Papst Leo XIV ruft zum 250. Jahrestag der USA-Unabhängigkeit zu mehr Gemeinsinn auf
Washington, 03. Juli 2026
Ricardo Stuckert / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Papst Leo XIV hat anlässlich des 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der USA zu mehr Respekt im politischen Diskurs aufgerufen, ohne US-Präsident Donald Trump namentlich zu nennen. Eine neue Sonderausstellung in Washington zeigt 250 Objekte der amerikanischen Geschichte und spiegelt die tiefe politische Polarisierung des Landes.
Papst Leo XIV hat anlässlich des 250. Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung der USA zu mehr Respekt, Zurückhaltung und einem gemeinsamen Bekenntnis zu den Gründungsidealen der Republik aufgerufen und die wachsende Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft indirekt kritisiert.
250. Jahrestag im Schatten der Spaltung
Die Vereinigten Staaten feiern am Samstag den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien. Die Unabhängigkeitserklärung war am 4. Juli 1776 verabschiedet worden und markierte nach Darstellung von Beobachtern einen radikalen Bruch mit den Monarchien in Europa. Im Zentrum des Dokumentes steht der berühmte, von Thomas Jefferson formulierte Satz: „Alle Menschen sind gleich geschaffen. Sie haben ein Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ 250 Jahre später steht das Selbstverständnis der ältesten Demokratie der Erde unter erheblichem politischen Druck.
In einem am Freitag veröffentlichten Video wandte sich Papst Leo XIV an die amerikanische Öffentlichkeit. Der 70-jährige Leo, das in Chicago geborene Oberhaupt der katholischen Kirche, äußerte die Hoffnung, der 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung werde Anlass für eine „feierliche Erneuerung des Bekenntnisses“ zu den Gründungsidealen der USA sein. Öffentlicher Diskurs müsse auch von „Respekt vor den Ansichten anderer und einem fortwährenden Bemühen um die Suche nach gemeinsamem Boden geprägt“ sein.
Päpstlicher Appell ohne Namen
Der Papst erinnerte daran, dass die Geschichte seines Heimatlandes von „aufeinanderfolgenden Wellen von Einwanderern“ geprägt worden sei, und forderte einen sorgsameren Umgang mit Migranten. Er kritisierte in der Vergangenheit bereits die harte Behandlung von Einwanderern in den Vereinigten Staaten. In seiner aktuellen Botschaft nannte er US-Präsident Donald Trump nicht namentlich; der Pontifex erklärte zugleich, er habe keine Angst vor Trump.
Trump hatte den Papst im April als „schwach“ im Kampf gegen Kriminalität und als „schrecklich“ in der Außenpolitik bezeichnet. Auch auf Friedensaufrufe des Papstes hatte Trump wütend reagiert und ihm mit Blick auf den Iran vorgeworfen, sich mit einem Land gemein zu machen, „das eine Atomwaffe will“.
Die Feierlichkeiten zum runden Geburtstag sind politisch aufgeladen. In Washington sind landesweit große Veranstaltungen geplant, darunter ein militärischer Überflug und ein großes Feuerwerk. Die Spannungen zwischen Republikanern und Demokraten durchziehen nach Einschätzung vieler Beobachter sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens.
Jerry, ein Rentnerehepaar aus Texas, das eigens zur Ausstellungseröffnung angereist war, brachte die Stimmung vieler Landsleute auf den Punkt: „Republikaner gegen Demokraten, solche, die gegen die Regierung sind, und andere, die sie lieben.“ Seine Frau Trina ergänzte: „Das Land ist gespalten wie noch nie.“ Beide äußerten die Sorge, dass die Vereinigten Staaten sich auf dem Weg in autoritäre Herrschaft befänden.
