Ein Jahr nach dem Amoklauf in Graz: Was hat die Politik verändert?
Graz, 10. Juni 2026
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Kurzfassung
Ein Jahr nach dem Amoklauf am BORG Dreierschützengasse in Graz mit zehn Toten zieht die Bundesregierung Bilanz über eingeleitete Maßnahmen. Gleichzeitig fällt die Stadt eine bewusste Entscheidung gegen eine große öffentliche Gedenkveranstaltung.
Am ersten Jahrestag des Amoklaufs am Bundesoberstufenrealgymnasium (BORG) Dreierschützengasse in Graz, bei dem am 10. Juni 2025 neun Schülerinnen und Schüler sowie eine Lehrperson getötet wurden, zieht die österreichische Bundesregierung eine politische Zwischenbilanz und verweist auf bereits umgesetzte sowie geplante Maßnahmen.
Die Tat jährt sich am 10. Juni 2026 und zählt zu den schwersten Gewaltverbrechen in der Geschichte Österreichs. Der Täter, ein 21-jähriger ehemaliger Schüler der Schule, tötete zehn Menschen und anschließend sich selbst. Weitere Personen wurden verletzt, einige davon schwer. Die verwendeten Waffen befanden sich laut Angaben im legalen Besitz. Angesichts des Ausmaßes der Gewalt stand die Schule in den Folgemonaten nicht nur vor einer menschlichen, sondern auch vor einer symbolischen Herausforderung.
Die Tat und ihre unmittelbaren Folgen
Das Schulgebäude wurde nach der Tat umgestaltet, damit möglichst wenig an den Tatort erinnert. Diese Entscheidung verweist auf die langfristige psychische Belastung, die für die Schulgemeinschaft und die Anwohnerinnen und Anwohner weiterhin besteht. Ein 52-jähriger Anwohner namens Alex P., der am Tag des Angriffs den Parkplatz eines nahegelegenen Supermarkts als Sammelplatz für Rettungs- und Medienkräfte sowie als Anlaufstelle für Angehörige erlebt hatte, berichtete, dass ihn Martinshörner in der Nachbarschaft inzwischen an das Geschehen erinnerten. Er gehe abends selten noch vor die Tür.
Elvedin Omerčević, Obmann des Vereins der Bosniaken Steiermark, begleitete in den Stunden und Tagen nach der Tat viele Angehörige und Menschen aus der bosnischen Community, da zwei der zehn getöteten Schülerinnen Muslime waren. Der Verein übernahm eine wichtige Rolle in der akuten Betreuung und Übersetzung. Über die Namen der Getöteten hinaus verdeutlicht dieser Umstand, dass der Amoklauf über die engere Schulgemeinschaft hinaus auch in der steirischen Zivilgesellschaft tiefe Wunden schlug.
Einsatzkräfte und langfristige Betreuung
Unmittelbar nach der Tat standen nahezu 300 Sanitäterinnen und Sanitäter, Notärztinnen und Notärzte sowie Einsatzkräfte der psychosozialen Unterstützung im Einsatz. Das Rote Kreuz Steiermark ehrte diese Einsatzkräfte in der Woche vor dem Jahrestag mit einer eigenen Gedenkveranstaltung. Sechzehn Schulpsychologinnen und Schulpsychologen begleiten den Jahrestag an der Schule, um Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in dieser belastenden Phase aufzufangen.
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) äußerte sich anlässlich des Jahrestags mit einer eindringlichen Erklärung: „Auch heute gibt es keine Worte, um den Schmerz, die Fassungslosigkeit und die Trauer auszudrücken, die durch diesen Gewaltexzess eines Einzelnen angerichtet wurde“, sagte er. Ergänzend formulierte er: „Menschlichkeit und Mitgefühl sind unsere stärkste Antwort auf Hass und Gewalt. Heute und jeden Tag. Wir werden euch nie vergessen.“
Stellungnahmen der Regierungsspitze
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) verwies auf die persönliche Dimension der Tragödie: „Der sinnlose Verlust so vieler junger Leben hat mich auch als dreifache Mutter zutiefst bewegt.“ Sie verband ihre persönliche Betroffenheit mit einer politischen Forderung: „Schulen müssen ein sicherer Ort sein, damit sich Kinder und Jugendliche bestmöglich entfalten können. Unsere Sicherheit beginnt mit guter psychischer Gesundheit.“
Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) formulierte den politischen Handlungsauftrag: „Als Politik können wir diese Tragödie nicht ungeschehen machen, aber wir können handeln. Wir haben Maßnahmen gesetzt, um die Angehörigen, die verletzten und traumatisierten Opfer zu unterstützen und damit das, was in Graz geschehen ist, nicht mehr passieren kann.“ Damit verwies er auf den konkreten Maßnahmenkatalog, den die Regierung in den vergangenen zwölf Monaten umgesetzt hat.
