Bei einer von Europol koordinierten internationalen Polizeioperation gegen Online-Netzwerke, in denen Männer Frauen betäuben und sexuell missbrauchen, sind seit April in neun Ländern 57 Männer festgenommen und 158 mutmaßliche Opfer in Sicherheit gebracht worden, wie Europol am Donnerstag in Den Haag mitteilte.

Hintergrund: Was ist „Projekt Medusa"?

Im Zentrum steht die im April gestartete Ermittlung mit dem Codenamen „Projekt Medusa". Das „Projekt Medusa" war im April gestartet worden mit dem Ziel, die Online-Netzwerke hinter diesem Missbrauch zu zerschlagen. Während des Einsatzes im Juni wurden nach Angaben von Europol insgesamt 156 mutmaßliche Opfer und Täter identifiziert. Internationale Ermittler sind nach einem Bericht von Europol erstmals gezielt gegen Online-Netzwerke von Männern vorgegangen, die ihre Partnerinnen betäuben und dann sexuell missbrauchen. Die Aufnahmen würden sie dann ins Netz stellen.

Nach Angaben von Europol wurden zahlreiche Männer identifiziert, die ihre Partnerinnen betäuben, sexuell missbrauchen und Aufnahmen davon online teilen. Demnach tauschen die Täter in frauenfeindlichen Gruppen in sozialen Medien ihre Erfahrungen aus sowie Tipps, wie Drogen oder Betäubungsmittel wirken und wo man sie beschaffen kann. Videos der Taten werden laut Europol vor allem auf Pornoplattformen und in frauenfeindlichen Chatgruppen verbreitet.

Wie die Täter vorgehen

Im Juni hatte die niederländische Polizei nach Hinweisen ihrer britischen und deutschen Kollegen vier mutmaßliche Täter festgenommen. Insgesamt waren die Sicherheitsbehörden in neun Ländern an dem Einsatz beteiligt. Der Einsatz im Juni führte nach Angaben von Europol zu 274 neuen Spuren. Diese Spuren beziehen sich den Angaben zufolge auf Vergewaltigung, sexuellen Zwang, gefährliche Körperverletzung und versuchten Mord.

Koordiniert wurde der Einsatz von Europol mit Sitz in Den Haag, Niederlande. An den seit Monaten laufenden Ermittlungen waren maßgeblich das Bundeskriminalamt und das Hamburger Landeskriminalamt beteiligt. Seit April wurden Europol zufolge in den beteiligten Ländern 57 Männer festgenommen. Einzelheiten über Täter oder Opfer wurden nicht genannt, um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden. Europol veröffentlichte keine Angaben zu den Heimatländern der Verdächtigen oder der Opfer.

Verbindung zum Fall Gisèle Pelicot

Die Taten erinnern an den Fall der Französin Gisèle Pelicot, die von ihrem damaligen Ehemann Dominique über nahezu zehn Jahre hinweg mit Medikamenten betäubt und an Dutzende Fremde zur Vergewaltigung überlassen worden war. Auch im aktuellen Komplex gehen die Ermittler davon aus, dass die Täter überwiegend Männer sind, die zunächst ihre eigene Partnerin betäuben und sie dann sexuell missbrauchen. Vier solcher Netzwerke wurden im Zuge der Operation identifiziert und zerschlagen.

Besonders perfide ist laut Bundeskriminalamt die Wirkweise der eingesetzten Substanzen: Denn die zugeführten Betäubungs- und Schmerzmittel verhindern, dass sich die Opfer an die Tat erinnern können oder unmittelbar körperliche Folgen der Vergewaltigung spüren. Viele Betroffene bemerken demnach den sexuellen Übergriff gar nicht. Nach Angaben des BKA spielt sich der Missbrauch typischerweise im engsten sozialen Umfeld ab und kann sich über lange Zeiträume, teils Jahre hinziehen.

Rolle des BKA und Hamburger Landeskriminalamts

Das BKA warnt zudem, dass das Betäuben der Opfer mit Medikamenten, oft in Kombination mit Alkohol, für Frauen lebensbedrohlich sein kann. Die Ermittler stufen die Taten als besonders schwerwiegend ein, weil sie sowohl das Vertrauen im engsten Umfeld zerstören als auch durch die Online-Verbreitung eine öffentliche Demütigung darstellen. Die Auswertung der 274 neuen Ermittlungsansätze aus dem Juni-Einsatz dürfte noch Monate in Anspruch nehmen.

In Österreich war das Bundeskriminalamt nach Angaben gegenüber APA nicht an dem Einsatz beteiligt. Das belegt, dass die Operation zwar grenzüberschreitend angelegt war, jedoch nicht alle europäischen Staaten eingebunden waren. Für Betroffene und Angehörige listet der Bericht konkrete Hilfsangebote: Der 24-Stunden-Notruf der Wiener Frauenhäuser ist unter 05 7722 erreichbar, die österreichische Frauen-Helpline unter 0800 222555 und die Jugendnotrufnummer „Rat auf Draht" unter 147.

Hilfsangebote für Betroffene

Die Täter verschicken und konsumieren das Material demnach in geschlossenen Gruppen, was die Strafverfolgung erschwert. Plattformen und Ermittler arbeiten jedoch laut Europol zunehmend enger zusammen, um solche Inhalte schneller zu erkennen und zu entfernen. Die internationale Kooperation zwischen Ermittlungsbehörden habe sich in diesem Fall als entscheidend erwiesen.

Für die kommenden Wochen kündigte Europol weitere Auswertungen und gegebenenfalls zusätzliche Festnahmen an. Da die Ermittlungen noch andauern, könnten neue Erkenntnisse über Strukturen und Verbindungen zwischen den Netzwerken auch über die neun beteiligten Länder hinaus relevant werden.

Ausblick auf weitere Ermittlungen

Die Veröffentlichung der Ergebnisse am Donnerstag in Den Haag markiert nach Angaben von Europol den Auftakt zu einer Reihe weiterer abgestimmter Aktionen gegen Online-Netzwerke, die sexualisierte Gewalt verbreiten oder verherrlichen. Behörden in mehreren europäischen Staaten bereiten demnach Folgeoperationen vor, um identifizierte Spuren konsequent zu verfolgen.