In der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben am Freitagabend erneut Tausende Menschen gegen die Ablösung des beliebten Verteidigungsministers Mychailo Fedorow protestiert, während Präsident Wolodymyr Selenskyj auf den Druck der Straße mit dem Hinweis reagierte, er höre, was die Bevölkerung sage.
Ausmaß der Proteste
Die Demonstrationen, die nach Angaben von Reporterinnen und Reportern in Kiew und anderen ukrainischen Städten stattfanden, richteten sich gegen die Entlassung von Mychailo Fedorow, der das Verteidigungsministerium erst seit Januar dieses Jahres geleitet hatte. Die Demonstranten schwenkten ukrainische Flaggen und hielten Plakate in die Luft, auf denen "Bringt Fedorow zurück!" und "Respektiert das Volk!" standen. Nach Schätzungen handelte es sich um mehrere tausend überwiegend junge Menschen, die ihren Unmut über die Regierungsumbildung kundtaten.
Fedorow war am Mittwoch im Rahmen einer Regierungsumbildung von Präsident Wolodymyr Selenskyj zurückgetreten. Selenskyj hatte zuvor eine größere Regierungsumbildung vorgenommen und dabei auch Fedorow aus dem Kabinett genommen. Im Zuge des Umbaus wurde unter anderem auch Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko entlassen. Der Präsident begründete die Personalwechsel mit "neuen Herausforderungen und neuen Aufgaben".
Fedorows Reformbilanz
Der 35 Jahre alte Fedorow gilt als Reformer, der das Beschaffungswesen für die Armee verändert hat und der stark auf Technisierung und Digitalisierung der ukrainischen Verteidigung setzt. Fedorow hatte die Digitalisierung der Streitkräfte und den Einsatz von Drohnen vorangetrieben. Unter seiner Leitung wurden zudem die Bezüge von Soldaten deutlich erhöht und Pläne für eine schrittweise Demobilisierung entwickelt. Für viele Ukrainer verkörperte der nur sechs Monate amtierende Minister die Modernisierung der von Bürokratie und Korruptionsvorwürfen belasteten Armee.
Bereits am Donnerstag waren in Kiew zahlreiche Menschen für einen Verbleib Fedorows im Amt auf die Straße gegangen. Am Freitagabend weiteten sich die Proteste aus, auch in anderen Städten gab es Proteste. Die Demonstranten forderten erneut, dass Fedorow wieder als Ressortchef eingesetzt wird. Viele verlangten auch die Entlassung von Armeechef Syrskyj. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der Demonstrationen zunehmend auf die Forderung nach einem Wechsel an der Spitze der Streitkräfte.
Konflikt mit der Armeeführung
Hintergrund der Entlassung war nach übereinstimmenden Berichten ein Konflikt zwischen Fedorow und Armeechef Olexander Syrskyj. Allerdings gab es Spannungen zwischen ihm und der Armeeführung und insbesondere mit Armeechef Syrskyj. Syrskyj, der seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ist, hatte sich zuvor durch die Verteidigung Kiews und die erfolgreiche Gegenoffensive in der Region Charkiw im Jahr 2022 ausgezeichnet. Der 60-jährige Berufsoffizier stammt ursprünglich aus Russland.
Als neuen Verteidigungsminister will der Präsident den bisherigen kommissarischen Chef des Geheimdienstes SBU, Jewhenij Chmara, nominieren. Am Donnerstag hatte Selenskyj den Geheimdienstmitarbeiter Jewhenij Chmara zum geschäftsführenden Verteidigungsminister ernannt. Der neue Regierungschef Serhij Korezkyj ernannte Chmara gemäß einer Mitteilung vom Freitagabend zunächst geschäftsführend zum Leiter des Verteidigungsressorts. Das Parlament muss der Personalie noch zustimmen.
