Angriff auf Taxifahrer in Leoben: Zwei Identitäre unter Verdacht – Verbindung in FPÖ-Parlamentsbüro
Wien, 05. Juli 2026
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Kurzfassung
Nach einem brutalen Übergriff auf einen Taxifahrer in Leoben ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei führende Mitglieder der Identitären Bewegung, darunter einen früheren Mitarbeiter eines FPÖ-Abgeordneten. Politische Reaktionen aus SPÖ, ÖVP und Grünen fordern Konsequenzen und Aufklärung über die Nähe der FPÖ zu rechtsextremen Netzwerken.
In der Nacht auf den 20. Juni wurde ein Taxifahrer in Leoben nach dem 40. Stiftungsfest der Burschenschaft Leder von Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung angegriffen und am Boden liegend gegen den Kopf getreten; die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei namentlich bekannte Verdächtige sowie unbekannte Täter wegen Wiederbetätigung und versuchter schwerer Körperverletzung.
Die Tat ereignete sich am Rande des 40. Stiftungsfestes der Burschenschaft Leder, zu dem laut Veranstalterangaben Hunderte Korporierte aus Österreich und Deutschland von 19. bis 21. Juni in die steirische Stadt gekommen waren. Das Fest fand im Kongresszentrum der Stadt Leoben statt, nicht auf dem Gelände der Montanuniversität, deren Rektorat sich bereits vor der Veranstaltung öffentlich von der Burschenschaft, dem Festkommers und vom Hauptredner distanziert hatte.
Der Taxifahrer, der nach eigenen Angaben vor rund 40 Jahren nach Österreich kam und hier studierte, hatte drei Burschenschafter in sein Fahrzeug einsteigen lassen. Als diese in seinem Wagen Nazi-Parolen skandierten und dabei auch ein "Sieg Heil" riefen, wies er sie zurück. In der Folge versuchten die Männer zu fliehen. Der Fahrer alarmierte die Polizei und versuchte, die Burschenschafter bis zum Eintreffen der Streife festzuhalten, um eine Identifizierung zu ermöglichen.
Wie der Taxifahrer schilderte, wurde er dabei von Burschenschaftern niedergeschlagen und am Boden liegend gegen den Kopf getreten. "Er war allein. Man könnte ihn einen Helden nennen. Sie waren mindestens zu viert", heißt es in einer Darstellung des Vorfalls. Während des Angriffs sei er als "Ausländersau" beschimpft worden. Einen Tag nach dem Übergriff erstattete er Anzeige.
Tathergang: Verweigerte Fahrt und Angriff am Boden
Die Staatsanwaltschaft Leoben bestätigte über ihren Sprecher Andreas Riedler laufende Ermittlungen wegen des Verdachts der nationalsozialistischen Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz sowie wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Die Ermittlungen richten sich gegen bekannte Personen und gegen unbekannte Täter. "Die Ermittlungen sind am Laufen. Es wird noch einige Zeit dauern", sagte Riedler gegenüber der APA. Mit neuen Erkenntnissen sei bis Ende Juli zu rechnen; ein weiterer Bericht des Landesamts Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) Steiermark werde erwartet.
Nach APA-Informationen aus Ermittlerkreisen zählen zwei führende Mitglieder der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) zu den Verdächtigen. Einer von ihnen ist nach APA-Angaben der ehemalige parlamentarische Mitarbeiter eines FPÖ-Abgeordneten, gegen den nun wegen des Verdachts der Wiederbetätigung und versuchter schwerer Körperverletzung ermittelt wird. Das Dienstverhältnis sei nach APA-Informationen erst vor wenigen Wochen beendet worden. Gegenüber der APA erklärte die FPÖ am Samstagabend: "Es handelt sich um keinen aktuellen parlamentarischen Mitarbeiter. Detaillierte personenbezogene Daten von Dritten dürfen wir leider aus rechtlichen Gründen nicht weitergeben und auch über den Vorfall selbst ist uns nichts Näheres, über die mediale Berichterstattung Hinausgehendes bekannt."
