Lenzing zieht sich aus Heiligenkreuz zurück und sucht einen neuen Eigentümer für den Standort
Wien, 27. Juli 2026
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Kurzfassung
Der Faserhersteller Lenzing stellt seinen Standort in Heiligenkreuz im Burgenland sowie den Standort Grimsby in England bis Ende 2027 still und sucht Käufer für beide Werke. Weltweit sollen rund 2.000 Stellen wegfallen, allein 285 Beschäftigte sind in Heiligenkreuz betroffen.
Der österreichische Faserhersteller Lenzing AG zieht sich aus seinem Standort in Heiligenkreuz im Burgenland zurück und will die Faserproduktion dort bis Ende 2027 einstellen, wie das Unternehmen am Montagabend bekannt gab.
Strategische Neuausrichtung mit Folgen für die Beschäftigten
Die Lenzing AG beendet damit nicht nur das Engagement in Heiligenkreuz, sondern auch am Standort Grimsby in England. An beiden Standorten soll die Faserproduktion bis Ende 2027 auslaufen. Wie Konzernchef Georg Kasperkovitz am Montagabend gegenüber der APA erklärte, werde parallel ein Verkaufsprozess für beide Werke gestartet. Die Suche nach einem neuen Eigentümer für Heiligenkreuz beginne unmittelbar.
Kasperkovitz sprach von einer schwierigen, aber notwendigen Entscheidung: „Wir sind uns bewusst, dass das geplante Auslaufen der Produktion an einzelnen Standorten eine schwierige, aber notwendige Entscheidung ist, die unsere Mitarbeitenden betrifft." Ziel sei es, dass die Standorte mit einem neuen Eigentümer weiter bestehen. Die Suche beginne „morgen" und könne „erfahrungsgemäß binnen einiger Monate" abgeschlossen sein, so der CEO.
Sozialplan für die 285 Mitarbeiter in Heiligenkreuz
Insgesamt sind von dem globalen Restrukturierungsprogramm rund 2.000 Stellen betroffen, die bis Ende 2027 abgebaut werden sollen. Am Standort Heiligenkreuz arbeiten derzeit 285 Menschen. Für sie gilt nach Unternehmensangaben ein bestehender Sozialplan. Darüber hinaus sollen Verwaltungspositionen in Höhe von insgesamt 600 Stellen reduziert werden, wovon laut Lenzing bereits 267 abgebaut und 25 Millionen Euro eingespart wurden.
Der Schritt ist Teil der strategischen Neuausrichtung mit dem Titel „Grow Nonwovens, Reset Textiles". Lenzing will sich künftig stärker auf den Bereich Nonwovens – also Vliesstoffe – konzentrieren und das klassische Textilgeschäft neu aufstellen. Die geplanten Einsparungen belaufen sich insgesamt auf 120 Millionen Euro, davon 45 Millionen Euro im Verwaltungsbereich. Auch der Stammsitz des Unternehmens in Lenzing in Oberösterreich soll im Rahmen der Pläne modernisiert werden.
Landeshauptmann Doskozil spricht von schmerzhafter Weichenstellung
Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil zeigte sich am Montag betroffen. Er bezeichnete die Entscheidung als eine „schmerzhafte Weichenstellung", die politisch nicht beeinflussbar sei. Er sicherte zu, sich nicht aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Zugleich verwies er auf Investitionen und eine positive operative Ergebnisentwicklung im ersten Halbjahr 2026, die den Standort zumindest vorübergehend absicherten.
Für die betroffenen Beschäftigten und die Region hat die Landesregierung nun vor allem zwei Punkte im Blick: die Anwendung des bestehenden Sozialplans sowie eine möglichst geordnete Übergangsphase. Sollte die Suche nach einem neuen Eigentümer erfolgreich verlaufen, könnte die Produktion in Heiligenkreuz laut Doskozil „potentiell auch länger" fortgeführt werden, um einen geordneten Übergang zu ermöglichen.
Finanzierung: Bis zu 600 Millionen Euro frisches Kapital
Zur Finanzierung des Programms hat Lenzing nach eigenen Angaben eine umfassende Refinanzierungsvereinbarung mit den wesentlichen Kreditgebern getroffen. Frisches Kapital von bis zu 600 Millionen Euro soll von Aktionären und weiteren Finanzierungspartnern bereitgestellt werden. Geplant ist eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten von bis zu 300 Millionen Euro sowie neue Finanzierungsvereinbarungen über ebenfalls bis zu 300 Millionen Euro.
