Tödlicher ICE-Einsatz in Maine: 26-jähriger Kolumbianer in Biddeford erschossen
Biddeford, 14. Juli 2026
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Kurzfassung
Bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE in der Kleinstadt Biddeford im US-Bundesstaat Maine ist am Montag ein 26-jähriger kolumbianischer Staatsbürger erschossen worden. Es handelt sich bereits um den zweiten tödlichen Vorfall mit ICE-Beamten binnen einer Woche, der landesweit Empörung und Proteste auslöst.
In der Kleinstadt Biddeford im US-Bundesstaat Maine ist am Montagmorgen ein 26-jähriger kolumbianischer Staatsbürger bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE durch Schüsse eines ICE-Beamten getötet worden, wie die Generalstaatsanwaltschaft von Maine und Hilfsorganisationen mitteilten.
Hintergrund: Was geschah in Biddeford?
Der Vorfall ereignete sich gegen 7:00 Uhr morgens in Biddeford, einer Kleinstadt mit rund 23.000 Einwohnern im Nordosten der USA. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft von Maine wollten die ICE-Beamten eine Abschiebungsanordnung gegen eine bestimmte Person vollstrecken. Der 26-jährige Kolumbianer habe daraufhin ein Fahrzeug in Richtung eines ICE-Beamten gesteuert, woraufhin dieser das Feuer eröffnete.
Hilfsorganisationen für Einwandererrechte in Maine identifizierten den Getöteten als 26-jährigen kolumbianischen Staatsbürger. Er habe im Besitz einer US-Aufenthaltsgenehmigung beziehungsweise Arbeitserlaubnis gewesen sein, wie die Maine Immigrants' Rights Coalition erklärte. Die Behörden veröffentlichten den Namen des Opfers bisher nicht. Die Hilfsorganisation Presente Maine bezeichnete den Mann als weiteres Todesopfer einer Reihe tödlicher ICE-Einsätze.
Nach Angaben des US-Senators Angus King aus Maine, eines parteilosen, den Demokraten nahestehenden Senators, war die getötete Person nicht diejenige, nach der die Beamten eigentlich gesucht hatten. King sagte dies gegenüber dem Sender CNN und berief sich dabei auf das US-Heimatschutzministerium. Ein Sprecher Kings stellte später klar, dass der Senator in einem zweiten Telefongespräch mit Heimatschutzminister Markwayne Mullin diese Information erhalten habe. Mullin ist Nachfolger der im März entlassenen Kristi Noem.
Widersprüchliche Darstellungen
Ein Sprecher von ICE bestätigte den tödlichen Schusswaffeneinsatz. „Der Fahrer des Fahrzeugs wurde getroffen, und die Rettungskräfte wurden sofort alarmiert. Er erlag seinen Verletzungen“, erklärte er. Das Heimatschutzministerium (DHS) erklärte, der Beamte habe „aus Sorge um die öffentliche Sicherheit“ auf das Auto des fliehenden Mannes geschossen. DHS erläuterte zunächst nicht, warum die öffentliche Sicherheit konkret als gefährdet angesehen worden sei.
Die Generalstaatsanwaltschaft von Maine erklärte, Ziel des Einsatzes sei die Vollstreckung einer Abschiebungsanordnung gewesen. Ein ICE-Sprecher sprach von einer „gezielten Strafverfolgungsmaßnahme“ am Wohnort des später getöteten Mannes. Nach Darstellung des Ministeriums habe dieser das Haus verlassen und sei mit einem Fahrzeug vom Ort geflohen. Rettungskräfte seien sofort verständigt worden, der Mann habe jedoch noch am Ort seinen Verletzungen erlegenen.
Der Augenzeuge Lucas Scott berichtete lokalen Medien, er habe mindestens vier Schüsse gehört, nachdem mehrere ICE-Beamte einen weißen Wagen umstellt hätten. Diese Schilderung steht im Widerspruch zur Darstellung des DHS, das in den meisten Fällen „Notwehr“ geltend macht. Senator King bestätigte dem Sender CNN, dass die beteiligten Beamten keine Bodycams getragen hätten. Das Ministerium hatte im Februar angekündigt, alle Einsatzkräfte mit Bodycams auszustatten, jedoch waren nach Angaben von Kings Büro weder in Maine noch in Texas Bodycams im Einsatz.
Politische Reaktionen aus Maine
Maine Gouverneurin Janet Mills zeigte sich „entsetzt“ über den Vorfall. Sie bezeichnete das Vorgehen der ICE-Beamten vor dem Hintergrund zunächst unbestätigter Medienberichte als „rücksichtslos“ und „planlos“. Der demokratische Bundesstaat und Biddefords Bürgermeister Liam LaFountain forderten eine unabhängige Untersuchung. LaFountain verlangte „klare Antworten“ zu dem Vorfall.
