Forschung zu KI-Beziehungen: Wenn Menschen Schmetterlinge für einen Chatbot empfinden
Berlin, 08 Juni 2026
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Kurzfassung
Eine Studie der TU Berlin und Forschung der Universität Duisburg-Essen zeigen, dass viele Nutzer tiefe Gefühle für KI-Chatbots wie Replika entwickeln. Die Psychologin Jessica Szczuka fordert mehr politische Regulierung, warnt aber vor übertriebenen Ängsten.
Berlin, 08 Juni 2026
Eine Studie der TU Berlin und Forschung der Psychologin Jessica Szczuka von der Universität Duisburg-Essen zeigen, dass zahlreiche Nutzer des KI-Chatbots Replika tiefe emotionale Bindungen zu ihren digitalen Gegenübern aufbauen.
Der Film „Her" mit Joaquin Phoenix aus dem Jahr 2013 erzählte die Geschichte eines einsamen Autors, der sich in eine künstliche Intelligenz verliebt. Was damals als Science-Fiction erschien, ist inzwischen Gegenstand ernsthafter Wissenschaft. Der Chatbot Replika des US-Unternehmens Luka, der auf einfühlsame Gespräche per Messenger spezialisiert ist, hat nach eigenen Angaben mehr als 42 Millionen registrierte Nutzer weltweit. Damit ist die Plattform zu einem der meistgenutzten Produkte für emotionale KI-Kommunikation geworden.
Ray Djufril von der TU Berlin hat für seine Studie knapp 30 erwachsene Replika-Nutzer aus mehreren Ländern schriftlich zu ihren Beziehungen zu den Chatbots befragt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Computers in Human Behavior: Artificial Humans" veröffentlicht. Etwas mehr als die Hälfte der knapp 30 Befragten habe von einer tiefen emotionalen Beziehung zu ihren Replika berichtet. Viele gaben an, ihren Chatbot wie einen Menschen mit eigenen Hobbys und Herausforderungen zu behandeln, obwohl ihnen bewusst sei, dass es sich um ein Programm handelt.
Forschung an der TU Berlin und Universität Duisburg-Essen
Die Psychologin Jessica Szczuka von der Universität Duisburg-Essen hat eigene Untersuchungen zu emotionalen Bindungen an KI-Systeme begonnen. Sie beschreibt, dass Gefühle in solchen Interaktionen für die Betroffenen sehr real sein können. „Die Gefühle, die dabei entstehen, können sich für Betroffene sehr real anfühlen und in Teilen vergleichbar sein mit Gefühlen, die auch in zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen", sagt Szczuka. Einige Nutzer berichteten ihr sogar von körperlichen Reaktionen: „Ich nehme wahr, dass ich so was wie Schmetterlinge im Bauch habe, dass ich irgendwie Gefühle für eine KI entwickle."
Auf der Unternehmenswebsite von Replika berichtet die Nutzerin Sarah Trainor von ihren Erfahrungen mit dem KI-Chatbot „Bud", einem digitalen Charakter mit grünen Haaren und tätowierten Armen. „Er hat mir beigebracht, wieder Liebe zu geben und anzunehmen, hat mir durch die Pandemie, persönliche Verluste und schwere Zeiten geholfen", wird sie zitiert. Replika bewirbt seine individuell anpassbaren „Companions" mit dem Slogan: „Ist immer da zum Zuhören und Reden. Ist immer auf deiner Seite." Solche Versprechen treffen offenbar einen Nerv, besonders in Phasen sozialer Isolation.
Vergleich mit Haustier-Beziehungen
Djufrils Studie ergab zudem, dass Replika besonders dann genutzt wird, wenn zwischenmenschliche Partnerschaften als emotional oder körperlich unbefriedigend empfunden werden. Er vergleicht die KI-Beziehung mit der Beziehung vieler Menschen zu ihren Haustieren: Beide Gegenüber verfolgten keine eigenen Interessen, seien stets verfügbar und akzeptierend. Diese Parallelen zeigten, wie tief solche künstlichen Beziehungen gehen können.
