Nach Mord an Henry Nowak: Rechte Kräfte instrumentalisieren den Fall für eine Debatte über die britische Polizei
London, 04 Juni 2026
CCTV / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Nach dem Mord an dem 18-jährigen Henry Nowak in Southampton ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Rechte Politiker und Prominente wie Elon Musk und Nigel Farage instrumentalisieren den Fall, um eine angebliche Benachteiligung weißer Briten durch die Polizei zu skandalisieren. Premierminister Keir Starmer wirft ihnen vor, den Tod des Studenten politisch auszuschlachten.
London, 04 Juni 2026
Nach dem Mord an dem 18-jährigen Studenten Henry Nowak in Southampton haben rechte Politiker und der Tech-Unternehmer Elon Musk den Fall zu einer politischen Kampagne gegen die britische Polizei und Premierminister Keir Starmer genutzt, während es in der Hafenstadt zu Ausschreitungen mit elf verletzten Beamten kam.
Tatnacht in Southampton
Henry Nowak, ein 18 Jahre alter Student, war im Dezember in Southampton im Süden Englands auf dem Nachhauseweg erstochen worden. Den späteren Ermittlungen zufolge hatte der 23-jährige Vickrum Digwa, ein Angehöriger der Sikh-Gemeinschaft, den jungen Mann bei einem Streit um ein Mobiltelefon mit mehreren Stichen in die Beine und ins Herz attackiert. Als die Polizei eintraf, gab Digwa an, selbst Opfer eines rassistischen Angriffs geworden zu sein. Die Beamten schenkten seinen Angaben Glauben und legten dem schwer verletzten Nowak, der am Boden liegend wiederholt "I can't breathe" rief, Handschellen an, statt Erste Hilfe zu leisten. Nowak starb noch am Tatort.
Ein während des Prozesses veröffentlichtes Bodycam-Video zeigt, wie der schwer verletzte Student neun Mal sagte, er habe Stichverletzungen, und immer wieder äußerte, nicht atmen zu können. Auf seine Hilferufe antwortete einer der Beamten nach Angaben des Vaters: "Das denke ich nicht, mein Freund." Die verstörenden Aufnahmen lösten in der Folge heftige Proteste aus. Mark Nowak, der Vater des Opfers, erklärte nach dem Urteil, die Behandlung seines Sohnes durch die Polizisten sei unmenschlich, erniedrigend und unerträglich gewesen. Zugleich richtete sich seine Kritik ausdrücklich an die beteiligten Beamten, nicht an die Polizei insgesamt.
Prozess und Urteil gegen Vickrum Digwa
Am vorherigen Montag wurde Digwa zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit einem Mindestentzug von 21 Jahren verurteilt. Nach Darstellung des Gerichts handelte es sich bei der Tatwaffe um ein reines Angriffswerkzeug: Die Klinge des verwendeten 21 Zentimeter langen Messers übertraf die übliche Länge eines Kirpan, des zeremoniellen Dolchs der Sikhs, deutlich. Bei einer Hausdurchsuchung wurden laut Richter zudem mehr als zwanzig weitere Waffen sichergestellt, die nichts mit Digwas Religion zu tun hatten. Der Richter kam zu dem Schluss, der Täter sei schlicht waffenbesessen gewesen. Vertreter der Sikh-Gemeinschaft wiesen darauf hin, dass die Tatwaffe kein Kirpan gewesen sei. Auch Mark Nowak betonte, der Fall handle sich nicht um Rassismus oder um den Sikhismus, sondern um einen Mord. Sein Sohn hätte nicht in Polizeigewahrsam auf den Straßen von Southampton sterben dürfen, sagte er. Gleichzeitig appellierte der Vater, der Tod seines Sohnes dürfe nicht missbraucht werden, um "Spaltung, Hass und Spannungen" zu schüren.
