Wiener Studie: Goffin-Kakadus erkennen irreversiblen Funktionsverlust und reagieren mit Verärgerung
Wien, 16. Juni 2026
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Kurzfassung
Eine Studie des Messerli Forschungsinstituts in Wien zeigt, dass Goffin-Kakadus lernen, wann ein Knopf dauerhaft nicht mehr funktioniert, und mit Unmut reagieren. Die im Fachjournal Scientific Reports erschienene Arbeit prüft eine Grundkomponente des Todesverständnisses bei Tieren.
Forscherinnen und Forscher des Messerli Forschungsinstituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben experimentell untersucht, ob Goffin-Kakadus verstehen, dass ein Gegenstand unwiderruflich seine Funktion verlieren kann, und die Ergebnisse am 16. Juni 2026 im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.
Versuchsaufbau mit Touchscreen und Cashew-Belohnung
Im Zentrum der Untersuchung stand ein Versuchsaufbau mit einem Touchscreen, an dem fünfzehn Goffin-Kakadus darauf trainiert wurden, einen runden Knopf zu berühren. Anschließend spuckte die Apparatur Cashew-Nussstücke als Belohnung aus, und ein Pfeil auf dem Bildschirm führte zum nächsten Durchgang. Bei manchen Tieren dauerte es länger, bis sie diese Aufgabe beherrschten, andere begriffen rascher als andere.
In einer zweiten Phase veränderten die Forschenden das Verhalten der Apparatur. Nach einem Knopfdruck flackerte der Bildschirm in einigen Durchgängen kurz auf, und die Futterbelohnung wurde fortan nur noch bei einem anderen Hintergrundmuster ausgegeben. Der Knopf funktionierte also weiterhin, allerdings nicht mehr in Kombination mit dem zuvor erschienenen Hintergrund.
"Der Versuch sieht vielleicht kompliziert aus, doch die Idee dahinter ist recht einfach", erklärt Osuna-Mascaró, einer der beteiligten kognitiven Biologen. Die Kakadus mussten lernen, dass das Flackern ein Signal dafür ist, dass der runde Knopf bei einem bestimmten Bildschirmmuster nicht mehr funktioniert und keine Futterbelohnung mehr folgt.
Wie die Kakadus auf das Versagen reagierten
Wie die Studie zeigt, lernten die Vögel diese Regel rasch. Sie hörten daraufhin auf, den Knopf bei jenem Hintergrund zu drücken und wählten stattdessen meist den weiter-Pfeil, während sie den Knopf bei anderen, noch funktionierenden Hintergründen weiterhin betätigten. Darüber hinaus konnten die Tiere das Gelernte auf neue, zuvor unbekannte Hintergrundmuster übertragen.
Die Verhaltensreaktionen der Tiere auf das unerwartete Versagen waren nach Angaben der Forscherinnen und Forscher bemerkenswert. Wie Menschen regten sich die Vögel oft darüber auf, dass ein Ding unwillkürlich aufflackert und kaputtgeht. Sie kreischten etwa oder sträubten den Federkamm, was die Forschenden als eine Art tierisches "Fluchen" beschreiben.
"Beeindruckend sei gewesen, wie verschieden die Tiere reagierten, als der Knopf plötzlich versagte", sagt Eleonora Rovegno, die die Tests durchführte. So zeigte der Kakadu Renki stark aggressive Reaktionen, während das Tier Rose, das zu den jüngsten Vögeln zählte, Bettellaute von sich gab, die typischerweise dazu dienen, Futter oder Aufmerksamkeit zu erhalten.
Diese Verhaltensweisen, darunter Lautäußerungen und sichtbare Erregung, flossen allerdings nicht in die statistische Auswertung ein. In die Analyse gingen nur die Handlungen am Touchscreen ein, also die Entscheidung der Tiere, ob sie den Knopf drückten oder zum nächsten Durchgang weitergingen.
Hintergrund: Das minimale Todeskonzept
Hintergrund der Studie ist das sogenannte minimale Todeskonzept, ein Forschungsansatz aus der vergleichenden Thanatologie. Demnach lässt sich das Verständnis des Todes in einfachere Komponenten zerlegen, und es genügt das Erkennen eines dauerhaften Funktionsverlusts, ohne dass Begriffe wie Sterblichkeit, Trauer oder Sprache vorhanden sein müssen. "Das ist der erste Schritt zu einem Todesverständnis", heißt es in der Studie.
