Anthropic sperrt Fable 5 und Mythos 5: US-Exportverbot
San Francisco, 14. Juni 2026
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Kurzfassung
Anthropic hat den Zugang zu seinen KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 weltweit deaktiviert, nachdem die US-Regierung eine Exportkontrollanweisung erlassen hatte. Das Unternehmen wehrt sich gerichtlich und kritisiert das Vorgehen als intransparent.
Der KI-Anbieter Anthropic hat auf Anweisung der US-Regierung den Zugang zu seinen Modellen Fable 5 und Mythos 5 für sämtliche ausländische Nutzerinnen und Nutzer gesperrt und reicht dagegen Klage ein.
Hintergrund für die Deaktivierung ist eine Exportkontrollanweisung der US-Regierung, die dem Unternehmen nach eigenen Angaben am 12. Juni 2026 um 17:21 Uhr Ortszeit zugestellt wurde. Da Anthropic nach eigener Darstellung nicht in der Lage war, ausländische Staatsangehörige in Echtzeit aus der Nutzerschaft herauszufiltern, sperrte das Unternehmen beide Modelle global. Von der Sperre sind ausdrücklich auch ausländische Beschäftigte von Anthropic betroffen, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der Vereinigten Staaten aufhalten. Alle weiteren Modelle von Anthropic bleiben laut Unternehmensangaben nutzbar.
Hintergrund der Exportkontrollanweisung
Anthropic kritisiert die Maßnahme scharf. Das Unternehmen betont, vor der Einführung von Fable 5 umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen implementiert und dabei eine sogenannte Defense-in-Depth-Strategie verfolgt zu haben. Die Schutzmechanismen seien über Tausende Stunden gemeinsam mit der US-Regierung, der britischen KI-Sicherheitsinitiative AISI und privaten Drittorganisationen getestet worden. Ein möglicher, eng begrenzter Jailbreak rechtfertige aus Sicht des Unternehmens nicht die Rücknahme eines kommerziellen Modells, das bereits von Hunderten Millionen Menschen genutzt werde.
Der Streit zwischen Anthropic und Washington hat eine längere Vorgeschichte. Im Februar 2026 hatte das Pentagon das Unternehmen als "Supply-Chain-Risk" eingestuft, eine Kategorie, die üblicherweise ausländischen Gegnern oder kompromittierten Technologieanbietern vorbehalten ist. Es war nach verbreiteten Darstellungen das erste Mal, dass ein amerikanisches Unternehmen auf diese Weise klassifiziert wurde, und das erste Mal, dass die Einstufung als Reaktion auf die Weigerung eines Unternehmens, bestimmte Vertragsbedingungen zu akzeptieren, erfolgte. Die Vertragsverhandlungen zwischen Anthropic und dem Pentagon waren zuvor unter anderem an zwei roten Linien gescheitert: Anthropic wollte ausgeschlossen wissen, dass seine KI für Massenüberwachung von US-Bürgern oder für autonome Waffensysteme eingesetzt wird; das Pentagon bestand auf einer Nutzung für sämtliche rechtmäßigen Zwecke.
Vorgeschichte: Pentagon stuft Anthropic als Supply-Chain-Risk ein
Auslöser für die jetzige Sperre war laut Informationen der Nachrichtenagentur Axios ein Bericht, in dem ein anderes Unternehmen behauptete, einen Jailbreak für die zugrundeliegende Modelllinie Mythos gefunden zu haben. Das Handelsministerium habe daraufhin die Exportkontrollmaßnahme beschlossen. Anthropic widerspricht der Schwere des Vorfalls: Die eigenen Expertinnen und Experten seien zu dem Schluss gekommen, dass der Bericht lediglich eine begrenzte Fähigkeit beschreibe, mit der die KI bestimmten Programmcode prüfen und Fehler korrigieren könne. Vergleichbare Funktionen böten auch andere öffentlich verfügbare Modelle, etwa OpenAIs GPT-5.5, die jedoch keiner vergleichbaren exportkontrollrechtlichen Beschränkung unterlägen.