Beschlossene Maßnahmen der Bundesregierung
Die Bundesregierung listet in einem Ministerratsbericht, der im Umlaufweg angenommen wurde, mehrere zentrale Schritte auf: einen Härtefallfonds des Sozialministeriums, den Ausbau der Schulpsychologie und der schulischen Sozialarbeit, eine Reform des Waffenrechts, zusätzliche Angebote im Bereich der psychischen Gesundheit sowie Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt, Extremismus und Radikalisierung, einschließlich im digitalen Raum. Die Regierung bezeichnete den Jahrestag als Anlass zur Erinnerung und „zugleich Auftrag, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen“ sowie „Sicherheit, Prävention und psychosoziale Unterstützung weiterhin konsequent zu stärken“.
Im selben Bericht stellte die Regierung klar: „Das verursachte menschliche Leid kann der Staat nicht wiedergutmachen, es gilt aber umso mehr, Betroffene zu unterstützen und zu begleiten.“ Der Ministerrat hatte zuvor in einer Erklärung festgehalten, die Ereignisse hätten „unser Land tief erschüttert und deutlich gemacht, wie wichtig Prävention, gesellschaftlicher Zusammenhalt und der Schutz junger Menschen sind“. Vor der Ministerratssitzung war eine Gedenkminute für die Opfer, Verletzten und Angehörigen abgehalten worden, angekündigt vom Bundeskanzleramt.
Gedenken in Graz: bewusste Stille
Die Stadt Graz entschied sich auf Wunsch von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Psychologinnen und Psychologen gegen eine große öffentliche Gedenkveranstaltung zum ersten Jahrestag. Bürgermeisterin Elke Kahr erklärte dazu: „Auch ein Jahr nach der Tat brauchen die Betroffenen noch jene Ruhe, die es braucht, damit Wunden heilen können.“ Stattdessen sind am BORG und im Rathaus kleine Gedenkfeiern für Angehörige, die Schulgemeinschaft und Einsatzkräfte geplant. Politikerinnen, Politiker sowie Kirchenvertreterinnen und -vertreter werden am Jahrestag im Grazer Dom Blumen niederlegen.
Die Namen der zehn Getöteten sind in einen Gedenkstein an einer inoffiziellen Gedenkstätte nahe der Schule eingraviert. Der zuständige Pfarrpriester der Pfarre, in der das BORG liegt, lehnte ein Interview mit DER STANDARD für die Jahrestags-Berichterstattung ab. Eine Anwohnerin, Betreiberin einer kleinen Konditorei, erinnert sich, dass die getötete Lehrperson dort gelegentlich Eis kaufte. Sie nannte die Geschehnisse „Furchtbar“.
Fragen & Antworten
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit dem Amoklauf in Graz beschlossen?
Die Regierung verweist auf einen Härtefallfonds des Sozialministeriums, den Ausbau von Schulpsychologie und Schulsozialarbeit, eine Reform des Waffenrechts, zusätzliche Angebote zur psychischen Gesundheit sowie Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt, Extremismus und Radikalisierung, auch im digitalen Raum.
Warum gibt es in Graz keine große öffentliche Gedenkveranstaltung zum Jahrestag?
Die Stadt Graz hat sich auf Wunsch von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Psychologinnen und Psychologen gegen eine große öffentliche Gedenkveranstaltung entschieden. Bürgermeisterin Elke Kahr erklärte, die Betroffenen bräuchten weiterhin Ruhe, damit Wunden heilen können.
Was passiert am BORG Dreierschützengasse am ersten Jahrestag?
Am BORG und im Grazer Rathaus sind kleine Gedenkfeiern für Angehörige, Schulgemeinschaft und Einsatzkräfte geplant. Sechzehn Schulpsychologinnen und Schulpsychologen begleiten den Jahrestag an der Schule, und im Grazer Dom werden Politikerinnen, Politiker sowie Kirchenvertreterinnen und -vertreter Blumen niederlegen.
Amoklauf Graz: Politische Folgen ein Jahr danach | nachrichten360