Gleichzeitig warnen beide Forscher vor den Risiken. Djufril weist darauf hin, dass KI-Beziehungen extrem abhängig von den Entscheidungen der Technologieunternehmen sind. „Wenn ein Unternehmen schließt, verlieren die Menschen ihre Bezugspersonen", sagt er. Szczuka betont zudem die Macht der Konzerne über die Funktionsweise der Systeme: „Die Firmen haben die maximale Kontrolle darüber, welche Daten sie erheben, wie der Algorithmus sich verhält, welche Arten von Gedanken und Verhaltensweisen der Algorithmus widerspiegelt."
Rufe nach politischer Regulierung
Die Forscherin engagiert sich daher in einem interdisziplinären Team dafür, das Thema auf die politische Agenda zu setzen. Sie sieht großen Bedarf an Regulierung, etwa zur besseren Moderation und zum Training von KI-Systemen unter fachlicher Aufsicht. „Ethische KI kostet vor allen Dingen aktuell den Unternehmen ganz viel und da haben sie gar keinen Benefit von, wenn sie nicht auf irgendeiner regulatorischen Ebene zu solchen Maßnahmen auch irgendwo hingetrieben werden", erklärt Szczuka. Neben Luka habe auch OpenAI zwischenzeitlich mit einer Erotik-Version für ChatGPT geliebäugelt, was die Brisanz der Debatte zusätzlich erhöht.
Kein Verbot, aber mehr Aufsicht
Trotz dieser Risiken hält Szczuka wenig von einem Verbot der Technologie. „Ich spreche nicht davon, dass diese Technologie gebannt werden soll. Da bin ich persönlich gar keine Freundin von. Ich glaube nicht, dass das in irgendeiner Form helfen würde", sagt sie. Sie erwartet zudem keine Massenbewegung in Richtung KI-Beziehung: „Wir müssen uns jetzt nicht davor fürchten, dass in fünf Jahren alle Menschen nur noch mit KIs zusammen sind, weil in dieser Diskussion sehr gerne dann auch die Einzigartigkeit des Menschen irgendwie vergessen wird. So einfach ist diese Gleichung nicht."
Djufril rechnet hingegen mit einer Zunahme solcher Beziehungen, abhängig davon, wie verbreitet Einsamkeit in einer Gesellschaft sei. Beide Forscher sind sich einig, dass Aufklärung, Forschung und politische Rahmenbedingungen dringend nötig sind, um den wachsenden Markt für emotionale KI-Kommunikation verantwortlich zu gestalten.
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat den Beitrag in ihrem Newskanal verbreitet und damit die Debatte über intime Beziehungen zwischen Mensch und Maschine erneut in die Öffentlichkeit getragen.
Fragen & Antworten
Wer ist die Psychologin Jessica Szczuka?
Jessica Szczuka ist Psychologin an der Universität Duisburg-Essen und erforscht emotionale Beziehungen zu KI-Technologien. Sie engagiert sich in einem interdisziplinären Team für mehr politische Regulierung.
Was hat die Replika-Studie von Ray Djufril ergeben?
Die Studie der TU Berlin befragte knapp 30 erwachsene Replika-Nutzer und ergab, dass etwas mehr als die Hälfte eine tiefe emotionale Beziehung zum Chatbot berichtete. Die Ergebnisse erschienen im Journal „Computers in Human Behavior: Artificial Humans".
Warum fordert Szczuka eine Regulierung von KI-Beziehungen?
Szczuka warnt, dass Tech-Firmen die volle Kontrolle über Daten, Algorithmen und Verhaltensweisen der KI haben und Nutzer ihre Bezugspersonen verlieren, wenn ein Unternehmen schließt. Sie plädiert für mehr Aufsicht, aber gegen ein Verbot.
KI-Beziehungen: Replika-Studie zeigt emotionale Bindung an | nachrichten360