Festnahme in Nizza: 24-jähriger Russe nach Mord an Transgender-Aktivistin in Wien gefasst
Wien, 09 Juli 2026
Tangopaso / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Nach dem Fund der Leiche einer 70-jährigen deutschen Transgender-Aktivistin Ende Juni in einer Wohnung am Wiener Naschmarkt ist ein 24-jähriger russischer Mitbewohner im Raum Nizza festgenommen worden. Die Wiener Polizei teilte am Donnerstag mit, der Mann stehe unter dringendem Tatverdacht und sei auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls in Frankreich gefasst worden.
Wien, 09 Juli 2026
Ein 24-jähriger russischer Staatsbürger ist am Mittwoch im Raum Nizza als Tatverdächtiger im Fall einer Ende Juni in Wien getöteten 70-jährigen deutschen Transgender-Aktivistin festgenommen worden.
Tatort und Auffinden der Leiche
Die Wiener Polizei teilte die Festnahme am Donnerstag per Aussendung mit. Demnach war die Leiche der Frau am 25. Juni gegen 21.30 Uhr in einer Wohnung in der Linken Wienzeile im sechsten Wiener Gemeindebezirk Mariahilf entdeckt worden. Freunde der Frau hatten im Juni seit Tagen nichts mehr von ihr gehört, machten sich Sorgen und schauten in der Wohnung beim Wiener Naschmarkt nach, berichtete die Polizei im Juni. Ein Notarzt konnte allerdings nur noch den Tod feststellen.
Die Obduktion ergab zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen am Körper der Getöteten. Aufgrund der Art der Verletzungen stuften die Ermittler den Tod rasch als Tötungsdelikt ein. Laut Polizei dürfte die Frau bereits seit ein paar Tagen tot gewesen sein, als sie entdeckt wurde. Nachdem keine Anzeichen für einen Einbruch gefunden wurden, konzentrierten sich die Ermittlungen auf das private Umfeld der 70-Jährigen.
Im Zentrum der Ermittlungen stand von Beginn an der 24-jährige Mitbewohner der Frau, ein russischer Staatsbürger. Zwischen ihr und dem jungen Verdächtigen bestand eine Bekanntschaft, wie eine Polizeisprecherin der dpa sagte. Die Frau stammte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Berlin und lebte nach übereinstimmenden Medienberichten in einem eleganten Haus im Szene- und Tourismusviertel am Wiener Naschmarkt. Sie war als Transgender-Aktivistin, Buchautorin und LGBTQ-Influencerin mit rund 12.000 Followern auf TikTok aktiv.
Ermittlungen im privaten Umfeld
Ermittelt wurde vor allem im privaten Umfeld des Opfers, dabei erhärtete sich der Tatverdacht gegen den Russen, wie die Polizei erklärte. Der 24-Jährige habe Österreich wenige Tage nach der mutmaßlichen Tat im Juni in Richtung Frankreich verlassen, wie gemeinsame Ermittlungen von Bundeskriminalamt und Landeskriminalamt Wien ergaben. Das Motiv für die Tat ist noch unklar.
Über die Staatsanwaltschaft Wien wurde ein europäischer Haftbefehl gegen den Verdächtigen erlassen. Auf dieser Grundlage wurde der Mann in Zusammenarbeit mit dem Fugitive Active Search Team Frankreich durch die französischen Behörden festgenommen. Die Festnahme in Südfrankreich erfolgte nach Angaben der Wiener Polizei am Mittwoch, der russische Staatsbürger stehe unter dringendem Tatverdacht, teilte die Landespolizeidirektion Wien weiter mit.
Flucht und Festnahme in Frankreich
General Andreas Holzer, Direktor des Bundeskriminalamtes, erklärte dazu: „Die Zielfahnderinnen und Zielfahnder des Bundeskriminalamtes arbeiten täglich daran, flüchtige Tatverdächtige auch über Staatsgrenzen hinweg auszuforschen." Holzer betonte zudem: „Der aktuelle Fall unterstreicht die hohe Professionalität und das Vertrauen, das innerhalb des europäischen Zielfahndungsnetzwerks seit Jahren gewachsen ist."
Stimmen der Ermittlungsbehörden
Dieter Csefan, Vizepräsident der Landespolizeidirektion Wien, hob die Bedeutung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit hervor. „Er zeigt, wie wichtig ein enger und abgestimmter nationaler sowie internationaler Austausch im Kampf gegen Kriminalität ist", sagte Csefan. Die Festnahme in Nizza sei das Ergebnis enger Koordination zwischen dem Bundeskriminalamt, dem Landeskriminalamt Wien und den französischen Zielfahndern gewesen.
Die weiteren Ermittlungen führt das Landeskriminalamt Wien, Ermittlungsabteilung Leib/Leben, Gruppe Baumgartner, in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Wien. Ziel sei es, den Fall vollständig aufzuklären. Dazu zähle insbesondere die Klärung des bislang unbekannten Tatmotivs. Auch die Frage, wie es zu der mutmaßlichen Tat in der Wohnung kam, soll im Rahmen der weiteren Ermittlungen beantwortet werden.
