Johnson & Johnson: 5,5-Mrd-Vergleich im Babypuder-Streit | nachrichten360
Johnson & Johnson einigt sich mit Klägern auf 5,5-Milliarden-Vergleich im Babypuder-Streit
New Brunswick, 28. Juli 2026
Daderot / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Johnson & Johnson zahlt im jahrelangen Rechtsstreit um angeblich krebserregende Talkum-Produkte rund 5,5 Milliarden Dollar an Zehntausende Klägerinnen. Damit werden 99,75 Prozent der verbleibenden Verfahren wegen Eierstockkrebs beigelegt, sofern mindestens 95 Prozent der Betroffenen zustimmen.
Der US-Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson hat sich bereit erklärt, rund 5,5 Milliarden Dollar (etwa 4,83 Milliarden Euro) zu zahlen, um die meisten der verbleibenden Klagen im Zusammenhang mit seinen talkumbasierten Babypuder-Produkten beizulegen.
Umfang und Bedingungen der Einigung
Wie das Unternehmen am Montag (Ortszeit) mitteilte, umfasst der Vergleich rund 76.000 Fälle, in denen Klägerinnen dem Konzern vorwerfen, durch die Verwendung seiner talkumbasierten Babypuder-Produkte an Eierstockkrebs erkrankt zu sein. Damit sind fast alle verbleibenden Talkum-Klagen gegen das Unternehmen abgedeckt. Mit dem Vergleich sollen fast alle verbleibenden Klagen (99,75 Prozent) beigelegt werden, in denen dem Unternehmen vorgeworfen wird, seine Talkum-Produkte hätten Eierstockkrebs verursacht. J&J hatte bereits die meisten Verfahren beigelegt, in denen dem Konzern vorgeworfen wurde, sein Talkum enthalte Asbest und verursache Mesotheliome.
Damit die Einigung wirksam wird, müssen 95 Prozent der Klägerinnen zustimmen. Voraussetzung ist demnach, dass sich führende Klägerkanzleien auf Ebene des Landes und der Bundesstaaten der Einigung anschließen. Johnson & Johnson plant, zunächst drei Milliarden Dollar im Jahr 2027 zu zahlen, weitere Zahlungen sollen 2028 folgen. Analysten hatten allerdings schon 2025 prognostiziert, dass diese Zahl auf mehr als 90.000 steigen könnte.
Klagewelle und Vorgeschichte
Da er keine Obergrenze vorsieht, könnten die Zahlungen je nach Zahl der teilnehmenden Klägerinnen auf sieben Milliarden Dollar oder mehr steigen, sagte Klägeranwalt Chris Seeger. Laut Klägeranwalt Seeger steht den Betroffenen dadurch mehr Geld zur Verfügung. Zudem würden die Zahlungen beschleunigt, sodass alle Forderungen innerhalb von 18 Monaten beglichen werden, statt sie über mehr als ein Jahrzehnt zu streiten.
Mehr als drei Jahre lang hatte der Pharmariese vergeblich versucht, die Klagewelle über die Insolvenz einer eigens dafür gegründeten Tochtergesellschaft abzuwickeln. Diese Strategie scheiterte jedoch vor Gericht. Kritiker warfen Johnson & Johnson seit Langem vor, als eines der profitabelsten Unternehmen der Welt Insolvenzregelungen auszunutzen, die eigentlich zahlungsunfähigen Unternehmen vorbehalten sind, um sich vor den Klagen zu schützen. Dem Vergleich vorausgegangen waren jahrelange Rechtsstreitigkeiten und gescheiterte Versuche von J&J, die Klagen über eine Insolvenz abzuwickeln.
Gemischte Prozessbilanz und Einzelurteile
Vor diesen Insolvenzversuchen war die juristische Bilanz von J&J in den Talkum-Prozessen gemischt ausgefallen: Neben einem milliardenschweren Urteil zugunsten von 22 Frauen hatte das Unternehmen einige Prozesse gewonnen oder in der Berufung eine Reduzierung der Schadensersatzsummen erreicht. Erst im Oktober hatte eine Jury im US-Bundesstaat Kalifornien Johnson & Johnson zur Zahlung von 966 Millionen Dollar an die Familie einer verstorbenen Frau verurteilt. Es handelte sich um das bislang höchste Einzelurteil zugunsten einer einzelnen Klägerin in diesem Rechtsstreit. Sie hatte ihre Krebserkrankung auf die lebenslange Verwendung des Baby-Puders des Unternehmens zurückgeführt.
J&J-Anwalt Erik Haas bekräftigte, die Vorwürfe seien unbegründet. Der Konzern wolle den langjährigen Rechtsstreit nun jedoch endgültig beenden. Obwohl wir überzeugt sind, dass sich das Unternehmen bei einer Fortsetzung der Verfahren letztlich durchgesetzt hätte - wie bereits in der überwiegenden Mehrzahl der bislang verhandelten Fälle -, ermöglicht uns diese Einigung, das Thema hinter uns zu lassen und uns auf unsere Mission zu konzentrieren, Medikamente und Medizintechnik zu entwickeln, die Leben retten, sagte Erik Haas, Vizepräsident für Rechtsstreitigkeiten bei Johnson & Johnson.
Haltung des Unternehmens und Reaktionen
Kläger werfen dem Hersteller vor, dass sein Baby-Puder und andere Talkumprodukte mit Asbest verunreinigt gewesen seien und Krebs verursacht hätten. Johnson & Johnson wies die Vorwürfe stets zurück und erklärte mehrfach, dass Talkum keinen Krebs verursache und sich niemals Asbest im Baby-Puder befunden habe. von J&J hat die Vorwürfe stets bestritten und die Sicherheit seiner Produkte betont.
