Klimaforscher warnen vor rasch schrumpfendem Emissionsbudget: Ozeane speichern immer mehr Wärme
Bonn, 11. Juni 2026
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Kurzfassung
Zum Auftakt der UN-Klimakonferenz in Bonn haben Forschende des IGCC einen alarmierenden Bericht vorgestellt. Demnach hat sich die Zahl der Tage mit marinen Hitzewellen seit den 1990er-Jahren mehr als verdreifacht, während das verbleibende Emissionsbudget für das 1,5-Grad-Ziel bei aktuellem Tempo in nur drei Jahren aufgebraucht wäre.
Auf der UN-Klimakonferenz in Bonn hat ein internationales Forschungsteam im neuen IGCC-Bericht eine deutliche Beschleunigung zentraler Klima-Indikatoren festgestellt, während die globalen Emissionen weiter steigen und das Zeitfenster zur Begrenzung der Erderwärmung rapide schrumpft.
Der jährliche Bericht „Indicators of Global Climate Change“ (IGCC) dient als Zwischenbilanz zu den mehrjährigen Berichten des Weltklimarats IPCC. Er wurde zum Auftakt der laufenden UN-Klimakonferenz in Bonn von einem Team aus mehr als 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgestellt, die dafür über 40 Datensätze ausgewertet haben. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren sind viele dieser Datengrundlagen derzeit durch Kürzungen öffentlicher Mittel gefährdet.
Was der IGCC-Bericht ist
Besonders auffällig ist die Entwicklung in den Weltmeeren. Die Zahl der Tage mit marinen Hitzewellen hat sich laut Bericht von 1991 bis 2025 mehr als verdreifacht. Im Durchschnitt entfielen im Jahr 2025 rund 65 Hitzewellen-Tage auf jeden Punkt der Meeresoberfläche. „eine robuste Zunahme der Erwärmung in Tiefen zwischen 700 und 2000 Metern zu beobachten“, heißt es im Bericht. Seit den 1970er-Jahren haben die Ozeane etwa 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufgenommen, die der Mensch durch Treibhausgase freigesetzt hat.
Auch beim Anstieg des Meeresspiegels zeigt sich eine Beschleunigung. Lag die globale mittlere Rate zwischen 1971 und 2018 noch bei etwa 2,33 Millimetern pro Jahr, stieg sie im Zeitraum 2018 bis 2025 auf 3,84 Millimeter pro Jahr. Die Co-Autorin Karina von Schuckmann, Beraterin bei der Forschungsorganisation Mercator Ocean International in Toulouse, nannte neben dem Meeresspiegel auch das Energieungleichgewicht der Erde als Indikator, der sich erkennbar beschleunigt.
Meereshitzewellen und Meeresspiegel: Die Ozeane senden deutliche Signale
Das Energieungleichgewicht der Erde – also die Differenz zwischen einstrahlender Sonnenenergie und der Wärmeabgabe ins All – hat sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt: von 0,40 Watt pro Quadratmeter im Mittel der Jahre 1976 bis 1995 auf 1,04 Watt pro Quadratmeter im Zeitraum 2006 bis 2025. Der Bericht führt diese Entwicklung auf steigende Konzentrationen langlebiger Treibhausgase, den Rückgang kühlender Aerosole wie Schwefeldioxid sowie auf eine geringere Rückstrahlung durch Wolken und schrumpfendes Meereis zurück.
Die globale mittlere CO2-Konzentration in der Atmosphäre lag 2025 demnach bei 425,6 ppm – ein Anstieg um 15,6 ppm gegenüber 2019. Die Methan-Konzentration erreichte 1936,3 ppb, ein Plus von 70,2 ppb. Insgesamt entsprachen die globalen Emissionen im Jahr 2024 rund 56,8 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, davon 38,6 Milliarden Tonnen aus fossilen Brennstoffen und Industrie. Damit liegen die Emissionen zwar unter dem Höchststand, der Zuwachs hat sich im Vergleich zu den 2000er-Jahren verlangsamt – ein Trend nach unten ist jedoch nicht in Sicht.