Die Laufzeiten bestehender Verbindlichkeiten werden demnach bis 2030 verlängert. Eine außerordentliche Hauptversammlung, die über die Kapitalerhöhung entscheiden soll, wird für den oder um den 25. August 2026 erwartet. Das Programm wird von den Hauptaktionären – der B&C Gruppe und dem brasilianischen Zellstoffkonzern Suzano – sowie von der Oberbank unterstützt.
Die B&C Gruppe hält nach den vorliegenden Angaben 37,25 Prozent der Lenzing-Anteile. Suzano, das mit B&C syndiziert ist, kommt auf 15 Prozent; zudem verfügt Suzano bis 2028 über eine Call-Option auf weitere 15 Prozent. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hält 10,01 Prozent, der Streubesitz liegt bei 37,74 Prozent.
Neben den Standorten Heiligenkreuz und Grimsby steht auch der indonesische Viskose-Standort PT South Pacific Viscose zum Verkauf. In Purwakarta, ebenfalls Indonesien, wird die Produktion auf zwei Linien reduziert; die damit verbundenen Stellenstreichungen sollen im Einklang mit den lokalen gesetzlichen Vorgaben umgesetzt werden.
Aktionärsstruktur und Unterstützung der Hauptgesellschafter
Kasperkovitz wies die Einordnung als reines Schließungs- und Sparprogramm zurück. Es handle sich „keineswegs um ein Schließungs- und Cost-Cutting-Programm im Zuge der neuen Strategie", betonte er. Die Maßnahmen seien Ausdruck des Vertrauens der Aktionäre und Finanzierungspartner in den eingeschlagenen Kurs.
Im Geschäftsjahr 2026 rechnet Lenzing mit Wertminderungen auf langfristige Vermögenswerte – vor allem Sachanlagen – von bis zu 150 Millionen Euro. Diese Belastungen wirken sich den Angaben zufolge negativ auf das Konzern-EBIT und das Konzern-Nettoergebnis 2026 aus, nicht jedoch auf das EBITDA 2026. Für Restrukturierungsmaßnahmen im Personalbereich sind zudem Rückstellungen von bis zu 40 Millionen Euro vorgesehen, die das EBITDA 2026 belasten werden.
Auswirkungen auf die Bilanz 2026
Das Unternehmen hatte zum Jahresende 2025 weltweit 7.700 Vollzeitäquivalente. Bis Ende 2027 wird diese Zahl deutlich sinken. Lenzing verarbeitet Holz zu Zellstoff und produziert Fasern für Mode, Handel, Industrie, Kosmetik und Hygiene. Die Aktie ist börsennotiert.
Die Ankündigung erfolgte am späten Montagabend. Mit dem geplanten Aus in Grimsby ziehe man sich aus England zurück, erklärte Kasperkovitz. In Heiligenkreuz will der Konzern den Übergang zu einem neuen Eigentümer aktiv begleiten, um die Zukunft des Standorts – und damit der dortigen Arbeitsplätze – über das Ende der Lenzing-Produktion hinaus zu sichern.
Fragen & Antworten
Warum zieht sich Lenzing aus Heiligenkreuz im Burgenland zurück?
Der Faserhersteller Lenzing will im Rahmen seiner Strategie „Grow Nonwovens, Reset Textiles" die Faserproduktion in Heiligenkreuz bis Ende 2027 einstellen und stattdessen einen Käufer für den Standort suchen.
Wie viele Arbeitsplätze sind in Heiligenkreuz betroffen?
Am Standort Heiligenkreuz arbeiten laut Lenzing derzeit 285 Menschen; für sie gilt nach Unternehmensangaben ein bestehender Sozialplan.
Wie soll die Neuausrichtung finanziert werden?
Lenzing plant eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten von bis zu 300 Millionen Euro und neue Finanzierungsvereinbarungen über ebenfalls bis zu 300 Millionen Euro; eine außerordentliche Hauptversammlung ist für den oder um den 25. August 2026 vorgesehen.
Lenzing verlässt Heiligenkreuz: Stellenabbau und Verkauf | nachrichten360