Bundesparteitag der AfD in Erfurt: Zehntausende Demonstranten und Großaufgebot der Polizei erwartet
Erfurt, 04. Juli 2026
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Kurzfassung
In Erfurt beginnt der zweitägige Bundesparteitag der AfD mit der erwarteten Bestätigung von Alice Weidel und Tino Chrupalla an der Parteispitze. Behörden rechnen mit bis zu 50.000 Gegendemonstranten und dem größten Polizeieinsatz in Thüringen seit der Wiedervereinigung.
In Erfurt, der Landeshauptstadt des ostdeutschen Bundeslands Thüringen, beginnt an diesem Wochenende ein zweitägiger Bundesparteitag der AfD (Alternative für Deutschland), zu dem Behörden bis zu 50.000 Gegendemonstranten und mehrere tausend Polizeibeamte aus dem gesamten Bundesgebiet erwarten.
Der Parteitag findet am Wochenende vom 4. bis 5. Juli auf dem Messegelände in Erfurt statt. Wie die AfD mitteilte, soll die Parteispitze neu gewählt werden; die Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla werden voraussichtlich im Amt bestätigt. Außerdem will die Thüringer AfD um Björn Höcke den 51-jährigen Bundestagsabgeordneten und Rechtsanwalt Stefan Möller, der den Landesverband seit 2014 gemeinsam mit Höcke führt, als Kandidaten für einen stellvertretenden Bundessprecher in Stellung bringen. Möller hatte im Vorfeld angekündigt, die Thüringer Linie auf der Bundesebene durchsetzen zu wollen.
Parteitag und Personalien
Die Stadt Erfurt spricht von einem herausfordernden Wochenende. Einschränkungen, Sperrungen und viele Besucher werden erwartet. Zugangsstraßen zum Messegelände werden gesperrt. Der öffentliche Nahverkehr Richtung Messe wird ab Freitagmittag eingestellt. Wie die Stadt weiter mitteilte, wurde die Ausgabe der Schulzeugnisse vorgezogen, um Beeinträchtigungen zu vermeiden. Vorsorglich schließen ein großes Möbelhaus und der egapark.
Stadt Erfurt vor einem Ausnahmezustand
Sicherheitsbehörden rechnen rund um die Veranstaltung auf dem Messegelände mit zehntausenden Teilnehmern und befürchten Blockaden. Konkret wird mit 50.000 zumeist friedlichen Gegendemonstranten und -demonstrantinnen gerechnet, darunter nach Schätzungen der Deutschen Polizeigewerkschaft bis zu 2.500 gewaltbereiten Aktivisten. Rund 30 Gegendemos wurden angemeldet. Zugleich werden über 200 Busse erwartet, die bis Samstagmorgen in Erfurt eintreffen.
Die Thüringer Polizei rückt nach eigenen Angaben mit einem Großaufgebot an und wird von Kräften nahezu aller Länder und der Bundespolizei unterstützt, darunter auch berittene Einheiten und Wasserwerfer. Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass dies der größte Polizeieinsatz in Thüringen seit der Wiedervereinigung ist. Polizei war bereits am Vortag mit tausenden Kräften im Einsatz. Die Landespolizei erfasste bislang 69 Straftaten, überwiegend Graffiti.
Blockadepläne und juristische Auseinandersetzung
Das Bündnis "Widersetzen" hat angekündigt, den AfD-Parteitag durch Blockaden zu verhindern, und will die Zufahrtswege zum Veranstaltungsort blockieren. Ein Sprecher des Bündnisses erklärte: "Wir werden uns mit Zehntausenden, mit unseren Körpern entschlossen dem Faschismus entgegenstellen." Das Bündnis, das sich selbst als "antifaschistisches Aktionsbündnis für alle" beschreibt, ist nach eigenen Angaben seit Mitte April in der thüringischen Landeshauptstadt unterwegs und kündigte an, sich an das Versammlungsverbot auf den Zufahrtswegen nicht zu halten.
Gegen die Versammlungsverbote auf zentralen Zufahrten und Autobahnabschnitten, die das Thüringer Landesverwaltungsamt für die Dauer des Parteitags erlassen hatte, wurden Eilanträge gestellt. Einzelne AfD-Mitglieder reichten im Vorfeld Strafanzeigen gegen die Pläne des Bündnisses "Widersetzen" ein. Eine Sprecherin des ZDF-Recht und Justiz, Charlotte Greipl, wies darauf hin, dass Parteien als zentrale Bestandteile der demokratischen Ordnung besonderen Schutz durch das Grundgesetz genießen. Das Demonstrieren gegen den Parteitag, einschließlich friedlicher Blockaden, falle grundsätzlich unter die Versammlungs- und Meinungsfreiheit; ob eine Blockade eine strafbare Nötigung darstelle, müsse im Einzelfall geprüft werden.
Rufe nach friedlichem Protest
Ausdrücklich friedliche Proteste forderte Bodo Ramelow auf, der Linken-Politiker und frühere Thüringer Ministerpräsident, der nach eigenen Worten Verhinderungsblockaden persönlich nicht unterstützt. Ramelow sagte dem Medienportal Politico: "Gewalt sei kein legitimes Mittel, sich politisch auseinanderzusetzen." Er distanzierte sich auch vom Aufruf eines linksgerichteten Bündnisses, den Parteitag durch Blockaden komplett zu verhindern. Zugleich hält der heutige Bundestagsvizepräsident die Proteste an sich für gerechtfertigt. Der Deutsche Presse-Agentur sagte Ramelow: "Ich lehne jede Form von selbst legitimierter Gewalt ab." Er verwies darauf, dass die Wahl Erfurts als Tagungsort genau 100 Jahre nach einem NSDAP-Reichsparteitag in Weimar ein Zeichen setze: "Die Türen für den Nationalsozialismus wurden in Thüringen geöffnet."
