Kolumbien: Rechter Kandidat de la Espriella führt nach erster Runde – Stichwahl gegen Cepeda am 21. Juni
Bogotá, 01. Juni 2026
Olímpica Stereo / Wikimedia Commons / CC BY 3.0
Kurzfassung
Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Kolumbien liegt der rechte Kandidat Abelardo de la Espriella mit 43,7 Prozent vor dem linken Senator Iván Cepeda mit rund 41 Prozent. Amtsinhaber Gustavo Petro erkennt das vorläufige Ergebnis nicht an und fordert eine juristische Überprüfung.
Bogotá, 01. Juni 2026
Bei der ersten Runde der kolumbianischen Präsidentschaftswahl am Sonntag hat der rechte Anwalt Abelardo de la Espriella mit 43,7 Prozent der Stimmen die Führung übernommen, während der linke Senator Iván Cepeda auf rund 41 Prozent kam – beide verfehlten die absolute Mehrheit und treffen nun in der Stichwahl am 21. Juni aufeinander.
Nach Auszählung von mehr als 99 Prozent der Stimmen entfielen auf de la Espriella 43,7 Prozent und auf Cepeda etwa 41 Prozent, wie die nationale Wahlbehörde in der Nacht mitteilte. Die konservative Senatorin Paloma Valencia, die als politische Erbin des früheren Präsidenten Álvaro Uribe angetreten war, erreichte lediglich rund 6,5 Prozent und sprach umgehend ihre Unterstützung für de la Espriella aus.
Die Wahlbeteiligung lag bei etwas mehr als der Hälfte der rund 41 Millionen Wahlberechtigten. Insgesamt hatten sich 14 Kandidatinnen und Kandidaten um die Nachfolge von Präsident Gustavo Petro beworben, der nach der Verfassung nicht für eine Wiederwahl antreten durfte.
Petro erkennt vorläufiges Ergebnis nicht an
Der amtierende Präsident Gustavo Petro erklärte noch in der Wahlnacht, er erkenne das vorläufige Stimmergebnis nicht an. Er werde die endgültige, von Richtern überprüfte Auszählung abwarten, ließ Petro über seine Sprecher mitteilen. Eine konkrete Begründung für seine Zweifel nannte er zunächst nicht.
De la Espriella, ein 47-jähriger Strafverteidiger und Unternehmer ohne bisheriges politisches Amt, hatte im Wahlkampf ein kompromissloses Vorgehen gegen Guerillaorganisationen und die organisierte Kriminalität versprochen. Sein Auftreten – mit militärischem Gruß, gestutztem Vollbart, Baseballkappe und Sonnenbrille – erinnert bewusst an den Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele.
Zu seinen umstrittensten Vorschlägen zählen der Bau von einem Dutzend Gefängnissen im Amazonasgebiet sowie die Bombardierung von Drogencamps, auch in Nachbarländern. De la Espriella warnte zudem, sein Gegner Cepeda werde die vielfach kritisierte Wirtschaftspolitik Petros fortsetzen, darunter ein Verbot neuer Ölprojekte.
Zwei gegensätzliche Kandidaten
Iván Cepeda, 63-jähriger Menschenrechtsaktivist und enger Verbündeter Petros, verteidigt dagegen die Strategie des „totalen Friedens“, die auf Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen setzt. Er plant weitreichende Sozialreformen, höhere Steuern für Spitzenverdiener und Landzuteilungen für Opfer des jahrzehntelangen internen Konflikts.
Cepeda genießt starke Unterstützung in armen Bevölkerungsschichten und in der Pazifikregion, wo viele Afrokolumbianer leben. Er war eine Schlüsselfigur in den Gerichtsverfahren gegen den früheren Präsidenten Álvaro Uribe, der im vergangenen Jahr zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde.
Die Wahl war von einer massiven Zunahme der Gewalt überschattet. Kristin Wesemann, Leiterin des Kolumbien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, sprach von „einer der schwersten Gewaltwellen der letzten Jahre“. Bewaffnete Gruppen hätten sich in vielen Regionen ausgebreitet, und 67 Prozent aller Gemeinden seien illegalen Netzwerken und Gruppen ausgesetzt.
Wahl von Gewaltwelle überschattet
Laut einem Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erlebte Kolumbien im Vorjahr die schwersten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt. Mehr als 235.000 Menschen wurden demnach vertrieben. Im Juni 2025 war der konservative Senator Miguel Uribe Turbay bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bogotá angeschossen worden und später seinen Verletzungen erlegen.
Petro war 2022 mit dem Versprechen des „totalen Friedens“ angetreten und suchte den Dialog mit Guerillagruppen. Trotz dieser Bemühungen verschlechterte sich die Sicherheitslage während seiner Amtszeit erheblich. Die staatlichen Sicherheitsstrukturen seien extrem geschwächt, so Wesemann.
Wirtschaftlich verzeichnete die Regierung Petro hingegen Erfolge: Laut einer Analyse des US-Thinktanks Center for Economic and Policy Research stiegen die Sozialausgaben deutlich, der Mindestlohn wurde um 75 Prozent angehoben und die Armutsquote sank seit 2022 spürbar. Auch die Arbeitslosigkeit ging zurück.
Petros Bilanz: Soziale Erfolge, politische Rückschläge
Gleichzeitig scheiterten mehrere Reformvorhaben Petros im Kongress oder wurden verzögert. Seine Regierung litt zudem unter zahlreichen Ministerwechseln und öffentlich ausgetragenen Konflikten. Das Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump galt wegen Streitigkeiten über Migration, Abschiebungen und Drogenpolitik als angespannt.
Vor der Wahl hatten Umfragen Cepeda noch klar in Führung gesehen. Dass de la Espriella nun vorn liegt, überraschte viele Beobachter. Die Unterstützung Valencias und ihres konservativen Lagers könnte dem Rechtspopulisten in der Stichwahl weiteren Auftrieb geben.
Ausblick auf die Stichwahl
Die relativ niedrige Wahlbeteiligung in der ersten Runde bietet beiden Kandidaten Spielraum, zusätzliche Wähler zu mobilisieren. Der dreiwöchige Wahlkampf bis zur Stichwahl am 21. Juni dürfte unter hohen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, nachdem die erste Runde bereits von einer Serie von Angriffen auf Zivilisten, Soldaten und Polizisten begleitet worden war.
Kolumbien leidet seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten zwischen Armee, linken Guerillagruppen, rechten Paramilitärs und Drogenkartellen. Der Ausgang der Stichwahl wird maßgeblich darüber entscheiden, ob das Land den Verhandlungskurs Petros fortsetzt oder einen sicherheitspolitischen Hardliner-Kurs einschlägt.
Fragen & Antworten
Wer ist Abelardo de la Espriella?
Abelardo de la Espriella ist ein 47-jähriger rechter Strafverteidiger und Unternehmer, der noch nie ein politisches Amt innehatte. Er tritt für eine harte Sicherheitspolitik und den massiven Ausbau von Gefängnissen ein.
Warum erkennt Präsident Gustavo Petro das Wahlergebnis nicht an?
Petro hat erklärt, er warte die endgültige, von Richtern überprüfte Auszählung ab, bevor er das Ergebnis anerkenne. Eine konkrete Begründung für seine Zweifel nannte er zunächst nicht.
Wann findet die Stichwahl in Kolumbien statt?
Die Stichwahl zwischen Abelardo de la Espriella und Iván Cepeda ist für den 21. Juni 2026 angesetzt. Der Wahlkampf dafür dauert drei Wochen.
Kolumbien Wahl: De la Espriella führt vor Cepeda | nachrichten360