Ausstellung in Washington als politischer Seismograph
Eindruck dieser Spaltung vermittelt auch die Sonderschau im National Museum of American History in Washington. Unter dem Titel zum 250. Jahrestag zeigt das Museum 250 Objekte, darunter die hölzerne Schreibbox, auf der Jefferson die Unabhängigkeitserklärung entwarf, die legendären roten Glitzerschuhe, die Judy Garland als Dorothy in „Der Zauberer von Oz“ trug, sowie einen schlichten Thekenabschnitt aus Greensboro, North Carolina. An dieser Theke hatten 1960 vier afroamerikanische Studenten Platz genommen, die nur für Weiße reserviert war – ihr stiller Protest löste eine landesweite Protestbewegung aus, Greensboro gilt als Wendepunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Kurator Theo Gonzalves erklärte, die roten Schuhe seien „bei Weitem“ das beliebteste Ausstellungsstück. Die Schuhe berührten viele in einem Land, das von Einwanderung geprägt sei, sagte er mit Blick auf die Filmhandlung, die von der Sehnsucht nach einem Zuhause erzähle. Jerry und Trina zeigten sich erleichtert, dass nicht Donald Trumps rote MAGA-Kappe, sondern die Originalschuhe aus dem Film ihr Lieblingsobjekt seien.
Die Ausstellung war im Vorfeld als politischer Testfall betrachtet worden, da Trump im März 2025 per Dekret eine patriotische Geschichtserzählung in den Museen angemahnt hatte, die Freiheit, Fortschritt und nationale Größe betont, statt die USA als Land von Rassismus und Unterdrückung darzustellen. Projektleiterin Megan Howell Smith stellte klar: „Nein! Das Ausstellungskonzept hat die üblichen Prüfungsverfahren für die staatlichen Smithsonian-Museen durchlaufen, doch es wurde nichts geändert.“ Gonzalves betonte, niemand habe Änderungen an Texten oder Objekten verlangt.
Bilanz der militärischen Interventionen
Die Sonderausstellung hebt nach Angaben der Kuratoren ein wiederkehrendes Thema hervor: die geteilte Geschichte, die die Menschen im Land verbinde. Diese Lesart steht im Kontrast zu einer Umfrage aus dem Jahr 2024, der zufolge 74 Prozent der befragten Amerikaner der Aussage zustimmten, die Demokratie in den USA sei „früher ein gutes Vorbild“ gewesen, „in den letzten Jahren“ jedoch nicht mehr.
Auch die wissenschaftliche Bilanz der US-Außenpolitik fällt kritisch aus. Nach Daten der Politikwissenschaftlerinnen Monica Duffy Toft und Sidita Kushi, Dozentin am Mount Holyoke College, haben die USA in den vergangenen 250 Jahren in mehr als 500 Fällen außerhalb ihrer Grenzen militärisch interveniert. Lateinamerika sei seit dem frühen 19. Jahrhundert am häufigsten zum Schauplatz US-amerikanischer Interventionen geworden. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich eine deutliche Verschiebung vieler dieser Interventionen Richtung Nahost, Nordafrika und die Länder südlich der Sahara vollzogen, vor allem im Zuge des globalen Antiterrorkampfes nach 2001.
Die Gründe für militärisches Eingreifen haben sich laut Kushi verschoben. Der „Schutz von Wirtschaftsinteressen“ sei einst das vorrangige Ziel militärischer Interventionen gewesen, habe jedoch seit dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung eingebüßt. Dafür sei nach dem 11. September 2001 die „Aufrechterhaltung oder der Aufbau einer Regierung in einem anderen Land“ als wichtigstes Motiv getreten. Die Außenpolitik nach dem Kalten Krieg habe das nationale Interesse ausgeweitet und mit der wachsenden militärischen Stärke eine weltweite Präsenz ermöglicht, erklärte Kushi.
Diplomatie auf dem Rückzug
Parallel dazu beobachtet Kushi einen Wandel in der strategischen Denkweise: Seit 2001 bezweifelten US-Politiker zunehmend, dass Gegner rational handelten. Wenn „wir nicht auf der Basis der Vernunft mit unseren Feinden reden können, … dann bleibt uns nur der Einsatz von Gewalt“, fasste Kushi diese Sichtweise zusammen. Im aktuellen Jahr 2026 verweist der Beitrag auf zwei US-Militäraktionen mit dem Ziel eines Regimewechsels: die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro im Januar und der Beginn des Krieges gegen den Iran im Februar.
