Hamburger Ernst Deutsch Theater zeigt „Passion Timmy“ – einen Abend über den Wal, der die Republik spaltete
Hamburg, 10. Juli 2026
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Kurzfassung
Im Hamburger Ernst Deutsch Theater inszeniert ein Team um Enrique Fiß und Regisseur Alexander Klessinger die Geschichte des gestrandeten Buckwals als Passionsspiel. Am 11. Juli folgt auf das Stück „Passion Timmy“ eine Diskussion mit Aktivistinnen und einer Tierärztin sowie ein Konzert der Band Tulpe.
Im Hamburger Ernst Deutsch Theater verarbeiten der Schauspieler Enrique Fiß und der Regisseur Alexander Klessinger in dem Abend „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ die Geschichte eines an der Ostseeküste gestrandeten und trotz Rettungsversuchen gestorbenen Buckelwals.
Drei Teile, ein Abend
Der Abend besteht aus drei Teilen: dem performativen Stück „Passion Timmy“, einer Podiumsdiskussion und einem Konzert der Berliner Band Tulpe, die mit dem Lied „Sprengt den Wal“ einen Streaminghit landete. Premiere ist am 11. Juli um 19:30 Uhr am Hamburger Ernst Deutsch Theater.
Im Zentrum steht die Frage, wie aus dem Schicksal eines einzelnen Tieres eine gesellschaftliche Erregung wurde. „Es gibt einen rituellen Moment, den es ja auch um Timmy herum gab. Man hat sehr viel in diesen Wal hineininterpretiert, was er bedeuten könnte für uns als Gesellschaft, für uns als Menschheit. Diesen Moment ziehen wir größer, indem wir ihn wirklich religiös aufladen“, erläutert Fiß das Konzept der Produktion.
Der Wal strandete mehrfach an der Ostseeküste und wurde zeitweise Timmy genannt. Über Livestreams verfolgten zahlreiche Menschen täglich sein Schicksal, die Rettungsversuche schlugen jedoch fehl. Der Tod des Tieres löste anschließend Debatten über den richtigen Umgang mit dem Tier aus – und über die gesellschaftlichen Deutungen, die sich an seinem Sterben festmachten.
Vom Tier zum Sinnbild
Fiß arbeitet nach eigenen Angaben bereits seit Längerem mit Klessinger in einem erweiterten Team zusammen. Die Produktion verstehe sich als Versuch, unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben, sagte der Schauspieler. Der Fokus liege auf dem Moment der Empathie und der Selbstwirksamkeit, den viele Aktivistinnen und Aktivisten aus eigenem Erleben kennen würden.
Kritisch blickt die Inszenierung auf die Vereinnahmung des Themas: „Wie dieses Thema aber aus der esoterischen und aus der rechten und nationalen Ecke gekapert wurde, aus derselben, die mit dem Spektakel dann auch Profit gemacht hat, wie das Ganze instrumentalisiert wurde, das ist etwas, was wir ganz klar kritisch sehen und thematisieren wollen“, sagte Fiß.
Scharf äußerte sich der Schauspieler zudem zu politischen Reaktionen. „Wenn ein Spitzenpolitiker anfängt, darüber zu sprechen, dass der Wal ihm im Traum begegnet ist, dann ist das schon ein sehr komischer Moment“, zitieren die Quellen den Darsteller. Auch die Aussage eines MediaMarkt-Gründers, die Gesellschaft sei vielleicht zu kapitalistisch geworden, greift Fiß auf: „Oder wenn ein Gründer von Mediamarkt sagt, dass wir vielleicht als Gesellschaft zu kapitalistisch geworden sind, frage ich mich, was passiert hier gerade?“
Politische Vereinnahmung
Zwischen den Lagern, die das Tier sterben lassen oder es um jeden Preis retten wollten, sei in den sozialen Medien viel Wut hochgekocht. „Es beschäftigt den Schauspieler, wie viel Wut in den sozialen Medien hochkochte in dem Moment, als die einen das Tier sterben lassen, die anderen es aber um jeden Preis retten wollten. Am Ende hassen sich alle gegenseitig, dabei war es das Ziel, etwas Positives zu bewirken“, heißt es in dem Bericht.
„Auf einmal wird auch von rechten Influencern und Podcastern der Verfall des deutschen Staates anhand des sterbenden Wals begründet. Das ist ein sehr gefährlicher Moment“, warnte Fiß. Damit werde ein einzelnes Tier zum Sinnbild für eine vermeintliche Niedergangserzählung gemacht.
An der anschließenden Diskussion nehmen neben Fiß die Tierrechtler Anna Schubert und Hendrik Haßel sowie die Tierärztin Kirsten Tönnies teil, die bei einem Rettungsversuch selbst vor Ort war. Den Abschluss bildet das Konzert der Band Tulpe, deren provokanter Titel „Sprengt den Wal“ online auf große Resonanz stieß.
Streit mit gemeinsamer Faktenbasis
Zum Ton der Diskussion formulierte Fiß eine klare Erwartung: „Wir wünschen es uns, dass es hoch hergeht, ohne dass es explodiert. Ich mag Debatte und Austausch und Diskussion um die Sache. Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig zuhören und auch zugestehen, eine gewisse Haltung zu Themen zu haben, ohne dass wir eine bestimmte Basis verlassen. Dass wir uns darauf einigen können, dass es Fakten gibt.“ Die Fähigkeit, sich auf gemeinsame Fakten zu verständigen, müssten einige seiner Einschätzung nach allerdings „erst wieder lernen“.
Die Inszenierung versteht sich damit weniger als bloße Rückschau auf ein Tierrettungsdrama als als Bestandsaufnahme darüber, wie eine Gesellschaft mit einem emotional aufgeladenen Ereignis umgeht – und welche Akteure dabei welche Deutungen durchsetzen.
Fragen & Antworten
Worum geht es in „Passion Timmy“ am Hamburger Ernst Deutsch Theater?
Das Stück verarbeitet die Geschichte eines an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwals, der trotz Rettungsversuche starb, als künstlerisch überhöhte Passionsgeschichte. Anschließend diskutieren Aktivistinnen, eine Tierärztin und der Schauspieler Enrique Fiß über den Umgang mit dem Tier und die gesellschaftliche Reaktion.
Wer steht hinter der Produktion?
Hinter dem Abend stehen Regisseur Alexander Klessinger und Schauspieler Enrique Fiß, die bereits länger in einem erweiterten Team zusammenarbeiten. Den Abschluss bildet ein Konzert der Berliner Band Tulpe, die mit „Sprengt den Wal“ einen Streaminghit hatte.
Warum war der Fall des Wals gesellschaftlich umstritten?
Über Livestreams verfolgten viele Menschen das Schicksal des Tieres, doch die Rettung scheiterte. In sozialen Medien eskalierte der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Rettung, und laut Fiß wurde das Thema zugleich von rechten Influencern, esoterischen Kreisen und kommerziellen Akteuren vereinnahmt.
Passion Timmy in Hamburg: Theaterabend über den Ostsee-Wal | nachrichten360