Guterres bittet in Haiti um Verzeihung und spricht von täglichem Überlebenskampf
Port-au-Prince, 17 Juni 2026
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Kurzfassung
UN-Generalsekretär António Guterres hat bei einem eintägigen Besuch in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince die internationale Gemeinschaft um Verzeihung gebeten. Angesichts von 2.300 Toten, 1,5 Millionen Vertriebenen und einer neuen Eingreiftruppe, die nur langsam aufgestellt wird, schilderte er die Lage als täglichen Überlebenskampf.
Port-au-Prince, 17 Juni 2026
UN-Generalsekretär António Guterres hat bei einem eintägigen Besuch in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince die internationale Gemeinschaft um Verzeihung gebeten und die sich zuspitzende Gewalt durch kriminelle Banden als täglichen Überlebenskampf für die Bevölkerung beschrieben.
Ort und Anlass des Besuchs
Guterres traf sich hinter verschlossenen Türen mit Haitis Premierminister Alix Didier-Fils-Aimé und besuchte anschließend eine ehemalige Schule im Stadtteil Solino, in der mehr als 1.250 Binnenvertriebene untergebracht sind. Vor den Bewohnerinnen und Bewohnern sagte er: „Wir wissen, wie viel Sie gelitten haben, ich bin vor allem hier, um Ihnen zuzuhören." Er fügte hinzu: „We're going to do our best."
An einer Pressekonferenz am Dienstag sprach Guterres von einem klaren Versäumnis der Staatengemeinschaft. „Ich bitte Sie um Verzeihung, nicht in der Lage gewesen zu sein, die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren", sagte er wörtlich. Er bitte deshalb um Verzeihung. Die Lage in Haiti sei für viele Menschen ein andauernder Kampf ums nackte Überleben: „Für zu viele Haitianer ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben."
Opferzahlen und Ausmaß der Gewalt
Die UN-Statistik weist für das laufende Jahr bislang 2.300 Tote, 1.100 Verletzte und 100 Verschleppte durch Bandengewalt aus. „Im Karibikstaat Haiti sind nach Angaben der Vereinten Nationen allein in diesem Jahr 2.300 Menschen durch Bandengewalt getötet worden", hieß es. UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, sprach am Montag zudem von 99 Entführungen seit Jahresbeginn.
Guterres verwies auf das Schicksal der Kinder und Frauen. „Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Frauen und Kinder zahlen den höchsten Preis." Er sagte weiter: „Die Welt hat nicht das Recht, den Blick abzuwenden." An die Adresse der internationalen Gemeinschaft formulierte er: „Die Welt habe nicht das Recht, den Blick abzuwenden."
Vertreibung und humanitäre Lage
Nach UN-Angaben sind etwa 1,5 Millionen Menschen im Land auf der Flucht. „Etwa 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht", erklärten die Vereinten Nationen. Insgesamt hat Haiti rund zwölf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, von denen nach UN-Angaben etwa die Hälfte als von Hunger bedroht gilt. „Etwa die Hälfte der Bevölkerung gilt laut UN-Angaben als von Hunger bedroht."
Im Mai flohen laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der UN mehr als 18.000 Menschen aus dem Slum Cité Soleil. Allein in der Hauptstadt Port-au-Prince wurden nach IOM-Angaben mehr als 300.000 Menschen durch Bandengewalt vertrieben – ein Rekordwert. Gregoire Goodstein, IOM-Chef in Haiti, warnte: „Haiti's displacement crisis is entering an even more alarming phase."
Hintergrund: politische Vakuum und Bandenherrschaft
Am vergangenen Wochenende hatte ein Angriff auf das Küstenviertel Cité Soleil mehr als 30 Tote, Verletzte oder Verschleppte gefordert, „bei dem nach Angaben einer lokalen Menschenrechtsorganisation mehr als 30 Menschen getötet, verletzt oder verschleppt wurden". Der Angriff ereignete sich unmittelbar vor Guterres' Visite. „Guterres' eintägiger Besuch in Port-au-Prince folgte auf einen Angriff auf das Küstenviertel Cité Soleil am vergangenen Wochenende."
Die Lage in Haiti gilt seit Jahren als desolat. Im Juli 2021 wurde Präsident Jovenel Moïse in seiner Privatresidenz ermordet; seither hat das Land kein Staatsoberhaupt mehr. „Haiti wird immer wieder von Krisen und Gewalt erschüttert und gilt als eines der ärmsten Länder der Welt." Mächtige kriminelle Gangs verüben Morde, Entführungen und Vergewaltigungen und zwingen Kinder, für sie zu kämpfen.
