Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat am Sonntagnachmittag in Coschen an der brandenburgisch-polnischen Grenze mit 41,7 Grad Celsius den vorläufigen deutschen Temperaturrekord gemessen, während die anhaltende Hitzewelle in Deutschland und Europa mehrere Tote fordert und Infrastruktur sowie Gesundheitswesen an ihre Grenzen bringt.

Was ist neu seit dem Vortag

Update vom 29. Juni 2026: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat den vorläufigen deutschen Temperaturrekord nach oben korrigiert. Am Sonntagnachmittag registrierte die Messstation im brandenburgischen Coschen (Landkreis Oder-Spree) um 15:10 Uhr einen Wert von 41,7 Grad Celsius, wie der DWD auf Anfrage von tagesschau.de bestätigte. Eine Qualitätskontrolle dieser Messwerte steht noch aus. Zuvor waren am Freitag in Saarbrücken-Burbach 41,3 Grad und am Samstag an derselben Station 41,4 Grad gemessen worden. Am Samstag hatte zudem die Wetterstation Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt 41,5 Grad angezeigt.

Was ist neu seit dem Vortag: Der bisherige deutsche Allzeitrekord lag nach DWD-Angaben bei 41,2 Grad Celsius, gemessen am 25. Juli 2019 in Tönisvorst und Duisburg-Baerl in Nordrhein-Westfalen. Dass dieser Wert nun innerhalb weniger Tage dreimal übertroffen wurde, ist meteorologisch bemerkenswert. Auch in Baden-Württemberg wurde am Wochenende ein neuer Landesrekord aufgestellt: In Waghäusel-Kirrlach (Kreis Karlsruhe) kletterte das Thermometer am Samstag auf 41,4 Grad, tags darauf waren es nach vorläufigen Angaben 40,6 Grad. Hessen verzeichnete am Sonntag in Bad Nauheim 41,3 Grad und in Frankfurt-Höchst sogar 42,0 Grad. Die Nacht zum Sonntag war laut DWD mit einem Tiefstwert von 29,4 Grad in Kubschütz (Sachsen) die wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen in Deutschland.

Hintergrund: Europa unter extremer Hitze

Hintergrund: Der Juni 2026 hat sich in weiten Teilen Europas zum bislang heißesten Monat des Jahres entwickelt. Wie die Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage einer Analyse meldete, erlebten am Sonntag mindestens 191 Millionen Menschen in Europa Temperaturen über 35 Grad Celsius. Auch in unseren Nachbarländern wurden neue Höchstwerte registriert: In Doksany nördlich von Prag zeigte das Thermometer zunächst 40,6 Grad, später 40,8 Grad, wie der nationale tschechische Wetterdienst CHMI mitteilte. Der bisherige tschechische Rekord hatte bei 40,4 Grad gelegen. In der Schweiz wurde in Basel mit 38,8 Grad ein neuer Juni-Rekord aufgestellt, Dänemark meldete in Ødum nördlich von Aarhus 37 Grad - den höchsten Wert seit Aufzeichnungsbeginn im Jahr 1874.

Gesundheitliche Folgen und Todesfälle

Gesundheitliche Folgen: Die WHO zeigt sich besorgt. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus schrieb auf der Plattform X, seit dem 21. Juni seien in Europa mehr als 1.300 zusätzliche Todesfälle verzeichnet worden, die im Zusammenhang mit den hohen Temperaturen stünden. In Frankreich haben die Gesundheitsbehörden nach eigenen Angaben seit Mittwoch etwa 1.000 zusätzliche Todesfälle im Vergleich zu den Vormonaten registriert. Laut einer Mitteilung von Santé publique France vom Sonntag starben vor allem ältere Menschen ab 65 Jahren. Die Europäische Region erwärme sich nach WHO-Angaben doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.

Badeunfälle und Tote: Die extreme Hitze hat in Deutschland mehrere Menschenleben gefordert. Am Samstagabend ertrank ein 27-Jähriger im Neckar bei Heidelberg, ein 30-Jähriger aus Mannheim starb bei einem Badeunfall an einem Badesee bei Neuhofen (Rhein-Pfalz-Kreis). Am späten Samstagabend wurde in Hamburg ein 22-Jähriger in der Elbe tot geborgen. Im Seepark Lünen bei Dortmund zogen Besucher am Freitag einen 45 Jahre alten Mann leblos aus dem Wasser. In Hessen wurde südwestlich von Frankfurt ein 40-Jähriger tot aus dem Waldsee Raunheim geborgen. In Berlin starb ein 51-Jähriger am Tempelhofer Hafen, nachdem eine Gruppe in einem Schlauchboot im Jungfernheideteich in Charlottenburg eine leblose Person entdeckt hatte.

