Nach tödlichem Angriff auf Zugbegleiter: Deutsche Bahn stockt Schutzmaßnahmen auf
Berlin, 08 Juni 2026
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Kurzfassung
Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in der Westpfalz weitet die Deutsche Bahn ihre Sicherheitsmaßnahmen deutlich aus. Bodycams, stichfeste Westen und Doppelbesatzungen sollen Personal und Fahrgäste künftig besser schützen.
Berlin, 08 Juni 2026
Die Deutsche Bahn reagiert auf den tödlichen Angriff auf den Zugbegleiter Serkan Çalar mit einem umfassenden Paket an Sicherheitsmaßnahmen, das von Bodycams über stichfeste Westen bis hin zu doppelter Besatzung in Regionalzügen reicht.
Im Februar 2025 war der 36-jährige Serkan Çalar bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug in der Region Mitte von einem Fahrgast angegriffen und durch Faustschläge gegen den Kopf tödlich verletzt worden. Er starb im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage wegen Mordes erhoben. „Ein Zugbegleiter wird von einem Schwarzfahrer angegriffen. Er erliegt seinen Verletzungen." Der Fall habe das Thema Sicherheit bei der Bahn „auf eine neue Stufe gehoben", heißt es in Unternehmenskreisen.
Die Familie des getöteten Zugbegleiters aus Ludwigshafen hat sich erstmals öffentlich geäußert. Sie sprach über Trauer, Zusammenhalt und darüber, am Prozess gegen den mutmaßlichen Täter teilzunehmen. „Sein Tod wirft Fragen nach der Sicherheit von Bahnmitarbeitern auf." Auch eine Kollegin, die Zugbegleiterin Jennifer Grongold, war bereits im Frühjahr am Bahnsteig angegriffen worden. „So plötzlich wie der Täter damals erschien, war er nach den Tritten auch direkt geflüchtet."
Was die Bahn konkret plant
Die Bahn kündigt daraufhin ein ganzes Bündel an Maßnahmen an. „Die Bahn sucht daher Wege, um für mehr Sicherheit in Zügen zu sorgen. Und das Personal besser vor Übergriffen zu schützen." Konkret geht es um Bodycams, Selbstverteidigungskurse und eine verstärkte Doppelbesatzung. „So soll in Zukunft bei Ticketkontrollen eine weitere Sicherheitskraft, oder zumindest ein weiterer Fahrkartenkontrolleur anwesend sein."
Beim Pilotprojekt Doppelbesatzung werden Schaffnerinnen und Schaffner im Regionalverkehr künftig entweder von einem Sicherheitsmitarbeiter oder einer zweiten Servicekraft begleitet. „Etwa durch durch Bodycams oder mit Selbstverteidigungskursen" könnten Mitarbeiter zudem besser für brenzlige Situationen gewappnet werden. Seit Juli 2025 testet die Bahn zudem stichfeste Westen für das Zugpersonal.
Beim Pflichtprogramm für Bodycams macht die Bahn Tempo: Bis Sommer 2025 sollen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kundenkontakt im Regionalverkehr die Schulung absolviert haben. Derzeit filmen die Kameras allerdings nur Bild, nicht Ton. „Bis Jahresmitte wollen wir eine Quote von 50 Prozent erreichen", sagte der Bahn-Vorstand Harmen van Zijderveld der Deutschen Presse-Agentur. „Angst hat in unseren Zügen keinen Platz." Etwa ein Drittel der Beschäftigten mit Kundenkontakt hat das Angebot bisher freiwillig genutzt.
Zahlen zwischen Anstieg und Rückgang
Die bisherige Bilanz der Bodycams fällt positiv aus: „Bislang gab es in mehr als 500 Vorfällen, in denen die Bodycam aktiviert werden musste, nur eine einzige schwere Attacke." Sollte der Versuch mit den Schutzwesten erfolgreich verlaufen, ist eine bundesweite Einführung ab 2027 denkbar. Auch die Schutzhelme, die aktuell bis Dezember 2025 von der mobilen Unterstützungsgruppe MUG in Berlin getestet werden, stammen laut Bahn „aus den Reihen der Mitarbeiter" der Einheit.