Selenskyjs Reaktion
Vor dem Parlament und der Öffentlichkeit reagierte Selenskyj auf die anhaltenden Proteste. In einer Videoansprache sagte er: "Natürlich höre ich, was die Leute sagen". Zugleich kündigte er an, dass "Entscheidungen bezüglich der Armee ausgearbeitet" würden, ohne Einzelheiten zu nennen. Selenskyj erklärte zudem, er habe ausführlich mit Fedorow und auch mit Armeechef Oleksandr Syrskyj gesprochen.
Die Regierungsumbildung und die anhaltenden Demonstrationen stellen Selenskyj innenpolitisch unter Druck. Die Proteste in der Hauptstadt galten Beobachtern als Zeichen dafür, dass Teile der ukrainischen Gesellschaft mit dem personellen Umbau unzufrieden sind. Gleichzeitig steht die Regierung vor der Aufgabe, die Streitkräfte im laufenden Konflikt handlungsfähig zu halten und die Modernisierung der Armee fortzusetzen.
Internationale Beobachter
Internationale Beobachterinnen und Beobachter verfolgten die Entwicklungen mit Aufmerksamkeit. Die Anti-Korruptionsexpertin Oksana Huss vom NATO Defense College, die im ZDF-Sender ZDFheute live mit Reporterin Anne Brühl aus Kiew und Moderator Ralph Szepanski über die Lage sprach, verwies auf die Bedeutung der Reformen Fedorows für die Glaubwürdigkeit der ukrainischen Verteidigungsanstrengungen. Brühl berichtete aus Kiew über die Stimmung auf den Straßen und die Forderungen der Demonstrierenden.
Die Personalie Chmara muss nun vom ukrainischen Parlament bestätigt werden. Selenskyj muss die Kandidatur Chmaras noch im Parlament einbringen und von den Abgeordneten bestätigen lassen. Bis dahin führt Chmara das Ministerium geschäftsführend. Beobachter werteten die Entscheidung als Versuch, eine Phase der Unsicherheit zu überbrücken und gleichzeitig Raum für Gespräche mit der Armeeführung zu schaffen.
Ausblick auf die kommenden Tage
Unterdessen hielten die Proteste in Kiew an. Die Demonstranten forderten Fedorows Wiedereinsetzung und zunehmend auch den Abgang von Syrskyj. Die ukrainische Führung steht damit vor der Herausforderung, sowohl die Erwartungen der Bevölkerung als auch die Erfordernisse der laufenden militärischen Auseinandersetzung in Einklang zu bringen. Die kommenden Tage dürften zeigen, ob die angekündigten "Entscheidungen bezüglich der Armee" zu einer Beruhigung der Lage beitragen können.
Die Berichterstattung über die Proteste wurde unter anderem vom Deutschlandfunk am 18.07.2026 im Programm gesendet. Auch internationale Medien wie ZDF und weitere Nachrichtenagenturen berichteten über die Entwicklungen in Kiew. Die Berichte zeichneten das Bild einer Führung, die unter innenpolitischem Druck steht, während sie zugleich versucht, die Kontinuität der Verteidigungspolitik zu wahren.
Fedorow selbst hatte vor seiner Zeit als Verteidigungsminister das Ministerium für digitale Transformation geleitet, das im Jahr 2019 geschaffen worden war. Sein Profil als Reformer und Digitalisierungsexperte hatte ihm in der ukrainischen Öffentlichkeit hohe Sympathiewerte eingebracht. Diese Sympathie zeigt sich nun in den anhaltenden Demonstrationen, die seinen Verbleib im Amt oder seine Rückkehr in eine Regierungsfunktion fordern.
Die Protestwelle verdeutlicht, dass die ukrainische Gesellschaft die Personalpolitik an der Spitze der Streitkräfte und der Regierung aufmerksam verfolgt. Mit Blick auf die kommenden Wochen wird erwartet, dass Selenskyj weitere Schritte zur Konsolidierung der Führung in Militär und Verteidigungsministerium einleitet. Die Reaktion des Präsidenten auf die Demonstrationen – sein Bekenntnis, die Bevölkerung zu hören – wird als Signal an die Demonstrierenden gewertet, ohne dass bislang konkrete personelle Zugeständnisse gemacht wurden.
