Millionen bei Trauerfeier für Khamenei in Teheran – Revolutionsgarden kündigen Vergeltung an
Teheran, 04. Juli 2026
khamenei.ir / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
In Teheran haben am Samstag die offiziellen Trauerfeierlichkeiten für den getöteten obersten Führer Ali Khamenei begonnen. Die Revolutionsgarden kündigten Vergeltung an und warnten vor jeder Fehlkalkulation. Die Behörden rechnen allein in der Hauptstadt mit bis zu 20 Millionen Teilnehmern.
In Teheran haben am Samstag unter massiven Sicherheitsvorkehrungen die mehrtägigen Trauerfeierlichkeiten für den Ende Februar getöteten obersten Führer Ali Khamenei begonnen, während die Revolutionsgarden eine entschlossene Vergeltung ankündigten.
Die iranischen Behörden rechnen allein in Teheran mit 15 bis 20 Millionen Teilnehmern, wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna und weitere iranische Medien berichteten. Auf dem Gelände der Großen Mosalla waren fünf in die iranische Flagge gehüllte Särge aufgebahrt, darunter neben Khamenei selbst die Leichname seines Schwiegersohns, seiner Tochter, der Ehefrau seines Sohnes Mojtaba Khamenei sowie seiner 14 Monate alten Enkelin. In der Mitte unter Khameneis sterblichen Überresten war nach Angaben von Reportern vor Ort ein Kindersarg aufgestellt, in dem sich die Leiche der Enkelin des getöteten obersten Führers befindet.
Wer liegt in der Großen Mosalla aufgebahrt?
Der Leichnam des 86-Jährigen, der das Land seit 1989 mit eiserner Hand geführt hatte, war am ersten Tag der Angriffe der USA und Israels am 28. Februar durch einen israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in der iranischen Hauptstadt gezielt getötet worden. Khamenei hatte fast 37 Jahre lang an der Spitze des klerikalen Systems der Islamischen Republik gestanden. Das Staatsfernsehen bezeichnete ihn als "Kriegsversehrten", nannte aber keine weiteren Details.
Noch bevor das Staatsfernsehen den offiziellen Beginn der Trauerfeierlichkeiten verkündete, strömten tausende Anhänger zum Veranstaltungsort. "An diesem Tag wird es der belebteste Ort der Welt sein", sagte eine Reporterin des iranischen staatlichen Rundfunks IRIB. Bei Temperaturen von mehr als 30 Grad, die in den kommenden Tagen auf fast 40 Grad ansteigen könnten, wurde die Menschenmenge mit Wasser besprüht. Vorsichtshalber wurde neben der Moschee ein Feldkrankenhaus mit 200 Betten aufgebaut, und die Behörden riefen dazu auf, nur Gesunde sollten kommen und sich auf die Hitze einstellen.
Millionen unter Sicherheitsausnahmezustand
Die Veranstaltung ist von einer beispiellosen Sicherheitsoperation begleitet. Mehr als 65.000 Sicherheitskräfte werden in den Metropolen im Einsatz sein, wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna unter Berufung auf den Kommandeur der Ordnungskräfte berichtete. Weitere 200.000 Kräfte sollen für die Sicherheit in den Provinzen sorgen. Straßen, der Luftraum und Teile des öffentlichen Lebens in Teheran wurden für die Trauerphase weitgehend stillgelegt.
Streng nach Geschlechtern getrennt füllten tausende Frauen und Männer den Moschee-Komplex, in dem Rufe wie "Tod Amerika" und "Rache, Rache" zu hören waren. Auf roten Transparenten war "Rache" oder "Tötet Trump" zu lesen, Trauernde hielten das Porträt des neuen obersten Führers und Khamenei-Sohns Mojtaba Khamenei in die Höhe. Internationale Reporter berichteten von einer aufgeheizten, emotionalen Stimmung, in der Trauer und Wut ineinander übergingen.
Vergeltungsdrohung der Revolutionsgarden
Die Revolutionsgarden (IRGC) verschärften den Ton noch. "Jede Fehlkalkulation wird mit einer entschlossenen und noch härteren Antwort als je zuvor beantwortet werden", hieß es in einer Erklärung der Revolutionsgarden, die iranische Medien verbreiteten. "Einer Antwort, die für immer in ihrer Geschichte der Schande verzeichnet bleiben wird", hieß es in derselben Erklärung weiter. Die Wortwahl richtete sich unverkennbar an die USA und Israel.
