Mutmaßliche Brandstiftung in Reutlingen: Ermittler prüfen Parallelen zu Berliner Anschlägen
Reutlingen, 10. Juni 2026
AI-generated image (flux-2/pro-text-to-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Nach dem Großbrand im Umspannwerk Reutlingen-West ermitteln Staatsschutz und Antiterrorismuszentrum wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung. Rund 40.000 Menschen waren zeitweise ohne Strom, ein Krankenhaus und zahlreiche Betriebe waren betroffen.
Nach dem nächtlichen Brand im Umspannwerk Reutlingen-West, der einen großflächigen Stromausfall ausgelöst hatte, ermitteln Generalstaatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Stuttgart wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung gegen bislang unbekannte Täter.
In der Nacht hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt, so dass dieses ausfiel und eine weitere Anlage in Mitleidenschaft zog. Der Brand im Umspannwerk Reutlingen-West war in der Nacht zum 8. Juni ausgebrochen und breitete sich rasch aus. Nach Angaben des Netzbetreibers Netze BW wurden auf dem Gelände drei verschiedene Brandstellen gefunden; der Zaun und das Areal vor der Anlage waren beschädigt worden. Ermittler haben nach dem nächtlichen Brand in einem Umspannwerk mit großflächigem Stromausfall in Reutlingen einen möglichen Brandbeschleuniger gefunden.
Die Ermittler von Generalstaatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Stuttgart gehen vor dem Hintergrund der bisherigen vorläufigen Ermittlungsergebnisse von einem oder mehreren Tätern aus. Sie sind nach derzeitigem Stand auf das Gelände eingedrungen, um dort an mehreren Stellen Feuer zu legen. Dabei soll Brandbeschleuniger verwendet worden sein. Es gebe keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund. "Wir haben kein Bekennerschreiben."
Ein Sprecher des LKA Stuttgart sagte, man habe keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund. Zugleich bestätigte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart, dass eine Bekennung zur Tat bislang nicht bekannt geworden sei. Ein Bekennerschreiben gibt es laut LKA nicht. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.
Zeitweise waren Zehntausende Menschen ohne Strom, darunter auch ein Krankenhaus sowie zahlreiche Industrie- und Gewerbebetriebe. Laut Innenminister Manuel Hagel (CDU) waren etwa 7.600 Gebäude und rund 40.000 Menschen von dem Stromausfall betroffen. Auch ein Krankenhaus war betroffen. Bei dem Krankenhaus handelte es sich um eine Einrichtung in Reutlingen, das laut Stadt "provisorisch wieder mit Strom versorgt" werden konnte.
Ausmaß des Ausfalls: 40.000 Betroffene und ein Krankenhaus
Die Stadt Reutlingen – sie hat insgesamt knapp 120.000 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt am Fuße der Schwäbischen Alb – veröffentlichte am Dienstag eine Mitteilung auf ihrer Website. Am Dienstagmittag seien "nahezu alle betroffenen Privathaushalte provisorisch wieder mit Strom versorgt" gewesen, teilte die Stadt auf ihrer Website mit, auch das Krankenhaus. 99 Prozent der Privathaushalte sind nach dem Stromausfall inzwischen wieder mit Strom versorgt.
Der Versorger FairNetz, der das Umspannwerk gemeinsam mit Netze BW betreibt, erklärte, bei über 50 Mittelspannungskunden arbeite das Unternehmen jedoch gemeinsam mit Netze BW noch an einem Anschluss. Wie der Versorger mitteilte, ist bei einigen wenigen Gewerbebetrieben die Stromversorgung weiterhin unterbrochen. Etwa 50 Gewerbekunden haben aber weiterhin keinen Strom. Noch nicht wieder am Netz sind derzeit rund 50 Mittelspannungskunden, die über das Umspannwerk Reutlingen-West Strom beziehen.
Fast alle privaten Haushalte in Reutlingen hatten den Strom ab dem Vorabend gegen 22:00 Uhr wieder. Die Bewohner wurden allerdings weiterhin gebeten, sparsam mit Strom umzugehen, da das provisorische Netz nicht für hohe Lasten ausgelegt sei. Die Versorger Netze BW und FairNetz arbeiteten "mit Hochdruck" an einer Lösung. Allerdings werde die Versorgung für die verbleibenden Gewerbebetriebe "nicht vor morgen Abend wiederhergestellt sein." Eine Tankstelle im Reutlinger Gewerbegebiet blieb als sichtbare Folge des Ausfalls ohne Strom.
Nach Angaben des Netzbetreibers laufen die Arbeiten zur Stabilisierung des Netzes weiter, so dass am Mittwoch wieder eine normale Stromversorgung im gesamten betroffenen Gebiet erwartet wird. Richard Huber, Leiter Quersysteminfrastruktur bei Netze BW, äußerte sich am Nachmittag bei einer Pressekonferenz zur erwarteten Wiederherstellung der Versorgung. Insgesamt würden die Arbeiten laut Netze BW wohl über Monate andauern, bis der Gesamtschaden behoben sei. Davon würden die Kunden allerdings nichts bemerken.
Wiederherstellung der Versorgung: Stabilisierung dauert
Im Umspannwerk West sind nach Angaben des Betreibers derzeit beide Transformatoren beschädigt; für eine vollständige Stromversorgung wird mindestens ein funktionierender Transformator benötigt. Marius Häusermann von FairNetz erklärte, man arbeite intensiv an einer Lösung für die betroffenen Mittelspannungskunden. Beim Umspannwerk in Reutlingen lag demnach kein Sicherheitsschwerpunkt vor.
