Eine Studie der Beratungsgesellschaft EY zeigt, dass die USA mit 56 von 100 Unternehmen die Liste der wertvollsten börsennotierten Konzerne der Welt dominieren, während Deutschland nur noch mit Siemens in den Top 100 vertreten ist.
Nvidia führt – SpaceX direkt in den Top 10
Mit einem Börsenwert von rund 4,8 Billionen US-Dollar führt der Chip-Hersteller Nvidia das EY-Ranking zum Stichtag 30. Juni an. Dahinter folgen die Google-Mutter Alphabet (4,3 Billionen), Apple (4,2 Billionen) und Microsoft (2,8 Billionen US-Dollar). „Unternehmen, denen Anleger eine führende Rolle in der KI-Wertschöpfungskette zutrauen, werden mit enormen Bewertungsaufschlägen belohnt“, sagte Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY.
Acht der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt stammen aus den USA, darunter der Neuzugang SpaceX von Elon Musk, das kurz nach seinem Börsengang mit einem Börsenwert von 2,25 Billionen Dollar auf Platz sechs landete. Neben den USA sind in den Top 10 lediglich Taiwan mit dem Chiphersteller TSMC und Saudi-Arabien mit dem Ölkonzern Saudi Aramco (1,681 Billionen Dollar) vertreten.
Historische Verschiebung an den Weltbörsen
Die EY-Studie verdeutlicht damit die Verschiebung der Kräfteverhältnisse an den Weltbörsen. „Wir erleben derzeit eine historische Verschiebung der Kräfteverhältnisse an den Weltbörsen“, sagte Ahlers. Der kombinierte Börsenwert der 100 größten Unternehmen weltweit stieg demnach seit Jahresbeginn um 18 Prozent auf 61,9 Billionen Dollar; allein die großen Tech-Konzerne legten 30 Prozent auf 35,2 Billionen Dollar zu – getrieben vom KI-Boom.
Deutschland rutscht ab: nur noch Siemens in den Top 100
Für Deutschland fällt die Bilanz ernüchternd aus: Nur der Münchner DAX-Konzern Siemens schafft es mit einem Börsenwert von 247 Milliarden Dollar noch in die Liste der Top 100 der teuersten Börsenunternehmen – auf Platz 72. Zu Jahresbeginn hatten es mit SAP und Allianz noch zwei weitere deutsche Konzerne in das Ranking geschafft; inzwischen sind sie auf die Plätze 114 und 115 zurückgefallen.
Ahlers sieht darin ein Warnsignal: „Dass Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nur noch mit einem Unternehmen in den Top 100 vertreten ist, muss uns Sorgen machen.“ Er warnte zudem, Europa müsse aufpassen, „bei einer Schlüsseltechnologie nicht erneut strukturell ins Hintertreffen zu geraden“. Als zentrale Bremsfaktoren nannte er die zersplitterten Kapitalmärkte in Europa und eine schwächere Risikokapitalkultur.
Auch andere europäische Unternehmen finden sich nur am Rand der Top 100 wieder. Die erste europäische Firma im Ranking ist der niederländische Chiphersteller ASML mit einem Börsenwert von 756,8 Milliarden Dollar auf Platz 20. Insgesamt kommen 56 Unternehmen aus den USA, zwölf aus China sowie je fünf aus Großbritannien und Japan in die Top 100.
Europas Spitzenreiter: ASML auf Platz 20
In Deutschland selbst gibt es aber auch Lichtblicke: Der Halbleiterhersteller Infineon kletterte im Ranking von Platz 401 auf Platz 185 und verdoppelte seinen Börsenwert auf 121 Milliarden Dollar. Siemens Energy verbesserte sich von Rang 168 auf Rang 128 mit einem Börsenwert von 162 Milliarden Dollar. Diese Aufholjagd zeigt, dass einzelne europäische Firmen durchaus vom KI- und Tech-Trend profitieren können.
Der Börsenwert von Amazon, das gemeinsam mit Nvidia, Alphabet, Apple und Microsoft zu den fünf Spitzenreitern gehört, rundet die Dominanz der US-Tech-Giganten weiter ab. Hinter den USA und China bleiben Europa und insbesondere Deutschland bei den Bewertungen der Leitindizes weiter zurück – ein Trend, den die EY-Studie als „historische Verschiebung“ beschreibt.
Risiken der hohen KI-Bewertungen
Die Bewertungsunterschiede zwischen den US-Technologiekonzernen und anderen Branchen sind dabei enorm groß. Während Nvidia, Apple, Microsoft und Co. Bewertungen im Billionenbereich erreichen, operieren selbst die größten deutschen Industriekonzerne im deutlich niedrigeren mittleren zweistelligen Milliardenbereich. Diese Spanne verdeutlicht, wie weit der Abstand zwischen den US-Tech-Schwergewichten und der europäischen Realwirtschaft geworden ist.
Die EY-Analyse weist zugleich darauf hin, dass die hohen Bewertungen der KI-getriebenen Unternehmen auf Erwartungen an künftige Gewinne beruhen. Sollte der KI-Boom sich abschwächen oder die Renditen hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten die Bewertungsaufschläge wieder schrumpfen – was dann auch die Zusammensetzung der Top 100 rasch verändern würde.
Insgesamt zeichnet die Studie das Bild einer zunehmend zweigeteilten Börsenwelt: Auf der einen Seite eine Handvoll US-Technologiekonzerne mit Billionenbewertungen, auf der anderen Seite Unternehmen aus Europa, deren Börsenwerte oft nur einen Bruchteil davon ausmachen. Für die politische Debatte über die Stärkung europäischer Kapitalmärkte liefert die EY-Erhebung damit neuen Diskussionsstoff.
Erstellt wurde die Studie von der Beratungsgesellschaft EY und über die dpa-AFX in Frankfurt verbreitet. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der Investoren die Frage stellen, ob der aktuelle KI-Zyklus die ohnehin schon hohe Konzentration an der Spitze der Börsen weiter verstärkt oder ob neue Wettbewerber – auch aus Europa – den Rückstand aufholen können.
