EU-Kommission reagiert auf Bürgerinitiative zu Videospielen mit Dialog statt Gesetz
Brüssel, 16 Juni 2026
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Kurzfassung
Nach der Bürgerinitiative "Stop Destroying Videogames" mit rund 1,3 Millionen Unterschriften wird die EU-Kommission vorerst keine Rechtsvorschriften zum Schutz von Videospielen nach der Abschaltung durch Publisher vorschlagen. Stattdessen kündigte sie einen Dialog mit der Games-Branche und Verbrauchervertretern an, um Industriestandards für den Umgang mit auslaufenden Spielen zu entwickeln.
Brüssel, 16 Juni 2026
Die EU-Kommission hat auf die Bürgerinitiative "Stop Destroying Videogames" reagiert, indem sie einen Dialog mit der Games-Branche und Verbraucherseite ankündigte, anstatt rechtliche Schritte einzuleiten.
Hintergrund: Wie die Initiative entstand
Die Europäische Kommission wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine rechtliche Verpflichtung vorschlagen, die Publisher dazu zwingt, Videospiele nach der Abschaltung weiterhin spielbar zu halten. Das geht aus einer offiziellen Mitteilung der Brüsseler Behörde hervor, in der auf die "bestehenden Rechte an geistigem Eigentum" der Hersteller verwiesen wird. Gleichzeitig kündigte die Kommission an, einen Dialog mit Branchenvertretern und Gamern über "Möglichkeiten zur Verbesserung der Industriestandards" zu führen.
Anlass für das Verfahren war die europäische Bürgerinitiative "Stop Destroying Videogames", die unter dem Kürzel "Stop Killing Games" bekannt geworden ist. Sie wurde von dem Youtuber Ross Scott ins Leben gerufen und inzwischen zu einer Lobbygruppe ausgebaut. Fast 1,3 Millionen Menschen hatten die Petition innerhalb eines Jahres unterzeichnet und damit die formale Schwelle für eine Behandlung durch die EU-Kommission erreicht.
Die Initiatoren forderten, dass Spiele auch dann noch benutzbar bleiben müssen, wenn die Hersteller sie auslaufen lassen. Der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken, der auch im Rechtsausschuss des Parlaments sitzt, brachte das Anliegen auf eine griffige Formel: "Wer Geld für ein Videospiel bezahlt, darf nicht irgendwann vor einem digitalen Totalschaden stehen, nur weil ein Konzern entscheidet, den Stecker zu ziehen."
Auslöser: The Crew und Firewall Ultra
Der konkrete Auslöser für die Initiative war die Abschaltung des Online-Rennspiels "The Crew" durch den französischen Publisher Ubisoft im April 2025. Weil das Spiel ausschließlich online gespielt werden konnte, wurde es durch die Stilllegung der Server unspielbar. Ein ähnliches Schicksal ereilte Fans des VR-Shooters "Firewall Ultra", denen Sony etwa ein Jahr später den Zugang entzog.
Trotz der klaren Forderung der Unterzeichner will die Kommission nun nicht per Gesetz eingreifen. Sie kündigte stattdessen an, gemeinsam mit der Industrie und Verbraucherseite einen Verhaltenskodex für den Umgang mit dem "Lebensende" von Videospielen auszuarbeiten. In einer Erklärung der Behörde heißt es, Anbieter müssten Verbraucher fair behandeln, "auch wenn sie beschließen, ein Spiel einzustellen".
Die Position der EU-Kommission
Der zuständige EU-Kommissar für Recht und Verbraucherschutz, Michael McGrath, betonte, dass die Brüsseler Behörde die notwendigen Schritte unternehmen werde, "damit ein Dialog mit Vertretern der Verbraucher stattfinden kann". Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen ergänzte, sie hoffe, dass die Industrie den Spielergemeinschaften Gehör schenke und sich auf bessere Auslaufregelungen einige. McGrath formulierte zudem eine Erwartung an die Hersteller: "Wenn sie die Bereitstellung eines Spiels früher als vertraglich vereinbart oder früher als von den Verbrauchern vernünftigerweise erwartet einstellen, sollten die Spieler eine angemessene Rückerstattung erhalten."
Die Reaktion der Initiative auf den Brüsseler Schritt fiel verhalten aus. Auf der Plattform X schrieb die Bewegung, die Entscheidung komme "nicht unerwartet". Vertreter der Initiative sehen weiterhin Chancen für eine rechtliche Regelung durch das EU-Parlament. Gleichzeitig kündigten sie an: "Wir können auch ohne die Kommission und ihre Nichtentscheidung weitermachen."
Reaktionen: Kritik aus dem EU-Parlament
Scharfe Kritik übte auch Tiemo Wölken. Der SPD-Politiker warf der Kommission vor, mit bloßer Symbolpolitik zu reagieren: "Statt zu handeln, will die Kommission die Initiative mit bedeutungsloser Symbolpolitik abspeisen", teilte er mit. Er forderte, dass Käufer von Videospielen nicht schutzlos gestellt werden dürften, wenn Publisher den Betrieb einstellen.
Die Spielebranche selbst wehrt sich bisher gegen eine gesetzliche Verpflichtung, Server für ältere Titel dauerhaft am Laufen zu halten. Sie verweist auf die bestehenden Rechte an geistigem Eigentum und auf die wirtschaftlichen Risiken, die mit einem unkündbaren Betrieb verbunden wären. Der nun angekündigte Dialog soll nach dem Willen der Kommission ausloten, welche freiwilligen Standards denkbar sind.
