Drohneneinschlag AKW Saporischschja: IAEA warnt vor | nachrichten360
IAEA besorgt über Drohneneinschlag am AKW Saporischschja – Kiew und Moskau beschuldigen sich gegenseitig
Wien/Saporischschja, 31. Mai 2026
Exoport / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat einen mutmaßlichen Drohneneinschlag am russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja bestätigt und vor den Gefahren solcher Angriffe gewarnt. Russland und die Ukraine weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu, unabhängig überprüfbar sind die Vorwürfe nicht.
Wien/Saporischschja, 31. Mai 2026
Nach einem mutmaßlichen Drohneneinschlag am russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja in der Südukraine hat die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) ihre tiefe Besorgnis geäußert und Zugang zu dem betroffenen Gebäude gefordert.
Die IAEA bestätigte am Samstag, dass ihre Experten vor Ort von der Kraftwerksleitung über einen Angriff informiert wurden, bei dem ein Loch in die Wand der Turbinenhalle von Reaktorblock 6 gerissen worden sei. Nach Angaben der Behörde wurden auf dem Gelände keine erhöhten Strahlungswerte gemessen, und alle sechs Reaktoren des größten europäischen Kernkraftwerks sind aus Sicherheitsgründen weiterhin abgeschaltet.
Russlands staatlicher Atomkonzern Rosatom und die von Moskau eingesetzte Werksleitung machten umgehend die ukrainische Armee für den Vorfall verantwortlich. Rosatom-Chef Alexei Likhachev erklärte, eine ukrainische Kampfdrohne habe das Kraftwerk am Samstag getroffen. Wichtige Anlagen seien nicht beschädigt worden, jedoch sei ein Loch in der Außenwand der Turbinenhalle entstanden.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Die ukrainische Armee wies die Anschuldigungen entschieden zurück und sprach von einem Propagandatrick sowie von „atomarer Erpressung“ durch Russland. Das ukrainische Außenministerium erklärte, es sei nicht nachvollziehbar, warum die Ukraine ein Kraftwerk auf ihrem eigenen Territorium angreifen sollte, das sie selbst wieder unter ihre Kontrolle bringen will.
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnte eindringlich vor den Risiken solcher Vorfälle. „Attacken auf kerntechnische Anlagen seien wie ein Spiel mit dem Feuer“, zitierte ihn die Behörde. Zudem betonte Grossi: „Es dürfe keinerlei von dem Kraftwerk ausgehenden oder gegen das Kraftwerk gerichteten Angriffe geben.“
IAEA fordert Zugang und warnt vor Eskalation
Die IAEA-Experten vor Ort forderten umgehend Zugang zu dem betroffenen Gebäude, um die Schäden selbst begutachten zu können. Nach Angaben der IAEA wäre dies der erste Drohnenangriff auf das Kraftwerksgelände seit April 2024. Die Behörde mit Sitz in Wien steht seit Beginn der russischen Besetzung des Kraftwerks im März 2022 in ständigem Kontakt mit beiden Seiten, um die nukleare Sicherheit zu gewährleisten.
Russischen Quellen zufolge soll die Drohne über ein Glasfaserkabel ferngesteuert worden sein, was einen versehentlichen Treffer ausschließe. Beweise für diese Darstellung legten die russischen Behörden jedoch nicht vor. Die Behauptungen beider Seiten ließen sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht unabhängig überprüfen.
Das Atomkraftwerk Saporischschja, das größte Kernkraftwerk Europas, befindet sich seit März 2022 unter russischer Kontrolle. Es liegt im Süden der Ukraine nahe der Frontlinie und ist seit Monaten vollständig heruntergefahren. Die IAEA hat wiederholt vor den Gefahren militärischer Aktivitäten in der Nähe der Anlage gewarnt.
Weitreichende Drohnenangriffe auf russische Regionen
Parallel zu dem Vorfall am AKW meldete das russische Verteidigungsministerium in der Nacht zum Sonntag umfangreiche ukrainische Drohnenangriffe auf mehrere russische Regionen. Betroffen waren nach offiziellen Angaben die Gebiete Saratow, Kirow, Rostow am Don, Woronesch und Belgorod. Dabei soll es mehrere Verletzte gegeben haben.