Unter den betroffenen Unternehmen waren auch Bosch-Werke in Reutlingen und Kusterdingen. Das Werk in Reutlingen fahre den Betrieb schrittweise wieder hoch, während die Belegschaft in Kusterdingen, soweit möglich, im Homeoffice arbeite. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro. Auch die Reparaturkosten am Umspannwerk selbst dürften nach Einschätzung von Netze BW in die Millionen gehen.
Eine Einsatzhundertschaft der Polizei sei nach Reutlingen verlegt worden, um Polizeipräsenz zu zeigen an kritischer Infrastruktur und den Bereichen, in denen es immer noch keinen Strom gebe. Die Polizei setzte ihre Einsätze über Nacht fort, um Plünderungen in den betroffenen Reutlinger Gebieten zu verhindern. Die Reutlinger Feuerwehr ist seit Beginn des Stromausfalls ununterbrochen im Einsatz und hielt über Nacht eine Stabsbesetzung aufrecht, um auf neue Vorfälle reagieren zu können.
Sicherheitsmaßnahmen und Polizeipräsenz vor Ort
Angesichts der Dimension des Ausfalls hat der Staatsschutz zusammen mit dem Antiterrorismuszentrum beim LKA Baden-Württemberg die Ermittlungen übernommen. Das Ermittlungsverfahren wird laut Hagel mit Hochdruck verfolgt – "vor allen Dingen wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung und der Störung öffentlicher Betriebe." Es sei eine Ermittlungsgruppe "Fischer" gegründet worden. "Unsere Ermittlungsgruppe wird jeden einzelnen Stein umdrehen, und wir werden den Täter auch mit aller Härte zur Rechenschaft ziehen", sagte Hagel. Der am Umspannwerk gesicherte, mögliche Brandbeschleuniger und weitere Asservate würden nun analysiert. Hinweise zu möglichen Tatverdächtigen oder Motiven liegen aktuell noch nicht vor. Die Ermittlungen der Spurensicherung einschließlich des Einsatzes eines Brandmittelspürhundes sowie unter Einbeziehung von Sachverständigen sind noch nicht abgeschlossen.
Ermittlungen unter Federführung des Staatsschutzes
Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich von Linksextremisten begangene Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem ersten Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren alle Haushalte wieder am Netz. Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört; insgesamt handelte es sich um 15 zerstörte Kabel. Damals herrschte eisige Kälte und es lag Schnee – und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt.
Parallelen zu mutmaßlich linksextremistischen Anschlägen in Berlin
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte in der "Tagesschau" und bei ZDF von einem "Brandanschlag" gesprochen. "Wir gehen davon aus, dass es sich hier aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Brandanschlag handelt", sagte er im ZDF. Seiner Einschätzung nach erinnere die Vorgehensweise in Reutlingen an frühere Brandanschläge. Sicherheitsexperten sehen in der Methode Hinweise auf linksextremistische Täter; die Vorgehensweise weise Parallelen zu entsprechenden Taten in Berlin auf.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) wollte den Brand indes noch nicht als Anschlag einordnen und äußerte sich zurückhaltend zu möglichen Tätern. "Die Polizei ermittelt noch in alle Richtungen", sagte er. Zugleich sprach er sich für eine Stärkung der Resilienz aus: "Es geht darum, unsere Resilienz zu stärken, um möglichst wenig angreifbar zu sein." Zur Frage des Schutzes von Umspannwerken sagte Özdemir: "Die Vorstellung, dass wir alle Umspannwerke quasi von der Öffentlichkeit abschirmen, die ist kaum durchsetzbar." Aus seiner Sicht habe die Strategie während des Vorfalls in Reutlingen funktioniert, da die Versorgung von Menschen und vulnerablen Gruppen klar priorisiert worden sei und die rasche Polizeipräsenz eine Ausnutzung des Ausfalls verhindert habe.
Politische Reaktionen: Dobrindt und Özdemir äußern sich
Netze BW erläuterte das eigene Sicherheitskonzept: Es sei nach Anlagen gestuft, wobei Faktoren wie die Größe eines möglichen Versorgungsausfalls und die Art der Kunden – etwa Forschungsinstitute oder die Rüstungsindustrie – über das Schutzniveau entschieden. Ein vollständiger Schutz sei vermutlich nicht möglich. Privater Sicherheitsdienst sei derzeit nicht für Umspannwerke geplant, was unter anderem eine Kostenfrage sei, die politisch diskutiert werden müsste. Ab wann die Stromversorgung wieder vollständig hergestellt sein wird, ist noch unklar.
Diese Nachricht wurde am 09.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Der vorliegende Bericht stützt sich unter anderem auf Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Fragen & Antworten
Was ist im Umspannwerk Reutlingen-West passiert?
In der Nacht zum 8. Juni brach im Umspannwerk Reutlingen-West ein Brand aus, der sich auf mehrere Stellen auf dem Gelände ausbreitete. Ermittler gehen davon aus, dass unbekannte Täter eingedrungen sind und mit einem Brandbeschleuniger an mehreren Stellen Feuer gelegt haben.
Wie viele Menschen waren vom Stromausfall betroffen?
Nach Angaben von Innenminister Manuel Hagel (CDU) waren etwa 7.600 Gebäude und rund 40.000 Menschen betroffen. Auch ein Krankenhaus sowie zahlreiche Industrie- und Gewerbebetriebe hatten zeitweise keinen Strom.
Warum erinnert der Vorfall an die Berliner Anschläge?
Sicherheitsexperten sehen in der Vorgehensweise Hinweise auf linksextremistische Täter und Parallelen zu zwei Anschlägen in Berlin am 9. September 2025 und am 3. Januar, bei denen Strommasten bzw. Kabel auf einer Kabelbrücke zerstört wurden. Das Landeskriminalamt Stuttgart sieht bislang allerdings keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund.
Reutlingen Stromausfall: Brandstiftung im Umspannwerk West | nachrichten360