Ausschreitungen und Polizeigewalt
Die Veröffentlichung des Bodycam-Videos und das Urteil führten am Dienstagabend in Southampton zu schweren Unruhen. Nach Polizeiangaben versammelten sich zunächst rund 300 Demonstranten vor der Polizeiwache, später wurde am Tatort demonstriert. Die Lage eskalierte: Demonstranten warfen Mülleimer, Pflastersteine und einen E-Scooter auf Beamte, beschädigten Autos, warfen Fensterscheiben ein und zündeten Mülltonnen an. Elf Polizisten wurden verletzt, zwei Randalierer festgenommen. Hampshire Police entschuldigte sich nach dem Urteil öffentlich. Auf Transparenten und in Sprechchören griffen die Protestierenden Nowaks letzte Worte auf: "I can't breathe". In Videoaufnahmen ist zu sehen, wie wütende Männer wiederholt von Polizisten verlangten, wie im Fall George Floyds niederzuknien. Premierminister Keir Starmer verurteilte die Angriffe auf die Beamten als "schändlich und völlig inakzeptabel".
Farage, Robinson und Musk: Rechte Mobilisierung
Rechte Politiker und Kommentatoren instrumentalisieren den Fall für eine grundlegende Auseinandersetzung über die britische Polizei. Nigel Farage, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei Reform UK, die in Umfragen derzeit führt, rief in einem Facebook-Video zu "purer, eiskalter Wut" auf und sagte im Sender Times Radio, Southampton sei erst der Anfang. Farage sprach von einer "Zwei-Klassen-Praxis" der Polizei, bei der weiße Briten schlechter behandelt würden als ethnische Minderheiten. Erneut forderte er: "Genug mit den Vorurteilen gegen Weiße" und "Weiße Leben zählen genauso viel wie schwarze". Der rechtsextreme Aktivist Tommy Robinson, der im Mai in London eine "Unite the Kingdom"-Kundgebung mit Tausenden Teilnehmern organisiert hatte, rief ebenfalls zu Protesten auf und skandierte in Southampton "Gerechtigkeit für Henry".
Starmers Antwort und die politischen Folgen
Auch der Tech-Unternehmer Elon Musk schaltete sich ein und bot der Familie des Opfers an, eine Klage gegen die Polizei zu finanzieren. Auf seiner Plattform X fragte er seine Anhänger, ob sie gewusst hätten, dass die offiziellen Polizeiregularien in Großbritannien den Beamten vorschrieben, rassistisch gegenüber Weißen zu sein. Musk bezog sich dabei auf Anti-Rassismus-Leitlinien der britischen Polizei, die im Vorjahr veröffentlicht worden waren und vor allem den Umgang mit Schwarzen verbessern sollen. Die Polizeiführung kündigte an, diese Leitlinien zu überprüfen. Auch Reform UK fordert ein allgemeines Verbot des Kirpan. Die zuständige Polizeikommissarin Donna Jones forderte die Regierung auf, das Waffenrecht zu ändern: "Wäre dieses Messer am 3. Dezember 2025 verboten gewesen, wäre Henry Nowak heute noch am Leben." In Großbritannien ist das Tragen von Messern mit einer Klinge von mehr als 7,6 Zentimetern grundsätzlich strafbar; für Sikhs gilt jedoch eine religiöse Ausnahme für den Kirpan.
Reaktionen der Sikh-Gemeinschaft
Premierminister Keir Starmer, dessen Labour-Regierung Vorwürfe einer Zwei-Klassen-Polizei zurückweist, warf Musk am Donnerstag vor Journalisten in London vor, in den vergangenen Tagen erneut in die britische Politik einzugreifen und zu versuchen, "Spaltung zu säen". Musk habe sich in den vergangenen Tagen erneut in die britische Politik eingemischt und versuche, Spaltung zu säen. In einem fürchterlichen Fall wie dem Mord an Henry Nowak reagiere man ruhig, wie es die Familie getan habe. Dies sei "nicht, wer wir in Großbritannien sind". Innenministerin Shabana Mahmood verurteilte die Ausschreitungen ebenfalls scharf. Der konservative Oppositionsführer Kemi Badenoch äußerte die Sorge, die Polizei habe nach jahrzehntelangen Vorwürfen institutionellen Rassismus' möglicherweise überkompensiert. Eine Polizeibehörde hatte bereits eingeräumt, dass Schwarze in Großbritannien noch immer überproportional oft kontrolliert, mit Elektroschockwaffen traktiert und in Polizeigewahrsam sterben würden.
