Dürr bestätigt Jahresprognose trotz Wertminderung und Stellenabbau bei BBS Automation
Bietigheim-Bissingen, 22 Juli 2026
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Kurzfassung
Der Anlagenbauer Dürr hält trotz Wertminderungen von 90 bis 100 Millionen Euro und dem Abbau von rund 500 Stellen bei seiner Beteiligung BBS Automation an der Konzernprognose für 2026 fest. Im zweiten Quartal sank der Konzernumsatz um rund zwei Prozent auf 981 Millionen Euro, der Auftragseingang legte dagegen um 13 Prozent zu.
Bietigheim-Bissingen, 22 Juli 2026
Der Anlagenbauer Dürr AG hat trotz schwacher Geschäftsentwicklung seiner Tochter BBS Automation an seiner Jahresprognose 2026 festgehalten und zugleich den Abbau von rund 500 Stellen sowie eine Wertminderung von 90 bis 100 Millionen Euro in dieser Einheit angekündigt.
Quartalszahlen und Marktreaktion
Der Konzernumsatz sank im zweiten Quartal um rund zwei Prozent auf 981 Millionen Euro, wie aus den am Mittwochabend nach Börsenschluss veröffentlichten vorläufigen Zahlen hervorgeht. Gleichzeitig stieg der Auftragseingang deutlich um 13 Prozent auf 914 Millionen Euro. Die bereinigte EBIT-Marge verbesserte sich leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 4,3 Prozent. Das Unternehmen bezeichnete die vorläufigen Quartalszahlen als Bestätigung seines bereits am Vorabend skizzierten Ausblicks.
Die schwache Entwicklung bei BBS Automation habe eine Wertminderung von circa 90 bis 100 Millionen Euro zur Folge, die noch im laufenden Quartal verbucht werden soll. Grund seien der unter den Erwartungen liegende Auftragseingang im ersten Halbjahr sowie eine Anpassung der Markterwartungen. BBS Automation, 2023 vom Dürr-Konzern übernommen, stellt unter anderem Produktionsanlagen für die Autoindustrie, insbesondere für E-Autos, sowie Anlagen zur Herstellung von Medizinprodukten wie Spritzen her. Im Konzern beschäftigt das Unternehmen weltweit rund 2.300 Menschen.
Wertminderung und Ursachen
Als Reaktion auf die Probleme kündigte der Dürr-Vorstand ein umfangreiches Effizienzprogramm an BBS Automation an. Mit dem Abbau von rund 500 Stellen will Dürr dort gegensteuern. Die Kosten sollen so um rund 30 Millionen Euro pro Jahr gesenkt werden. Für 2026 seien Umbaukosten von 40 bis 50 Millionen Euro geplant. Der Abbau soll in diesem und im kommenden Jahr erfolgen.
Stellenabbau und Standortverteilung
An den vier deutschen Standorten sollen etwa 200 Jobs wegfallen. Der Konzern erklärte, betriebsbedingte Kündigungen sollten den Angaben nach möglichst vermieden werden. Ausgeschlossen seien sie aber nicht. Damit bleibt das Schicksal vieler Mitarbeiter in der Schwebe, bis Sozialplanverhandlungen und mögliche Versetzungen abgeschlossen sind.
Bestätigte Jahresprognose
Der Konzern hält trotz der Belastungen an seiner ursprünglichen Jahresprognose fest. Der Dürr-Vorstand plant den Angaben vom Vorabend zufolge weiterhin für 2026 mit einem Umsatz bei 3,9 bis 4,3 Milliarden Euro, verglichen mit 4,2 Milliarden 2025. Beim Auftragseingang peilt Dürr 3,8 bis 4,2 Milliarden Euro an. Im Vorjahr hatte dieser bei 3,9 Milliarden gelegen. Die Marge auf Basis des um Sondereffekte bereinigten Gewinns vor Zinsen und Steuern (Ebit) wird bei 5,0 bis 6,5 (VJ: 5,6) Prozent erwartet.
Dürr hatte den Automatisierungsspezialisten aus Garching bei München Mitte 2023 übernommen. Die ehrgeizigen Wachstumsziele, die der Konzern damals ausgegeben hatte, werden nun deutlich zurückgeschraubt: Statt 800 Millionen Euro Umsatz werden von 2030 an nur noch mehr als 600 Millionen Euro angepeilt. Das entspricht einer Reduktion der mittelfristigen Erwartung um etwa ein Viertel.
Das Wachstum im Auftragseingang kam vor allem aus der Division Automotive, die unter anderem größere Aufträge für Lackieranlagen aus Brasilien und Indien verbuchen konnte. Damit profitierte das Kerngeschäft des Konzerns von einer weltweit anziehenden Nachfrage nach Anlagen für die Fahrzeugfertigung, während das Tochtergeschäft mit Automatisierungstechnik deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb.
Kursverlust und Analystenstimmen
An der Börse reagierten Anleger verstimmt. Die Aktie gab auf Tradegate im Vergleich zum Xetra-Schluss um rund drei Prozent nach. Nach anfänglichen Verlusten von bis zu zweieinhalb Prozent notierte die im Kleinwerteindex SDAX gelistete Dürr-Aktie am Mittag noch mit 1,9 Prozent im Minus. Im laufenden Jahr hat der Anteilsschein fast ein Fünftel an Wert eingebüßt. Binnen fünf Jahren etwa ergibt sich mittlerweile ein Kursverlust von rund der Hälfte.