Calvin Thrall, Professor für Politikwissenschaften an der Columbia University, beschreibt im Projekt „Measuring American Diplomacy“ einen gegenläufigen Trend bei Handelsabkommen. Seit den 1960er- bis in die 1980er-Jahre habe die US-Regierung vermehrt Handelsabkommen abgeschlossen. Doch auch die Zahl dieser Abkommen habe unabhängig von der amtierenden Regierung abgenommen, insbesondere während der vergangenen zehn Jahre. Bei bilateralen Abkommen könne der mächtigere Partner, in diesen Fällen also meist die USA, die Bedingungen diktieren, sagte Thrall. Diplomaten seien sehr gut darin, Exporte zu fördern und Investitions- sowie Handelsabkommen auszuhandeln, wenn ihnen die Mittel und das Personal gegeben würden.
250. Geburtstag einer gespaltenen Republik
Allerdings mangele es den USA historisch an Investitionen in die bürokratischen Kapazitäten, international das zu erreichen, was sie gerne erreichen würden, kritisierte Thrall. Nach Matt Malis seien noch nie so viele Botschafterposten unbesetzt gewesen wie unter dieser Regierung. Thrall verweist auf den drastischen Anstieg des Verteidigungshaushalts und einen entsprechend schrumpfenden Haushalt für das Außenministerium nach dem 11. September. Dennoch hätten sowohl Botschafter als auch einfache Diplomaten eine wichtige Rolle dabei gespielt, die von Staaten angestrebten Ergebnisse zu erzielen.
Malis weist zudem darauf hin, dass die USA mit Ländern, in denen sie keinen Botschafter haben, häufiger in militärische Konflikte gerieten. Gegenwärtig gebe es etwa in Bolivien, Pakistan oder Malawi keine US-Botschafter, sagte Thrall und resümierte: „Präsident Trump ist absolut gewillt, offen zu sagen: ‚Wir sind wegen unserer finanziellen Interessen dabei. Es geht hier nicht um Werte oder darum, eine internationale Ordnung zu stützen‘.“ Die direkte Gegenüberstellung dokumentiert die Spannung zwischen Trumps machtpolitischem Selbstverständnis und dem Wertekanon, auf den sich Papst Leo XIV in seiner Geburtstagsbotschaft berief.
Mit Blick auf die Spaltungstendenzen resümiert der Tagesspiegel-Kommentar von Christoph von Marschall die Frage, die viele Amerikaner umtreibt: Wird Trump zum Totengräber der Demokratie? Eine klare Antwort bleibt das Jubiläum am 4. Juli 2026 schuldig – doch die dokumentierten Reaktionen, von der päpstlichen Mahnung bis zu den Sorgen der Ausstellungsbesucher aus Texas, zeichnen das Bild einer Nation, die an ihrem 250. Geburtstag um ihre Identität ringt.
Ein Kommentar von Christoph von Marschall, Tagesspiegel Plus; gesendet am 3. Juli 2026, 11:57 Uhr; Quelle: APA.
Fragen & Antworten
Wer ist Papst Leo XIV und warum greift er in den US-Jubiläumsdiskurs ein?
Papst Leo XIV ist das Oberhaupt der katholischen Kirche und wurde in Chicago geboren. Er nutzte ein am Freitag veröffentlichtes Video, um anlässlich des 250. Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung zu mehr Respekt und Gemeinsinn im öffentlichen Diskurs aufzurufen.
Was zeigt die Sonderschau im National Museum of American History?
Das Museum präsentiert 250 Objekte zur amerikanischen Geschichte, darunter Thomas Jeffersons Schreibbox aus dem Sommer 1776, die roten Glitzerschuhe aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ und einen Thekenabschnitt aus dem Greensboro-Protest von 1960.
Warum gelten die Botschafterposten-Themen als Hinweis auf den Zustand der US-Demokratie?
Nach Einschätzung der Politikwissenschaftler Calvin Thrall und Matt Malis sind derzeit so viele Botschafterposten unbesetzt wie nie zuvor unter einer US-Regierung, während das Verteidigungsbudget nach 2001 stark gestiegen ist – ein Befund, der die Verschiebung von Diplomatie hin zum militärischen Eingreifen dokumentiert.
250. US-Geburtstag: Papst Leo XIV mahnt zur Geschlossenheit | nachrichten360