Die Hamburgerinnen und Hamburger haben in einem Referendum mit deutlicher Mehrheit gegen eine Olympia-Bewerbung gestimmt. Bürgermeister Peter Tschentscher zog die Kandidatur noch vor Abschluss der Auszählung zurück.
Bei einem Referendum am 31. Mai 2026 stimmte eine klare Mehrheit der Hamburger Wählerinnen und Wähler gegen eine Bewerbung der Stadt um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
Rund 1,3 Millionen Menschen ab 16 Jahren waren zur Stimmabgabe aufgerufen. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,5 Prozent. Nach Angaben von Landeswahlleiter Oliver Rudolf wurden 652.193 Stimmen abgegeben. Das Nein-Lager setzte sich früh am Abend so deutlich durch, dass das Ergebnis bereits vor dem vorläufigen amtlichen Endergebnis feststand.
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) reagierte umgehend und informierte DOSB-Präsident Thomas Weikert sowie den deutschen IOC-Vertreter Michael Mronz über den Rückzug der Hansestadt. „Ich habe dem Präsidenten des DOSB, Thomas Weikert, sowie dem Vertreter Deutschlands beim IOC, Michael Mronz, soeben mitgeteilt, dass Hamburg seine Olympia-Bewerbung zurückzieht“, erklärte Tschentscher.
Tschentscher zieht Kandidatur noch vor Auszählungsende zurück
Der Erste Bürgermeister zeigte sich enttäuscht über den Ausgang. Er dankte zugleich allen, die sich für das Ziel eingesetzt hatten, die Spiele nach Hamburg zu holen. Man habe aus dem gescheiterten Referendum von 2015 gewusst, dass die Skepsis in Hamburg größer sei als in anderen Städten, räumte Tschentscher ein.
Gleichwohl habe sich der Senat für die Bewerbung entschieden, weil Olympische und Paralympische Spiele unter den heutigen Bedingungen eine große Chance für alle seien. Die Spiele hätten vielen Entwicklungen Rückenwind gegeben, die man nun auch ohne Olympia erreichen wolle, so der Bürgermeister. „Wir werden unsere Ziele in der Stadtentwicklung und die Umsetzung der großen Infrastrukturprojekte, für die wir die Unterstützung der Bundesregierung benötigen, jetzt auch ohne Olympia mit aller Kraft verfolgen“, sagte Tschentscher.
Das Statistikamt Nord hatte erste Ergebnisse gegen 18:30 Uhr angekündigt, das vorläufige Endergebnis wurde für etwa 22:00 Uhr erwartet. Bereits am Nachmittag um 14:00 Uhr hatten 45,7 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, darunter 41.048 Menschen direkt in den 178 Wahllokalen. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 603.044 Stimmen einschließlich der Briefwahlunterlagen eingegangen. Die Zahl der zugelassenen Briefwahlunterlagen betrug 561.996.
Finanzkonzept und Kritik der Gegner
Die Gegner der Bewerbung, darunter die Initiative „NOlympia“, die Linke, die AfD sowie Umweltschutzverbände, hatten vor unkalkulierbaren finanziellen Risiken und Belastungen für Bevölkerung, Stadt und Umwelt durch Verkehr und Baumaßnahmen gewarnt. Sie argumentierten zudem, dass ohnehin hohe Mieten weiter steigen würden und der Breitensport nicht profitiere. Eckart Maudrich von NOlympia kritisierte das Finanzkonzept des Senats als mit „riesengroßen Löchern“ behaftet.
Der rot-grüne Senat unter Führung von Peter Tschentscher hatte sein offizielles Olympia-Konzept vor rund einem Jahr vorgestellt. Der Finanzplan veranschlagte Kosten von 4,8 Milliarden Euro bei erwarteten Einnahmen von 4,9 Milliarden Euro. Das Konzept setzte auf kurze Wege, Nachhaltigkeit und die Nutzung bestehender Sportstätten sowie temporärer Bauten. Kiel war als fester Partner für Segel-, Handball- und Rugbywettbewerbe vorgesehen.