Belastung der Rettungsdienste: Bundesweit mussten Rettungsdienste bei hitzebedingten Notfällen bewusstlosen Menschen helfen oder sie reanimieren. Die Berliner Feuerwehr absolvierte am Samstag mehr als 2.000 Einsätze, oftmals wegen Schwindel und Kreislaufproblemen. In Dresden verzeichnete die Feuerwehr mit 318 Einsätzen den einsatzstärksten Tag des Jahres. Die Kölner Feuerwehr befand sich nach Angaben der Stadt an ihrer Kapazitätsgrenze. In Schleswig-Holstein berichteten die Leitstellen von einer turbulenten Nacht mit mehr als 300 Feuerwehreinsätzen.

Bahnverkehr und Infrastruktur unter Druck

Pflegeeinrichtungen unter Druck: Die Hitze traf besonders ältere und pflegebedürftige Menschen. In einem Altenheim in Krefeld kollabierten fünf Senioren. In Dormagen mussten 16 Bewohner einer Einrichtung ins Krankenhaus gebracht werden, nachdem sich das Gebäude auf über 35 Grad erhitzt hatte. Eugen Brysch vom Vorstand der Stiftung Patientenschutz sagte dem Evangelischen Pressedienst, der Sommer habe gerade erst begonnen und bereits jetzt litten viele der 800.000 Heimbewohner unter den extremen Temperaturen. Er kritisierte die bisherigen Hitzeschutzpläne als reinen Aktionismus.

Bahnverkehr massiv beeinträchtigt: Die Deutsche Bahn und weitere Eisenbahnverkehrsbetriebe hatten Fahrgäste aufgerufen, wegen der Hitze zu Hause zu bleiben und nicht dringend notwendige Reisen im Fern- und Regionalverkehr zu verschoben. In Leipzig stellten die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) den Straßenbahnverkehr wegen Hitzeschäden an Schienen und Weichen bis Montagmorgen um 3.30 Uhr ein. In Nürnberg wurde der Straßenbahnbetrieb komplett eingestellt. Mehrere Bahnunternehmen aus Nordrhein-Westfalen meldeten Probleme im Großraum Essen und am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Hessens Verkehrsminister Kaweh Mansoori (SPD) forderte die Bahn auf, kurzfristig die erste Klasse zu öffnen, damit ältere Fahrgäste, Schwangere und Familien mit Kindern in überfüllten Zügen nicht stehen müssten. Bei diesen Temperaturen sei die Gesundheit wichtiger als der Ticketpreis, betonte er.

Stromausfälle und Infrastruktur: Brände an mehreren Trafostationen führten vor allem im Westen Deutschlands zu Stromausfällen für zahlreiche Menschen. Polizei, Feuerwehr und Energieversorger mussten in Idar-Oberstein, Bonn, Kerpen, Duisburg, Mönchengladbach und Weinheim ausrücken. Im Raum Mannheim lösten technische Defekte weitere Stromausfälle aus. Der Stromverbrauch im Rhein-Main-Gebiet erreichte nach Angaben der Netzdienste Rhein-Main mit über 900 Megawatt am vergangenen Donnerstag einen neuen Rekordwert - rund 50 Megawatt mehr als beim bisherigen Höchststand. In Deutschland gibt es rund 600.000 Trafo- oder Umspannstationen.

Straßen und Autobahnen: Hitzeschäden zwangen auch auf den Straßen zu Maßnahmen. Die A2 zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt wurde am Wochenende teilweise gesperrt, der ADAC verhängte auf bestimmten Strecken Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die Deutsche Bahn erklärte, auch der Schienenverkehr leide unter den Extrem-Temperaturen.