Emissionen weiter auf Rekordniveau
Die Klimaforscherin Sonia Seneviratne von der ETH Zürich zeigte sich mit Blick auf das Pariser Abkommen von 2015 frustriert. Die Zunahme der Emissionen „finde ich sehr schwierig zu verstehen, wenn wir wissen, dass es das Pariser Abkommen 2015 gegeben hat“, sagt sie. „Man sieht, dass die Emissionen einfach weiter zunehmen, obwohl wir sehr viele Alternativen haben.“ Die Menschheit sei weit davon entfernt, „jetzt auf einem abnehmenden Pfad zu sein“.
Ihr Co-Autor Thomas Frölicher von der Universität Bern formulierte es ähnlich deutlich: „Wir stoßen mehr Treibhausgase als je zuvor aus. Dies führt zu einem Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen wie CO2, Methan oder Stickstoff in der Atmosphäre. Und dadurch speichern wir mehr Wärme im Erdsystem und bringen die Welt aus dem Gleichgewicht.“ Die globalen Emissionen seien höher denn je, was zu steigenden Konzentrationen von CO2, Methan und Distickstoffmonoxid führe.
Politische Konsequenzen und schrumpfende Datenbasis
Die Folgen für das verbleibende Emissionsbudget sind gravierend. Um die Erderwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind laut Bericht nur noch 130 Gigatonnen CO2 zulässig – ein Budget, das bei aktueller Rate in rund drei Jahren aufgebraucht wäre. Für eine Begrenzung auf 1,7 Grad bleiben demnach noch 500 Gigatonnen, was etwa zwölf Jahren entspricht. Die globale Erwärmungsrate stieg von 0,23 Grad pro Jahrzehnt im Zeitraum 2010–2019 auf 0,27 Grad pro Jahrzehnt zwischen 2016 und 2025.
Als Beispiel für politisches Handeln verwies Seneviratne auf das Importverbot für Verbrennerfahrzeuge in Äthiopien. „Also wenn Äthiopien das schafft, denke ich, könnten viele Länder in Europa das auch schaffen“, sagte sie. Die Landflächentemperaturen sind laut Bericht im Vergleich zur vorindustriellen Periode 1850–1900 bereits um 1,81 Grad Celsius gestiegen – bezogen auf die Dekade 2016–2025.
Die Forschenden machen zugleich auf die prekäre Datenlage aufmerksam: Viele der über 40 ausgewerteten Datensätze seien durch Entscheidungen über öffentliche Mittel gefährdet. Damit gerate auch die Grundlage der nächsten IPCC-Berichte zunehmend unter Druck – ausgerechnet in einer Phase, in der verlässliche Klimadaten für politische Weichenstellungen dringender gebraucht werden als je zuvor.
Fragen & Antworten
Was ist der IGCC-Bericht und wer hat ihn erstellt?
Der IGCC-Bericht („Indicators of Global Climate Change“) ist ein jährlicher Zwischenbericht zum IPCC und wurde von über 70 Forschenden unter Auswertung von mehr als 40 Datensätzen auf der UN-Klimakonferenz in Bonn vorgestellt.
Warum alarmiert der Bericht angesichts der Meereshitzewellen?
Die Zahl der Tage mit marinen Hitzewellen hat sich laut Bericht von 1991 bis 2025 mehr als verdreifacht; im Schnitt entfielen 2025 rund 65 Hitzewellen-Tage auf jeden Punkt der Meeresoberfläche.
Wie viel Zeit bleibt noch für das 1,5-Grad-Ziel?
Bei aktuellem Emissionstempo wäre das verbleibende Budget von 130 Gigatonnen CO2 laut Bericht in etwa drei Jahren aufgebraucht; für eine Begrenzung auf 1,7 Grad bleiben rund zwölf Jahre.