen, wurde nur teilweise umgesetzt.
Reaktionen aus den Koalitionsparteien
Marchetti selbst beschrieb seinen Stil in einem Facebook-Post rückblickend: „In den knapp eineinhalb Jahren habe ich mich als durchaus untypischer Generalsekretär in den Dienst meiner Partei gestellt, weil ich zutiefst von den christlichen, konservativen und liberalen Werten der Volkspartei überzeugt bin.“ Er sei „aus Überzeugung Sachpolitiker, ein Politiker der Mitte“. In einem KURIER-Interview ergänzte er: „Ich fürchte mich nicht. Weder vor Kritik noch vor der FPÖ.“ Gegenüber parteiinternen Kritikern hob er hervor: „Ich bin kein Posterboy einer ÖVP, die sich Kickl ergibt oder die Zweite Republik am Altar des Opportunismus opfert.“
Trotz wachsender interner Spannungen war Marchetti erst in der Vorwoche als Bezirksparteiobmann von Wien-Favoriten einstimmig wiedergewählt worden. Stocker hatte ihm dort noch „überschwänglich“ gedankt. Auch nach seinem Rücktritt bleibt Marchetti Bezirksparteiobmann in Favoriten, Nationalratsabgeordneter und Bildungssprecher der Volkspartei.
Glückwünsche an Gstöttner kamen aus den Reihen der Regierungsparteien. ÖVP-Klubobmann Ernst Gödl erklärte: „Bundesparteiobmann und Bundeskanzler Christian Stocker hat die richtige Wahl getroffen. Mit Markus Gstöttner übernimmt ein erfahrener Fachmann und langjähriger Kenner der österreichischen Politik die Schlüsselfunktion des ÖVP-Generalsekretärs.“ Wirtschaftsbund-Generalsekretärin Tanja Graf schrieb: „Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten braucht es eine starke Volkspartei, die Leistung, Eigentum, Unternehmertum und Arbeitsplätze in den Mittelpunkt stellt.“ „Für den Wirtschaftsbund ist klar: Österreichs Betriebe brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, eine wettbewerbsfähige Standortpolitik und eine Politik, die Leistung fördert.“
Auch die Koalitionspartner reagierten positiv. NEOS-Generalsekretär Douglas Hoyos würdigte Marchettis „Kompromissbereitschaft und die Offenheit zum guten Gespräch“ in der Dreierkoalition. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim gratulierte Gstöttner „herzlich zu seiner neuen Funktion“ und schrieb: „Eine Dreierkoalition in herausfordernden Zeiten erfordert intensiven Dialog und Kompromissbereitschaft. Auch wenn wir politisch oft unterschiedlicher Ansicht sind, ist der Austausch mit Marchetti stets von Wertschätzung, Respekt und Verlässlichkeit geprägt gewesen.“ In einer Aussendung dankte die SPÖ Marchetti für die „gute und konstruktive“ Zusammenarbeit und betonte, „dass uns bei allen unterschiedlichen politischen Positionen ein gemeinsames Ziel verbinden muss: Österreich wieder nach vorne zu bringen, das Leben der Menschen besser zu machen und unsere Demokratie vor radikalen Kräften zu schützen“.
Ausgangslage: Umfragen, Dreierkoalition und Wiener Verhältnisse
Hintergrund der Umbildung ist auch die prekäre Lage der Bundespartei in den Umfragen sowie die laufende Regierungsarbeit der Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS. Auf Landesebene regieren derzeit fünf ÖVP-Landesorganisationen in Koalition mit der FPÖ. Die Rolle Marchettis hatte parteiintern auch nach der nicht-rechtskräftigen Verurteilung des früheren Klubobmanns August Wöginger an Bedeutung gewonnen; im Mai übernahm Ernst Gödl den Klubvorsitz von Wöginger.
Im Wiener Stadtverband setzt die ÖVP unterdessen auf Kontinuität: Nach der Wiener Landesparteivorstandswahl 2025 führt Markus Figl sowohl die Landespartei als auch die Bezirkspartei der Inneren Stadt. Eine ursprünglich vorgesehene Rochade, nach der Marchetti die Wiener ÖVP hätte übernehmen sollen, war 2025 nicht zustande gekommen – Karl Mahrer, der nach Gernot Blümel 2021 nur als Übergangslösung angetreten war, hatte den Landesvorsitz behalten und die Wiener Wahl 2025 verloren.
Mit Gstöttners Bestellung verbindet die ÖVP die Erwartung, die Parteistrukturen zu modernisieren und die Kampagnenfähigkeit vor den nächsten Urnengängen zu stärken. Dass er in seinen bisherigen Funktionen sowohl Regierungs- als auch Parteiluft geschnuppert hat, gilt parteiintern als entscheidender Vorteil. Stocker warb am Mittwoch für einen Neustart mit klarer Linie: Gstöttner solle „die Volkspartei erfolgreich in die Zukunft führen“.
Marchetti selbst will sich nach eigenen Angaben künftig stärker auf sein Nationalratsmandat, die bildungspolitische Arbeit und die Bezirkspolitik in Favoriten konzentrieren – und gleichzeitig ein zweites berufliches Standbein außerhalb der Politik aufbauen. Die Ära Marchetti an der Spitze der ÖVP-Bundesgeschäftsstelle dauerte damit nicht ganz 17 Monate; in der Geschichte der Volkspartei reiht sie sich ein in eine Folge kurzer Amtszeiten, darunter jene von Laura Sachslehner (acht Monate), Alexander Pröll (zwei Monate) sowie Karl Nehammer und Axel Melchior (jeweils zwei Jahre).
Fragen & Antworten
Wer ist Markus Gstöttner?
Markus Gstöttner ist ein 39-jähriger Wiener Unternehmensberater und studierter Ökonom, der seit 2017 in der ÖVP tätig ist. Er war unter anderem wirtschaftspolitischer Berater im Bundeskanzleramt, stellvertretender Kabinettschef unter Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz und zuletzt Leiter der Stabstelle „Reformpartnerschaft 2026“ im Bundeskanzleramt.
Warum tritt Nico Marchetti als ÖVP-Generalsekretär zurück?
Marchetti begründet seinen Schritt mit dem Wunsch, sich neben der Politik ein weiteres berufliches Standbein aufzubauen. Zugleich war er innerparteilich zunehmend unter Druck geraten, unter anderem wegen als taktisch ungeschickt empfundener Auftritte und seiner als zu wien-lastig kritisierten Perspektive.
Welche Aufgaben übernimmt der neue ÖVP-Generalsekretär?
Gstöttner soll ab 1. August 2026 die organisatorischen und strategischen Agenden der Bundespartei verantworten und laut Parteiangaben die Kampagnenfähigkeit der Volkspartei stärken. Parteiobmann Christian Stocker sieht in ihm einen erfahrenen Manager, der die ÖVP „erfolgreich in die Zukunft führen“ soll.
ÖVP-Generalsekretär: Gstöttner folgt Marchetti ab 1. August | nachrichten360