Verdächtige und Ermittlungsstand
Beim zweiten Verdächtigen handelt es sich nach den vorliegenden Informationen um Yannick W., einen deutschen Staatsbürger und Sprecher der Identitären Wien. Nach Darstellung eines Zeugen soll der prominente IBÖ-Vertreter, der ursprünglich nicht im Taxi gesessen hatte, dem Taxifahrer gewaltsam zu Hilfe gekommen sein, als dieser einen IBÖ-Genossen und einen deutschen Rechtsextremisten verfolgte. In sozialen Medien kursiert ein Foto, das den deutschen Aktivisten bei der FPÖ-Wahlparty 2024 mit einer White-Power-Geste zeigt; im Bild zu sehen ist auch Herbert Kickl, der den Arm um seine Schultern gelegt hat. Medien waren bei der Wahlparty großteils ausgesperrt.
Die Rechercheplattform "Stoppt die Rechten" dokumentiert für den früheren FPÖ-Mitarbeiter eine Reihe einschlägiger Aktivitäten: Er habe an einer Identitären-Störaktion gegen die Vienna Pride teilgenommen, Identitären-Märsche mitorganisiert und bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung eine führende Rolle gespielt. Unabhängig vom Leoben-Vorfall werde er vom LSE Wien auch wegen des Verdachts der Verhetzung im Zusammenhang mit einem fremdenfeindlichen Instagram-Post von Anfang Juni geführt.
Vorgeschichte: Verbotsgesetz-Verfahren und Identitären-Aktivitäten
Zudem war der Mann bereits im Juni 2025 von der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) nach dem Verbotsgesetz angezeigt worden, weil er an der Beerdigung eines Burschenschafter teilgenommen hatte, bei der ein SS-Lied gesungen worden sein soll. Dieses Verfahren wurde in der Folge eingestellt. Nach den vorliegenden Fakten gilt die Unschuldsvermutung für alle Beschuldigten bis zum Abschluss der Ermittlungen.
Die Vorgänge werfen ein Schlaglicht auf ein Milieu, das nach Ansicht von ÖVP-Klubobmann Ernst Gödl längst bis in den politischen Betrieb reicht. Der Übergriff sei kein "isolierter Zwischenfall, sondern das jüngste Schlaglicht auf ein Milieu, das längst bis in den politischen Betrieb reicht", erklärte Gödl. Eine Partei, die rechtsextreme Netzwerke normalisiere, in ihre Strukturen hole und deren Nähe immer wieder relativiere, "wird selbst zum Sicherheitsrisiko für die Republik". Er forderte die FPÖ auf, "das Problem nicht kleinreden und stattdessen Konsequenzen ziehen".
Politische Reaktionen: SPÖ, ÖVP und Grüne fordern Konsequenzen
Auch der Grüne Rechtsextremismus-Sprecher Lukas Hammer sah am Sonntag in einer Aussendung akuten Handlungsbedarf: "Die FPÖ hat jetzt dringenden Erklärungs- und Handlungsbedarf". Die Partei müsse offenlegen, wie viele Mitarbeiter dieser rechtsextremen Schlägergruppe in ihren Reihen arbeiteten, und sich von ihnen distanzieren. Hammer kündigte parlamentarische Anfragen an den FPÖ-Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz sowie an das Innenministerium an; geklärt werden solle unter anderem, ob die Polizei vor Ort korrekt gehandelt habe.
Der SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim sprach von einem weiteren Skandal im Umfeld des "engen Naheverhältnisses der FPÖ zu den Identitären". Er forderte Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) auf, "unverzüglich alle rechtlichen Voraussetzungen für eine Ausweisung eines zweiten Verdächtigen zu prüfen". Konkret verlangte er: "Der Innenminister ist jetzt am Zug und muss umgehend prüfen, ob Yannick Wagemann außer Landes gebracht werden kann". Für Extremisten dürfe es in Österreich keinen sicheren Hafen geben – "egal ob sie von islamistischen, linksextremen oder rechtsextremen Netzwerken kommen".
Der FPÖ-Nationalratspräsident Walter Rosenkranz hatte erst wenige Tage zuvor öffentlich verteidigt, dass (ehemalige) Identitäre im Parlament arbeiten. In der Burschenschaft Leder selbst waren zuvor bereits Spannungen aufgetreten; das Rektorat der Montanuniversität Leoben hatte sich im Vorfeld des Festes ausdrücklich von der Burschenschaft, dem Festkommers und vom Hauptredner distanziert. Die Burschenschaft Leder wurde nach dem Vorfall von künftigen Veranstaltungen der Montanuniversität Leoben ausgeschlossen.