Der Gouverneur der Region Kirow, Alexander Sokolow, berichtete von einem Drohnenangriff auf eine Anlage im Bezirk Urschumski. Die Region liegt rund 1.300 Kilometer nordöstlich von Moskau und damit weit entfernt von ukrainisch kontrolliertem Gebiet. Auch die Gouverneure der grenznahen Regionen Rostow, Woronesch und Belgorod meldeten Angriffe. In Belgorod wurden nach örtlichen Angaben drei Zivilisten verletzt.
In der Region Saratow an der Wolga, wo sich mehrere Ölraffinerien befinden, die bereits zuvor Ziel ukrainischer Angriffe waren, wurde nach Angaben von Gouverneur Roman Busargin zivile Infrastruktur beschädigt. Die Online-Zeitung „Ukrainska Prawda“ berichtete zudem von einem Brand in einem Öldepot nahe der Stadt Taganrog in der Region Rostow am Asowschen Meer.
Auf der von Russland kontrollierten Halbinsel Krim kündigte der von Moskau eingesetzte Gouverneur Sergej Aksjonow Einschränkungen beim Benzinverkauf an, ohne dafür eine Begründung zu nennen. Die Maßnahme deutet auf Versorgungsengpässe infolge der anhaltenden Angriffe auf russische Energieinfrastruktur hin.
Selenskyj warnt vor neuer russischer Offensive
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederholte unterdessen seine Warnung vor einem neuen massiven russischen Luftangriff. Er erklärte zudem, die Ukraine habe ein weiteres Luftverteidigungssystem aus Deutschland erhalten, benötige aber auch dringend zusätzliche Raketen für diese Systeme.
Bereits in der Nacht zum Samstag hatten beide Seiten von schweren gegenseitigen Luftangriffen mit Hunderten Raketen und Drohnen berichtet. Die ukrainischen Streitkräfte sprachen von rund 300 russischen Raketen und Drohnen. Sowohl die Ukraine als auch Russland meldeten Tote und Verletzte sowie Schäden an der Infrastruktur.
Vier Jahre Krieg: Die nukleare Bedrohung bleibt
Der Krieg, den Russland im Februar 2022 mit dem Einmarsch in die Ukraine begann, dauert damit seit mehr als vier Jahren an. Die Fronten sind weitgehend erstarrt, doch die gegenseitigen Luftangriffe auf militärische und energiebezogene Ziele haben in den vergangenen Monaten an Intensität zugenommen.
Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Lage am AKW Saporischschja mit wachsender Sorge. Die IAEA fordert seit langem die Einrichtung einer entmilitarisierten Schutzzone um das Kraftwerk, um eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Bislang blieben entsprechende diplomatische Bemühungen ohne Erfolg.
Fragen & Antworten
Was ist am AKW Saporischschja passiert?
Nach Angaben der IAEA und der russischen Betreibergesellschaft Rosatom hat eine Drohne die Turbinenhalle von Reaktorblock 6 getroffen und ein Loch in die Außenwand gerissen. Die Strahlungswerte blieben normal, und alle Reaktoren sind weiterhin abgeschaltet.
Wer ist für den Drohneneinschlag verantwortlich?
Russland beschuldigt die ukrainische Armee, die Drohne gesteuert zu haben, während die Ukraine die Vorwürfe als Propaganda und „atomare Erpressung“ zurückweist. Unabhängige Beweise für eine der beiden Darstellungen liegen nicht vor.
Wie reagiert die IAEA auf den Vorfall?
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnte, Angriffe auf kerntechnische Anlagen seien wie ein Spiel mit dem Feuer, und forderte, dass es keinerlei Angriffe gegen das Kraftwerk geben dürfe. Die IAEA-Experten vor Ort verlangen Zugang zu dem beschädigten Gebäude, um die Lage zu untersuchen.