Erst in der vergangenen Woche hatte ein US-Bundesrichter Zweifel daran geäußert, ob die Klägerinnen nachweisen können, dass das Talkum tatsächlich die Ursache ihrer Krebserkrankung war. Diese Frage steht auch im Zentrum der nun erzielten Einigung, die laut Johnson & Johnson einen "effizienten Abschluss" der Klagewelle darstellt. Die vorgeschlagene Einigung stelle einen "effizienten Abschluss" der Klagewelle dar, hieß es vom Konzern.
Den Verkauf talkumbasierten Babypuders in den USA hatte J&J bereits 2020 eingestellt und durch ein Produkt auf Maisstärkebasis ersetzt. wurde der Verkauf des talkumbasierten Puders 2020 zunächst in den USA eingestellt. Im Juni hatte Johnson & Johnson mitgeteilt, insgesamt 11 Milliarden Dollar für die Talkum-Rechtsstreitigkeiten zurückgestellt zu haben. Damit sind nun Mittel für die nun vereinbarte Vergleichszahlung vorhanden, die deutlich unter den ursprünglichen Rückstellungen liegt.
Finanzielle Rückstellungen und Marktreaktion
Im Unterschied zu den früheren Insolvenzplänen deckt der nun erzielte Vergleich keine künftigen Klagen ab. Laut Klägeranwalt Seeger steht den Betroffenen dadurch mehr Geld zur Verfügung - weil keine Mittel für mögliche neue Verfahren reserviert werden müssten, fließe mehr Kapital in die laufenden Fälle.
Mit der Einigung könnte ein Rechtsstreit beendet werden, der das US-Unternehmen seit mehr als 15 Jahren belastet. Nach mehr als zehn Jahren Rechtsstreit über angeblich krebserregendes Babypuder zieht Johnson & Johnson (J&J) einen milliardenschweren Schlussstrich. Für die Aktie ging es im vorbörslichen US-Handel am Dienstag um knapp drei Prozent nach oben, was am Markt als Signal für mehr Rechtssicherheit gewertet wurde.
Ausblick und nächste Schritte
Rechtsexperten werten den Vergleich als den bislang umfangreichsten außergerichtlichen Kompromiss in einem Massenverfahren gegen einen US-Konsumgüterkonzern. Die Struktur mit gestaffelten Auszahlungen und einer Mindestbeteiligung von 95 Prozent der Klägerinnen gilt als ungewöhnlich und soll sicherstellen, dass die verbleibenden Forderungen tatsächlich abgegolten werden.
Der Fall hatte über Jahre hinweg auch die Aufsichtsbehörden und die politische Debatte in den USA beschäftigt. Im Zentrum stand die Frage, wie belastbar die wissenschaftlichen Belege für einen Zusammenhang zwischen Talkum-Kontamination und Krebserkrankungen sind. Während epidemiologische Studien teils auf ein erhöhtes Risiko für Eierstockkrebs hinweisen, hatte J&J stets eigene Gutachten vorgelegt, die einen solchen Zusammenhang verneinen.
Mit der jetzt angekündigten Einigung verschiebt sich diese wissenschaftliche und juristische Auseinandersetzung. Das Unternehmen verzichtet zwar nicht auf seine Position zur Unbedenklichkeit seiner Produkte, nimmt aber gleichzeitig die finanziellen Mittel in Kauf, um den Rechtsstreit zu beenden. Branchenbeobachter sehen darin vor allem eine Risikoabsicherung gegen weitere Einzelverfahren und mögliche Strafschadensersatzforderungen.
Die ersten Auszahlungen an die Klägerinnen sollen nach Unternehmensangaben 2027 beginnen. Voraussetzung ist, dass die geforderte Schwelle von 95 Prozent Zustimmung erreicht wird. Sollte diese Schwelle verfehlt werden, könnte J&J nach Einschätzung von Beobachtern gezwungen sein, erneut in Einzelverhandlungen mit Tausenden verbleibenden Klägern einzutreten.
Insgesamt zeigt der Vergleich die wachsende Bereitschaft großer Konzerne, sich in den USA über Milliardenvergleiche aus langwierigen Massenverfahren zurückzuziehen. Für Johnson & Johnson bedeutet der Schritt nach eigenen Angaben, sich künftig wieder stärker auf sein Kerngeschäft mit Medikamenten und Medizintechnik konzentrieren zu können.
Fragen & Antworten
Worum geht es im Babypuder-Streit gegen Johnson & Johnson?
Klägerinnen werfen dem Unternehmen vor, dass seine talkumbasierten Babypuder-Produkte mit Asbest verunreinigt gewesen seien und bei ihnen Eierstockkrebs verursacht hätten. J&J weist die Vorwürfe zurück und betont, Talkum verursache keinen Krebs und das Babypuder habe niemals Asbest enthalten.
Wie hoch ist die Vergleichssumme und wer entscheidet über die Wirksamkeit?
Johnson & Johnson zahlt rund 5,5 Milliarden Dollar (etwa 4,83 Milliarden Euro), um etwa 76.000 verbleibende Verfahren beizulegen. Damit die Einigung wirksam wird, müssen 95 Prozent der Klägerinnen zustimmen, andernfalls greift der Vergleich nicht.
Was bedeutet der Vergleich für künftige Klagen gegen Johnson & Johnson?
Im Gegensatz zu den früheren Insolvenzplänen deckt der nun erzielte Vergleich keine künftigen Klagen ab. Nach Angaben von Klägeranwalt Chris Seeger stehe den derzeit Betroffenen dadurch mehr Geld zur Verfügung, weil keine Mittel für mögliche neue Verfahren reserviert werden müssten.