Drohnenangriffe auf Wildberries: Zerstörung in Russland | nachrichten360
Ukrainische Drohnenangriffe legen Wildberries-Logistikzentren in Russland in Schutt und Asche
Moskau, 26. Juli 2026
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Kurzfassung
Ukrainische Drohnen haben innerhalb einer Woche mehrere Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries in Brand gesetzt. Acht Menschen kamen ums Leben, mehr als 80 wurden verletzt, der Sachschaden wird auf bis zu vier Milliarden Euro geschätzt.
Innerhalb einer Woche haben ukrainische Drohnen mehrere Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers Wildberries in Elektrostal, im Raum Tambow und bei St. Petersburg angegriffen und weitgehend zerstört, wobei nach offiziellen Angaben acht Menschen getötet und mehr als 80 verletzt wurden.
Ausmaß der Zerstörung
Bei den Angriffen in der Nacht von Samstag auf Sonntag sowie am folgenden Freitagmorgen wurden Standorte in Elektrostal rund 50 Kilometer östlich von Moskau, in der Region Tambov und in Schuschary bei St. Petersburg getroffen. Das Lager in Schuschary brannte nach dem Drohnenangriff am Freitagmorgen vollständig nieder, dort wurden drei Menschen verletzt. Insgesamt schätzen Analysten den Wert der zerstörten Waren auf bis zu vier Milliarden Euro.
Wildberries wurde von der Unternehmerin Tatyana Kim gegründet und gilt mit täglich rund 20 Millionen Bestellungen und mehr als 90.000 Abholstationen als dominierender Onlinehändler Russlands. Nach Angaben des Unternehmens nutzen 85 bis 90 Prozent der Russinnen und Russen die Plattform gemeinsam mit dem Konkurrenten Ozon. Der Konzern tritt allerdings nicht selbst als Verkäufer auf, sondern betreibt einen Marktplatz, über den vor allem kleine und mittelständische Händler ihre Produkte anbieten – von Autoteilen über Bücher bis hin zu Kindersachen und Pelzmänteln.
Kleine Händler in der Krise
Viele dieser Händler stehen nun vor dem Aus. Sergei, ein 40-jähriger belarussischer Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens, verlor nach eigenen Angaben Waren im Wert von 50 Millionen Rubel (rund 520.000 Schweizer Franken) beim Brand in Elektrostal. Eine russische Kleinhändlerin erklärte, sie habe 4.000 Pelzmäntel verloren und sei eigens zur Brandstelle gegangen, um von ihrem gesamten unternehmerischen Lebenswerk Abschied zu nehmen. Die Unternehmerin Julia Stepanova, die fast alle ihre Produkte einbüßte, kündigte an, die Plattform zu verlassen: „Ich verlasse die Plattform Wildberries und werde höchstwahrscheinlich aussteigen, das ist das Ende.“
Kurz vor den Angriffen hatte Wildberries seine Haftungsbedingungen für Logistikzentren geändert und Entschädigungen im Falle von Drohnenangriffen ausgeschlossen. Nach öffentlichem Druck sah sich Gründerin Kim gezwungen, doch Entschädigungen zuzusichern – Betroffene berichten allerdings, dass die Auszahlungen sehr niedrig ausfallen. Auch eine Mitarbeiterin namens Lera fasst die Stimmung vieler Händler zusammen: „Viele Gründer der dort ansässigen Marken hatten in diesen Lagern einfach Millionen von Artikeln, und ein Großteil davon ist verbrannt, wenn nicht sogar alles. Deshalb schließen jetzt viele.“
Stimmen aus den betroffenen Städten
Die Anwohnerinnen und Anwohner in den betroffenen Städten reagierten mit Angst und Fassungslosigkeit. Anschelika, 53, aus Elektrostal, beschrieb die Nacht: „Ab halb vier Uhr morgens hörten wir die Drohnen, auch Schüsse. Der ganze Stadtteil war auf den Beinen. Keiner blieb zu Hause. Es war schlimm.“ Eine 83-jährige Bewohnerin namens Anja gab demgegenüber der Ukraine die Schuld: „Natürlich war das die Ukraine! Griffe sie uns nicht an, wäre es auch bei ihr ruhig. Aber stattdessen betätigt sie sich terroristisch und trifft unschuldige Leute.“
