105 Bewerber für ORF-Direktionen: So läuft das Auswahlverfahren um Pigs Führungsteam
Wien, 21. Juli 2026
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Kurzfassung
Für die 13 Spitzenpositionen im ORF haben sich 105 Personen mit insgesamt 142 Bewerbungen beworben. Der designierte Generaldirektor Clemens Pig sieht darin ein starkes Signal der Aufbruchstimmung; die Entscheidung fällt am 11. August im Stiftungsrat.
Für die vier Zentraldirektionen und die neun Landesdirektionen des ORF haben sich 105 Personen mit insgesamt 142 Bewerbungen gemeldet, wie der designierte Generaldirektor Clemens Pig bekannt gab.
Nach Ablauf der Bewerbungsfrist in der Nacht auf den 15. Juli zeichnet sich ein ungewöhnlich großes Interesse an den Spitzenjobs des ORF ab. Insgesamt 105 Personen reichten 142 Bewerbungen für die 13 ausgeschriebenen Top-Positionen ein. Etwa die Hälfte der Bewerbungen stammt nach Pigs Angaben aus dem ORF selbst, die andere Hälfte kommt von extern. Die Geschlechterverteilung fällt dabei klar zugunsten der Männer aus: Rund 60 Prozent der Bewerbungen stammen von Männern, 40 Prozent von Frauen.
Pigs Botschaft: Aufbruchstimmung im Haus
Pig bewertet die hohe Zahl als positives Signal. Die Bewerbungen zeigten "eindrucksvoll die Aufbruchstimmung und die große Reform- und Begeisterungsfähigkeit im Unternehmen". Auch das große Interesse an der neu geschaffenen Direktion 'Audience & Plattformen' wertete Pig ausdrücklich: "Besonders freut mich das hohe Interesse an der neuen Direktion 'Audience & Plattformen'. Im Zusammenspiel mit allen eingegangenen Bewerbungen ist das ein klares Signal des ORF für die digitale Gegenwart und für die gemeinsame Zukunft des österreichischen Medienstandorts".
Beworben werden insgesamt 13 Spitzenpositionen: die vier Zentraldirektionen 'Audience und Plattformen', 'Finanzen und Verwaltung', 'Programm und Brands' sowie 'Technologie und Innovation' sowie die neun Landesdirektionen in den Bundesländern. Am stärksten umkämpft ist laut Pig die neu geschaffene Direktion 'Audience & Plattformen', die künftig auch den bisherigen Radio-Bereich einschließt und digitale Plattformen bündelt.
Diese Positionen werden besetzt
Unter den Bewerbern befinden sich mehrere amtierende Direktoren, die sich um eine weitere Amtszeit bewerben. Dazu zählen die ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz, die sich sowohl für die Audience- als auch für die Programmdirektion bewirbt, ORF-Technikdirektor Harald Kräuter, der als aussichtsreicher Kandidat für eine Verlängerung gilt, sowie Eva Schindlauer für die Finanzdirektion. ORF-III-Co-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz hat ihre Bewerbung für die Finanzdirektion öffentlich bestätigt.
Auch die stellvertretende Landesdirektorin Kathrin Zierhut-Kunz sowie mehrere amtierende Landesdirektoren haben ihre Bewerbungen offengelegt. Edgar Weinzettl (Wien), Esther Mitterstieler (Tirol) und Werner Herics (Burgenland) haben sich öffentlich zu ihren Kandidaturen bekannt. Magazinchefin Lisa Totzauer bewarb sich sowohl für die Programmdirektion als auch für die Generaldirektion.
Interne Kandidaten und externe Bewerber
Von außerhalb des ORF haben sich unter anderem der Medienberater Matthias Settele beworben. Settele, der über zehn Jahre Generaldirektor des größten slowakischen Privatsenders Markíza war, bestätigte Bewerbungen für die Finanz-, Programmund Audience-Direktion. Auch FM4-Chefin Doroteja Gradištanac soll sich für die Audience-Direktion beworben haben, äußerte sich dazu aber nicht. ORF-Journalistin Sonja Sagmeister, Kronehit-Geschäftsführer Philipp König und ORF-Chefredakteur Sebastian Prokop zählen ebenfalls zu den Bewerbern.
Die Auswahl läuft über eine sogenannte Scorecard-Matrix, die Pig für die Erstellung von Shortlists, die Bewerbungsgespräche und die Nominierungen verwendet. Die Scorecard-Matrix beinhaltet unterschiedliche Kriterien in den Kategorien 'Basisanforderungen', 'Funktionale Anforderungen' und 'Management-Anforderungen'. Für die Landesdirektionen ist sie identisch, für die vier Zentraldirektionen variiert sie teils aufgrund direktionsspezifischer Anforderungen.
Scorecard-Matrix und externe Berater
Das Verfahren soll dem Europäischen Medienfreiheitsgesetz (EMFA), dem ORF-Gesetz und der Geschäftsordnung des Stiftungsrats zu entsprechen. Erstmals wird der Prozess von externen Personalberatern begleitet: Kathrin Schulte aus Hamburg, Beraterin für HR Executive Search und Leadership Assessment, und Bakel Walden aus Zürich, Berater für digitale Transformation und Public Value, die bei Shortlist-Erstellung und Durchführung der Bewerbungsgespräche beraten.