Unter den Trauernden fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Eine 33-Jährige sagte: "Ich bin gekommen, um mich von unserem Führer zu verabschieden." Der 38-jährige Geistliche Mohammed Mirsalehi sagte: "Mit seinem Tod sind wir alle zu Waisen geworden." Der 18-jährige Student Hamidreza Shabani sagte: "Er war einfach einzigartig und unvergleichlich. Wir müssen uns erheben und, so Gott will, das Blut unseres Anführers rächen." Eine Frau rief: "Wir fordern Blutrache, und wir wollen Vergeltung."
Trauer, Wut – und Gleichgültigkeit im Iran
Gleichzeitig wandten sich viele Iranerinnen und Iraner von den Feierlichkeiten ab. Die frühere Lehrerin Farzane sagte: "Wenn ich sicher wäre, dass die Teilnahme an der Beerdigung dieser Person die Inflation, die Lebenshaltungskostenkrise oder die wirtschaftlichen Nöte des Landes auch nur ein wenig lindern würde, würde ich auf jeden Fall hingehen." Sie wisse jedoch, "dass es keinen Unterschied machen wird, auf keinen Fall, also werde ich nicht teilnehmen". Regierungskritiker und viele Menschen im Iran, die Anfang des Jahres noch gegen den autoritären Kurs der Führung sowie die massive Wirtschaftskrise auf die Straße gegangen waren, betrachten die Feierlichkeiten mit Gleichgültigkeit und Ablehnung.
Der 30-jährige Amir, der aus wirtschaftlicher Not nicht teilnehmen wollte, sagte: "Angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage des Landes habe ich keine Lust, am Trauerzug teilzunehmen, und ich habe auch nicht die Absicht, daran teilzunehmen." Auch der 50 Jahre alte Friseur Ali geht auf klare Distanz zum Regime, das er für die Misere im Land verantwortlich macht. Bei früheren Protestwellen hatten Demonstranten noch "Tod dem Diktator" gerufen – ein deutlicher Hinweis auf die anhaltende Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung.
Symbolik der Trauer und das Bild des "Märtyrers"
Banner, die an den "Märtyrer" Chamenei erinnern, prägen an diesen Tagen das Stadtbild der Millionenmetropole Teheran. Die Veranstalter inszenieren die Feiern bewusst in Analogie zum Tod des Imam Hussein in der Schlacht von Kerbala im Jahr 680, dem Gründungsmythos der Schiiten. "So wird eine symbolische Verbindung zu dem Tod von Imam Hussein in der Schlacht von Kerbala hergestellt", erklärte der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze von der Universität Bern im Interview mit dem ARD-Studio Istanbul. "All diese Dinge sind aus der Sicht der iranischen Propaganda Konkurrenzunternehmen zu Iran und Iran versucht natürlich da auch eine Art von Meinungsführerschaft in der Öffentlichkeit zu wahren."
Die sechstägigen Trauerfeierlichkeiten sind auf mehrere Stationen verteilt. Nach den Zeremonien in der Großen Mosalla in Teheran soll der Leichnam zunächst drei Tage lang in der Hauptstadt aufgebahrt bleiben, ehe er für weitere Zeremonien in die Pilgerstadt Ghom und anschließend in den Irak gebracht wird. Schließlich soll der getötete Revolutionsführer am Donnerstag in Khameneis Geburtsstadt Mashhad im Nordosten des Landes beerdigt werden.
Internationale Gäste und westliche Distanz
Die Trauerfeiern werden nach iranischen Angaben von einer ganzen Reihe internationaler Gäste begleitet. Erwartet werden unter anderem der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif. Insgesamt reisen nach iranischen Angaben Gäste aus rund 30 Ländern an. Aus Europa werden dem Vernehmen nach keine offiziellen Vertreter erwartet – ein Umstand, der in Teheran als politisches Signal gewertet wird.