Weiteres Verfahren und Auslieferung
Parallel dazu läuft das Verfahren zur Übergabe des Verdächtigen nach Österreich. Sobald der europäische Haftbefehl in Frankreich vollstreckt und der Mann ausgeliefert worden ist, soll er in Wien einem Richter vorgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft Wien hatte den Haftbefehl unmittelbar nach der Häufung der belastenden Umstände gegen den Mitbewohner beantragt.
Der Fall hat über die österreichische Hauptstadt hinaus Aufmerksamkeit erregt, weil die Getötete in der deutschen und internationalen LGBTQ-Community als Aktivistin bekannt war. Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen, die sich für Transgender-Rechte einsetzen, äußerten sich bestürzt über die Tat. Auch österreichische Behörden zeigten sich betroffen über den Tod einer Person, die sich öffentlich für die Rechte von Minderheiten eingesetzt hatte.
Der Fundort der Leiche am Wiener Naschmarkt, einem der bekanntesten Märkte und Ausgehviertel der Stadt, sorgte zusätzlich für Aufsehen. In dem gründerzeitlichen Haus in der Linken Wienzeile, unweit des Freihauses und des Marktgeschehens, war die Frau zuletzt lebend gesehen worden. Die Polizei ging nach den bisherigen Erkenntnissen davon aus, dass die Tat im privaten Umfeld der Wohnung stattgefunden hat.
Die Wiener Polizei hatte den Fall zunächst im Juni öffentlich gemacht, nachdem die Leiche entdeckt worden war. Damals war die Suche nach dem flüchtigen Mitbewohner angelaufen. Mit der Festnahme in Nizza mehr als eine Woche später endete diese Fahndung. Die Ermittlerinnen und Ermittler werteten die erfolgreiche Festnahme als Beleg für die Wirksamkeit der europäischen Fahndungszusammenarbeit.
Hinweise auf weitere Mittäterinnen oder Mittäter gibt es nach derzeitigem Stand nicht. Die Ermittlungen konzentrieren sich weiter auf den 24-jährigen Russen als mutmaßlichen Alleintäter. Ob es im Vorfeld der Tat zu Streitigkeiten, Bedrohungen oder anderen Vorfällen in der Wohngemeinschaft kam, ist Teil der laufenden Erhebungen.
Prüfung des Tatmotivs
Die Polizei kündigte an, den Fall auch unter dem Gesichtspunkt möglicher transphober Motive zu prüfen. Hinweise, die darauf hindeuten, spielten in den bisherigen Ermittlungen eine Rolle, hieß es aus Ermittlerkreisen. Eine endgültige Einordnung des Motivs stehe allerdings noch aus.
Der rechtliche Rahmen für die Festnahme bildete der von der Staatsanwaltschaft Wien ausgestellte europäische Haftbefehl, der auf den einschlägigen Bestimmungen des Rahmenbeschlusses des Rates der Europäischen Union beruht. Damit konnte der Verdächtige auf Grundlage eines einheitlichen europäischen Verfahrens in Frankreich lokalisiert und festgenommen werden.
Mit der Festnahme ist der erste Abschnitt des Strafverfahrens abgeschlossen. Es folgt die Überstellung des Verdächtigen nach Österreich sowie die förmliche Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Wien und das Landeskriminalamt Wien. Erst danach wird sich zeigen, welche Anklagepunkte die Behörden im Detail formulieren werden.
Fragen & Antworten
Wer ist die getötete 70-Jährige und welche Verbindung hatte sie zu Wien?
Bei der Getöteten handelt es sich nach übereinstimmenden Medienberichten um eine deutsche Transgender-Aktivistin, die ursprünglich aus Berlin stammte und zuletzt in einem Haus am Wiener Naschmarkt im Bezirk Mariahilf lebte. Sie war als Buchautorin und LGBTQ-Influencerin aktiv.
Warum wurde der 24-jährige Mitbewohner in Nizza festgenommen?
Der 24-jährige russische Mitbewohner der Frau stand unter dringendem Tatverdacht, nachdem sich im Zuge der Ermittlungen der Verdacht gegen ihn verhärtet hatte. Er hatte Österreich wenige Tage nach der Tat im Juni in Richtung Frankreich verlassen und wurde dort auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Wien in Zusammenarbeit mit dem Fugitive Active Search Team Frankreich festgenommen.
Welche Strafverfolgungsbehörden sind in den Fall involviert?
Die Ermittlungen führt das Landeskriminalamt Wien, Ermittlungsabteilung Leib/Leben, Gruppe Baumgartner, in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Wien. An der Festnahme waren zudem das Bundeskriminalamt sowie die französische Polizei und das Fugitive Active Search Team Frankreich beteiligt.
Festnahme Nizza: Russischer Verdächtiger nach Mord an | nachrichten360