Während der Kreml betont, sich der Lage anzunehmen, fällt das Staatsfernsehen durch Schweigen auf: Russische staatliche Fernsehkanäle zeigten die Angriffe auf die Wildberries-Zentren nicht; die Videos verbreiteten sich vor allem über soziale Netzwerke. Kremlsprecher Dmitri Peskow räumte ein, dass die Lage „tatsächlich schwierig“ sei, „aufgrund der Verluste, die sowohl das Unternehmen selbst als auch kleine und mittlere Betriebe erlitten haben“, und versicherte: „Die Regierung, so Peskow, befasse sich mit dieser Angelegenheit.“
Die Zerstörungen treffen die russische Wirtschaft in einer ohnehin angespannten Phase. Nach Berichten der Nesawissimaja Gaseta ist bereits jeder sechste kleine oder mittelständische Betrieb im Land mit der Rückzahlung von Krediten im Rückstand, während die russische Zentralbank meldet, dass im gesamten Unternehmenssektor jeder vierte Kreditnehmer seine Raten nicht mehr fristgerecht bedient. Zugleich haben Angriffe auf Raffinerien und Treibstofflager in Russland nach Einschätzung von Beobachtern die schwerste Treibstoffkrise seit Jahrzehnten ausgelöst. In Elektrostal verkaufen viele Tankstellen nur noch Diesel oder sind geschlossen, Autoschlängen bilden sich dort, wo noch Kraftstoff verkauft wird.
Wirtschaftliche Folgen und Kriegsmüdigkeit
Parallel dazu verschärfen die Angriffe den Druck auf die russische Öffentlichkeit. Der Soziologe Lew Gudkow, Gründer des Lewada-Zentrums und 79 Jahre alt, sieht in den Drohnenschlägen auf Ziele im russischen Hinterland „das Hauptereignis des Sommers“ und verweist darauf, „wer die schwarzen Rauchsäulen sieht, kann nicht mehr behaupten, es handle sich um Falschnachrichten“ – eine Anspielung auf die russische Desinformationspolitik. Gudkov, dessen Institut vom russischen Staat als „ausländischer Agent“ eingestuft wird, beruft sich auf Umfragen, denen zufolge deutlich mehr als 70 Prozent der Russinnen und Russen sich ein rasches Kriegsende wünschen. Einwohnerin Jelena, 65, fasst die Stimmung so zusammen: „Auch im Krieg geht der Alltag weiter. Es wird noch lange so weitergehen.“
Die ukrainische Seite begründet die Angriffe mit einer neuen Strategie, den Krieg stärker in die russische Gesellschaft hineinzutragen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betrachtet Wildberries als Plattform, über die russische Soldaten, deren Familien und Unterstützer Material an die Front liefern. Damit sind Logistikzentren des Konzerns aus ukrainischer Sicht zu einem logistischen Knotenpunkt der russischen Kriegsanstrengungen geworden. Ob die Angriffe die erhoffte Wirkung erzielen, bleibt offen – die wirtschaftlichen Schäden sind enorm, und viele kleine Händler stehen bereits jetzt vor dem Aus.
Viele Gründer der dort ansässigen Marken hatten in diesen Lagern einfach Millionen von Artikeln, und ein Großteil davon ist verbrannt, wenn nicht sogar alles. Deshalb schließen jetzt viele.
Fragen & Antworten
Wer hat die Angriffe auf die Wildberries-Lager verübt?
Ukrainische Drohnen haben in der Woche vor dem 26. Juli 2026 mehrere Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries in Elektrostal, in der Region Tambov und in Schuschary bei St. Petersburg angegriffen (vgl. ukrainische Strategie zur Verlagerung des Krieges ins russische Hinterland).
Welche Schäden haben die Angriffe angerichtet?
Nach offiziellen Angaben wurden acht Menschen getötet und mehr als 80 verletzt; Analysten schätzen den Wert der zerstörten Waren auf bis zu vier Milliarden Euro, viele kleine und mittelständische Händler verloren nahezu ihre gesamten Bestände.
Wie reagiert die russische Regierung auf die Zerstörungen?
Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von einer „tatsächlich schwierigen Lage“ für Unternehmen sowie kleine und mittelständische Betriebe und erklärte, die Regierung befasse sich mit der Angelegenheit – die russischen Staatssender zeigten die Angriffe allerdings nicht.