In der laufenden Woche werden nun Shortlists für die 13 Jobs erstellt. Am 16. Juli wurden nach Angaben des designierten ORF-Chefs die formalen Voraussetzungen der Bewerbungen geprüft. Ab 27. Juli sollen darauf basierend Bewerbungsgespräche geführt werden. Die Nominierungen samt Begründungen werden ab 3. August an den Stiftungsrat geliefert.
Fahrplan bis zur Entscheidung am 11. August
Die Entscheidung über die künftige ORF-Führung fällt am 11. August in einer Sitzung des Stiftungsrats. Das Gremium mit seinen 35 Mitgliedern wählt über das Team ab, das Pig vorschlägt. Pig wird den ORF ab 2027 als Generaldirektor führen. Bei der Abstimmung könnte es nach der früheren Praxis zunächst getrennte Pakete für Zentral- und Landesdirektionen geben.
Eine Neuerung betrifft das Verhältnis zu den Landeshauptleuten: Das frühere Recht auf vorherige Information über die Personalvorschläge für die jeweilige Landesdirektion wurde laut ORF-Gesetz im Frühjahr abgeschafft. Pig hatte dazu der Kronen Zeitung gesagt: "Die Landeshauptleute sollen erst aus der Zeitung erfahren, wer es wird." Damit soll die Unabhängigkeit der Stiftungsratsentscheidung gestärkt werden.
Geschlechterbalance als offene Frage
Pig hat sich zudem eine ausgewogene Geschlechterverteilung zum Ziel gesetzt, insbesondere bei den vier Zentraldirektionen. Angesichts des aktuellen Bewerberbilds von rund 60 Prozent Männern und 40 Prozent Frauen könnte dieses Ziel eine Herausforderung werden. Sollten sich unter den Bewerbern um die Finanz- und Technologie-Direktion nur wenige Frauen finden, müsste das Team am Ende möglicherweise anders zusammengesetzt werden.
Zahlreiche weitere Namen kursieren in der Branche. Als Bewerber für die Programmdirektion gelten ORF-Chefproduzent Michael Krön, der zuletzt den ESC für den ORF verantwortet hatte, Vorarlbergs Landesstudio-Chefredakteurin Angelika Simma-Wallinger, ORF-Entertainment-Chef Martin Gastinger sowie Matthias Settele. Für die Audience-Direktion werden neben Gradištanac auch Prokop und der Leiter Digitale Medien Stefan Pollach gehandelt. König bewarb sich zudem für die Direktion Technologie und Innovation.
Rechtlich ist das Auswahlverfahren nicht unangreifbar: Wie aus dem ORF-Umfeld berichtet wird, könnten unterlegene Bewerber die Entscheidung vor der Medienbehörde KommAustria und potenziell weiteren Instanzen anfechten. Das gilt insbesondere dann, wenn die formalen Kriterien der Scorecard-Matrix oder die vom Stiftungsrat gesetzten Verfahrensregeln nicht lückenlos eingehalten werden. Pig hatte bereits nach seiner Bestellung im Juni angekündigt, Bewerbungen nicht öffentlich zu machen.
Insgesamt verdeutlicht der Andrang, dass der ORF als größtes Medienhaus Österreichs trotz Spardrucks und Konkurrenz durch Streaming-Anbieter weiterhin als Karriereplattform gilt. Mit der Bündelung von Radio und digitalen Plattformen in der neuen Audience-Direktion und der erstmaligen Zuhilfenahme externer Berater will Pig offenbar Strukturen an die veränderte Mediennutzung anpassen. Branchenbeobachter werten die hohe Bewerberzahl auch als Indiz dafür, dass sich der öffentlich-rechtliche Sender in einer Phase der Neuorientierung befindet.
Fragen & Antworten
Wer ist Clemens Pig und welche Rolle spielt er im ORF?
Clemens Pig ist der designierte ORF-Generaldirektor, der das größte Medienhaus Österreichs ab 2027 führen wird. Er schlägt dem Stiftungsrat Kandidatinnen und Kandidaten für die vier Zentraldirektionen und die neun Landesdirektionen vor.
Wie viele Personen haben sich auf die ORF-Direktionsposten beworben?
105 Personen haben insgesamt 142 Bewerbungen für die 13 ausgeschriebenen Spitzenpositionen eingereicht. Rund die Hälfte der Bewerbungen stammt aus dem ORF selbst, die andere Hälfte von extern.
Welche Direktionen werden neu besetzt und wann entscheidet der Stiftungsrat?
Zur Wahl stehen die vier Zentraldirektionen 'Audience und Plattformen', 'Finanzen und Verwaltung', 'Programm und Brands' sowie 'Technologie und Innovation' sowie die neun Landesdirektionen. Die Entscheidung trifft der 35-köpfige Stiftungsrat am 11. August.
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