Rechtlich bewegt sich die Kommission auf bekannten Boden: Die EU verfügt zwar über weitreichende Kompetenzen im Verbraucherschutz, Eingriffe in das Urheberrecht und die Vertragsgestaltung zwischen Publishern und Spielern sind jedoch politisch heikel. Eine obligatorische Garantie für die langfristige Nutzbarkeit von Software würde zudem Fragen der Haftung, der Definition von "Ende des Lebenszyklus" und der Kostenverteilung aufwerfen.
Rechtlicher Rahmen und Ausblick
Die Initiative hatte im vergangenen Jahr europaweit knapp 1,3 Millionen Unterschriften gesammelt und damit nach dem EU-Regelwerk für Europäische Bürgerinitiativen einen Anspruch auf Prüfung durch die Kommission erworben. Dieses Instrument erlaubt es Bürgerinnen und Bürgern, die Kommission direkt aufzufordern, einen Rechtsakt vorzuschlagen. Ein Anspruch auf Erlass eines solchen Akts besteht jedoch nicht.
Die EU-Kommission sendete den Beitrag am 16. Juni 2026 im Programm Deutschlandfunk. In der Berichterstattung wurde hervorgehoben, dass die formelle Reaktion der Kommission zwar ausbleibt, der angekündigte Dialog aber als Signal an die Branche gewertet wird, dass das Thema auf der politischen Agenda bleibt. Beobachter werten den Schritt als Versuch, einen Konflikt zwischen Verbraucherschutz und Eigentumsrechten zu entschärfen, ohne die Industrie offen zu brüskieren.
Für die Initiative bedeutet die Antwort aus Brüssel eine Zäsur, aber kein Ende. Die Bewegung will den Druck auf das EU-Parlament erhöhen und setzt dabei auf Abgeordnete wie Tiemo Wölken, die das Anliegen im Rechtsausschuss unterstützen. Ob am Ende eine Richtlinie, eine Verordnung oder ein freiwilliger Verhaltenskodex steht, ist derzeit offen.
Fest steht, dass mit "The Crew" und "Firewall Ultra" zwei prominente Beispiele die Debatte befeuert haben. Beide Spiele waren nach ihrer Abschaltung für die Käufer wertlos, obwohl sie ursprünglich als vollwertige Produkte erworben worden waren. Die Initiative argumentiert, dass digitale Güter in dieser Hinsicht nicht schlechter gestellt werden dürfen als physische, bei denen der Käufer zumindest das Eigentum an der Datenträger-Kopie behält.
Die Kommission verweist ihrerseits darauf, dass bestehende Verbraucherrechte der EU bereits einen gewissen Schutz bieten, etwa bei Gewährleistung und Rückerstattung. Ob dieser Rahmen ausreicht, um Fälle wie die Abschaltung ganzer Spielwelten abzudecken, ist juristisch umstritten. Die kommenden Dialogrunden sollen klären, ob die Industrie bereit ist, über freiwillige Selbstverpflichtungen hinausgehende Garantien anzubieten.
Bis dahin bleibt die Initiative bei ihrer Linie: Sie will die rechtliche Regelung im Parlament weiterverfolgen und notfalls auch ohne formelle Unterstützung der Kommission Druck aufbauen. Die Unterstützung von mehr als einer Million Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern gilt in Brüssel als deutliches Signal, das die Behörde in ihrer Mitteilung ausdrücklich anerkennt.
Mit Blick auf die kommenden Monate gilt als wahrscheinlich, dass zunächst Gespräche zwischen Kommissionsvertretern, Branchenverbänden und Verbraucherorganisationen stattfinden werden. Ein konkreter Zeitplan für die Vorlage eines Verhaltenskodex oder mögliche legislative Vorschläge wurde bislang nicht genannt. Beobachter rechnen erst im nächsten Jahr mit belastbaren Ergebnissen.
Fragen & Antworten
Was ist die Bürgerinitiative "Stop Destroying Videogames"?
Sie ist eine europäische Bürgerinitiative, die vom Youtuber Ross Scott gestartet wurde und inzwischen als Lobbygruppe "Stop Killing Games" bekannt ist. Fast 1,3 Millionen Menschen haben sie unterzeichnet und fordern, dass Spiele auch nach einer Abschaltung durch den Hersteller spielbar bleiben müssen.
Warum hat die EU-Kommission keine Gesetzesinitiative vorgelegt?
Die Kommission erklärte, sie könne "zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine rechtliche Verpflichtung vorschlagen" und verwies auf die bestehenden Rechte an geistigem Eigentum der Publisher. Stattdessen kündigte sie einen Dialog mit der Branche und Verbraucherseite über Industriestandards an.
Welche Spiele stehen im Zentrum der Debatte?
Im Zentrum stehen das Ubisoft-Rennspiel "The Crew", das im April 2025 abgeschaltet wurde, und der VR-Shooter "Firewall Ultra", dem Sony später den Zugang entzog. Beide Titel wurden durch die Stilllegung der Server für Käufer unspielbar.
Stop Killing Games: EU-Kommission setzt auf Dialog | nachrichten360