Historiker Sven Beckert: Kapitalismus und Demokratie nicht untrennbar verbunden Cambridge, 1. April 2026 Der Harvard-Historiker Sven Beckert sieht die enge Verbindung von Kapitalismus und liberaler Demokratie als gefährliches Missverständnis an, während sich das neoliberale Wirtschaftssystem globalen Grenzen gegenübersieht. Kapitalismus im Wandel Der Kapitalismus hat laut Beckert, der als Experte für die Geschichte des Wirtschaftssystems gilt, bereits zahlreiche Krisen, Kriege und Konflikte überstanden. Doch die seit etwa 50 Jahren dominierende neoliberale Variante stößt nun an ihre Grenzen. "Die Vorstellung, dass Kapitalismus und liberale Demokratie eng miteinander verbunden sind, ist ein fatales Missverständnis", sagte Beckert. Der Historiker lehrt an der renommierten Harvard University und erforscht seit Jahren die Entwicklung kapitalistischer Strukturen. Die aktuelle Phase des Kapitalismus, die durch Deregulierung und Privatisierung geprägt ist, sieht Beckert an einem Wendepunkt. Ein neuer institutioneller Rahmen für den globalen Kapitalismus zeichne sich ab, allerdings ohne dass dies automatisch mit demokratischen Werten einhergehe. Die Geschichte zeige, dass kapitalistische Systeme auch unter autoritären Regimen funktionierten. Globale Perspektiven Die Diskussion um die Zukunft des Kapitalismus gewinnt vor dem Hintergrund politischer Umbrüche in den USA und anderen Ländern an Bedeutung. Figuren wie Donald Trump stehen für eine neue, oft als illiberal bezeichnete Wirtschaftspolitik, die traditionelle demokratische Normen infrage stellt. Beckerts Analyse deutet darauf hin, dass solche Entwicklungen nicht zwangsläufig dem Kapitalismus widersprechen. China, das oft als Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus betrachtet wird, zeigt laut Beckert, dass wirtschaftlicher Erfolg auch ohne liberale Demokratie möglich ist. Die historischen Erfahrungen Deutschlands mit Industriellen wie Hermann Röchling oder die Politik Margaret Thatchers in Großbritannien unterstreichen die Flexibilität kapitalistischer Modelle. Selbst kleine Nationen wie Barbados haben sich in das globale Wirtschaftssystem eingefügt, oft mit unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen. Die Debatte über die Zukunft des Kapitalismus wird durch diese Erkenntnisse neu belebt. Beckert betont, dass die Suche nach einem neuen institutionellen Rahmen bereits im Gange sei. Ob dieser Rahmen demokratisch oder autoritär ausfalle, hänge von politischen Entscheidungen ab, nicht von wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Die Geschichte lehre, dass der Kapitalismus sich anpassen könne – unabhängig von der jeweiligen Staatsform.
"Trump steht an ihrer Spitze": Kapitalismus, USA und Welt im Wandel
Kurzfassung
Historiker Sven Beckert: Kapitalismus und Demokratie nicht untrennbar verbunden