Die Philosophin Susana Monsó, die gemeinsam mit den kognitiven Biologen Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg an der Untersuchung arbeitete, betont jedoch, dass die Ergebnisse nicht überinterpretiert werden dürften. "Wir sollten daraus nicht folgern, dass die Vögel den Tod verstehen", mahnt Monsó. Das Verständnis des Todes mag wie eine Alles-oder-nichts-Frage klingen, aber es lässt sich in einfachere Komponenten zerlegen, ergänzt sie.
Beteiligte Forscherinnen und Forscher
Auersperg ist die Leiterin des Goffin Labs am Messerli Forschungsinstitut, in dem die Verhaltensbesonderheiten dieser Kakadus seit Jahren erforscht werden. Goffin's Kakadus sind unter anderem dafür bekannt, dass sie Werkzeuge herstellen, ganze Werkzeugsets transportieren und ein Werkzeug beiseitelegen, sobald es im jeweiligen Kontext nichts mehr nützt. Damit galten sie schon vor der aktuellen Studie als ausgesprochen anpassungsfähige Problemlöser.
Der Versuchsaufbau mit dem Touchscreen ist bewusst so gewählt, dass er sich auf andere Tierarten übertragen lässt. Touchscreen-Aufgaben sind in der kognitiven Forschung etabliert, von Tauben bis hin zu Primaten. Damit eröffnet die Studie die Möglichkeit, dieselbe Frage nach dem Erkennen eines irreversiblen Funktionsverlusts künftig auch bei anderen Spezies zu testen.
Was die Studie nicht belegen kann
Die Forscherinnen und Forscher weisen allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die Arbeit nicht belege, dass die Kakadus Irreversibilität im menschlichen Sinne verstünden. Die Tiere zeigten, dass sie eine Regel erlernen und auf neue Situationen anwenden können, ein echtes Verständnis von Endgültigkeit bleibe damit jedoch nicht nachgewiesen.
Insgesamt ordnet das Team den Befund als einen ersten empirischen Baustein ein, der zeige, dass zumindest eine kognitive Voraussetzung für ein Todesverständnis auch bei Vögeln vorhanden sein könnte. Weitere Studien müssten klären, ob ähnliche Lernleistungen und Reaktionen auch bei anderen Tierarten auftreten.
Die Studie ist unter dem Titel "Die im Fachjournal Scientific Reports erschienene Studie" mit der Digital Object Identifier 10.1038/s41598-026-57007-1 öffentlich zugänglich. Ergänzend haben die Forschenden ein Erklär-Video in englischer Sprache veröffentlicht, das den Versuchsaufbau und die zentralen Ergebnisse zusammenfasst.
Bedeutung für die Tier-Kognitionsforschung
Für die Öffentlichkeit bedeutet die Untersuchung vor allem einen neuen Blick auf die kognitiven Fähigkeiten von Vögeln. Dass Goffin-Kakadus nicht nur Werkzeuge nutzen, sondern auch Frustration zeigen, wenn ein gewohnter Mechanismus plötzlich versagt, wirft nach Ansicht der Forscherinnen und Forscher ein neues Licht auf die Frage, wie Tiere die Welt um sich herum wahrnehmen.
Insgesamt unterstreicht die Arbeit, wie vielschichtig die kognitiven Leistungen der Tiere sein können, auch wenn sich die Befunde nicht ohne Weiteres auf andere Situationen oder Arten übertragen lassen. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Ausgangspunkt für weitere Forschung, nicht aber für weitreichende Aussagen über ein Bewusstsein für Endgültigkeit bei Vögeln.
Fragen & Antworten
Wer hat die Studie zu Goffin-Kakadus durchgeführt?
Die Studie wurde am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt, maßgeblich beteiligt waren die Philosophin Susana Monsó sowie die kognitiven Biologen Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg, Leiterin des Goffin Labs.
Was haben die Kakadus in dem Experiment gelernt?
Die Tiere lernten, dass ein Flackern des Bildschirms bedeutet, dass der Knopf bei einem bestimmten Hintergrundmuster dauerhaft nicht mehr funktioniert, und sie übertrugen diese Regel auf neue, zuvor unbekannte Hintergründe.
Warum ist die Studie für die Frage nach dem Todesverständnis bei Tieren relevant?
Die Forschenden prüften eine Grundkomponente des minimalen Todeskonzepts, nämlich das Erkennen eines irreversiblen Funktionsverlusts, und sehen darin einen ersten Schritt, an den weitere Untersuchungen zur Thanatologie bei Tieren anknüpfen können.
Goffin-Kakadus: Wiener Studie zu Todesverständnis bei Tieren | nachrichten360