Wasserversorgung, Waldbrand und Veranstaltungen

Wasserversorgung und Appelle: Der Deutsche Städte- und Gemeindebund rief die Bürgerinnen und Bürger zum Wassersparen auf. Dessen Hauptgeschäftsführer Berghegger sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung, Vereine sollten kein Wasser für Tennisplätze oder Golfanlagen verschwenden. Bei Unverständnis müssten die Behörden zu Verboten greifen. In mehreren Gemeinden steht die Wasserampel auf Rot: Rosenke warnte, die Trinkwasserreserve im Hochbehälter sinke ab, weil weniger Wasser nachfließe als entnommen werde. Irgendwann sei der Hochbehälter alle. Dann ist kein Trinkwasser mehr da. Auch in Fernwald steht die Wasserampel daher auf Rot. Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) appellierte an die Bevölkerung: Bitte schauen Sie an diesem Wochenende nach Ihren Nachbarn, Verwandten und Mitmenschen und bringen einen Kasten Wasser mit.

Waldbrand in Rheinland-Pfalz: Bei Bad Kreuznach breitet sich der Waldbrand im Naturschutzgebiet Rotenfels weiter unkontrolliert aus. Die ganze Ortschaft Traisen musste geräumt werden, in der Nacht hatten bereits 300 Menschen den nördlichen Ortsteil verlassen müssen. Mehr als 250 Einsatzkräfte versuchen den Brand einzudämmen.

Beeinträchtigungen bei Veranstaltungen: Zahlreiche Sportevents und Großveranstaltungen wurden in Deutschland abgesagt. In Hamburg fielen der Halbmarathon und die Parade der Harley Days wegen der Hitze aus. Beim Konzert der Toten Hosen im Frankfurter Waldstadion blieb das Stadiondach wegen Temperaturen über 40 Grad geschlossen, um Besucher vor direkter Sonne zu schützen. Bei der Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt am Main kämpften rund 70 Profi-Triathleten trotz extremer Hitze um den Titel - der Veranstalter verkürzte die Radstrecke von 180 auf 125 Kilometer. Die Berliner Philharmoniker verkürzten ihr Konzert in der Waldbühne, weil Gewitter aufzogen.

Ausblick: Gewitter und Abkühlung

Warnung vor Gewittern: Nach einem heißen Wochenende ist Abkühlung in Sicht - allerdings begleitet von teils schweren Gewittern. Der DWD warnte für die Nacht zum Montag vor allem im Süden und Osten Deutschlands vor örtlichen Gewittern mit Unwetterpotenzial, Hagel und heftigem Starkregen mit bis zu 40 Litern pro Quadratmeter. Auch Sturmböen um 80 km/h und Niederschlagsmengen zwischen 15 und 25 Litern pro Quadratmeter pro Stunde seien möglich. Für den Montag werden dann Höchstwerte zwischen 25 und 29 Grad erwartet, lokal im Osten und Südosten bis 32 Grad.

Baden in Flüssen: Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) riet generell vom Baden in Flüssen ab. Eine Sprecherin verwies auf gefährliche Strömungen, Schifffahrt sowie Verunreinigungen durch Fäkalkeime. Auch das HLNUG registrierte an drei Messstellen Stundenmittelwerte über dem Grenzwert von 180 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter: in Limburg 182, in Raunheim (Groß-Gerau) 192 und in Wiesbaden Süd 208. Bei Werten über 180 wird Kindern, Jugendlichen und empfindlichen Menschen von körperlicher Betätigung im Freien abgeraten.

Ausblick und internationale Lage: Die WHO sieht in der anhaltenden Hitze ein wachsendes Gesundheitsrisiko. Frankreichs staatlicher Energiebetreiber EDF musste die Stromerzeugung bereits zur Wochenmitte um 4,1 Gigawatt reduzieren, in Ungarn senkte der Betreiber MVM die Produktion eines der vier Reaktoren im Kraftwerk Paks wegen der hohen Wassertemperatur der Donau um 243 Megawatt. In der Schweiz erreichte die Aare wiederholt Temperaturen von über 25 Grad. Die britische Hotelbranche verzeichnet laut Booking.com einen Anstieg der Suchanfragen mit dem Filter Klimaanlage um 34 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Tim Staeger vom ARD Wetterkompetenzzentrum warnte, man möge sich eine solche Wetterlage im August gar nicht vorstellen, wenn noch heißere Luftmassen aus Afrika den Weg nach Deutschland fänden. Solch eine Wetterlage im August mag man sich gar nicht vorstellen, wenn dann noch heißere Luftmassen aus Afrika über Spanien und Frankreich hinweg den Weg zu uns nach Norddeutschland finden, sagte Böttcher.