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Lucassen forderte im Deutschlandfunk Bund und Land auf, Voraussetzungen zu schaffen, damit der Parteitag vernünftig durchgeführt werden könne. Der AfD-Vorsitzende Chrupalla erklärte, er hoffe bei Straßenblockaden auf eine entsprechende Reaktion der Behörden. Die AfD verweist auf die geltende Rechtslage, wonach Parteien zur Abhaltung von Parteitagen verpflichtet sind, und weist die Deutung zurück, die Wahl von Ort und Datum sei programmatisch aufgeladen.
Stimmen aus der Sicherheitsbehörde
Innenminister Georg Maier (SPD) sagte der dpa in Erfurt, Versuche, den Parteitag zu verhindern, seien rechtswidrig. Er ergänzte: "Ich glaube, dass die AfD eine klare Botschaft damit verknüpft hat - von Anfang an." Maier sagte zugleich, es deute sich an, "dass sich der radikale Flügel, der völkische Flügel unter Führung von Höcke seine Macht ausdehnen will - bis hin zur Dominanz." Thüringens Innenministerium und Polizei stellten klar, die Versammlungsfreiheit werde für alle durchgesetzt, für die AfD ebenso wie für die angemeldeten Demonstrationen. Die Polizeiführung kündigte an, friedliche Demonstrationen würden geschützt und begleitet; Gewalt und übermäßige Grundrechtseingriffe durch Dritte würden nicht toleriert.
Zahlreiche Gegenveranstaltungen wurden von einem breiten Bündnis angemeldet. Dazu zählen das Bündnis "Zusammenstehen", der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), Fridays for Future, Omas gegen rechts, Kirchen, Wohlfahrtsverbände, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club sowie politische Parteien. "Zusammenstehen" plant für Samstag eine Großkundgebung in Sichtweite des AfD-Parteitags. Die Klimaaktivistin und Autorin Luisa Neubauer, die die Proteste unterstützt, erklärte: "In Erfurt zeigen wir, wie eine wehrhafte Demokratie in der Praxis aussieht."
Breites Protestbündnis und kulturelles Programm
Parallel zu Kongress und Protesten finden im Stadtgebiet weitere Großveranstaltungen statt. Auf dem Erfurter Domplatz treten am Wochenende Künstler wie Clueso und Roland Kaiser auf; die Stadt rechnet nach eigenen Angaben am Freitag und Samstag mit rund 15.000 Konzertbesuchern. Clueso, 46, kommt aus Erfurt und kündigte an: "Unser Konzert ist definitiv an dem Tag ein politisches Konzert. Ich werde ein Gedicht vorlesen, wir werden 'Love the People' spielen, ich werde ein paar Ansagen machen." Auch der Sänger Bosse tritt am Samstag bei einer Protestveranstaltung in Erfurt auf und schrieb auf Instagram: "Die AfD ist eine verfassungswidrige und in Teilen gesichert rechtsextreme Partei. Ich werde mit vielen anderen aufstehen und ein Zeichen für Respekt und Vielfalt setzen." Zeitgleich ist eine Open-Air-Veranstaltung mit Public Viewing der Fußball-WM geplant.
Für zusätzliche Spannungen sorgt ein im Internet verbreiteter Aufruf der "Berliner Antifa-Bezugsgruppe" über das Portal Indymedia Deutschland, der dazu aufruft, Erfurt "ins Chaos zu stürzen" und die Messe mit Hunderten oder Tausenden Personen anzugreifen. Die Protestforscherin Lisa Bogerts ordnet diesen Aufruf dem "militanten linksextremistischen Spektrum" zu. Sie erklärte, wer zum Steinwerfen aufrufe, nehme Verletzte in Kauf; ziviler Ungehorsam sei nicht per se illegitim, auch wenn er rechtswidrig sei. militante Aktionsformen machten voraussichtlich nur einen kleinen Teil der Proteste aus.
Militante Aufrufe und Einordnung
Die Sicherheitslage wurde auf Antrag der AfD-Fraktion in einer Sondersitzung des Thüringer Landtags beraten. Innenminister Maier, Ex-Ministerpräsident Ramelow und der AfD-Co-Vorsitzende Chrupalla äußerten übereinstimmend die Erwartung, dass die Geschehnisse rund um den Parteitag bis Sonntag friedlich bleiben. Diese Nachricht wurde am 03.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Fragen & Antworten
Wer wird auf dem AfD-Bundesparteitag in Erfurt an der Spitze erwartet?
Laut AfD soll die Parteispitze neu gewählt werden; die Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla werden voraussichtlich im Amt bestätigt. Zudem tritt der 51-jährige Bundestagsabgeordnete und Rechtsanwalt Stefan Möller aus Thüringen als Kandidat für einen stellvertretenden Bundessprecher an.
Wie viele Gegendemonstranten erwarten die Behörden in Erfurt?
Die Sicherheitsbehörden rechnen mit rund 50.000 zumeist friedlichen Gegendemonstranten, darunter schätzt die Deutsche Polizeigewerkschaft bis zu 2.500 gewaltbereite Aktivisten. Mehr als 30 Gegenveranstaltungen wurden angemeldet.
Welche Rolle spielt das Bündnis "Widersetzen" rund um den Parteitag?
Das Bündnis "Widersetzen" hat angekündigt, den AfD-Parteitag durch Blockaden der Zufahrtswege zu verhindern und sich nicht an das Versammlungsverbot des Thüringer Landesverwaltungsamts zu halten. Ein Sprecher erklärte, man werde sich "mit Zehntausenden, mit unseren Körpern entschlossen dem Faschismus entgegenstellen".