Hauptredner Helferich und Distanzierung der Montanuniversität
Als Hauptredner des Festkommers trat der deutsche AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich auf, der wegen seiner rechtsextremen Ansichten aus der AfD ausgeschlossen wurde; der Ausschluss ist noch nicht rechtskräftig. Im Vorfeld des Festes hatten sich Rektorat und Studierendenvertretung der Montanuniversität öffentlich gegen die Einladung Helferichs ausgesprochen.
Der Fall weckt Erinnerungen an einen Vorfall vor dem Identitären-Keller in Wien vor wenigen Wochen, bei dem ebenfalls Männer auf eine am Boden liegende Person eingetreten haben sollen. Wie aus Recherchen hervorgeht, soll im Keller, in dem auch Kampftrainings und Boxkämpfe stattfinden, der nun ehemalige FPÖ-Mitarbeiter mitgewirkt haben. Bei einer Durchsuchung vor rund einer Woche fanden die Behörden den Keller "fast besenrein" vor. Eine von einer Anrainerin gerufene Polizeistreife habe sich zuvor nach Darstellung des STANDARD von Identitären-Promi Martin Sellner "abspeisen" lassen, ohne den Keller zu betreten.
Weitere Vorfälle: Identitären-Keller und Grazer Polizeieinsatz
Die Staatsanwaltschaft kündigte an, mit neuen Erkenntnissen bis Ende Juli zu rechnen. Bis dahin gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung. Die FPÖ erklärte, sie wisse über den Vorfall "nichts Näheres, über die mediale Berichterstattung Hinausgehendes" und betonte, dass der in die Causa Verwickelte kein aktueller Mitarbeiter mehr sei.
Parallel wird aus Kreisen der Sicherheitsbehörden auf einen weiteren Kontext verwiesen: Beim Bundescamp der Identitären, auf dem laut STANDARD-Bericht trainiert worden sein soll, "wie man Feinde ausschaltet", habe es keinen Polizeieinsatz gegeben. Dagegen sei bei einem Vorfall in Graz, bei dem einem Burschenschafter seine Kappe geraubt worden sein soll und er zu Sturz kam, die Polizei mit Großaufgebot ausgerückt – inklusive Interpol und einer im Morgengrauen eingeschlagenen Tür; eine Unbeteiligte sei mit auf sie gerichteten Gewehren aufgewacht. Dieser Einsatz sei später teilweise für rechtswidrig erklärt worden.
Die Causa dürfte die politische Debatte über die Verbindungen zwischen rechtsextremen Strukturen und der FPÖ weiter verschärfen. Beobachter verweisen darauf, dass die Identitären für Juli eine Demonstration in Wien angekündigt haben; offen sei, ob die Polizei die Veranstaltung erneut eskortieren werde. Aus dem Innenministerium lag bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu den Forderungen Seltenheims und Hammers vor.
Fragen & Antworten
Wer sind die Verdächtigen im Leobener Fall?
Nach APA-Informationen zählen zwei führende Mitglieder der Identitären Bewegung Österreich zu den Verdächtigen, darunter ein ehemaliger parlamentarischer Mitarbeiter eines FPÖ-Abgeordneten sowie der deutsche Staatsbürger und Identitäre-Wien-Sprecher Yannick Wagemann. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Wiederbetätigung und versuchter schwerer Körperverletzung.
Was genau ist in der Nacht auf den 20. Juni in Leoben passiert?
Ein Taxifahrer hatte drei Burschenschafter, die in seinem Wagen Nazi-Parolen und ein "Sieg Heil" skandierten, abgewiesen; beim Versuch, die Flüchtenden bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, wurde er niedergeschlagen und am Boden liegend gegen den Kopf getreten.
Welche politischen Konsequenzen werden gefordert?
SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim fordert die Prüfung einer Ausweisung Wagemanns durch Innenminister Gerhard Karner, der Grüne Lukas Hammer kündigt parlamentarische Anfragen an Nationalratspräsident Walter Rosenkranz und das Innenministerium an, und ÖVP-Klubobmann Ernst Gödl verlangt Konsequenzen der FPÖ.
Leoben-Angriff: Identitäre unter Verdacht – FPÖ-Verbindung | nachrichten360