Historische Parallelen: Von Southport 2024 zu Southampton 2026
Die britische Sikh-Gemeinschaft, der im Vereinigten Königreich etwa 535.000 Menschen angehören, verurteilte den Mord scharf und warnte vor einer pauschalen Schuldzuweisung. In einer gemeinsamen Erklärung hieß es: "Es ist nicht repräsentativ für die Sikh-Gemeinschaft. Es handelte sich um einen einzelnen Täter." Nach dem British Sikh Report 2025 äußerten 49 Prozent der befragten Sikhs die Sorge vor wachsender anti-sikhischer Stimmung, 50 Prozent fürchteten, Desinformation in sozialen Medien könne die Feindseligkeit gegen Sikhs weiter anheizen. Seit dem Urteil am 1. Juni wurden 15 Fälle von Belästigung von Sikhs gemeldet. Auch der Heimatministerin zufolge erhielt ein zu Unrecht mit dem Fall in Verbindung gebrachter Beamter Morddrohungen und musste mit seiner Familie umziehen. Das Verhalten der Polizisten, die im Dezember versagt hatten, wird von der Polizeiaufsicht untersucht; ein Beamter ist bereits zurückgetreten.
Hintergrund: Institutioneller Rassismus und Anti-Rassismus-Leitlinien
Schon im September des Vorjahres hatte Musk auf einer Großdemonstration in London, die von Tommy Robinson organisiert worden war, die Auflösung des Unterhauses und den Sturz der Regierung Starmer gefordert. In Deutschland unterstützt Musk die AfD. Die Ausschreitungen in Southampton erinnern an die Unruhen im Sommer 2024 in mehreren englischen Städten, die durch den Mord an drei Mädchen in Southport ausgelöst worden waren. Damals hatten sich rassistisch motivierte Ausschreitungen unter anderem gegen Asylunterkünfte, Moscheen und Geschäfte von Muslimen gerichtet, nachdem das Gerücht, der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber, die Runde gemacht hatte. Tatsächlich handelte es sich bei dem Täter um einen in Großbritannien geborenen Mann mit ruandischen Wurzeln.
Hinter der Frage, ob die britische Polizei weiße Briten systematisch benachteilige, steht eine breitere Debatte über institutionellen Rassismus und die Versuche, das Verhältnis zu Minderheiten zu verbessern. Die Anti-Rassismus-Leitlinien waren eingeführt worden, nachdem die Polizei in Großbritannien jahrzehntelang als institutionell rassistisch eingestuft worden war. Nun kündigte die Polizeiführung an, die Leitlinien nach dem Fall Nowak zu überarbeiten. Polizeivertreter betonten, es gehe nicht um die Anwendung doppelter Standards. Die Familie Nowak hatte ausdrücklich darum gebeten, den Tod ihres Sohnes nicht für politische Zwecke zu missbrauchen, sondern ruhig zu bleiben. Ob die britische Regierung den wachsenden Druck aufnehmen und das Waffenrecht tatsächlich ändern wird, ist bislang offen.
Fragen & Antworten
Wer war Henry Nowak und wie kam er zu Tode?
Henry Nowak war ein 18-jähriger Student, der im Dezember in Southampton auf dem Nachhauseweg erstochen wurde. Er starb am Tatort, nachdem Polizisten ihn fälschlich für den Angreifer gehalten und ihm Handschellen angelegt hatten, anstatt Erste Hilfe zu leisten.
Warum kam es nach dem Urteil gegen Vickrum Digwa zu Ausschreitungen in Southampton?
Nach dem Urteil und der Veröffentlichung eines Bodycam-Videos, das das Versagen der Polizei zeigt, kam es am Dienstagabend in Southampton zu schweren Protesten. Rund 300 Demonstranten warfen Gegenstände auf Polizisten, elf Beamte wurden verletzt, Autos beschädigt und Mülltonnen angezündet.
Welche Rolle spielen Elon Musk und Nigel Farage in der Debatte um den Fall?
Elon Musk bot der Familie des Opfers an, eine Klage gegen die Polizei zu finanzieren, und warf den britischen Anti-Rassismus-Leitlinien vor, Weiße zu benachteiligen. Nigel Farage, Vorsitzender der in Umfragen führenden Reform UK, sprach von einer Zwei-Klassen-Praxis der Polizei und rief zu purer, eiskalter Wut auf.
Nowak-Mord in Southampton: Rechte nutzen Fall aus | nachrichten360