Analysten zeigten sich trotz der Enttäuschung gelassen. Warburg-Experte Christian Cohrs sprach derweil von einem "neutralen Bild" für das zweite Quartal. Die Analysten von Bernstein senkten in Reaktion auf vorläufige Zahlen und die Prognose zuletzt ihr Kursziel, behielten aber ihr positives Votum bei. "Die Eckdaten seien alles in allem solide gewesen", schrieb Philippe Lorrain. Das angekündigte Effizienzprogramm belege, dass der Ausrüster der Automobilindustrie das Augenmerk auf eine Verbesserung der Profitabilität lege.
Der vollständige Halbjahresbericht wird für den 6. August erwartet. Bis dahin dürften Investoren vor allem auf die konkrete Verteilung der Stellenkürzungen sowie auf mögliche Zusatzbelastungen aus der Wertminderung achten. Die Bestätigung der Konzernprognose steht unter dem Vorbehalt, dass sich das Geschäft bei BBS Automation nicht weiter verschlechtert und die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen wie geplant greifen.
Die BBS-Krise wirft ein Schlaglicht auf die Risiken der Wachstumsstrategie, die der MDAX-Nachbar Dürr mit der Übernahme des Automatisierungsspezialisten verfolgt hatte. Das Geschäft mit Produktionsanlagen für die Autoindustrie, insbesondere für E-Autos, hatte sich zuletzt schwächer entwickelt als angenommen. Auch das Standbein Medizintechnik, etwa Anlagen zur Herstellung von Spritzen, konnte den Umsatzrückgang nicht kompensieren.
Ausblick und Risiken
Mit der Anpassung der BBS-Wachstumsziele und dem Effizienzprogramm räumt der Vorstand ein, dass die damaligen Erwartungen zu hoch waren. Die Strategie, Dürr über Zukäufe stärker in margenstarke Zukunftsfelder zu führen, gerät damit vorerst unter Druck. Die kommenden Quartale werden zeigen, ob das Unternehmen mit den eingeleiteten Maßnahmen die Wende bei BBS Automation einleiten kann oder eine weitere Wertberichtigung droht.
Beschäftigte und Betriebsräte an den Standorten dürften die kommenden Wochen mit Spannung verfolgen. Während der Konzern betriebsbedingte Kündigungen möglichst vermeiden will, schließt er sie nicht aus. Ob Abfindungen, Altersteilzeit oder Versetzungen innerhalb des Konzerns ein ausreichend großes Reservoir bieten, um 500 Stellen sozialverträglich abzubauen, ist derzeit offen. Die größte Personalgruppe mit einem Anteil von etwa 200 der betroffenen Stellen ist an den vier deutschen Standorten konzentriert.
Trotz der Probleme hält Dürr an Konzernprognose fest, wie es am Mittwochabend nach Börsenschluss zur Begründung hieß. Damit sendet der Vorstand das Signal, dass die Auswirkungen der BBS-Krise als begrenzt eingestuft werden. Sollte sich das Marktumfeld jedoch weiter eintrüben, könnte eine Anpassung der Jahresziele in den kommenden Berichten unvermeidlich werden.
Dürr hatte den Automatisierungsspezialisten aus Garching bei München Mitte 2023 übernommen, um das eigene Portfolio im Zukunftsfeld Automatisierung deutlich zu erweitern. Die jetzt sichtbar werdenden Schwierigkeiten zeigen, wie anspruchsvoll das integrations- und margenstarke Wachstum in diesem Segment ist. Der Anlagenbauer Dürr hat trotz Schwierigkeiten bei einer Geschäftseinheit mit Wertminderungen und Stellenstreichungen die Prognosen für das Gesamtjahr bestätigt.
Fragen & Antworten
Was ist BBS Automation und welche Rolle spielt es bei Dürr?
BBS Automation ist ein 2023 von Dürr übernommener Automatisierungsspezialist aus Garching bei München, der weltweit rund 2.300 Menschen beschäftigt und Produktionsanlagen für die Autoindustrie, insbesondere für E-Autos, sowie für Medizinprodukte wie Spritzen liefert. Im Konzern ist BBS Automation eine eigene Geschäftseinheit, deren schwache Entwicklung nun Wertminderungen und Stellenabbau auslöst.
Wie viele Stellen werden bei BBS Automation abgebaut und wo?
Insgesamt sollen rund 500 Stellen wegfallen, davon etwa 200 an den vier deutschen Standorten. Der Abbau soll in diesem und im kommenden Jahr erfolgen, wobei der Konzern betriebsbedingte Kündigungen möglichst vermeiden, aber nicht ausschließen will.
Warum fällt die Dürr-Aktie trotz bestätigter Prognose?
Anleger reagieren auf die angekündigte Wertminderung von 90 bis 100 Millionen Euro und den Stellenabbau bei BBS Automation sowie auf die nach unten korrigierten Wachstumsziele für die Tochter. Zudem summieren sich die Verluste: Die Aktie hat im laufenden Jahr fast ein Fünftel und über fünf Jahre rund die Hälfte ihres Wertes verloren.
Dürr bestätigt Prognose – BBS Automation: 500 Jobs weg | nachrichten360