US-Präsident Donald Trump sagte am Freitag, die USA hätten dem Iran wegen der Beerdigung "eine Woche frei" gegeben. Trump äußerte sich am Freitag anlässlich des Unabhängigkeitstags der USA vor dem Präsidentendenkmal Mount Rushmore. "Sie können es kaum erwarten, sich zu einigen", sagte Trump mit Blick auf den Iran. Vertreter aus Washington und Teheran hatten sich Mitte Juni auf ein Rahmenabkommen geeinigt, das den Weg für ein dauerhaftes Ende des Kriegs ebnen soll. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach am Freitag in einem Telefonat mit Trump nach Angaben von Regierungssprecher Stefan Kornelius "die besondere Verbundenheit zwischen Deutschen und Amerikanern" an.
Mojtaba Khamenei und die Frage der Nachfolge
Seit seiner Wahl zum neuen obersten Führer ist Mojtaba Khamenei, der 56-jährige Sohn des getöteten Staatsoberhaupts, nicht öffentlich aufgetreten. Sein Auftritt würde nach Einschätzung von Beobachtern ein vom Regime unerwünschtes Signal senden, "dass die Versehrtheit von Chamenei in der Öffentlichkeit doch dann sichtbar würde und Chamenei dann auch mit seiner persönlichen Versehrtheit die Versehrtheit der Islamischen Republik repräsentieren würde", sagte Schulze. "Für genau das, versehrt oder sogar 'am Ende', hält die große Mehrheit der Iranerinnen und Iraner die Islamische Republik und ihr Regime."
Die Beisetzung Khameneis fällt in eine Phase, in der die Islamische Republik zugleich Trauer und Machtdemonstration verbinden will. Die Behörden vergleichen das Ausmaß der Trauerfeiern mit der Beisetzung des damaligen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini im Jahr 1989. Zugleich zeigen Berichte, dass Experten den Rückhalt der iranischen Führung in der eigenen Bevölkerung weiterhin als äußerst gering einschätzen. Die Spannung zwischen inszenierter Massenmobilisierung und verbreiteter Erschöpfung prägt die Bilder aus Teheran an diesem Wochenende.
Nach den Worten der IRGC-Erklärung soll die angekündigte Vergeltung nicht nur militärisch verstanden werden. Die Revolutionsgarden formulierten ihre Drohung als Botschaft an alle, die aus ihrer Sicht eine Mitschuld am Tod Khameneis tragen. Damit ist die Trauerfeier zugleich eine politische Drohkulisse: Das Regime will nach innen Geschlossenheit demonstrieren und nach außen Stärke signalisieren, während die Rufe nach "Rache" und "Tötet Trump" die Unberechenbarkeit der kommenden Tage unterstreichen.
Über den weiteren Verlauf der Trauerfeiern und mögliche Reaktionen der iranischen Führung auf den angekündigten Vergeltungskurs soll laut den vorliegenden Berichten am Donnerstag mit der Beisetzung in Mashhad ein vorläufiger Abschluss erreicht werden. Bis dahin bleibt die Große Mosalla nach Angaben iranischer Behörden der zentrale Ort der Trauer – und der politischen Inszenierung. "Rache!" – dieser Ruf, der am Samstagmorgen in Teheran zu hören war, dürfte das Bild der kommenden Tage prägen.
Fragen & Antworten
Wer war Ali Khamenei und wie ist er gestorben?
Ayatollah Ali Khamenei war von 1989 bis zu seinem Tod oberster Führer der Islamischen Republik Iran. Er wurde am 28. Februar 2026 im Alter von 86 Jahren durch einen israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in Teheran getötet.
Wie viele Menschen werden bei den Trauerfeiern in Teheran erwartet?
Die iranischen Behörden rechnen allein in Teheran mit 15 bis 20 Millionen Teilnehmern, insgesamt sind sechstägige Trauerfeierlichkeiten an verschiedenen Orten geplant.
Was haben die Revolutionsgarden angekündigt?
Die Revolutionsgarden erklärten, jede Fehlkalkulation werde mit einer entschlossenen und noch härteren Antwort als je zuvor beantwortet, die für immer in der Geschichte der Schande verzeichnet bleiben werde.
Khamenei-Trauerfeier in Teheran: Millionen erwartet | nachrichten360