Ein im April von Expertinnen und Experten veröffentlichter UN-Bericht kam zum Ergebnis, dass Banden rund 90 Prozent des Landes kontrollieren. Allein in Port-au-Prince wird der Anteil der Banden-Föderation Viv Ansanm auf 70 Prozent geschätzt. Die US-Regierung hat Viv Ansanm als ausländische Terrororganisation eingestuft.
Internationale Antwort: neue Eingreiftruppe
Im September hatte der UN-Sicherheitsrat die Ablösung der bisherigen, viel kritisierten Multinationalen Sicherheitsunterstützungsmission (MMAS) unter kenianischer Führung durch eine robustere Eingreiftruppe zur Bandenbekämpfung (Gang Suppression Force, FRG) beschlossen. „Der UNO-Sicherheitsrat hatte im vergangenen September eine neue Mission zur Bekämpfung der Bandenkriminalität in Haiti beschlossen."
Die neue Truppe startete am 1. April 2026 den operativen Betrieb, um die weitgehend von Banden kontrollierte Hauptstadt zu befrieden. Ihr Mandat sieht bis zu 5.500 Polizistinnen, Polizisten und Soldatinnen und Soldaten vor. Davon sind jedoch bislang nur etwa 1.000 im Einsatz. „Von den zugesagten 5.000 Polizisten und Soldaten sind bisher aber nur etwa 1.000 im Einsatz."
Die bisher entsandten Kräfte stammen aus Tschad, der Mongolei, Jamaika, Guatemala und El Salvador. Die alte, von kenianischer Polizei angeführte Mission war chronisch unterfinanziert und unterbesetzt geblieben. Anders als die MMAS darf die neue Trupfe auch Soldaten einsetzen, nicht ausschließlich Polizeikräfte.
Forderungen aus Port-au-Prince
Premierminister Fils-Aimé steht unter Druck, Wahlen vorzubereiten. Er sagte, Sicherheit habe Priorität, damit die Übergangsregierung Wahlen abhalten und „get back to republican rule" könne. Er forderte Guterres auf, darauf hinzuwirken, dass die die Truppe tragenden Staaten „live up to their engagement".
Menschenrechtsorganisationen erhöhen den Druck. Einen Tag vor Guterres' Besuch hatte Human Rights Watch einen Brief veröffentlicht, in dem die UN-Spitze aufgefordert wurde, die Bevölkerung zu schützen und die Ursachen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen anzugehen. Auch die Entführung von James Boyard, Kabinettschef im Verteidigungsministerium, aus einem der wenigen relativ sicheren Viertel der Hauptstadt in der vergangenen Woche verdeutlicht die Reichweite der Banden.
Finanzierungslücke und Ausblick
Das UN-Hilfsprogramm für Haiti für das laufende Jahr ist mit 880 Millionen US-Dollar (758 Millionen Euro) veranschlagt, aber weniger als ein Viertel davon ist bislang finanziert. Guterres kündigte an, sich weiter für die Mobilisierung der internationalen Gemeinschaft einzusetzen. Die neue Eingreiftruppe soll in den kommenden Wochen ihren Betrieb vollständig aufnehmen.
Im Notunterkunft in Solino leben Menschen seit bis zu vier Jahren. Sie schlafen dicht an dicht und erhalten nur eine Mahlzeit pro Tag. Wendy Cejour, 26, berichtete der Nachrichtenagentur AP, er und seine Familie lebten seit eineinhalb Jahren in der Schulaula. Für sie und Hunderttausende andere Haitianerinnen und Haitianer entscheidet sich jeder Tag aufs Neue, ob sie überleben.
Fragen & Antworten
Warum hat UN-Generalsekretär Guterres in Haiti um Verzeihung gebeten?
Guterres erklärte, die internationale Gemeinschaft habe es nicht geschafft, sich ausreichend für Haiti zu mobilisieren, während Bandengewalt und Vertreibung eskalieren. Er bat die Betroffenen daher ausdrücklich um Verzeihung.
Wie ist die neue Eingreiftruppe gegen die Banden aufgestellt?
Die im September vom UN-Sicherheitsrat beschlossene Gang Suppression Force (FRG) startete am 1. April 2026 und soll bis zu 5.500 Polizistinnen, Polizisten und Soldatinnen und Soldaten umfassen. Bislang sind allerdings nur etwa 1.000 Kräfte aus Tschad, Mongolei, Jamaika, Guatemala und El Salvador im Einsatz.
Wie viele Menschen sind in Haiti derzeit von der Gewalt betroffen?
Nach UN-Angaben wurden im laufenden Jahr 2.300 Menschen getötet, 1.100 verletzt und etwa 100 entführt, etwa 1,5 Millionen sind auf der Flucht, und rund die Hälfte der rund zwölf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner gilt als von Hunger bedroht.
Guterres in Haiti: Verzeihung für Versagen der | nachrichten360