Eine breite Allianz aus Politik, organisiertem Sport, Wirtschaft und Kultur hatte die Bewerbung unterstützt. Deutschlands Rekord-Olympiasiegerin Isabell Werth, die 14 Medaillen darunter achtmal Gold gewann, warb für die Spiele. Sie sagte: „Es wäre genau das richtige Zeichen für unsere Gesellschaft, für unsere jungen Menschen. Sport verbindet, Sport begeistert, Sport vereint, Sport motiviert, und wir würden ein super Gastgeber sein. Viele Großereignisse wie die WM 2006 haben das gezeigt.“
Prominente Unterstützung durch Isabell Werth
Werth betonte zudem den wirtschaftlichen Nutzen: „Natürlich kostet es Geld, aber wir würden vor allem davon profitieren. Der Mehrwert ist ungleich höher und der wirtschaftliche Erfolg meines Erachtens viel größer als jetzt die Sorge vor der Investition. Es wird einen Ruck in der Wirtschaft und in der Gesellschaft geben.“
Mit dem Votum scheidet Hamburg aus dem nationalen Auswahlverfahren des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) aus. Der DOSB wird Ende September über den deutschen Kandidaten für das internationale Bewerbungsverfahren entscheiden. DOSB-Vorstandsvorsitzender Otto Fricke hatte sich ausdrücklich ein positives Votum aus Hamburg gewünscht.
Nationales Rennen: München, Rhein-Ruhr und Berlin bleiben im Rennen
Im Rennen um die deutsche Olympia-Kandidatur verbleiben nun noch München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Zentrum sowie Berlin. In München stimmten bei einem Referendum 66,4 Prozent für die Bewerbung, die Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent. In der Rhein-Ruhr-Region votierten ebenfalls rund 66 Prozent für das Vorhaben.
Berlin verzichtet aus verfassungsrechtlichen Gründen auf ein Referendum; stattdessen stimmte das Abgeordnetenhaus am 21. Mai mehrheitlich für eine Olympia-Bewerbung. In Kiel, das als Partnerstadt Hamburgs vorgesehen war, hatten sich am 19. April 63,5 Prozent der Bürger in einem Referendum für eine Ausrichtung von Segelwettbewerben im Rahmen künftiger Spiele in Deutschland ausgesprochen.
DOSB-Bewertungsverfahren und nächste Schritte
Eine DOSB-Bewertungskommission wird die finalen Konzepte der verbliebenen Bewerber anhand einer Bewertungsmatrix prüfen. Die Konzepte können noch bis zum 4. Juni angepasst werden. Eine Kategorie in der Matrix ist das Ergebnis eines Bürgerentscheids. Nach dem Ausscheiden Hamburgs hat der DOSB nur noch drei Bewerber.
Das Hamburger Olympia-Konzept sah vor, die Spiele mit kurzen Wegen, Nachhaltigkeit und überwiegend vorhandenen Sportstätten auszurichten. Das Programm der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles umfasst mehr als 353 Medaillenentscheidungen in 36 Sportarten. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat angedeutet, dass die Zahl der Sportarten und Medaillenwettbewerbe für künftige Spiele reduziert werden soll. Die Spiele 2012 in London umfassten lediglich 26 Sportarten.
Historische Parallele: Auch 2015 scheiterte Olympia in Hamburg
Es ist das zweite Mal, dass die Hamburger Bevölkerung eine Olympia-Bewerbung per Referendum ablehnt. Bereits 2015 war eine Kandidatur mit 51,6 Prozent Nein-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 50,2 Prozent gescheitert. Damals hatten 653.227 Menschen abgestimmt. Das Votum ist für den rot-grünen Senat bindend.
Fragen & Antworten
Warum hat Hamburg gegen die Olympia-Bewerbung gestimmt?
Die Gegner führten unkalkulierbare finanzielle Risiken, steigende Mieten, Umweltbelastungen durch Verkehr und Bauarbeiten sowie fehlende positive Effekte für den Breitensport an. Diese Argumente überzeugten eine deutliche Mehrheit der Abstimmenden.
Welche Städte sind noch im Rennen um die deutsche Olympia-Kandidatur?
Nach dem Ausscheiden Hamburgs bewerben sich noch München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Zentrum und Berlin um die nationale Olympia-Kandidatur. Der DOSB entscheidet Ende September über den Kandidaten.
Was passiert jetzt mit den Hamburger Stadtentwicklungsplänen?
Bürgermeister Peter Tschentscher kündigte an, dass die Stadt ihre Ziele in der Stadtentwicklung und große Infrastrukturprojekte auch ohne die Olympischen Spiele mit voller Kraft verfolgen wird. Dafür benötigt Hamburg die Unterstützung der Bundesregierung.