16-Jähriger stellt sich nach Schüssen auf Polizisten in Göttingen
Göttingen, 18. Juni 2026
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Kurzfassung
Nach den Schüssen auf einen Polizisten am Samstagabend in Göttingen hat sich ein 16-jähriger Tatverdächtiger in Begleitung eines Anwalts bei der Polizei gestellt. Die Polizeiinspektion Göttingen ermittelt wegen versuchten Totschlags und hat eine Mordkommission eingerichtet.
Ein 16-Jähriger hat sich am frühen Abend in Begleitung eines Rechtsanwalts bei der Polizei in Göttingen gestellt, nachdem am Samstagabend bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Großfamilien in der Göttinger Innenstadt Schüsse auf einen Polizeibeamten abgegeben worden waren.
Tatverdächtiger stellt sich der Polizei
Dabei war ein Polizeibeamter schwer verletzt worden. Er kam auf die Intensivstation, sein Zustand ist nach Angaben der Ermittler stabil. Die Polizeiinspektion Göttingen hat eine Mordkommission eingerichtet. „Die Festnahme des 16-Jährigen ist ein deutliches Signal für die Funktionsfähigkeit unseres Rechtsstaates“, sagte Göttingens Polizeipräsidentin Tanja Wulff-Bruhn. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig und die Polizei Göttingen hatten die Festnahme am Dienstag gemeinsam mitgeteilt.
Nach dem 16-Jährigen war zuvor mit einem europäischen Haftbefehl gefahndet worden. Er gilt nach derzeitigem Ermittlungsstand als dringend verdächtig, am Samstagabend gegen 22.15 Uhr bei der Auseinandersetzung der beiden rivalisierenden Großfamilien in der Göttinger Innenstadt mutmaßlich mehrere Schüsse aus einer scharfen Waffe abgegeben zu haben. Gegen ihn wird wegen versuchten Totschlags ermittelt.
Ermittlungsstand und Hintergrund
Der mutmaßliche Schütze war vom Tatort geflohen. Ob der Jugendliche bereits früher polizeilich in Erscheinung getreten war, war zunächst nicht bekannt. Die Familie des Verdächtigen stammt nach Angaben aus den Ermittlungen aus dem Kosovo, der 16-Jährige selbst wurde in Deutschland geboren.
Die Schüsse fielen direkt auf einem Gehweg neben der Bundesstraße 27, die aus der Stadt hinausführt, am Weender Tor zwischen dem Iduna-Zentrum und einer Tankstelle. Die Beamten waren zur Schlichtung eines Streits zwischen den beiden Familien eingesetzt worden. Zum Zeitpunkt der Tat feierten Tausende Menschen im Zentrum von Göttingen die „Nacht der Kulturen“. Die Polizei erklärte, es habe zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Öffentlichkeit bestanden.
Durchsuchungen und Fahndung
Göttingens Polizeipräsidentin Tanja Wulff-Bruhn zeigte sich erleichtert über den Fahndungserfolg. Zuvor hatte die Polizei mit Durchsuchungen und einem Hinweisportal nach Spuren und Zeugen gesucht. Am Sonntagabend durchsuchten Einsatzkräfte drei Gebäude in den Göttinger Stadtteilen Geismar und Weende sowie in der Gemeinde Gieboldehausen im Eichsfeld und stellten 40 Mobiltelefone zur Auswertung sicher. Am Montag hatten Ermittlerteams und Spezialkräfte bereits zwei Wohnhäuser im Umfeld des Tatverdächtigen durchsucht, eines davon in Gieboldehausen. Allein ein Hinweisportal, das für die Übermittlung von privaten Video- und Bildmaterial freigeschaltet wurde, sei mehr als 2000 Mal aufgerufen worden, wie die Behörden mitteilten.
Bei der Polizei seien diverse Hinweise eingegangen, die derzeit noch ausgewertet werden. Die Göttinger Polizei nimmt weitere Hinweise unter der Telefonnummer (0551) 4 91 21 15 entgegen. Marco Hansmann, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, kündigte am Sonntag eine verstärkte Polizeipräsenz in der Stadt an.
Politische Reaktionen
„Nicht nur um die Bürgerinnen und Bürger im Sinne der Gefahrenabwehr zu schützen, sondern um ihr Sicherheitsgefühl vor dem Hintergrund dieser Tat wieder zu stärken“, begründete Hansmann die Maßnahme. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) nannte die Eskalation der Gewalt am Sonntag „erschreckend und absolut inakzeptabel“. „Wer einen Polizisten auf solch brutale Weise attackiert, verachtet den Rechtsstaat und greift damit uns alle an“, erklärte sie.
