Gemeinsame Befragung der Morettis im Verfahren um die Brandkatastrophe von Crans-Montana
Sitten, 05 Juni 2026
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Kurzfassung
Im Strafverfahren zur Brandkatastrophe von Crans-Montana mit 41 Toten sind die Betreiber der Bar 'Le Constellation', Jacques und Jessica Moretti, erstmals gemeinsam von der Staatsanwaltschaft befragt worden. Die Konfrontationsverhandlung am Freitag am Campus Energypolis in Sitten galt als zentraler Schritt zur Aufklärung der Umstände der Silvesternacht.
Sitten, 05 Juni 2026
Im Strafverfahren zur Brandkatastrophe von Crans-Montana mit 41 Toten und 115 Verletzten sind die Betreiber der Bar 'Le Constellation', Jacques und Jessica Moretti, am Freitag erstmals gemeinsam von einem Team von Staatsanwältinnen in Sitten befragt worden.
Die Konfrontationsverhandlung am Campus Energypolis in Sitten galt als zentraler Schritt zur Aufklärung der Umstände der Silvesternacht. Nach Angaben der Walliser Kantonspolizei traf das Ehepaar am Morgen gegen 8 Uhr in einem gemeinsamen Wagen ein, abgeschirmt durch Absperrgitter und Sichtblenden. Mehr als ein Dutzend Polizistinnen und Polizisten sicherten das Gelände, zahlreiche Medienvertreterinnen und -vertreter verfolgten das Geschehen.
Das Paar war bereits zuvor viermal einzeln vernommen worden, wobei die Aussagen laut Staatsanwaltschaft teils deutlich voneinander abwichen. Die gemeinsame Befragung sollte diese Widersprüche direkt sichtbar machen. Wie die Staatsanwaltschaft erläuterte, kann eine Konfrontation in unterschiedlichen Formaten ablaufen: Dieselbe Frage wird nacheinander beiden gestellt, es werden verschiedene Fragen zu einem Thema gerichtet, oder die Befragung erfolgt im sogenannten Ping-Pong-Modus mit unmittelbaren Reaktionen.
Ablauf der Konfrontationsverhandlung
An der Verhandlung nahmen auch Anwältinnen und Anwälte der zahlreichen Nebenkläger teil, die direkt Fragen an das Ehepaar richten durften. Mehrere von ihnen bedauerten die späte Ansetzung der Konfrontation und verwiesen auf das Risiko einer Absprache. Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich nur Jacques Moretti vorgeladen; dessen für den 7. April geplante Befragung war wegen eines ärztlichen Attests verschoben worden, ohne dass ein neuer Termin festgelegt wurde. In einem zweiten Schritt entschied die Anklagebehörde, zusätzlich Jessica Moretti zu laden und eine Konfrontation durchzuführen.
Im Zentrum der Ermittlungen steht die Frage, wie es zu dem verheerenden Brand kommen konnte. Nach den bisherigen Erkenntnissen entstand das Feuer, als ein Kellner während einer Polonaise eine brennende Wunderkerze an einer Champagnerflasche zu nahe an die Schalldämmung an der Kellerdecke hielt. Der Schaumstoff war entflammbar. Jacques Moretti hatte zunächst angegeben, den Schaumstoff 2015 auf Empfehlung eines Verkäufers in einer Hornbach-Filiale in Riddes im Kanton Wallis gekauft zu haben. Hornbach Schweiz erklärte jedoch im Januar, das Unternehmen habe zum Zeitpunkt der Bauarbeiten an 'Le Constellation' im Jahr 2015 gar keine Akustikschaumstoffe verkauft. Am 20. Februar reichte Jacques Moretti nach einer Hausdurchsuchung bei der Polizei in Sitten ein Dokument ein, das eine Rechnung für den Schaumstoff von einer Firma in Ostdeutschland belegen soll.
Widersprüche um Schaumstoff und Fluchtwege
Auch der Fluchtweg wird in dem Verfahren eine zentrale Rolle spielen. Zwei der drei Aussentüren der Bar waren während des Brandes nicht benutzbar. Mindestens eine Kellertür, die als Notausgang vorgesehen war, wurde laut Ermittlungen durch einen Barhocker blockiert. Die andere Tür im Erdgeschoss war in einem kommunalen Dokument als Notausgang ausgewiesen, am 1. Januar jedoch mit einer über zwei Meter hoch angebrachten Eisenstange verschlossen. Beide Morettis bezeichneten die Erdgeschosstür durchgehend als 'Servicetür' und behaupteten, sie sei stets offen gewesen, auch für Gäste, die zum Rauchen nach draussen gingen. Ein Sicherheitsmitarbeiter gab an, Jessica Moretti habe die Blockierung der Türen angeordnet, um unbefugtes Eintreten zu verhindern.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ehepaar zudem Versäumnisse bei der Vorbereitung auf einen Ernstfall vor. Jessica Moretti sagte aus, dass in 'Le Constellation' seit der Eröffnung im Jahr 2015 systematisch Champagner mit Wunderkerzenfontänen serviert worden sei. Sie habe Angestellte angewiesen, einen Mindestabstand zu Personen, Gegenständen und ausdrücklich zur Decke einzuhalten. Ein Video des Schweizer Fernsehens RTS aus der Silvesternacht 2019 zeigt jedoch tanzende Gäste mit brennenden Wunderkerzen, während ein Kellner zur Decke zeigt und ruft: 'Passt auf den Schaumstoff auf!' In seiner ersten Befragung antwortete Jacques Moretti auf die Frage, ob sein Personal für einen solchen Ernstfall geschult gewesen sei, mit 'Nein'. In seiner dritten Befragung erklärte er hingegen, er habe die Mitarbeitenden umfassend auf einen Brand vorbereitet – zu Evakuierung, Alarmierung und Löschung –, wenn auch nicht formal geschult. Eine Mitarbeiterin, die Mitte Dezember in der Bar begonnen hatte, gab im Walliser Strafverfahren an, von den Betreibern keinerlei Unterweisung zum Verhalten bei Feuer erhalten zu haben.
