Kanada hat am Montagabend den Kauf von zwölf konventionellen U-Booten der Klasse 212 CD bei der Kieler Werft ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) angekündigt und damit vor dem NATO-Gipfel in Ankara den größten Einzelauftrag in der Geschichte des deutschen Schiffbauunternehmens ausgelöst.
Den Beschluss verkündete der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Atlantik-Stützpunkt der Royal Canadian Navy in Halifax, bevor er zum NATO-Gipfel weiterreiste. Premierminister Carney bewertete den Beschluss am Montag als «difficult, close», also als schwierig und eng. Sein Land, verkündete Carney, werde zwölf konventionelle U-Boote der Klasse 212 CD bei der deutschen Werft ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) in Kiel kaufen. Für TKMS bedeutet die kanadische Entscheidung den grössten Einzelauftrag in der Firmengeschichte.
Die Boote sind speziell für Einsätze im hohen Norden und unter dem Eis ausgelegt. Deshalb sollen die neuen U-Boote speziell für Einsätze im hohen Norden und unter dem Eis ausgelegt sein. Kanada ist der Staat mit der längsten Küste der Welt. Kanada plant die grösste Rüstungsausgabe in seiner Geschichte. Nach wiederholten Pannen entschied sich die Regierung 2021 für die Ausschreibung von zwölf konventionellen Booten.
Technik und Einsatzzweck
Der rautenförmige Rumpf der rund 74 Meter langen Boote besteht aus nichtmagnetischem Stahl, wodurch das Boot nur eine geringe magnetische Signatur unter Wasser erzeugt. In den Brennstoffzellen reagieren Wasserstoff und Sauerstoff miteinander. Dabei entsteht elektrischer Strom für den Antrieb, für den, anders als bei Dieselmotoren, kein Luftsauerstoff benötigt wird. Dadurch können die Boote wochenlang unter Wasser bleiben. Jedes U-Boot soll mit einer Besatzung von 30 Mitgliedern fahren.
Der Auftrag ist Teil eines trinationalen Programms: Deutschland, Norwegen und Kanada bauen künftig eine gemeinsame U-Boot-Flotte auf. Auch die deutsche und die norwegische Marine wollen bis Ende der 2030er Jahre jeweils sechs U-Boote des Typs U-212 CD kaufen. Damit werden die drei Staaten nicht nur die gleiche Plattform betreiben, sondern auch Ausbildung, Logistik, Software, Sensorik, Reparatur, Instandhaltung und Ersatzteilbeschaffung gemeinsam betreiben. Die Klasse 212 CD ist eine Weiterentwicklung der bewährten 212 A und verfügt über verbesserte Sensoren zur Aufklärung möglicher Gegner über und unter Wasser.
Trinationale Flotte mit Norwegen
TKMS setzte sich in einem wettbewerblichen Vergabeverfahren gegen die südkoreanische Hanwha-Gruppe durch. Das südkoreanische Unternehmen erklärte am Montag, es habe die «barrier posed by Nato alliances» nicht überwinden können, den Auftrag also nicht wegen mangelnder Technologie, sondern aus bündnispolitischen Gründen verloren. Während das südkoreanische Boot vom Typ KSS-III bereits im Dienst steht, befinden sich die ersten Boote der gut 74 Meter langen U-212 CD für Deutschland und Norwegen noch in der Fertigung.
Die Rede ist von etwa 20 Milliarden Euro für die Boote und bis zu 40 weiteren Milliarden für Wartung, Service und Ersatzteile. Um wie viel Geld es genau geht, hat die Regierung in Ottawa bisher nicht verlauten lassen. Der Vertrag der Kanadier mit TKMS ist allerdings noch nicht verhandelt, der Abschluss soll spätestens Ende nächsten Jahres erfolgen. Laut Unternehmensangaben ist die Auslieferung des ersten Bootes für 2033 vorgesehen; Kanada will die ersten neuen U-Boote nach früheren TKMS-Angaben spätestens 2035 in Dienst stellen. TKMS plant nach eigenen Angaben, in Wismar bis zu 1.500 Arbeitsplätze für das U-Boot-Programm zu schaffen.
Wirtschaftliche Dimension
Der grösste Teil der Herstellung erfolgt auf den Werften in Kiel (Schleswig-Holstein) und Wismar (Mecklenburg-Vorpommern). TKMS zählt zu den weltweit führenden Herstellern nichtnuklear angetriebener U-Boote. Zudem soll Kanada deutsche Lizenzen, Baupläne, Fachwissen und Technologie erhalten, um eine autarke logistische Kette für die Boote an der eigenen Küste aufzubauen.
Bundeskanzler Merz sagte, dies sei ein großes, strategisches Vorhaben, das Kanada, Deutschland und Norwegen auf Jahrzehnte verbinde. Es sei Ausdruck einer auf Dauer angelegten Partnerschaft, die weit über die Sicherheits- und Verteidigungspolitik hinausreiche. Auch Außenminister Wadephul und Verteidigungsminister Pistorius bezeichneten die Vereinbarung als Meilenstein. Wadephul sagte im Deutschlandfunk, das Abkommen sende eine Botschaft des Zusammenhalts im transatlantischen Bündnis.
Geopolitischer Kontext
Hintergrund ist die seit der erneuten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump angespannte Beschaffungsbeziehung Kanadas mit den USA. Rund 80 Prozent seiner Rüstungsgüter bezieht Kanada derzeit aus den Vereinigten Staaten. Das deutsche Verteidigungsministerium nutzte in einer Mitteilung am Montag den Begriff des «maritime burden shifting». Im vergangenen Jahr verständigten sich die NATO-Mitglieder, bis 2035 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für das Militär auszugeben. Zudem verfolgten NATO-Kräfte in den letzten Jahren wiederholt russische U-Boote in der Nähe von Unterseekabeln und Pipelines. Russland und China operieren vor allem mit Atom-U-Booten in diesen Gebieten.
Die bisherigen vier Boote der Victoria-Klasse hatte Kanada Ende der neunziger Jahre gebraucht in Grossbritannien erworben. Vor zehn Jahren hatte Australien der französischen Naval Group den Auftrag für zwölf konventionelle U-Boote erteilt. Fünf Jahre später kippte die Regierung in Canberra den Vertrag und stieg in ein gemeinsames Projekt mit den USA und Grossbritannien für den Bau von Atom-U-Booten ein.