Die Kongressabgeordnete Chellie Pingree schrieb auf Facebook, sie sei „zutiefst beunruhigt und wütend“ über die Berichte und „wir werden ein weiteres Opfer betrauern“. Ryan Fecteau, Sprecher des Repräsentantenhauses von Maine, gehörte mit einem Facebook-Eintrag zu den Ersten, die den tödlichen Schusswaffeneinsatz mit Beteiligung von ICE öffentlich bestätigten: „ICE war beteiligt“.
Senator King forderte eine „vollständige, transparente und offene Untersuchung“ des Vorfalls. Die Bundespolizei FBI leitete Ermittlungen ein. Crystal Cron, Vorsitzende der Organisation Presente Maine, forderte, der Tod des Mannes dürfe nicht zur „Fußnote in der Statistik“ verkommen.
Der Fall Houston und die Vorgeschichte
Es ist bereits der zweite tödliche Vorfall mit Beamten der US-Einwanderungsbehörde binnen einer Woche. Am vorangegangenen Dienstag hatte ein ICE-Mitarbeiter in Houston, Texas, während einer Fahrzeugkontrolle einen mexikanischen Staatsbürger erschossen. Die Behörden erklärten, der Mann Salgado Araujo habe „als Waffe eingesetzt“ seinen Lieferwagen gegen ein Einwandererpolizeifahrzeug gerammt und versucht, einen Beamten zu überfahren. Drei am Ort festgenommene Personen widersprachen dieser Darstellung der Behörden. Araujo wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er seinen Verletzungen erlag.
Nach Angaben von Statistiken handelt es sich um den vierten Todesfall bei einem Einsatz von US-Bundesbehörden seit Jahresbeginn. Bereits im Januar waren in Minneapolis, am Rande von Protesten gegen Abschiebungen, die US-Bürgerin Renee Good, Mutter von drei Kindern, und der Krankenpfleger Alex Pretti durch Schüsse getötet worden. Good wurde demnach von einem ICE-Mitarbeiter erschossen, Pretti von einem US-Grenzschutzbeamten. In beiden Fällen erklärten ICE und DHS, die Beamten seien bedroht worden und hätten in Notwehr gehandelt. Augenzeugenvideos widersprachen dieser Darstellung jedoch.
Politische Konsequenzen und offene Fragen
Die Vorfälle vom Januar und Berichte über unverhältnismäßige Gewalt durch ICE-Beamte hatten landesweit Proteste ausgelöst. Diese Proteste trugen nach allgemeiner Einschätzung zur Entlassung der damaligen Heimatschutzministerin Kristi Noem im März bei. Präsident Donald Trump hatte Noem vor dem Hintergrund dieser Todesfälle entlassen. Ihr Nachfolger Markwayne Mullin hatte zuvor angekündigt, er wolle die Migrationsbehörden aus den Schlagzeilen heraushalten.
In Biddeford gingen am Montagabend Dutzende Menschen auf die Straße. Sie trugen Schilder mit Aufschriften wie „ICE out“ und „Murderers“. Proteste gab es nach den tödlichen Schüssen auch in Texas. Das Ausmaß blieb jedoch zunächst hinter den Demonstrationen nach den Vorfällen in Minneapolis im Januar zurück, wie Beobachter feststellten.
Das Heimatschutzministerium hatte sich fast zwölf Stunden lang nicht zu dem Vorfall geäußert. Ein DHS-Sprecher erklärte die Verzögerung bei der Ausstattung mit Bodycams mit dem Government Shutdown, während ICE Berichten zufolge über den „One Big Beautiful Bill“ weiterhin Zugang zu historischen Mittelständen hatte. Nutzer verbreiteten Videoaufnahmen des Vorfalls in sozialen Medien, die die Darstellung der Behörden zu widerlegen scheinen.
Seit dem Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump Anfang 2025 verfolgt die US-Migrationspolitik einen schärferen Kurs. Der Fall in Biddeford wirft nach Ansicht von Kritikern erneut die Frage auf, wie weit Einsatzkräfte bei Abschiebungen gehen dürfen und welche Konsequenzen bei tödlichen Vorfällen gezogen werden. Die Ermittlungen des FBI sowie die Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung werden fortgeführt.
Fragen & Antworten
Wer ist der Getötete in Biddeford?
Nach Angaben zweier Hilfsorganisationen handelt es sich um einen 26-jährigen kolumbianischen Staatsbürger mit US-Aufenthaltsgenehmigung. Die Behörden haben seine Identität bisher nicht öffentlich bestätigt.
War es tatsächlich die gesuchte Person, die erschossen wurde?
Nein. Senator Angus King aus Maine erklärte unter Berufung auf das Heimatschutzministerium, die getötete Person sei nicht diejenige gewesen, nach der die ICE-Beamten gesucht hätten.
Wie reagiert die US-Politik auf den Vorfall?
Maines Gouverneurin Janet Mills, Biddefords Bürgermeister Liam LaFountain und Senator Angus King fordern eine unabhängige beziehungsweise transparente Untersuchung. Die Bundespolizei FBI hat Ermittlungen aufgenommen.
ICE-Einsatz Biddeford Maine: Tödlicher Schuss auf | nachrichten360