Kabinett berät über Reservestärkungsgesetz: Pistorius will 200.000 Reservisten bis 2035
Berlin, 1. Juli 2026
Discott. / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den Entwurf eines Reservestärkungsgesetzes auf den Weg gebracht, mit dem die Zahl der Bundeswehr-Reservisten bis 2035 von rund 60.000 auf 200.000 steigen soll. Verteidigungsminister Boris Pistorius setzt dabei auf Verbindlichkeit statt der bisherigen doppelten Freiwilligkeit und stößt damit auf Kritik aus der Wirtschaft.
Das deutsche Kabinett hat am Mittwoch im Verteidigungsministerium den Entwurf eines Reservestärkungsgesetzes beraten, mit dem Verteidigungsminister Boris Pistorius die Bundeswehr-Reserve bis 2035 auf 200.000 Reservisten ausbauen will.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will die Reserve der Bundeswehr deutlich vergrößern. Der Entwurf sieht vor, dass die Zahl der Reservisten von derzeit etwa 60.000 auf 200.000 bis zum Jahr 2035 steigt. Damit würde sich der Personalbestand der Reserve mehr als verdreifachen. Bis 2035 soll die Bundeswehr insgesamt auf 460.000 Personen wachsen.
Kern des Gesetzes ist die Verbindlichkeit von Übungen. Bislang galt das Prinzip der sogenannten doppelten Freiwilligkeit: Sowohl Reservistinnen und Reservisten als auch ihre Arbeitgeber konnten eine Einladung zu Übungen ablehnen. Künftig sollen laut Gesetzentwurf Übungen verpflichtend sein. Das heißt: Die Unternehmen müssen Einsätze ihrer Beschäftigten in der Regel akzeptieren.
Verbindlichkeit statt doppelter Freiwilligkeit
Pistorius begründete den Vorstoß mit der sicherheitspolitischen Lage. Eine moderne Demokratie müsse in der Lage sein, ihre Freiheit zu verteidigen. "Eine moderne Demokratie muss in der Lage sein, seine Freiheit zu verteidigen. Dafür brauchen wir eine Reserve, die schnell verfügbar, gut ausgebildet und engstens mit der aktiven Truppe verbunden ist", sagte der Minister.
Für Personen, die weniger als ein Jahr bei der Bundeswehr waren, gilt die geplante Pflicht bis zum 45. Geburtstag. Derzeit sind nur etwa 60.000 als Reserve fest eingeplant. Der Entwurf definiert Reservisten als alle ehemaligen Soldaten, die nicht unehrenhaft entlassen wurden.
Unterstützung aus dem Reservistenverband
Unterstützung erhält Pistorius vom Verband der Reservisten. Verbandspräsident Bastian Ernst, der für die CDU im Bundestag sitzt, sprach sich für eine Pflicht zur Reserve aus und wandte sich an die Wirtschaft. "Unternehmen brauchen ein sicheres Umfeld. Und ein sicheres Umfeld haben wir nur, wenn wir eine starke Bundeswehr haben. Und eine starke Bundeswehr braucht eine starke Reserve", sagte Ernst.
Kritik aus der Wirtschaft
Kritik kommt hingegen aus der Industrie- und Handelskammer. Rainer Kambeck vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bewertet das Ziel, die Reserve zu stärken, und auch ein neues Gesetz dazu grundsätzlich positiv, hält aber die Abschaffung der doppelten Freiwilligkeit für falsch. Er plädierte dafür, zunächst mit Freiwilligkeit zu starten, wie es beim Wehrdienstmodernisierungsgesetz geschehen sei. "Man könne ja, wie beim neuen Wehrdienst auch, nach einigen Jahren auswerten, ob sich die Zahl der Interessierten nicht auch ohne Pflicht deutlich erhöhen lässt", sagte Kambeck.
Auch aus der Opposition kommt Nachfragen. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Niklas Wagener fordert eine Personalreform bei der Bundeswehr, die dafür sorgen soll, dass Interessierte schneller und unkomplizierter rekrutiert werden. "Wenn ich mich in meinem eigenen Freundeskreis und Umfeld umhöre, wo viele bereit sind, was für die Bundeswehr zu tun, in die Reserve zu gehen, dann höre ich immer wieder, wie lange man auf Rückmeldung wartet, wie schwierig es überhaupt ist, ins System reinzukommen", sagte Wagener.
Der Gesetzentwurf war seit Mai bekannt und soll noch am Tag der Kabinettssitzung vorgelegt werden. Nach der Sommerpause soll sich dann der Bundestag mit den Plänen befassen. Die Bundesregierung verfolgt mit dem Gesetz das Ziel, die Reserve enger mit der aktiven Truppe zu verzahnen und im Krisenfall schneller auf zusätzliches Personal zurückgreifen zu können.
Weiteres Gesetz zum Infrastrukturbau
Mit dem Reservestärkungsgesetz geht zudem ein zweites Vorhaben einher: Das Kabinett plante zudem, einen Entwurf für ein Gesetz zum beschleunigten Bau militärischer Infrastruktur zu beschließen. Damit soll der Ausbau von Liegenschaften und Standorten der Bundeswehr schneller vorankommen.
Die Debatte über das Reservestärkungsgesetz fällt in eine Phase wachsender sicherheitspolitischer Debatten in Europa und einer Diskussion über die Wehrfähigkeit Deutschlands. Mit der geplanten Aufstockung der Reserve reagiert die Bundesregierung auf Erfahrungen, dass freiwillige Strukturen allein den Personalbedarf im Verteidigungsfall nicht decken können.
Die Reaktionen aus der Wirtschaft zeigen, dass die geplante Aufhebung der doppelten Freiwilligkeit politisch umstritten ist. Arbeitgeberverbände und Kammern befürchten Belastungen für Betriebe, die ihre Beschäftigten für Übungen freistellen müssten. Befürworter verweisen hingegen auf die Verantwortung der Wirtschaft für die äußere Sicherheit.
Fragen & Antworten
Was ist das Ziel des Reservestärkungsgesetzes von Boris Pistorius?
Das Gesetz soll die Zahl der Bundeswehr-Reservisten von derzeit rund 60.000 auf 200.000 bis zum Jahr 2035 erhöhen und die Reserve enger mit der aktiven Truppe verzahnen.
Was ändert sich für Reservisten und Arbeitgeber?
Künftig sollen Übungen verpflichtend sein und Arbeitgeber Einsätze ihrer Beschäftigten in der Regel akzeptieren müssen; die bisherige doppelte Freiwilligkeit entfällt.
Welche Kritik gibt es an dem Gesetzentwurf?
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hält die Abschaffung der doppelten Freiwilligkeit für falsch und plädiert für einen Start mit Freiwilligkeit; zudem fordert die Grünen-Politik eine schnellere Rekrutierung Interessierter.