Vorwürfe zur Vorbereitung auf den Ernstfall
Am Abend des Brandes war Jessica Moretti als Geschäftsführerin im Dienst, während Jacques Moretti in einem der beiden anderen Gastronomiebetriebe des Paares arbeitete. Jessica Moretti schilderte, sie habe das Feuer früh gesehen, 'Alle rausgehen!' gerufen und sei sofort ins Freie geflüchtet, ohne einen Feuerlöscher zu benutzen oder andere zur Evakuierung anzuleiten. Ihr Reflex als Tochter eines Feuerwehrmannes sei es gewesen, zuerst die Feuerwehr zu rufen.
Die Staatsanwaltschaft befragt seit Februar vor allem aktuelle und frühere Gemeindeangestellte und -vertreter von Crans-Montana, vom Brandschutzpersonal bis hin zu Gemeindepräsident Nicolas Féraud. Insgesamt sind in dem Verfahren 14 Personen angeklagt: das Ehepaar Moretti, fünf aktuelle oder frühere Gemeindevertreter sowie sieben aktuelle oder frühere Gemeindemitarbeitende. Alle 14 Beschuldigten werden wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger schwerer Körperverletzung belangt. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.
Ermittlungen gegen 14 Beschuldigte
Widersprüche zwischen den Aussagen der beiden Beschuldigten werden im Verfahren eine Schlüsselrolle spielen. Am 1. Januar, als sie noch als Auskunftspersonen und ohne anwaltliche Vertretung befragt wurden, wichen ihre Angaben deutlich voneinander ab. Später, als Beschuldigte mit anwaltlicher Vertretung, glichen sich ihre Aussagen an. In einer früheren Befragung hatte Jessica Moretti zudem die genaue Anzahl der Feuerlöscher in 'Le Constellation' nicht benennen können; später gaben beide an, es seien vier gewesen. Auch bei der geschätzten Kapazität der Bar divergierten die Angaben: Anfangs nannte Jacques Moretti 300 Personen, Jessica Moretti rund 400, später einigten sich beide auf 250. Zum Zeitpunkt des Brandausbruchs befanden sich 164 Menschen in der Bar – eine Zahl, für die die gesetzlichen Brandschutzvorschriften bereits nicht eingehalten worden waren.
Als Anwalt einer betroffenen Familie tritt Pierre-François Vulliemin auf, der bis Oktober als Staatsanwalt im Wallis tätig war. Die Ermittlungen werden vom Team der Staatsanwaltschaft unter Leitung von drei Staatsanwältinnen fortgeführt. Die Konfrontationsverhandlung am Freitag war die erste, in der beide Betreiber gemeinsam befragt wurden; ein Ergebnis wurde am Abend noch nicht öffentlich mitgeteilt.
Fragen & Antworten
Wer sind Jacques und Jessica Moretti?
Jacques und Jessica Moretti sind Mitinhaber der Bar 'Le Constellation' in Crans-Montana, in deren Kellergeschoss in der Silvesternacht ein verheerender Brand ausbrach. Beide werden im Walliser Strafverfahren unter anderem wegen fahrlässiger Tötung beschuldigt.
Wie konnte der Brand in 'Le Constellation' entstehen?
Nach den bisherigen Ermittlungserkenntnissen entzündete sich der brennbare Schalldämmungsschaumstoff an der Kellerdecke, als ein Kellner während einer Polonaise eine Wunderkerze an einer Champagnerflasche zu nahe an die Decke hielt.
Welche Vorwürfe werden gegen das Ehepaar und 12 weitere Beschuldigte erhoben?
Insgesamt sind 14 Personen angeklagt, darunter die Morettis, fünf aktuelle oder frühere Gemeindevertreter sowie sieben aktuelle oder frühere Gemeindemitarbeitende. Allen wird fahrlässige Tötung, fahrlässige Brandstiftung und fahrlässige schwere Körperverletzung zur Last gelegt, wobei die Unschuldsvermutung gilt.
Moretti-Befragung Crans-Montana: Erste Konfrontation im | nachrichten360