Die Zahlen, die das Unternehmen und die Bundespolizei veröffentlichen, zeichnen ein gemischtes Bild. Die Bundesregierung registrierte 2025 rund 2.690 Übergriffe auf Bahnpersonal – ein Anstieg um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Region Mitte, zu der Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und der nördliche Teil Badens gehören, stiegen die Angriffe sogar um 15 Prozent. Die eigene Statistik von DB Regio weist allerdings sieben Prozent weniger körperliche Attacken aus als im Vorjahr, weil auch nicht angezeigte Vorfälle mitgezählt würden.
Mehr Personal, mehr Kameras, mehr Präsenz
Die Gewerkschaft EVG sieht in den Zahlen ein strukturelles Problem. Umfragen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft zeigten immer wieder, dass sich viele Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter bei der Arbeit unsicher fühlen. „Beleidigungen, Anspucken, Schläge, sexuelle Übergriffe und Körperverletzung sind keine Ausnahme mehr", sagte Heike Moll, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der Deutschen Bahn, anlässlich der Vorstellung neuer Plakate Anfang Mai. „Wir erleben momentan in unserer Gesellschaft eine durchaus schwierige Entwicklung", ergänzte van Zijderveld.
Auch das Trainingsprogramm für die Beschäftigten wird überarbeitet. „Neben den verpflichtenden Sicherheitstrainings alle zwei Jahre" soll der Fokus künftig stärker auf Deeskalation liegen. „Der Fokus liegt dabei auf Deeskalation." Trainingsleiter Jörg Aschermann formuliert das Ziel so: „Wir wollen das sie sicher nach Hause kommen, nicht, dass sie Kämpfer werden." Die Sicherheitslage soll künftig auch technisch besser überwacht werden: Tausende Kameras filmen bereits an Bahnhöfen, etwa 11.000 an den Stationen bundesweit, hinzu kommen Kameras in den Zügen. Künftig sollen Bilder aus den Zügen in Echtzeit in die Verkehrsleitstelle übertragen und dort per KI auf Konflikte wie Streit oder Vandalismus ausgewertet werden.
Parallel baut die Bahn ihre Präsenz an großen Knotenbahnhöfen aus. Im Rahmen eines Programms, das Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) in seiner Bahnstrategie als eines von drei Sofortprogrammen gefordert hatte, werden seit Januar 2025 zusätzliche Sicherheitskräfte an 20 großen Stationen eingesetzt – darunter die Hauptbahnhöfe in Berlin, Hamburg, Hannover, Bremen und Köln. Insgesamt beschäftigt die Deutsche Bahn rund 4.500 Sicherheitskräfte an Bahnhöfen in ganz Deutschland. Ergänzend läuft die groß angelegte Plakatkampagne „#mehrAchtung", die das Unternehmen gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) fortführt, um den respektvollen Umgang im Nahverkehr zu fördern.
Fragen & Antworten
Wer war der getötete Zugbegleiter und was ist passiert?
Bei dem Opfer handelt es sich um den 36-jährigen Serkan Çalar, der im Februar 2025 bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug in der Region Mitte von einem Fahrgast durch Faustschläge gegen den Kopf tödlich verletzt wurde. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Mordes erhoben.
Welche neuen Sicherheitsmaßnahmen führt die Deutsche Bahn ein?
Die Bahn testet stichfeste Westen, führt Bodycams mit verpflichtender Schulung bis Sommer 2025 ein, plant eine KI-gestützte Live-Auswertung von Zugkameras und setzt bei Ticketkontrollen künftig eine Doppelbesatzung aus Servicekraft und Sicherheitspersonal ein.
Wie hat sich die Zahl der Übergriffe auf Bahnpersonal entwickelt?
Die Bundespolizei registrierte 2025 rund 2.690 Übergriffe, elf Prozent mehr als im Vorjahr; in der Region Mitte stiegen die Angriffe sogar um 15 Prozent. Die eigene Statistik von DB Regio weist hingegen sieben Prozent weniger körperliche Attacken aus, da auch nicht angezeigte Vorfälle einfließen.
Bahn rüstet auf: Bodycams, Schutzwesten und Doppelbesatzung | nachrichten360