Auslöser: Bericht über einen vermeintlichen Jailbreak
Aufschluss über den Ablauf liefert der Tech-Investor David Sacks, der ehemalige "KI-Zar" der Trump-Regierung und Co-Vorsitzende des Beraterstabs des Präsidenten für Wissenschaft und Technologie. Sacks weiter: "Die Administration forderte [Anthropic-CEO Dario Amodei] auf, den Jailbreak entweder zu flicken oder das Modell vorerst vom Netz zu nehmen." Soweit man wisse, habe die Regierung lediglich Informationen über einen "potenziellen", nicht aber über einen verifizierten, kritischen Jailbreak erhalten. Zudem seien die vermeintlich aufgedeckten Sicherheitslücken "minimal" gewesen. Sacks bestätigte die Rolle eines namentlich nicht genannten "Partners": "Ein hochgradig glaubwürdiger, vertrauenswürdiger Partner sowohl von Anthropic als auch der US-Regierung trat mit einem funktionierenden Jailbreak an uns heran", erklärte Sacks.
Mittlerweile sei der Tech-Investor Sacks zufolge die Diskussion festgefahren. "Dario weigerte sich", wie Techcrunch berichtet. Sacks betonte jedoch, dass dies keine dauerhafte Zensur sein müsse: "Die Hoffnung der Administration ist nun, dass Anthropic das Sicherheitsproblem behebt, die Exportkontrolle aufgehoben wird und Fable wieder in den allgemeinen Release gehen kann." Aufgrund dieser Weigerung habe die Regierung schlussendlich "widerwillig" die Reißleine gezogen und ein striktes Exportverbot verhängt. Anthropic habe sich jedoch geweigert, die Details dieser Diskussionen offenzulegen, heißt es aus dem Unternehmen: "Wenn dies geschieht, teilen wir die Details dieser Diskussionen nicht."
Rolle der Beteiligten: Sacks, Amazon und Anthropic
Amazon, selbst einer der größten Investoren von Anthropic und über seine Cloud-Sparte AWS eng mit dem KI-Unternehmen verzahnt, gab sich auf mediale Nachfrage wortkarg: "Als führender Cloud-Anbieter, der eine große Anzahl von Kunden im privaten und öffentlichen Sektor bedient, ist es nicht ungewöhnlich, dass Regierungen unseren Rat zu potenziellen Sicherheitsrisiken suchen", so ein Amazon-Sprecher.
Bei Anthropic ist man über das rabiate Vorgehen der Regierung und die Schützenhilfe aus Seattle fassungslos. Das Unternehmen hatte Mythos wochenlang als "zu gefährlich für die Öffentlichkeit" inszeniert, um Exklusivität zu generieren. Nun nahmen die Regulierer in Washington das Start-up beim Wort und reagierten auf das intensive "Desaster-Marketing". Das KI-Unternehmen betont, vor der Einführung von Fable 5 umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen implementiert zu haben, und arbeitet eigenen Angaben zufolge daran, den Zugriff auf Fable 5 und Mythos 5 so schnell wie möglich wieder freizugeben.
Das Modell "Fable 5", erst in dieser Woche veröffentlicht, basiert auf der Technologie von Mythos, allerdings mit deaktivierten Cybersicherheits- und Biotechnologie-Fähigkeiten. Mythos 5 selbst ist eine nicht-öffentliche Vollversion, die ausschließlich für Behörden und ausgewählte Unternehmenspartner zur Härtung ihrer Systeme gedacht ist. Die Fähigkeit von Mythos, Software-Schwachstellen aufzuspüren, war zuvor bereits von US-Behörden und ausgewählten Firmen genutzt worden, um Sicherheitslücken zu schließen. Aus Sicht des KI-Anbieters rechtfertige ein begrenzter potenzieller Jailbreak jedoch nicht die Rücknahme eines kommerziellen Modells, das bereits von Hunderten Millionen Menschen genutzt werde.
Unterschied zwischen Fable 5 und Mythos 5
Anthropic kündigte an, mit zwei Klagen gegen die Anordnung vorzugehen: eine vor einem Bundesgericht in Kalifornien, eine weitere vor einem Bundesberufungsgericht in Washington. Das Unternehmen argumentiert, das Vorgehen müsse auf transparenten Verfahren und technischen Fakten beruhen. Eine unternehmensweite Anwendung dieses Maßstabs würde nach Einschätzung von Anthropic faktisch alle neuen Modellveröffentlichungen sämtlicher Frontier-Anbieter stoppen. Anthropic habe bislang nur unvollständige Informationen von der Regierung erhalten.