Diese Eskalation der Gewalt ist erschreckend und absolut inakzeptabel. Wer einen Polizisten auf solch brutaler Weise attackiert, verachtet den Rechtsstaat und greift damit uns alle an. Auch aus der Landespolitik kamen deutliche Reaktionen. Wiard Siebels, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, sagte am Montag: „Solche Taten werden wir niemals akzeptieren.“ Alexander Saade, polizeipolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, erklärte: „Der Rechtsstaat muss überall durchsetzungsfähig sein – auf unseren Straßen, in unseren Städten und gegenüber jeder Form organisierter Kriminalität und auch gegenüber kriminellen Clans.“
Debatte um Clankriminalität
Die CDU-Landtagsabgeordnete Carina Hermann forderte wirksame Kontrollen, eine starke Polizeipräsenz und die konsequente Ausschöpfung bestehender Befugnisse. Die CDU beantragte für Dienstag eine Sondersitzung des Innenausschusses. Michael Lühmann, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, mahnte hingegen zur Zurückhaltung bei voreiligen Schlussfolgerungen: „Wer jetzt schon zu wissen glaubt, welche Schlussfolgerungen vor Ort gezogen werden müssen, sollte zunächst einen Schritt zurücktreten und Polizei und Staatsanwaltschaft erst einmal ihre Arbeit machen lassen“, sagte er.
Die Ermittlungen zum genauen Tatablauf, den Hintergründen und dem Tatmotiv dauern noch an. Ebenso unbekannt ist bislang, worum es bei dem Konflikt ging und weshalb die Situation eskalierte. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat den Fall übernommen, weil dort die Zentrale Stelle zur Bekämpfung der Clankriminalität für die Region Südost-Niedersachsen angesiedelt ist. Das niedersächsische Innenministerium definiert einen Clan als eine kriminelle Gruppe, die durch Verwandtschaft und eine gemeinsame ethnische Herkunft verbunden ist.
In der kriminologischen Debatte um den Begriff der Clankriminalität meldete sich der Bremer Kriminologe Thomas Müller zu Wort, der beim Bremer Polizeilichem Staatsschutz organisierte Kriminalität bearbeitet und parallel Kriminologie studiert hat. Er kritisierte die undifferenzierte Verwendung des Begriffs: „Man muss sich das mal vorstellen: Wenn man alle Müllers als potenziell kriminell ansieht und sie ständig überprüft, dann macht das etwas mit dem Bild, das Polizei und Gesellschaft von allen haben, die Müller heißen.“
Ausblick auf die Ermittlungen
Die Göttinger Polizei kündigte an, die Ermittlungen konsequent fortzusetzen und die Öffentlichkeit über wesentliche Fortschritte zu informieren. Hinweise aus der Bevölkerung würden weiterhin entgegengenommen und ausgewertet, hieß es. Mit der Festnahme des 16-Jährigen ist die akute Fahndung nach dem Schützen beendet – die juristische und politische Aufarbeitung des Vorfalls hat dagegen erst begonnen.
Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Frage, wie Polizei und Justiz in Niedersachsen mit Konflikten zwischen Großfamilien umgehen. Die Zentrale Stelle zur Bekämpfung der Clankriminalität in Braunschweig bündelt seit Jahren entsprechende Ermittlungen. Polizeipräsidentin Wulff-Bruhn betonte, der Fahndungserfolg zeige, dass der Rechtsstaat auch in schwierigen Lagen handlungsfähig bleibe.
Für die Göttinger Innenstadt bedeutet die Tat eine Zäsur: Mit der „Nacht der Kulturen“ fand wenige Meter vom Tatort entfernt ein großes Stadtfest statt, das laut Polizei ohne Unterbrechung weiterging. Die Ermittler gehen Hinweisen aus der Bevölkerung nach, die über das Online-Portal und telefonisch eingegangen sind. Ob weitere Festnahmen oder Durchsuchungen folgen, war zunächst offen.
Fragen & Antworten
Was genau ist in Göttingen am Samstagabend passiert?
Bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Großfamilien in der Göttinger Innenstadt wurden am Samstagabend gegen 22.15 Uhr mehrere Schüsse auf einen Polizeibeamten abgefeuert. Der Beamte wurde schwer verletzt und auf die Intensivstation gebracht, sein Zustand ist stabil.
Wer ist der Tatverdächtige und wie wurde er gefasst?
Der Tatverdächtige ist ein 16-Jähriger, dessen Familie aus dem Kosovo stammt und der in Deutschland geboren wurde. Er flüchtete zunächst vom Tatort, wurde mit einem europäischen Haftbefehl wegen versuchten Totschlags gesucht und stellte sich am frühen Abend in Begleitung eines Rechtsanwalts bei der Polizei in Göttingen.
Welche politischen Konsequenzen werden in Niedersachsen diskutiert?
Die CDU hat eine Sondersitzung des Innenausschusses beantragt, SPD und Grüne äußerten sich mit Nachdruck zur Gewalt. Innenministerin Daniela Behrens nannte die Tat „erschreckend und absolut inakzeptabel“, während die Grünen zur Zurückhaltung bei voreiligen Schlussfolgerungen mahnten.
Schüsse auf Polizist in Göttingen: 16-Jähriger stellt sich | nachrichten360