Juristische Gegenwehr von Anthropic
In Deutschland warnt die Grünen-Netzpolitikerin Süleyman Zorba, derzeitiger netzpolitischer Sprecher der Grünen, vor den Konsequenzen für die europäische digitale Souveränität. "Ein einziger Erlass aus Washington, und ein ganzer Kontinent verliert den Zugang zu zentraler Technologie. Keine Mitsprache, kein Einspruch, keine europäische Instanz, die etwas dagegen tun könnte", sagte Zorba. Er ergänzte: "Wer seine digitale Infrastruktur vollständig in fremde Hände legt, macht sich abhängig und erpressbar." Zudem warnte Zorba: "Was diesmal ein KI-Modell betrifft, könne morgen die gesamte digitale Grundversorgung treffen."
Europäische Reaktionen und Fragen der Souveränität
Auch Anthropics CEO Dario Amodei hatte sich wenige Tage vor der Anordnung dafür ausgesprochen, dass die Regierung potenziell gefährliche KI-Software blockieren dürfen solle. Nun trifft die Maßnahme sein eigenes Unternehmen. Anthropic entschuldigte sich bei seinen Kundinnen und Kunden für die Unterbrechung und erklärte, mit Hochdruck an der Wiederherstellung des Zugangs zu arbeiten. Unklar ist, wie lange die Sperre andauern wird. Das Unternehmen geht jedoch davon aus, dass die Behörden Kenntnis von einer Methode erlangt haben, mit der die Schutzmechanismen von Fable 5 teilweise umgangen werden könnten. Deshalb setze das Unternehmen bei Fable 5 auf eine mehrstufige Sicherheitsstrategie, die potenzielle Umgehungen begrenzen und gleichzeitig deren Entdeckung erleichtern solle.
Mit der Deaktivierung wird für die KI-Branche ein Lackmustest verbunden: Wenn ein einzelner Erlass aus Washington genügt, um ein kommerziell breit genutztes Modell vom Netz zu nehmen, könnte dies zum Präzedenzfall für künftige Auseinandersetzungen zwischen Regulierungsbehörden und Entwicklern leistungsfähiger KI-Systeme werden. Beobachterinnen und Beobachter verweisen darauf, dass ein erheblicher Teil der europäischen Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und der kritischen Infrastruktur auf Cloud-Diensten weniger US-Konzerne aufsetzt. Die Sperre von Fable 5 und Mythos 5 verdeutlicht aus dieser Sicht, wie verwundbar europäische Strukturen bei einer einseitigen US-amerikanischen Exportpolitik sind. Anthropic selbst kündigte an, die eigenen Klagen mit Nachdruck voranzutreiben und zugleich den Dialog mit den Behörden über mögliche Nachbesserungen am Modell zu suchen. Wie genau ein Kompromiss aussehen könnte, ist derzeit offen.
Fragen & Antworten
Was ist Fable 5 und warum wurde es deaktiviert?
Fable 5 ist ein in dieser Woche veröffentlichtes KI-Modell von Anthropic, das auf der Mythos-Technologie basiert, jedoch ohne deren Cybersicherheits- und Biotechnologie-Fähigkeiten. Es wurde nach einer Exportkontrollanweisung der US-Regierung deaktiviert, weil diese einen möglichen Jailbreak befürchtete.
Welche Rolle spielt das Pentagon in dem Konflikt?
Das Pentagon hatte Anthropic bereits im Februar 2026 als Supply-Chain-Risk eingestuft, nachdem Vertragsverhandlungen unter anderem an der Weigerung von Anthropic gescheitert waren, seine KI für Massenüberwachung und autonome Waffensysteme freizugeben.
Wie reagiert Anthropic auf die Sperre?
Anthropic hat zwei Klagen eingereicht, eine vor einem Bundesgericht in Kalifornien und eine vor einem Bundesberufungsgericht in Washington, und arbeitet eigenen Angaben zufolge daran, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 schnellstmöglich wiederherzustellen.
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